Persönlichkeitsmodelle in ausgewählten Romanen Fay Weldons
- Art: Magisterarbeit
- Autor: Iris Lehmann
- Abgabedatum: September 1997
- Umfang: 123 Seiten
- Dateigröße: 779,4 KB
- Note: 1,0
- Institution / Hochschule: Westfälische Wilhelms-Universität Münster Deutschland
- ISBN (eBook): 978-3-8324-0765-0
-
ISBN (Paperback) :
978-3-8324-0765-0 P - ISBN (CD) :978-3-8324-0765-0 CD
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Lehmann, Iris September 1997: Persönlichkeitsmodelle in ausgewählten Romanen Fay Weldons, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Analyse von Charakterern, Struktur, Technik und Perspektive, Englischer Empirismus, Sozialbehavioristische Rollentheorie, Existentialismus, Multiple Persönlichkeitsstörung
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Magisterarbeit von Iris Lehmann
Gang der Untersuchung:
Die vier Hauptkapitel der Arbeit befassen sich mit jeweils einem Roman Fay Weldons. Verschiedene Theorien über die Konstitution der menschlichen Persönlichkeit aus den Bereichen Soziologie, Biologie, Philosophie und Psychologie werden zur Interpretation der Romane herangezogen. Insgesamt wird versucht, das Werk der Autorin in eine Strömung (post-)moderner Literatur einzuordnen, die sich zunehmend von der Vorstellung eines unveränderlichen Persönlichkeitskernes oder "wahren Selbst" distanziert.
Kapitel 2 behandelt Weldons zweiten Roman Down Among the Women (1971). Die Romanfiguren definieren sich zu Beginn - gemäß der anthropologischen Rollentheorie G.H. Meads - ausschließlich durch ihre sozialen Rollen. Dies hindert sie an der freien Entfaltung ihrer Persönlichkeit. Die Thematik spiegelt sich in der stereotypen und zweidimensionalen Darstellung der Charaktere wider, in der fragmentarischen Erzählstruktur und in der wechselnden Perspektive.
Kapitel 3 befaßt sich mit dem Roman Praxis (1978). Die Titelheldin ist ihr Leben lang vergeblich auf der Suche nach ihrem Selbst und erkennt schließlich, daß der Mensch sich ständig verändert und sich daher nie eindeutig definieren läßt. Die Erkenntnis stimmt weitgehend überein mit den Theorien der englischen Philosophen Locke und Hume, nach denen die Persönlichkeit die Summe aller Sinneseindrücke und Erfahrungen ist, die der Mensch im Verlauf seines Lebens sammelt. Die Unzuverlässigkeit der Erinnerung und damit des Selbstbildes wird durch die episodische Darstellungsweise und die Unzuverlässigkeit der Ich-Erzählerin unterstrichen.
Kapitel 4 untersucht den Roman The Life and Loves of a She-Devil (1983). Die extrem wandlungsfähige Protagonistin Ruth setzt die Existenzphilosophie Sartres von der absoluten Freiheit des Menschen, sich selbst zu erschaffen, wörtlich in die Tat um: Sie schlüpft in ständig wechselnde Rollen, um andere Menschen zu manipulieren, und gestaltet schließlich sogar ihren Körper neu. Durch die manipulierende Art ihrer Ich-Erzählung gelingt es ihr darüber hinaus, die Sympathien der Leser in die von ihr gewünschte Richtung zu steuern.
Kapitel 5 analysiert den Roman Splitting (1995). Protagonistin Angelica leidet unter einer Persönlichkeitsspaltung, die es ihr unmöglich macht, ein einheitliches Selbstbild zu entwickeln. Auch hier steht am Ende die Erkenntnis, daß es kaum möglich, geschweige denn wünschenswert ist, individuelle Eigenschaften zu unterdrücken, um sich zu einer konstanten, aber eindimensionalen "Persönlichkeit" zu entwickeln.
Das Fazit der Arbeit: Weldon betont in ihren Romanen die Dynamik und Unabschließbarkeit persönlicher Entwicklungsprozesse. Die Persönlichkeit läßt sich ihrer Auffassung nach nicht in ein allgemeingültiges Schema pressen: Sie ist vielschichtig und wandelbar und von jedem einzelnen subjektiv interpretierbar. Die Eigenverantwortung des Individuums für die eigene Persönlichkeit wird immer wieder hervorgehoben.
Inhaltsverzeichnis:
| 1. | Einleitung | 1 |
| 2. | Down Among the Women: Die Suche nach dem Selbst hinter den sozialen Rollen | 5 |
| 2.1 | Das sozialbehavioristische Persönlichkeitsmodell | 6 |
| 2.1.1 | Der Vergesellschaftungsprozeß | 7 |
| 2.1.2 | Die Fügung in die Rollen | 9 |
| 2.1.3 | Die Lösung von den Rollen | 12 |
| 2.1.4 | Individualismus und Kollektivität | 14 |
| 2.1.5 | Fiction of ideas | 16 |
| 2.2 | Das empirisch-pragmatische Persönlichkeitsmodell | 18 |
| 2.2.1 | Das dualistische Wertdenken | 18 |
| 2.2.2 | Die Anerkennung der Eigenverantwortung | 22 |
| 2.3 | Der auktoriale Ich-Erzähler | 23 |
| 2.4 | Zusammenfassung | 25 |
| 3. | Praxis: Kausalität und Kontinuität | 27 |
| 3.1 | Kindheit, Vererbung und Gesellschaft | 28 |
| 3.1.1 | Die Kindheit | 29 |
| 3.1.2 | Determinismus | 30 |
| 3.1.3 | Die biologische Begründung der Geschlechterrollen | 31 |
| 3.1.4 | Die Dekonstruktion der sozialen Rollen | 34 |
| 3.1.5 | Die Möglichkeit zur aktiven Veränderung | 35 |
| 3.2 | Das empiristische Persönlichkeitsmodell | 37 |
| 3.2.1 | John Locke: Vergangene Selbstzustände | 37 |
| 3.2.1.1 | Die Flucht vor der Vergangenheit | 38 |
| 3.2.1.2 | Die Anerkennung der Eigenverantwortung | 41 |
| 3.2.1.3 | Der Bildungsroman | 42 |
| 3.2.2 | David Hume: Die Diskontinuität der Erlebniszustände | 43 |
| 3.2.2.1 | Die Unzuverlässigkeit der Erinnerung | 44 |
| 3.2.2.2 | Die Wandelbarkeit der Persönlichkeit | 46 |
| 3.3 | Der quasi-autobiographische Ich-Erzähler | 47 |
| 3.4 | Zusammenfassung | 48 |
| 4. | The Life and Loves of a She-Devil: Die Freiheit zur Selbsterschaffung und die Aufhebung der Oppositionen | 50 |
| 4.1 | Das existentialistische Persönlichkeitsmodell | 51 |
| 4.1.1 | Determinismus und Rollenidentifikation | 52 |
| 4.1.1.1 | