Phänomenologie des Selbst
Eine Annäherung an die Religionsphilosophie des frühen Heidegger
- Art: Magisterarbeit
- Autor: Stephan Steiner
- Abgabedatum: Dezember 2004
- Umfang: 120 Seiten
- Dateigröße: 618,1 KB
- Note: 1,0
- Institution / Hochschule: Leopold-Franzens-Universität Innsbruck Österreich
- Bibliografie: ca. 145
- ISBN (eBook): 978-3-8366-4043-5
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Steiner, Stephan Dezember 2004: Phänomenologie des Selbst, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Martin Heidegger, Religionsphilosophie, Phänomenologie, Paulus, Zeitlichkeit
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Magisterarbeit von Stephan Steiner
Einleitung:
Die vorliegende Arbeit widmet sich den Vorlesungen Heideggers zur Phänomenologie des religiösen Lebens, welche im Band 60 der Gesamtausgabe veröffentlicht wurden. Das Problem des Religiösen bildet ein durchgehendes Leitmotiv des heideggerschen Denkens. Nicht zuletzt seit der Veröffentlichung des Bandes 65 der Gesamtausgabe, der betitelt ist Beiträge zur Philosophie (Vom Ereignis), ist die zentrale Bedeutung der Auseinandersetzung Heideggers mit der Gottesfrage kaum mehr zu bestreiten. Seine Stellungnahmen zum Verhältnis von Philosophie und Religion blieben jedoch stets kryptisch und zurückhaltend. Aus der Perspektive seiner frühen Vorlesungen soll hier nun nach der systematischen Bedeutung des Religiösen für Heideggers Werk und für seinen Denkweg gefragt werden. Die Bedeutung des Religiösen, das ist bei Heidegger: die Bedeutung des Christlichen. Die Vorlesungen zu Paulus, Augustinus und zur mittelalterlichen Mystik stellen dabei eine immer noch zu wenig beachtete Quelle der heideggerschen Entwicklung dar. Diesem christlichen Untergrund des Denkens der Gegenwart soll nachgegangen werden. Nicht aus apologetischen Gründen, vielmehr motiviert sich die Untersuchung aus einem Interesse an den psychodynamischen Verschränkungen von säkularer Moderne und christlichem Erbe. Diese Arbeit bemüht sich deshalb um eine Freilegung der geistigen Ursprünge der Gegenwart in einer Tradition des Fragens, wie sie exemplarisch von Max Weber in seinem Buch ‘Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus’ auf den Weg gebracht wurde.
Die Fragestellung entfaltet sich in vier Teilen. Zunächst soll im ersten Teil der Horizont und ein Motivrepertoire der Frage nach der Religion im 20. Jahrhundert im Allgemeinen, und bei Heidegger im Speziellen, an die Hand gegeben werden. Welches sind die Leitmotive im Verhältnis von Philosophie und Religion? Welches sind die Leitmotive von Heideggers geistesgeschichtlicher Situation? Die aufgefundenen Motive werden im Weiteren an Heideggers Vorlesungen konkretisiert und sollen den geistesgeschichtlichen wie systematischen Ariadnefaden in seinem Denklabyrinth bereitstellen.
Heideggers Auseinandersetzung mit dem Religiösen präsentiert sich dann in einer doppelten Fragedimension. Der Anfang wird im zweiten Teil gemacht, wo es um die methodologischen Grundklärungen gehen wird, die eine Phänomenologie der Religion der philosophischen Reflexion abverlangt. Als da wären: Was ist der Sinn einer Religionsphilosophie? Warum ist Religionsphilosophie eine Auseinandersetzung mit dem Christentum? Was ist der Beitrag der Religion zur Klärung des Selbstverhältnisses der Philosophie? Und warum soll die Religion in Konkurrenz zur neuzeitlichen Konzeption der Philosophie als Wissenschaft stehen? Eine Phänomenologie des Selbst wird sich als Heideggers Antwort auf diese Fragen nach der Idee und Aufgabe der Philosophie zeigen. Auf dieses Philosophieverständnis wird sich dann auch die wechselseitige Befruchtung von Religion und Philosophie gründen.
