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Das Phänomen Schulabsentismus - Anlässe, Bedingungen, Hintergründe

Eine empirische Untersuchung an einer Schule in Esslingen am Neckar

Das Phänomen Schulabsentismus - Anlässe, Bedingungen, Hintergründe
Über dieses Buch
  • Art: MA-Thesis / Master
  • Autor: Tobias Maucher
  • Abgabedatum: Januar 2007
  • Umfang: 80 Seiten
  • Dateigröße: 563,0 KB
  • Note: 1,7
  • Institution / Hochschule: Hochschule für Sozialwesen Esslingen (FH) Deutschland
  • Bibliografie: ca. 38
  • ISBN (eBook): 978-3-8366-1438-2
  • ISBN (CD) :978-3-8366-1438-2 CD
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Maucher, Tobias Januar 2007: Das Phänomen Schulabsentismus - Anlässe, Bedingungen, Hintergründe, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Schulabsentismus, Schulverweigerung, Schulschwänzen, Ricking Heinrich, Schule

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MA-Thesis / Master von Tobias Maucher

Einleitung:

Mehr als zehn Millionen Kinder und Jugendliche gehen täglich in die allgemeinbildenden Schulen. Die Schule ist die größte soziale Institution in dieser Gesellschaft und ein nicht wegzudenkender Erfahrungs-, Bildungs- und Erziehungsort. Weit mehr als neunzig Prozent der Menschen, die an diesem Platz miteinander umgehen, sind Schülerinnen und Schüler. Für sie wird Schule veranstaltet, für sie findet Unterricht statt. Sie sollen geformt und erzogen werden. Schule hinterlässt tiefe Spuren in der Persönlichkeit junger Menschen und zeichnet Lebenswege weitgehend vor. Schule kann die Kinder und Jugendlichen stärken, aber auch schwächen.

In unregelmäßigen Abständen werden Fragen der schulischen Bildung zum Gegenstand des öffentlichen Interesses. Bildungspolitische Fachdebatten weiten sich meist dann zu einem für kurze Zeit öffentlich geführten Diskurs aus, wenn real oder vermeintlich besorgniserregende Anlässe bestehen. Im Kontext der verschiedenartigen Fragestellungen, welche das Bildungssystem unserer Gesellschaft betreffen, erlangt das Phänomen Schulabsentismus Konjunktur.

Während meiner über zweijährigen Tätigkeit als Freizeitpädagoge an der Grund- und Hauptschule Mettingen (GHS-Mettingen) in Esslingen ist mir in meiner täglichen Arbeit aufgefallen, dass das Problem des unregelmäßigen Schulbesuchs besteht und immer wieder zur Diskussion steht. Bei mir entstand dabei der Eindruck, dass bei einigen der am täglichen Schulbetrieb Beteiligten ein fundiertes Wissen zu dieser wichtigen Thematik fehlt. Ferner, dass wichtige Kenntnisse in der Deutung, Bewertung und Interpretation sowie im Umgang mit diesem Problem nicht ausreichend vorhanden sind. Durch diese Arbeit soll dem aktiv und präventiv entgegengewirkt werden.

Beim Schulabsentismus (unerlaubtes Fernbleiben vom Unterricht) handelt es sich um ein sehr aktuelles Thema, bei dem ein großer Handlungsbedarf besteht.

Ein Beleg für die Wichtigkeit und Aktualität dieser Thematik zeigt sich unter anderem darin, dass das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend ebenfalls einen Handlungsbedarf erkannt und im September 2006 das Modellprogramm „Schulverweigerung – Die 2. Chance“ gestartet hat. Dieses wird aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds sowie aus Mitteln des Bundes gefördert. An 74 Standorten im gesamten Bundesgebiet (unter anderem auch im Landkreis Esslingen) werden seit dem 1. September 2006 lokale Projekte gefördert, die schulverweigernde SchülerInnen dabei unterstützen, wieder regelmäßig in die Schule zu gehen, um so ihre Chancen auf einen Schulabschluss und damit auf einen Ausbildungsplatz deutlich zu erhöhen. Im Landkreis Esslingen wurden im Rahmen dieses Projekts mehrere MitarbeiterInnen angestellt, die direkt an den Schulen agieren und an Schulen mit SchulabsentistInnen arbeiten.

Diese Projekte bezieht sich im Wesentlichen auf SchülerInnen, die bereits SchulabsentistInnen sind. Es verfolgt somit einen reaktiven, auf die Einzelnen bezogenen Hilfeansatz.

