Zum Phänomen Amok
Eine sozialwissenschaftliche Untersuchung
- Art: Diplomarbeit
- Autor: Sven Sehle
- Abgabedatum: Februar 1999
- Umfang: 135 Seiten
- Dateigröße: 3,8 MB
- Note: 1,0
- Institution / Hochschule: Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst Hildesheim/Holzminden/Göttingen Deutschland
- ISBN (eBook): 978-3-8324-2836-5
-
ISBN (Paperback) :
978-3-8324-2836-5 P - ISBN (CD) :978-3-8324-2836-5 CD
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Sehle, Sven Februar 1999: Zum Phänomen Amok, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Wut, Waffennarren, Amok, Affekttaten, Gewaltdelikte
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Diplomarbeit von Sven Sehle
Einleitung:
Der Ausdruck „Amok“ ist vielfach mit der Assoziation eines besonders irrationalen Verhaltens verbunden, das sich durch eine starke Dynamik und einen hohen Kontrollverlust äußert. Die Erklärung dieser Handlung und ihrer möglichen Ursachen bildet das Ziel dieser Arbeit. Die Berichterstattung der Massenmedien und insbesondere der Printmedien, die nahezu regelmäßig neue Fälle von Amokläufen, Amokfahrten etc. publizieren, sowie die häufige Verwendung dieser Begriffe im alltäglichen Sprachgebrauch lassen auf umfassende Informationen bezüglich dieses Phänomens in der wissenschaftlichen Literatur schließen. Bei genauerer Recherche erweist sich allerdings schon allein der Versuch einer Definition als schwierig, da es sich bei dem Begriff „Amok“ nicht um einen Straftatbestand handelt. Auch aus medizinischer Sicht lässt sich ein Täterprofil über die Betrachtung vorübergehender oder dauerhafter Persönlichkeitsstörungen nur begrenzt erstellen. Hier bildet die geringe Zahl der Untersuchungen, sowie die Schwierigkeit, an aussagekräftiges Datenmaterial aus der Psychiatrie zu gelangen, ein Hindernis bei der Suche nach grundsätzlichen Aussagen zu den Tätern und der Tat. Die wenigen Publikationen zum Thema beschreiben Amok als eine ursprünglich aus dem malaiischen Sprachraum stammende Handlung, „Amuck“ bezeichnet hier ein Konfliktverhalten mit langer kultureller Vorgeschichte. Inwieweit die geschilderten Ausprägungen der Tat auch bei der modernen Form der amokähnlichen Phänomene als charakteristisch zu bezeichnen sind, soll hier verglichen werden.
Amokläufe bilden nach meiner Beobachtung die Voraussetzungen für Pressemitteilungen mit hohem Sensationsgehalt. In dieser Arbeit soll genauer untersucht werden, nach welchen Gesichtspunkten eine Nachricht als Amoktat klassifiziert und präsentiert wird. Als Grundlage für die Analyse der Meldungen habe ich nach einem inhaltsanalytischen Verfahren eine Datenerhebung durchgeführt. Hier sind Publikationen, die von den Presseagenturen bzw. den Zeitungsredaktionen mit Amok überschrieben wurden, gesammelt und in einer Statistik zusammengefasst worden. Mit Hilfe eines EDV-Programms wurden diese Daten ausgewertet, um ein mögliches Profil der so bezeichneten Amokläufer und ihrer Tat erstellen zu können. Möglicherweise lassen sich mit dieser Methode spezifische, wiederkehrende Merkmale ausmachen und allgemeine Kriterien daraus ableiten. Auch kann die Analyse eventuell Hinweise auf gesellschaftliche Hintergründe und Ursachen liefern, indem beispielsweise eine Häufung auslösender Momente festgestellt wird.
Bei vielen Amokläufen der Gegenwart werden Schusswaffen vom Täter eingesetzt. Besonders interessant erscheint mir deshalb eine genauere Betrachtung der Korrelation zwischen Waffenbesitz, Erfahrung mit dem Umgang von Waffen, sowie deren Benutzung in einer ausweglos erscheinenden Situation. In den vergangenen Jahren ist in verschiedenen westlichen Staaten eine Diskussion ausgelöst worden, die sich mit dem Zugang zu Waffen und mit seiner möglichen Beschränkung beschäftigt. Als Reaktion auf Gewalttaten mit hoher Opferzahl sind bereits verschiedene Gesetzesänderungen beraten oder auch schon verabschiedet worden. Insbesondere anhand der Entwicklung in Österreich soll dieser Prozess näher beleuchtet werden.