Die Phänomenologie des Selbst materialisiert sich im Problem des Vollzugs des Selbst. Als das Zentrum der Frage nach dem Selbstsein erweist sich das Verhalten zum Historischen, zur Geschichte und Lebensgeschichte, was dann den Übergang zum dritten Teil ermöglicht. In den damaligen krisenhaften Kämpfen für und wider die Relativismen und Pluralismen des Historischen meinte Heidegger, dass er in der urchristlichen Lebenserfahrung einen grundsätzlich anderen Ansatzpunkt für den Umgang mit der Zeitlichkeit des Lebens finden würde. Der Historismus und seine Probleme bietet Heidegger Gelegenheit die Konsequenzen seiner Umwendung der Deutung des Sinns des Historischen zu veranschaulichen.
Aus der Herausarbeitung der Problemstrukturen der Krisis des Historismus und ihrer Inbeziehungsetzung mit dem Problem des Selbstseins ergibt sich im letzten Teil dann die Möglichkeit der konkreten Entfaltung der Vollzugszusammenhänge christlichen Lebens, wie Heidegger diese, ausgehend von Augustinus und Paulus, auffasst. Die zentralen Motive der späteren Existenzialphilosophie werden dabei ihren Ursprung in der Interpretation der christlichen Lebenserfahrung zeigen. Darin findet sich dann auch das Resultat und die Motivation für Heideggers philosophische Auseinandersetzung mit dem christlichen Lebensvollzug: Christliches Leben stelle einen exemplarischen Fall der Lebendigkeit des Lebens überhaupt dar. Es geht darum die Lebendigkeit des Lebens, seinen spezifischen Eigencharakter gegenüber wissenschaftlicher Reduktion wieder freizulegen. Das sei Aufgabe der Philosophie. Das Vordringen zur Lebendigkeit des Lebens bildet deshalb die Aufgabe und das Ziel einer Phänomenologie des Selbstseins, einer höheren Menschenkunde.
Inhaltsverzeichnis:
| Einleitung | 4 | |
| 1. | Grundlinien der Frage nach der Religion im 20. Jahrhundert | 6 |
| Positionen der Gegenwart: Derrida und Habermas | 6 | |
| Geschichtliche Konstellation: Moderne und Romantik | 14 | |
| Systematische Konzeption: Vernunft und Geschichte | 23 | |
| Ein Motivzusammenhang: Die Krisis des Historismus | 30 | |
| 2. | Methodische Vorfragen: Phänomenologie der Religion | 35 |
| Religionsphilosophie als eine Auseinandersetzung mit dem Christentum | 35 | |
| Philosophie und Wissenschaft | 45 | |
| Der Anfang der Philosophie: Die faktische Lebenserfahrung | 52 | |
| Religionsphilosophie negativ | 63 | |
| Aufgabe und Gegenstand einer Religionsphänomenologie | 74 | |
| 3. | Phänomenologie der Religion: Zeit und Geschichte | 78 |
| Das Historische als Problem | 80 | |
| Das Historische als Phänomen | 85 | |
| Der Sinn des Historischen: Zeit und Leben | 91 | |
| 4. | Paulinische Zeitlichkeit: Das Ewige und die Gegenwart | 101 |
| Das Selbst, das die Zeit lebt: Die urchristliche Lebenserfahrung | 101 | |
| Das religiöse Leben als Paradigma des Lebens überhaupt | 105 | |
| Resümee: Paulus oder Die Zeitlichkeit des religiösen Lebens | 112 | |
| Abkürzungsverzeichnis | 115 | |
| Literaturverzeichnis | 116 |
Textprobe:
Philosophie und Wissenschaft:
Die Frage 'Warum betreibt Heidegger Religionsphilosophie?' eröffnete zwei Antwortperspektiven und Motivationen. Das historisch-kritische Motiv Heideggers wurde entwickelt. Aber auch das methodologische Motiv in Blick auf die Philosophie kann nun präzisiert werden. In diese Richtung lässt sich sagen: Sichtlich macht Heidegger die Religion außerordentlich stark. Warum? Nicht um selbst religiös zu werden, sondern es geht Heidegger darum, in der Religion ein Gegenüber für die Philosophie zu finden. Diese soll die Philosophie zur Stellungnahme zu ihrem Selbstverständnis zwingen. Die Religion wird stark gemacht, damit die Philosophie ihr Profil und ihr eigenes Fragen wieder finden kann. In diesem Sinne soll die Religion ein Gegenüber, ein Dialogpartner für die Philosophie sein. Von diesem sich abgrenzend soll sie ihr Fragen entwickeln. Was darin vorausgesetzt ist, das ist positiv: eine Gemeinsamkeit des Fragebodens zwischen Philosophie und Religion. Dieser muss herausgearbeitet werden. In diesem positiven Bezug ist zum zweiten jedoch auch eine negierende Abgrenzung enthalten. Denn, wenn Heidegger die Religion zum Gegenüber der Philosophie kürt, dann weist er damit eine der fundamentalsten Ausrichtungen des neuzeitlichen Denkens zurück: Nämlich diejenige auf das Ideal der Wissenschaft als Leitbild philosophischer Erkenntnis. Der Dialogpartner, der die Selbstvergewisserung der Philosophie über sich selbst nicht auf den Weg bringen könne, demgegenüber sie sich selbst verfehlen würde und unterfordere – das sei die Wissenschaft.
Im neukantianischen Schulkontext der damaligen Zeit war das Verständnis der Philosophie als Wissenschaft unbefragter Grundkonsens. Das Leitbild philosophischer Erkenntnis war die Wissenschaft. Das ist mehr oder weniger bis heute so geblieben. Heidegger widerspricht dem aber programmatisch. Er meint, dass in der Religion ein Problem zur Sprache komme, das die Wissenschaft als Frage nicht kennt, das jedoch für die Philosophie fundamental zu ihrer Reflexion gehöre. Mit der Religion als Gegenüber solle dieser Eigenbereich philosophischen Fragens wieder freigelegt werden. Was kann diese Idee des Eigenbereichs philosophischen Fragens bezeichnen?
Die Idee einer spezifischen Differenz im Fragen der Philosophie ist nicht Heideggers Erfindung. In seinen polemischen Invektiven gegen die Philosophie als Wissenschaft liegt nicht nur pure gegenmoderne Polemik, sondern Heidegger greift auf eine sehr alte Tradition des Philosophieverständnisses zurück, nämlich auf die des Aristoteles. Dieser unterschied zur Bestimmung des philosophischen Fragens zwischen erster und zweiter Philosophie. Die zweite Philosophie, das sind die empirischen Wissenschaften, wie wir sie heute kennen. Die erste Philosophie sollte davon etwas klar Unterschiedenes sein. Erste Philosophie sollte eine grundsätzlich andere Frageaufgabe erfüllen als zweite Philosophie. Die offene Frage lautet dann, was diese andere Frageaufgabe einer ersten Philosophie sein könnte? Was kann es sein, wonach die Philosophie fragen muss und wovon die Wissenschaften grundsätzlich nichts wissen könnten? Aristoteles selbst hat die Bestimmung dieser Trennung noch nicht so streng durchgeführt, bei ihm waren erste und zweite Philosophie durchaus noch aufeinander bezogen und durchdrangen sich gegenseitig. Anders aber bei Kant. Er war es, der diese Trennung, als Trennung zwischen empirischer Verstandeswissenschaft und apriorischer Vernunftwissenschaft, sehr streng durchführte und etablierte.
Heidegger steht damit also sehr wohl auch affirmativ in der Tradition transzendentalphilosophischen Denkens. Seine Idee der Philosophie geht, ihrer Struktur nach, auf diese zurück. Inhaltlich tauscht Heidegger die Transzendentalphilosophie jedoch vollkommen aus. Er will wieder aufgreifen, was die Tradition unter den Namen der ersten Philosophie, der Metaphysik und der Transzendentalphilosophie kennt, allerdings möchte er das in ganz neuer Weise wieder einführen. Heidegger fragt danach, was die Philosophie als solche erste Philosophie sein könnte. Das will er in neuer Weise freilegen. Angesichts dieser strengen Abgrenzung des philosophischen Fragens von den Fragen der Wissenschaft meint er dann, dass das, was sich heute Philosophie nennt, gar keine Philosophie ist, sondern eben nur Wissenschaft. Die Philosophie hänge sich an ihre erfolgreicheren Kinder an und werde eine Mischung aus allgemeinen Überlegungen und empirischen Elementen, und das gelte dann als Philosophie. Die Philosophy of Mind ist so ein Beispiel. Für Heidegger ist das ganz fremd. Darum fängt er an zu fragen:
‘Wie kann man [überhaupt] zum Selbstverständnis der Philosophie kommen?’ Was ist Philosophie?