Das Anliegen dieser Arbeit bezieht sich jedoch mehr darauf, die Problematik, basierend auf theoretischen und empirischen Erkenntnissen und Ergebnissen, breiter und weniger auf das Subjekt bezogen aufzuarbeiten. In dieser Arbeit stehen mehr die Institution und das System Schule im Vordergrund. Entgegen einer reaktiven Intervention wird ein eher präventiver Interventionsansatz verfolgt und angestoßen. Dies soll durch die Sichtbarmachung, Aufarbeitung und Thematisierung von Schulabsentismus an und in der Schule (GHS-Mettingen) erreicht werden.

Die zentralen Ziele dieser Arbeit sind, durch eine quantitative Untersuchung, herauszustellen, in welcher Intensität Schulabsentismus an der GHS-Mettingen eine Rolle spielt und wie verschiedene Bedingungsfaktoren (Geschlecht, Alter, verschiedene Schulklassen, der Aspekt Migrationshintergrund) mit dem Phänomen Schulabsentismus in Zusammenhang stehen.

Durch eine qualitative Erhebung wird ermittelt und erfasst wie verschiedene schulische Bedingungsfaktoren (das Schul- und Klassenklima, das Lehrerverhalten und die Eltern- Lehrer- Interaktion) sowie Faktoren im Primärmilieu (Einstellung der Eltern zu Schule und die Lebensverhältnisse) von SchulabsentistInnen erlebt und interpretiert werden. Es sollen dadurch positive als auch negative Gesichtspunkte und Tendenzen herausgestellt werden.

Gang der Untersuchung:

Im ersten Teil werden bereits gesicherte empirische Erkenntnisse und theoretische Zusammenhänge bezogen auf das Phänomen Schulabsentismus dargestellt. Begonnen wird mit einer Begriffsbestimmung, wodurch die verwendeten Begriffe erläutert werden sollen.

Danach folgt eine Aufführung und Beschreibung verschiedener nationaler und internationaler Studien zum Schulabsentismus. Dadurch wird zum Einen ein Einblick in das Forschungsfeld und über den Forschungsstand gegeben und zum Anderen werden somit die verschiedenen methodischen Vor- und Herangehensweisen und Zielsetzungen von unterschiedlichen empirischen Studien zum Schulabsentismus dargestellt.

Im Anschluss daran werden Bedingungsfaktoren beschrieben, wie sie von Ricking formuliert wurden. Dabei handelt es sich um Ergebnisse aus einer Meta-Analyse zum Phänomen Schulabsentismus. Dadurch wird ein umfassender theoretischer Ein- und Überblick zu bestehenden theoretischen Kenntnissen und Annahmen, bezogen auf Schulabsentismus, gegeben.

Im zweiten Teil folgt die eigene Untersuchung. Dabei beschreibe ich zunächst das Forschungsfeld und schließe danach das Forschungsdesign sowie eine Beschreibung der angewendeten Methoden an.

Später folgen die Beschreibung der Gruppe der untersuchten SchülerInnen sowie die Präsentation der Ergebnisse aus den quantitativen und qualitativen Untersuchungen.

Die Schlussfolgerungen für die Forschung und die Praxis bilden den Abschluss.

Inhaltsverzeichnis:

