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Das Phänomen des neuen Dienstmädchens

Eine Analyse des Frauenarbeitsmarktes Privathaushalt in Deutschland - Ursachen, Auswirkungen und Lösungsansätze

Das Phänomen des neuen Dienstmädchens
Über dieses Buch
  • Art: Diplomarbeit
  • Autor: Petra Tengs
  • Abgabedatum: April 2006
  • Umfang: 125 Seiten
  • Dateigröße: 1,1 MB
  • Note: 1,0
  • Institution / Hochschule: Universität Duisburg-Essen, Standort Essen Deutschland
  • ISBN (eBook): 978-3-8324-9719-4
  • ISBN (Paperback) :
    978-3-8324-9719-4 P
  • ISBN (CD) :978-3-8324-9719-4 CD
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Tengs, Petra April 2006: Das Phänomen des neuen Dienstmädchens, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Prekäre Beschäftigung, Migration, Geschlechtshierachie, Wohlfahrtsstaat, Hausarbeit

Diplomarbeit von Petra Tengs

Zusammenfassung:

In (West) Deutschland ist seit den 1970er Jahren eine stärkere Erwerbsorientierung von Frauen, die zunehmend auch Mütter erfasst, zu beobachten. Diese hat jedoch nicht automatisch eine egalitäre Aufteilung von Berufs- und Familienarbeit zur Folge. Noch immer leisten Männer deutlich mehr bezahlte und Frauen deutlich mehr unbezahlte Arbeit. Die nach 1986 entwickelten Regelungen zum Elternurlaub bzw. zur Elternzeit werden bis heute fast nur von Müttern in Anspruch genommen. Das 1996 etablierte Recht auf einen Kindergartenplatz verbessert inzwischen zusammen mit den Regelungen zur Elternzeit zwar die beruflichen Perspektiven von Müttern, trotzdem ist das Betreuungsangebot noch unzureichend, und es gibt im deutschen Steuer- und Sozialsystem noch immer Anreize für Paare mit Kindern, ein Familienmodell mit männlichem Hauptverdiener und gering verdienender Ehefrau zu favorisieren.

Für die westdeutsche Gesellschaft der Nachkriegszeit war das kulturelle Leitbild stark vom Familienmodell der Hausfrauenehe geprägt. Dieses Modell sah für Mütter die Hausfrauenrolle vor, sowie für den Mann die Rolle des Alleinernährers. In den folgenden Jahrzehnten wurde das vorherrschende kulturelle Leitbild vom Familienmodell der Hausfrauenehe zunehmend von einem Modell der „modernisierten Versorgerehe“ abgelöst. Dieses modernisierte Modell beruht auf der Idee, dass beide Erwachsene in einer Ehe prinzipiell erwerbstätig sind, der Mann in Vollzeit, die Frau, ohne Kinder ebenfalls in Vollzeit, mit Kindern in Teilzeit. In beiden Modellen wird die Verantwortung für die Haus- und Sorgearbeit den Frauen zugetragen. Staatliche Betreuungseinrichtungen sind daher nur in geringem Umfang vorgesehen. Die Gesellschaft setzt hier auf die unbezahlte Arbeit der Frauen.

Erwerbsarbeit ist in Deutschland nach der männlichen Normalbiographie gestaltet und setzt eine vollzeitige und kontinuierliche Verfügbarkeit voraus. Frauen fallen nicht qua Geschlecht heraus, aber ihr Geschlecht wird oft zum Ausgrenzungsgrund. Wenn Frauen die ihnen zugewiesene private Arbeit leisten, sind sie, je nach Umfang, nicht in der Lage, sich den Normen der Erwerbswirtschaft an Zeit und Verfügbarkeit zu beugen.