Nicht wenige Amokfälle scheinen aus alltäglichen Situationen heraus zu entstehen, die durch ihre Gewöhnlichkeit und Vertrautheit nicht darauf schließen lassen, dass sie Grundlage für eine extrem aggressive Handlung werden könnten. Hieraus ergibt sich eine weitere Fragestellung: Wird der potentielle Amokläufer zu seiner Tat bewegt, weil große Veränderungen in seinem Leben auftreten, denen er sich nicht gewachsen fühlt, oder sind es die alltäglichen Unzufriedenheiten, Demütigungen und Misserfolge, die sich summieren, und - ausgelöst durch eine Banalität - alle Selbstkontrolle unmöglich machen? Auch die Abgrenzung zwischen einer angestrebten Selbsttötung und einer nach außen gerichteten Aggression als Hauptmotivation der Täter ist schon allein deshalb problematisch, weil nicht wenige Amokläufer bei der Tat ums Leben kommen, entweder durch eigene Hand oder durch die Schüsse der Polizei. Lediglich in einigen wenigen Fällen gibt es Hinweise oder Aussagen, die Rückschlüsse auf mögliche Beweggründe zulassen und eine Differenzierung ermöglichen.
Der Amok wird gelegentlich als eine typisch männliche Tat angesehen. Die Untersuchung von Kriminalität und Gewalt als männlich besetzte Bereiche des täglichen Lebens würde den Umfang dieser Diplomarbeit übersteigen und bildet längst das Thema für eigenständige Untersuchungen, im Ansatz soll aber auch dieser Punkt beleuchtet werden. Obwohl die Medien oftmals einen gegenteiligen Eindruck vermitteln, handelt es sich bei Tötungshandlungen im Vergleich zu anderen Kriminalitätsformen um seltene Delikte. Der Amok als extreme Ausprägung schwerer Gewalttaten muss erst recht als außergewöhnliche Tat bezeichnet werden. Diese Ausnahmestellung führt dazu, dass sich an einigen Stellen ein Überblick über das Amok-Phänomen aus der Distanz leichter erreichen lässt als aus der unmittelbaren Nähe der Tatbetrachtung.
Inhaltsverzeichnis:
| Einleitung | 1 | |
| 1. | Definition | 4 |
| 2. | Der malaiische AMOK - Historische Entwicklung | 5 |
| 2.1 | Kultureller Hintergrund des malaiischen Amok | 9 |
| 2.2 | Pathologische Ursachen | 11 |
| 2.3 | Artverwandte Phänomene | 13 |
| 3. | Moderne Erscheinungsformen des Amok in der westlichen Welt | 17 |
| 3.1 | Abgrenzung zum Serienmörder / Massenmörder | 17 |
| 3.2 | Täterprofil und Tatmerkmale | 18 |
| 3.3 | Vergleich des traditionellen malaiischen Amok mit dem amokähnlichen Phänomen der westlichen Welt | 22 |
| 4. | Inhaltsanalytische Untersuchung | 27 |
| 4.1 | Ziele der Untersuchung | 27 |
| 4.2 | Material und Methoden | 29 |
| 4.3 | Datenstruktur | 29 |
| 4.3.1 | Zeitliche Verteilung | 31 |
| 4.3.2 | Geographische Verteilung | 31 |
| 4.4 | Ergebnisse der Untersuchung | 33 |
| 4.4.1 | Tätergeschlecht | 33 |
| 4.4.2 | Altersverteilung | 34 |
| 4.4.3 | Beruf der Täter | 35 |
| 4.4.4 | Familienstand | 36 |
| 4.4.5 | Tatmotiv | 37 |
| 4.4.6 | Täter-Opfer-Beziehung | 38 |
| 4.4.7 | Anzahl der verwendeten Waffen | 39 |
| 4.4.8 | Art der verwendeten Waffen | 40 |
| 4.4.9 | Waffenaffinität | 41 |
| 4.4.10 | Tatorte | 42 |
| 4.4.11 | Anzahl der Todesopfer | 43 |
| 4.4.12 | Anzahl der Verletzten | 44 |
| 4.4.13 | Tatausgang I (Ergreifung des Täters) | 45 |
| 4.4.14 | Tatausgang II (Suizid) | 46 |
| 4.4.15 | Diagnose | 47 |
| 4.4.16 | Auswertung der Frauengruppe | 48 |
| 4.5 | Zusammenfassung der Untersuchungsergebnisse | 49 |
| 4.5.1 | Angaben zum Täter | 49 |
| 4.5.2 | Angaben zum Tatvorfeld und Tatablauf | 50 |
| 4.5.3 | Angaben zum Tatausgang | 51 |
| 5. | Erörterung auffälliger Teilaspekte des Amok-Phänomens | 53 |
| 5.1 | Amok und Medien | 53 |
| 5.1.1 | Medieninteresse und Eigenschaften der Berichterstattung | 54 |
| 5.1.2 | Medien als auslösender Faktor? | 56 |
| 5.2 | Täterpersönlichkeit | 58 |
| 5.2.1 | Pathologische Auffälligkeiten der Täterpersönlichkeit | 58 |
| 5.2.2 | Jugendliche Amokläufer | 61 |
| 5.2.3 | Amok und Männlichkeit | 64 |
| 5.2.4 | Amoktäter und die Bedeutung von Waffen | 70 |
| 5.2.4.1 | „Waffennarren“ und der psychologische Symbolwert von Waffen | 71 |
| 5.2.4.2 | Korrelation von Beruf und Schusswaffenmissbrauch | 76 |
| 5.2.4.3 | Beziehungen schwerer Gewaltdelikte zum erlaubten Schusswaffenbesitz | 80 |