Einleitung 4
Teil 1: Theoretische Grundlagen zum Schulabsentismus 6
1. Klassifizierung und begriffliche Festlegung 6
2. Empirische Studien zum Phänomen Schulabsentismus 10
2.1 Internationale Studien 10
2.1.1 Die Bekämpfung des Schulversagens: eine Herausforderung an ein vereintes Europa 10
2.1.2 Die PISA-Studie 2000. 11
2.2 Nationale Studien. 13
2.2.1 Delinquenz und Schulabsentismus Jugendlicher in Delmenhorst 13
2.2.2 Schulverweigerung in Brandenburg 15
2.3 Fazit zu den vorgestellten Studien 20
3. Bedingungsfaktoren 21
3.1 Individuelle Faktoren 21
3.1.1 Alter 21
3.1.2 Geschlecht 22
3.1.3 Schul- und Leistungsangst 22
3.1.4 Schulversagen 22
3.1.5 Selbstkonzept 22
3.1.6 Kausalattribuierungen 23
3.1.7 Intelligenz 23
3.2 Schulische Faktoren 23
3.2.1 Organisationsmerkmale von Schulen 23
3.2.2 Schulform 24
3.2.3 Schul- und Klassenklima 24
3.2.4 Lehrerverhalten 25
3.2.5 Bewertung von Schulversäumnissen 25
3.2.6 Eltern-Lehrer-Interaktion. 25
3.3 Faktoren im Primärmilieu 26
3.3.1 Lebensverhältnisse 26
3.3.2 Einstellung der Eltern 26
3.4 Die Peer-Group 27
3.5 Zeitstrukturelle Befunde 28
4. Zwischenfazit und Ausblick 29
Teil 2: Eigene Untersuchung 30
1 Forschungsfeld. 30
1.1 Grunddaten zur Schule 30
1.2 Sozialraum 31
1.3 Situation an der Schule 32
1.4 Prinzipien und Ziele der Schule. 33
2. Forschungsdesign. 34
2.1 Zentrale Ziele 34
2.2 Zentrale Fragestellung und Hypothesen. 35
2.3 Operationalisierung. 37
2.4 Untersuchungsdesign und Vorgehensweise. 40
2.5 Variablengenerierung. 42
3. Allgemeine Daten zur Untersuchungsgruppe. 43
4. Ergebnisse der quantitativen Untersuchung 45
4.1 Schulabsentismusquote 45
4.2 Ergebnisse bezogen auf das Geschlecht und Alter 47
4.3 Unterschiede und Gemeinsamkeiten bei der Betrachtung der einzelnen Klassen 50
4.4 Unterschiede bei der Betrachtung von Schulabsentismus im Kontext Migrationshintergrund 52
4.5 Lehrereinschätzung und -bewertung in Bezug auf Schulabsentismus 53
4.6 Zusammenfassung der Ergebnisse der quantitativen Untersuchung 57
5. Auswertung und Ergebnisse der qualitativen Untersuchung 58
5.1 Vorgehensweise und Durchführung der Interviews. 58
5.2 Soziademographische Daten der Befragten. 59
5.3 Einteilung der Befragten in die jeweilige Form des Schulabsentismus 61
5.4 Ergebnisse bezogen auf schulische Faktoren 63
5.4.1 Schul- und Klassenklima 63
5.4.2 Lehrerverhalten 66
5.4.3 Eltern-Lehrer-Interaktion. 68
5.5 Ergebnisse bezogen auf das Primärmilieu 69
5.5.1 Einstellung der Eltern 69
5.5.2 Lebensverhältnisse 70
5.6 Zusammenfassung der Ergebnisse der qualitativen Untersuchung 71
Schlussfolgerungen für die Forschung und Praxis 73
Quellenangaben 75
Tabellen- und Abbildungsverzeichnis 78

Textprobe:

Kapitel 3.2, Schulische Faktoren:

Organisationsmerkmale von Schulen: Dass die Art und Weise, wie die Organisation Schule strukturiert und organisiert ist, einen großen Einfluss in Bezug auf Schulverweigerung hat, ist in der Literatur unumstritten. Sommer kommt in ihrer Untersuchung zu dem Ergebnis, dass einige bedeutsame Einflussgrößen innerhalb dem System Schule liegen. Sie bezieht sich dabei vor allem auf den Umgang mit Regeln, auf die Lehrpläne sowie auf Einstellungen und Verhaltensmuster von LehrerInnen.

Eine Studie untersuchte die Wirkung und Bedeutung institutioneller Faktoren und beziffert den Beitrag schulischer Einflüsse zu den Ursachen von Schulabsentismus mit 86%.

Andere fanden heraus, dass die Schwänzerquote dort geringer ist, wo eine engere Beziehung zwischen der Schule (Schulleitung und LehrerInnen) und den Eltern besteht. Ebenso ist sie an Schulen, an denen die SchülerInnen häufiger mit Aufgaben innerhalb des Schulbetriebs betraut sind geringer. Ein Autor kommt zu dem Schluss, dass eine aktive Beteiligung der SchülerInnen an Schulaktivitäten (Schülerzeitung, Schulgarten usw.) und der daraus folgende höhere Grad an Identifikation sowie die höhere persönliche Befriedigung einen wesentlichen Einfluss auf Schulabsentismus haben. Er merkt auch an, dass die Schul- und die Klassengröße dabei von Bedeutung sind.