Trotz dieser strukturellen Schwierigkeiten ist eine Veränderung in den Lebensentwürfen von Frauen feststellbar. Sie sind zunehmend gut ausgebildet und beruflich ambitioniert, und wollen ein Leben, in dem Bildung, Berufstätigkeit, Selbständigkeit und Selbstverwirklichung neben der Familienorientierung Platz haben. Weiblichen Lebensmodellen und Erwerbswünschen stehen im deutschen Wohlfahrtsstaat allerdings unzureichende öffentliche Infrastrukturen im Bereich der Kinderbetreuung gegenüber, ebenso wie unveränderte geschlechtsspezifische und geschlechtshierarchische Arbeitsteilungen. Eine paritätische Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern ist bisher nicht eingetreten.

Der Übergang von der Hausfrauenehe und dem Alleinernährermodell zur modernisierten Versorgerehe scheint ein neues Phänomen zu begleiten: die steigende Zahl von im Haushalt beschäftigten Personen, die dort die Haus- und Betreuungsarbeit übernehmen. Vor dem Hintergrund steigender Erwerbstätigkeit von Frauen hat sich das Problem der Vereinbarkeit von Beruf und Familie verschärft und zwar vor allem für Frauen, die nun die verschiedensten Betreuungsaufgaben – Haushalt, Kinder, Betreuung älterer Angehöriger – und die Erwerbsarbeit miteinander vereinbaren müssen. Einige, vor allem besser verdienende Frauen (und Männer) lösen das Vereinbarkeitsproblem durch die Beschäftigung von bezahlten Kräften im Hausarbeits- und Betreuungsbereich.

Im männlichen Ernährermodell waren die Aufgaben klar verteilt. Mit dessen Modernisierung ist eine Doppelorientierung von Frauen auf Familie und Beruf verbunden. Immer mehr Frauen leisten die Verschränkung zweier Lebensbereiche, die sich im Alltag nicht ohne weiteres vereinbaren lassen und die sie mit einem Mix aus unterschiedlichen Betreuungsformen abzudecken versuchen: Neben den formellen Betreuungsangeboten von Kindertageseinrichtungen und Tagesmüttern, tragen informelle Kinderbetreuungsleistungen wie die von Verwandten oder Nachbarn zur Betreuung von Kindern bei und in einem zunehmenden Maße bezahlte Hilfen im privaten Haushalt.

Dienstmädchen, Kindermädchen, Haushaltshilfen, Putz- und Pflegekräfte übernehmen heute in zunehmendem Maße die Versorgungsarbeit in privaten Haushalten. Der Umfang dieses Phänomens wird vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) mit etwa 4 Millionen privaten Haushalten beziffert, die regelmäßig und/oder gelegentlich eine Haushaltshilfe beschäftigen. Die Beschäftigten sind zu mehr als 90 % Frauen und nur ein minimaler Teil davon arbeitet sozialversicherungspflichtig. Das heißt, ein Großteil dieses Marktes ist dem informellen Sektor zuzurechnen.

Die Dienstmädchen von heute sind häufig Migrantinnen ohne arbeits- und aufenthaltsrechtlichen Schutz – Frauen aus Asien, Afrika, Lateinamerika und in Deutschland häufig aus Osteuropa. Viele von ihnen sind gut ausgebildet, älter als 30 Jahre, mit eigener Familie im Heimatland – also gestandene Frauen, die als Dienstmädchen in die Zentren der reichen Welt auswandern. Da sie im Herkunftsland keine oder nur schlechte Entwicklungsmöglichkeiten für sich und ihre Familien sehen, sichern sie mit ihrer Arbeit das (Über-) Leben ihrer Familienangehörigen und ermöglichen den eigenen Kindern eine Ausbildung. Die Skala der Tätigkeiten reicht von Putzen, Waschen und Kochen, über die Betreuung von Kindern, Unterstützung von alten Menschen und die Pflege von Kranken bis zum Service bei Familien- und Betriebsfeiern.

Helma Lutz (2001) nennt das „die neue Dienstmädchenfrage im Zeitalter der Globalisierung“, Simone Odierna (2000) spricht von einer „Heimlichen Rückkehr der Dienstmädchen“. Diese individuelle Lösungsstrategie von Frauen, die Delegation der Haus- und Sorgearbeit an 'Dienstmädchen' im Rahmen des Arbeitsmarktes Privathaushalt, steht im Mittelpunkt der Untersuchung.