| a) | Australien | 80 |
| b) | Vereinigte Staaten von Amerika | 81 |
| c) | Großbritannien | 84 |
| d) | Schweiz | 85 |
| e) | Österreich | 86 |
| f) | Bundesrepublik Deutschland | 90 |
| 5.3 | Tatmotivation und Tatablauf | 92 |
| 5.3.1 | Amok-Fahrten | 92 |
| 5.3.2 | Partnerschaftskonflikte und die Bedeutung des erweiterten Suizids | 95 |
| 5.3.3 | Affekttaten und Amnesie | 98 |
| 5.3.4 | Soziale Bedingungen | 102 |
| 6. | Prävention | 104 |
| 7. | Zusammenfassende Schlußbetrachtung | 108 |
| ANHANG | 112 | |
| Literaturverzeichnis | 112 | |
| Fallverzeichnis | 116 | |
| Ausgewählte Beispiele für Pressemeldungen | 119 | |
| Ehrenwörtliche Erklärung | 127 |
gogen und Mitschüler dar. Besonders in der Phase der Adoleszenz fehlen Jugendlichen häufig die nötigen Handlungsmodelle zur Konfliktlösung. Die deutschen Publikationen weisen übereinstimmend darauf hin, daß in den USA einseitig in die eben genannten Richtungen analysiert werde. Besonders bei Taten Jugendlicher, die hohe Opferzahlen wie im Fall Jonesboro aufweisen, wird hingegen eine Verschärfung des Waffengesetzes in den USA gefordert.140 In den Vereinigten Staaten selbst ist die öffentliche Diskussion zwar ebenfalls von Forderungen nach schärferen Gesetzen geprägt, hier wird aber vorwiegend ein höheres Strafmaß für jugendliche Gewalttäter verlangt141; eine Reaktion, die auch in Deutschland in der jüngeren Vergangenheit verstärkt zu beobachten war. Die Aussage von Helmer aus dem Jahr 1975 hat hingegen meiner Ansicht nach auch heute noch Gültigkeit. Danach hat die Jugendkriminalität "ihre Wurzeln im Mangel an Identifikationsmöglichkeiten, der nicht durch Bestrafung an Jugendlichen vergolten werden kann."142 [...]
Obwohl Jugendliche bei der Ausführung schwerer Gewalttaten zahlenmäßig keine auffällige Gruppe darstellen, stellt sich doch die Frage nach möglichen Ursachen für jugendliche Amoktaten. Im Zusammenhang mit den veröffentlichten Amokläufen werden in der Presse vorwiegend Spekulationen geäußert, besonders ein möglicher Nachahmungseffekt durch gewalttätige Spielfilme wird mehrfach angenommen, auch fehlendes Verantwortungsgefühl in einer durch Konkurrenzdruck veränderten Gesellschaft werden als mögliche Ursachen genannt.139 Es existieren in Fällen jugendlicher Täter fast immer Warnsignale, so waren den in der Datensammlung ausgewerteten Fällen Androhungen allgemeiner oder konkreter Art vorausgegangen, die aber offensichtlich vom Umfeld nicht ausreichend gewürdigt wurden. Diese Ankündigungen wahrzunehmen und darauf zu reagieren, stellt nach meiner Einschätzung die eigentliche Herausforderung für Eltern, Päda137 138 [...]
festzustellen. So sank die Zahl der jugendlichen Mörder in den USA nach Angaben des US-Justizministeriums um 30 Prozent in den Jahren 1994 bis 1996.137 Bedauerlicherweise geben Kriminalstatistiken keine spezifische Auskunft über Amoktaten, weder bei jugendlichen noch bei erwachsenen Tätern. Allerdings bieten weder die im Jahr 1998 leicht gehäuft gemeldeten Fälle aus den Vereinigten Staaten noch die hier genannten statistischen Daten Anlaß zu der Vermutung, es gäbe einen großen oder sogar wachsenden Anteil jugendlicher Amokläufer. Auch die Kriminalstatistik des Statistischen Bundesamtes138 weist für die Bundesrepublik Deutschland einen nur geringen Anteil jugendlicher Täter aus, die durch ein Mord- oder Totschlagsdelikt in Erscheinung getreten sind. Danach wurden im Jahr 1991 insgesamt 128 Personen wegen Mordes und 368 wegen Totschlags verurteilt, der Anteil jugendlicher Täter liegt bei neun wegen Mordes bzw. acht wegen Totschlags Verurteilten. Die Gruppe der 18-21jährigen Täter hingegen stellt in nahezu allen Deliktgruppen den größten Anteil an den Verurteiltenzahlen dar. Auch die angegebenen Tatverdächtigenzahlen aus dem Jahre 1993 sowie Vergleichszahlen mit zurückliegenden Jahrgängen bestätigen diese Werte und zeigen eine hohe Konstanz der Altersverteilung sowie der Gesamtanzahl der Straftaten. [...]
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Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783832428365
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