Bei der Betrachtung der Faktoren Schul- und Klassengröße können keine einheitlichen Befunde festgestellt werden. Ein deutlicher Nachweis, dass die Schul- und Klassengröße Einfluss auf Schulabsentismus haben, kann nicht festgestellt werden. Lediglich eine Studie konnte herausfinden, dass die Anwesenheitsquoten an kleineren Schulen im Schnitt höher sind, als es bei größeren Schulen der Fall ist.

Sie konnten belegen, dass der Leitungs- und Führungsstil innerhalb der Schule ebenfalls eine Bedeutung in Bezug auf die Absentismusquote haben. Schulen mit hohen Quoten werden demnach häufig von einer strengen und unfreundlichen Leitung geführt, deren Hauptanliegen in der Einhaltung der Schulordnung liegt. Ein restriktives Schulmilieu mit hohem Reglementierungsgrad und dem gemäß hohen Anpassungsdruck auf die SchülerInnen kann zu einer erhöhten Absentismusquote führen.

Schulform: Bei der Betrachtung der Absentismusquote innerhalb der verschiedenen Schulformen kann festgestellt werden, dass die höchste Quote bei den weniger hoch qualifizierenden Schulformen liegt. Ein Forscher führt in diesem Zusammenhang eine Untersuchung von Klauer auf. Als Gründe werden darin ein geringeres Interesse der Eltern am Schulbesuch ihrer Kinder, ein gehäuftes Auftreten von Verwahrlosungserscheinungen sowie häufigere gravierende Erziehungsfehler (von Seiten der Eltern) angegeben. Klauer schloss aus seinen Untersuchungsergebnissen: „Dass die Hilfsschulen eine negative Auslese trifft, d.h. dass die Hilfsschulen bevorzugt Kinder mit hohen Versäumnisfrequenzen sammeln“.

Schul- und Klassenklima: „Das Schulklima kann verstanden werden als emotional spürbares Produkt der Wahrnehmung und Evaluation von prozessualen ineinander verzahnten Schulvariablen, die nicht als separate Reize, sondern als holistische Reizkonstellationen erlebt und nun aus analytischen Gründen differenziert werden. Jeder im System Schule Agierende beeinflusst das Schulklima und wird von ihm beeinflusst, so dass sich in jeder Schule ein schwer zu beschreibendes und auch schwer zu untersuchendes Eigenleben entwickelt. Diesem hinzuzurechnen sind institutionell-organisatorische Aspekte, ebenso wie allgemein physikalische-architektonische Vorgaben und in maßgeblicher Weise Eigenschaften des Zusammenlebens von SchülerInnen, Lehrern und der Leitung in der Schulgemeinschaft.“ Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass die Absentismusfrequenz vom Klassenklima und vom jeweiligen Schulklima mitbestimmt wird. Das soziale Klima wird mit hohen Frequenzen tendenziell von Konkurrenz, ausgeprägter Lehrerkontrolle und wenig Unterstützung durch LehrerInnen bestimmt. Als weitere Faktoren, die einem regelmäßigen Schulbesuch abträglich sind, werden ein Desinteresse und eine indifferente Haltung identifiziert, die nicht selten in Lehrerabsentismus zum Ausdruck kommen.

Andere ermittelten, dass SchülerInnen mit Absentismustendenzen (unabhängig vom Geschlecht) ihre Lernumwelt im Vergleich zu SchülerInnen, die regelmäßig den Unterricht besuchen, subjektiv unangenehmer empfinden. Vor allem in Bezug auf die LehrerInnen und die MitschülerInnen.

Die Forscher heben ebenfalls hervor, dass ein häufiger Lehrerwechsel und somit ein häufiger Wechsel der Bezugspersonen sowie ein häufiger Lehrerabsentismus eine höhere Absentismusquote fördern.

Lehrerverhalten: Studien belegen, dass das Verhalten der LehrerInnen sowie deren Umgang mit den SchülerInnen, die unregelmäßig den Unterricht besuchen, von großer Bedeutung sind. Einige Studien machen sichtbar, dass die Lehrer häufig Probleme und Schwierigkeiten im rechtzeitigen Erkennen und im adäquaten Umgang mit dem Problem Schulabsentismus haben. Lehrer könnten durch ihr Verhalten, durch eine frühzeitige Erkennung des Problems und einem entsprechenden Umgang damit dem unerlaubten Fernbleiben vom Unterricht wirksam entgegenwirken. Als eine weitere wichtige Variable in diesem Kontext wird die Lehrer-Schüler-Beziehung angeführt. So sieht man in der Verbesserung der häufig gestörten Beziehung zwischen LehrerInnen und SchülerInnen den entscheidenden Ansatzpunkt für eine effektive Prävention.