Der Gang der Untersuchung orientiert sich dabei vorrangig an drei Fragen: Wie ist es zur neuen Dienstmädchenproblematik in dem Arbeitssegment Privathaushalt gekommen und wie sehen die Strukturen dieses Arbeitsmarktes aus? Welche Auswirkungen hat die Entstehung der Dienstmädchenproblematik auf das Geschlechterverhältnis? Und welche Perspektiven bieten sich für den zukünftigen Umgang mit Haus- und Sorgearbeit? Von besonderem Interesse ist für mich in diesem Zusammenhang, welche Rolle die Migration von Frauen innerhalb dieses Phänomens spielt. Daher werde ich mich in einem separaten Themenkomplex mit dieser Problematik befassen.

Ich stelle meiner Arbeit drei Thesen voran: Erstens, dass die quantitativ bedeutsamste Umschichtung von Haus- und Familienarbeit, die heute stattfindet, nicht zwischen Frauen und Männern, sondern zwischen unterschiedlichem Gruppen von Frauen verläuft. Zweitens, dass bezahlte Haus- und Sorgearbeit meist Schwarzarbeit und mit der wachsenden Globalisierung dieses Arbeitsbereichs nicht selten Arbeit von Frauen ist, die sich illegal in Deutschland aufhalten. Und drittens, dass die Zukunft von Haus- und Sorgearbeit eng an die Frage der geschlechtshierarchischen Arbeitsteilung gekoppelt ist und daher die Verberuflichung haushaltsbezogener Dienstleistungen nur einen weiblichen Arbeitsmarkt etabliert, der durch prekäre, nicht existenzsichernde, Arbeitsverhältnisse gekennzeichnet ist. Die Grundlage der Ausarbeitungen bildet zum einen die Analyse bestehender Literatur zum Bearbeitungsgegenstand sowie im weiteren die Auswertung von vorliegenden empirischen Studien und Datenmaterial.

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung 4
1.1 Klärung zentraler Begriffe 10
1.1.1 Haus- und Sorgearbeit 10
1.1.2 Familie 11
1.1.3 Haushalt 12
1.1.4 Normalarbeitsverhältnis und Atypische Beschäftigung 12
1.1.5 Geringfügige Beschäftigung – Mini-Jobs 13
1.1.6 Schwarzarbeit und Schattenwirtschaft 14
1.2. Forschungsstand 15
1.3 Wohlfahrtsstaatliche Verankerung der geschlechtshierarchischen Arbeitsteilung 18
2. Private Haus- und Sorgearbeit in Deutschland 30
2.1 Die Entwicklung von Haus- und Sorgearbeit in Deutschland 31
2.2 Haus- und Sorgearbeit als geschlechtsspezifische Arbeit von Frauen 35
2.3 Haus- und Sorgearbeit als verborgene Arbeit 38
2.4 Vereinbarkeit von Haus- und Sorgearbeit mit Erwerbsarbeit 40
2.5 Zusammenfassung 48
3. Der Arbeitsmarkt Privathaushalt in Deutschland 50
3.1 Der Arbeitsmarkt Privathaushalt im geschichtlichen Rückblick 51
3.2 Beschäftigungsverhältnisse in Privathaushalten: Art und Umfang 54
3.3 Der Arbeitsmarkt Privathaushalt als Frauenarbeitsmarkt 63
3.4 Dienstleistungsbedarf in privaten Haushalten 69
3.5 Zusammenfassung 73
4. Migrantinnen als Dienstmädchen in deutschen Privathaushalten 77
4.1 Feminisierung von Migration 78
4.2 Der Privathaushalt als Arbeitsmarkt für Migrantinnen 80
4.3 Dienstmädchen in der bezahlten Haus- und Sorgearbeit: Auswirkungen auf das Geschlechterverhältnis 88
4.4 Zusammenfassung 92
5. Zukünftige Gestaltung von Haus- und Sorgearbeit: Lösungsansätze 94
5.1 Staatliche Organisation der Haus- und Sorgearbeit 95
5.2 Verberuflichung und Professionalisierung der privaten Haus- und Sorgearbeit 98
5.3 Doppelversorgerpaare mit partnerschaftlicher Aufteilung der Haus- und Sorgearbeit 101
6. Fazit und Ausblick 104
7. Literaturverzeichnis 113
8. Eidesstattliche Erklärung 128

Automatisiert erstellter Textauszug:

Ein Ausdruck dieser individuellen Lösungsversuche ist, dass gut ausgebildete und beruflich ambitionierte Frauen die ihnen traditionell zugeschriebenen Haus- und Versorgungsarbeiten an andere Frauen übertragen, um selber einer Erwerbstätigkeit nachgehen zu können. Ein Teil der Übertragung findet in der Verwandtschaft, in der Nachbarschaft oder auch im Freundeskreis statt, der restliche – ein nicht unbeträchtlicher Teil – wird über die in Privathaushalten stattfindende Erwerbsarbeit von Frauen gelöst. Thiessen geht bereits 1997 in ihrer Studie „Individualisierung und Reproduktion. Analyse prekärer Arbeitsverhältnisse im Privathaushalt“ von einem „dramatischen Anstieg“ prekärer Arbeitsverhältnisse in privaten Hauhalten aus und nennt als Ursache: „…Die steigende und zunehmend qualifizierte Erwerbsbeteiligung von Frauen hinterlässt Lücken im privaten Haushalt: Bei der Versorgung von Kindern, alten Menschen und im hauswirtschaftlichen Bereich“ (Thiessen 1997: 51). [...]

Insbesondere dann, wenn Hausarbeit personenbezogen notwendig wird, stellt sich immer wieder die traditionelle Arbeitsteilung der Geschlechter her, so dass Frauen nach wie vor die Hauptverantwortung für Haus- und Sorgearbeit tragen, unabhängig davon ob sie arbeiten oder nicht. Männer übernehmen – von wenigen Aufgaben rund um das Kind – unverändert weiterhin keinen mit den Frauen auch nur annähernd vergleichbaren Anteil der Arbeit im Haus- und Sorgebereich. Rerrich stellt zu Recht fest: „Das Projekt der Gleichverteilung von Hausarbeit ist trotz vielfacher Bemühungen, so ist ernüchtert festzustellen, bisher so gut wie gescheitert“ (Rerrich 2002: 19). Gesellschaftlich wird immer noch mit der unbezahlten Arbeit von Frauen im Bereich der Familie gerechnet. Da sich aber Lebenspläne und Lebenswirklichkeiten von Frauen gewandelt haben und sie nicht mehr bedingungslos bereit sind, diese traditionelle Arbeitsteilung zu leben, werden mangels gesamtgesellschaftlicher Lösungen und mangels einer paritätischen [...]

Die in den Haushalten verrichtete Arbeit wird historisch mit der Entstehung und Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft verdrängt und abgewertet. Die Verdrängung findet sowohl praktisch wie auch auf ideologischer Ebene statt. Die bürgerliche Ideologie stilisiert das häusliche Leben zur erholsamen Gegenwelt der Erwerbsarbeit und die bürgerliche Familie mit ihrer geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung und der Hausfrauenehe wird zum normativen Leitbild. Die Arbeit selbst sowie die dafür notwendigen Qualifikationen definierte die bürgerliche Ideologie als Ausdruck der weiblichen Natur und ihres Geschlechtscharakters. Auch wenn Hausarbeit inzwischen als Arbeit wahrgenommen wird, setzt sich die Verdrängung und Abwertung fort, in dem der Arbeitsumfang nicht wahrgenommen bzw. klein geredet und die Arbeit als unqualifizierte Arbeit angesehen wird. Dabei erfüllt die Haus- und Sorgearbeit als Ergänzung zur Erwerbsarbeit wichtige gesellschaftliche Funktionen im Gesamtsystem. [...]

Arbeit zitieren:
Tengs, Petra April 2006: Das Phänomen des neuen Dienstmädchens, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Prekäre Beschäftigung, Migration, Geschlechtshierachie, Wohlfahrtsstaat, Hausarbeit

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