Die Schwierigkeit beginnt damit, Philosophie überhaupt zu definieren. Die Wissenschaften haben dieses Problem nicht. Eine Wissenschaft hat einen Gegenstand und eine Art und Weise diesen zu behandeln. Den Wissenschaften ist ihr Gegenstand irgendwie im Voraus immer schon gegeben. Die Vorgänge der Natur kennt jeder, nur weiß der 'Mann von der Straße' eben nicht, wie er sie deuten soll. Aber jeder kennt sie. Es gibt dort so etwas, wie eine vorwissenschaftliche Gegebenheit. Aus der Fülle dieser Gegebenheiten werden dann verschiedene Teile herausgeschnitten, die Psyche, die Natur, die Geschichte, die Erziehung des Kindes, der menschliche Körper, und die werden dann untersucht. So funktioniert Wissenschaft. Was ist aus dieser Perspektive dann aber der Gegenstand der Philosophie? Heidegger meint:
‘Die Zugangsmöglichkeit zu den philosophischen Begriffen ist eine ganz andere als die zu den wissenschaftlichen Begriffen. Die Philosophie hat keinen objektiv ausgeformten Sachzusammenhang zur Verfügung, in den die Begriffe eingeordnet werden können, um so ihre Bestimmung zu erhalten’.
Das Philosophieren habe gerade gar keinen Gegenstand meint Heidegger. Dessen Schwierigkeit sei, dass seine Zugangsmöglichkeit, die Gegebenheit des Fragegegenstands, eine ganz andere sei als die der Wissenschaften. Die Philosophie hat kein Phänomen, das sie einfach vorfindet und mit dessen Befragung sie dann eben anfangen könnte. Es ist dieser objektiv ausgeformte Sachzusammenhang, auf den man zeigen kann und sagen: Das ist mein Gegenstand, der der Philosophie fehlt. Später wird Heidegger zwar einmal sagen das Sein wäre der Gegenstand der Philosophie, aber das Sein ist ja gerade kein Gegenstand in dem Sinne, dass es irgendwie empirisch gegeben wäre. Man kennt es nicht vorher schon, bevor man Philosophie treibt. Man kennt es überhaupt nicht, es ist radikal verborgen. Und diese Verborgenheit dessen, wonach eigentlich gefragt werden soll, das ist die Schwierigkeit der Philosophie. Die Philosophie findet nicht eine Frage und bearbeitet diese dann; die Philosophie, so wie Heidegger sie versteht, hat die Schwierigkeit, dass sie ihren Gegenstand überhaupt erst einmal freilegen muss. Das heißt aber, dass sie von diesem her nicht anfangen kann. Womit fängt sie aber dann an?
Wenn die Philosophie von ihrem Gegenstand her nicht bestimmt werden kann, ist sie dann vielleicht durch ihre Art und Weise der Behandlung eines Fragegebiets bestimmt, durch ihren Vollzug? Aber auch hier ersteht die Schwierigkeit: Was für ein Vollzug könnte damit gemeint sein? Was soll denn vollzogen werden? Einfach irgendwas, eben möglichst existenziell beispielsweise? Was sich festhalten lässt, das ist zunächst nur das eine: In der Philosophie geht es um die Wahrheitsfrage. Wenn die Philosophie durch ihren Vollzug charakterisiert sein sollte, und in diesem muss es um die Wahrheitsfrage gehen, dann muss nach einem Ort gesucht werden, an dem diese beiden Teile, Vollzug und Wahrheitsfrage, zusammengeführt sind. Dieser Ort wäre das Ursprungsgebiet philosophischen Fragens. Heidegger meint, diesen Ort gefunden zu haben, wo Vollzug des Denkens und Wahrheitsfrage zusammentreffen:
‘Der Ausgangspunkt des Weges zur Philosophie ist die faktische Lebenserfahrung’.
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Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783836640435
Arbeit zitieren:
Steiner, Stephan Dezember 2004: Phänomenologie des Selbst, Hamburg: Diplomica Verlag
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Martin Heidegger, Religionsphilosophie, Phänomenologie, Paulus, Zeitlichkeit