Auch wurde in einer Studie festgestellt, dass SchülerInnen, die unerlaubt dem Unterricht fern bleiben, häufig weniger Aufmerksamkeit bekommen und durch harsche Kritik zusätzlich Entmutigung erfahren. Farrington kommt zu der Erkenntnis, dass häufig abwesende SchülerInnen von ihren LehrerInnen häufiger und leichter als unruhig, ungehorsam, unsauber arbeitend, aggressiv, ständig Aufmerksamkeit suchend und faul beschrieben werden.

Bewertung von Schulversäumnissen: Ein weiterer Bedingungsfaktor für die Beurteilung von Schulabsentismus stellt die Bewertung der Schulversäumnisse dar. SchülerInnen, Eltern, LehrerInnen, aber auch Ärzte interpretieren das Fernbleiben vom Unterricht unterschiedlich bei gleicher Symptomatik. Diese unterschiedlichen Interpretationen spielen in diesem Forschungsfeld vor allem in Bezug auf die Operationalisierung, auf die Definition und in Bezug auf die Validität des Problems eine wesentliche Rolle. Dementsprechend haben sie auch Auswirkungen auf die frühzeitige Erkennung der Problematik, auf den Umgang mit und die Bewertung selbiger sowie auf die sowie auf die Intensität und Form der Hilfe und Intervention.

Eltern-Lehrer-Interaktion: Die Autoren, die sich mit dem Aspekt Schulabsentismus befasst haben, stellen unisono heraus, dass eine enge, positiv konnotierte Kooperation zwischen Eltern und LehrerInnen pädagogisch wünschenswert ist und Schulabsentismus zu verhindern vermag. Da SchülerInnen unerlaubte Versäumnisse häufig verheimlichen, sind Eltern auf die Information durch die Schule angewiesen. Reynolds und Reid fanden durch ihre Studien heraus, dass Schulen mit ausgeprägter Elternarbeit eine eher geringere Abwesenheitsfrequenz aufweisen.

Faktoren im Primärmilieu:

Lebensverhältnisse: Schulabsentismus kommt in allen Schichten vor. Dennoch konnte nachgewiesen werden, dass eine Verknüpfung zwischen unregelmäßigem Schulbesuchsverhalten und subkulturellen Sozialisationsformen besteht, und dass SchülerInnen mit benachteiligten Verhältnissen aus den Unterschichten häufiger zu Absentismus tendieren, als Kinder aus anderen Schichten.

Als Korrelate von Absentismus im Primärmilieu wurden folgende Strukturvariablen festgestellt: 1. Eltern ohne Berufsausbildung, 2. Arbeitslosigkeit, 3. relativ viele Kinder, 4. überfüllte Wohnungen, 5. geringes Einkommen, 6. enge und ärmliche Wohnverhältnisse, 7. Wohnung liegt in einem Stadtteil mit hoher Delinquenzbelastung.

Als weitere problematische Bedingungen werden eine Häufung unterschiedlicher Formen familiärer Zerrüttung oder Entzweiung angeführt. Andauernder Ehestreit, Trennung oder Scheidung, aber auch allein erziehende Elternteile und lange Abwesenheit des Vaters können Schulabsentismus begünstigen. Stress in der Familie, Delinquenz der Eltern, gewalttätige Konfliktregelungen mit antiautoritär-punitivem Erziehungsstil, chronische Krankheiten, finanzielle Probleme, häufige Umzüge und Alkoholismus sowie Überforderung der Eltern mit der Erziehung, Abwesenheit adäquater Bewältigungsstrategien und unzureichende Integration der Familie in intakte Netzwerke werden ebenfalls in diesem Zusammenhang angeführt. Außerdem stellt auch mangelnde Kontrolle von Seiten der Eltern einen Einflussfaktor dar. Studien deuten zudem auf strukturelle Kommunikationsprobleme hin, benennen schwach entwickelte Beziehungsqualitäten bis hin zur Gleichgültigkeit und fehlende Impetus zur gegenseitigen Unterstützung.

Einstellung der Eltern: „Der Begriff Einstellung umreißt eine überdauernde, bedingt verhaltenswirksame und auf Normenstrukturen basierende Disposition über Personen oder sonstige Gegebenheiten. In ihnen verbinden sich Gefühlsinhalte (z.B. Wertschätzung) mit kognitiven Überzeugungen (Meinungen, verfügbare Informationen).“ Studien belegen, dass Desinteresse an der Schule und am Lernfortschritt der Kinder von Seiten der Eltern Schulabsentismus begünstigen. Ebenso werden eine elterliche abversive Haltung zur Schule und die damit einhergehenden geringen Bildungsambitionen als negative Verstärker des Absentismus ermittelt. Forscher berichten von Familien, in denen Schulschwänzen über mehrere Generationen auftritt und im handlungsleitenden Wertesystem fest etabliert ist. In der Folge zeigen Eltern offen Verständnis für die schulfeindliche Einstellung ihrer Kinder und lassen in der Bestärkung zum Schulbesuch nach.

Die Peer-Group Unter PädagogInnen ist unbestritten, dass Kinder und Jugendliche ihr Verhalten untereinander beeinflussen. Ein Einfluss, der zur Entwicklung eines altersangemessenen Sozialverhaltens nötig ist, aber pädagogische Ziele nicht immer fördert. SchülerInnen mit hohen Fehlzeiten haben häufiger Kontakt untereinander, als zu erfolgreicheren MitschülerInnen. Sie bilden informelle Gruppen, um bedürfnisbefriedigenden Interessen nachzugehen und Aktivitäten gemeinsam in identitätsstabilisierenden Rollenmustern zu erleben. Die Jugendlichen entwickeln in ihren Gruppen eine „eigene Welt“ mit spezifischen ritualisierten Verhaltensformen sowie mit internen ausgefeilten Positionszuweisungen und einer oft massiven Abschottung nach außen.

Forscher ermittelten, dass nur 16% von 378 befragten SchülerInnen, die regelmäßig unerlaubt dem Unterricht fernbleiben, alleine dem Unterricht den Rücken zu kehren. Eine schulabversive Gruppe bietet der Einzelnen/dem Einzelnen neben dem Vorzug einer interessanten Gestaltung der zur Verfügung stehenden Zeit auch die Möglichkeit, das latente Unrechtbewusstsein in Form von mulmigem Gefühl zu reduzieren oder gar auszuschalten.

In Bezug auf die soziale Integration der AbsentistInnen können aus der Untersuchung keine klaren Aussagen gemacht werden. Einige Autoren gehen davon aus, dass es sich bei den AbsentistInnen eher um sozial Isolierte handelt, für die weder MitschülerInnen noch LehrerInnen Sympathien hegen. Ein Forscher bestätigt durch seine Studien die These, dass es sich bei SchulabsentistInnen eher um folgende Kinder und Jugendliche handelt: Kinder und Jugendliche aus soziometrisch niedriger Rangordnung, tendenziell um sozial Ausgegrenzte und Jugendlichen mit mangelnder schulischer Bestätigung. Die Autoren führen weiter aus, dass SchulabsentistInnen wenige Freunde hätten und in hohem Maße sozial fehlangepasstes Verhalten zeigten. Außerdem bestünde vielfach eine gestörte Kommunikation zu MitschülerInnen, was schließlich zu einer Randständigkeit und Isolation innerhalb der Klasse führe und die AbsentistInnen von einer integrierenden positiven Interaktion abschneide sowie in ihrer Marginalität festschreibe.

Diesen Aussagen stehen Resultate anderer Autoren entgegen, deren Untersuchungen belegen, dass SchulabsentistInnen nicht weniger Freunde hätten und deshalb nicht per se als desintegrierte Individuen betrachtet werden dürfen.

Andere Untersuchungen kommen zu dem Ergebnis, dass gerade der Freundeskreis, also die Peer-Group für die Einstellung zum Schulbesuch ausschlaggebend ist. SchülerInnen, deren Freunde eher zu einem schulkonformen Verhalten neigen, nehmen die Schule ernster als SchülerInnen, deren Freunde sich weniger schulkonform zeigen und eher der Schule abgeneigt fühlen.

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Arbeit zitieren:
Maucher, Tobias Januar 2007: Das Phänomen Schulabsentismus - Anlässe, Bedingungen, Hintergründe, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Schulabsentismus, Schulverweigerung, Schulschwänzen, Ricking Heinrich, Schule

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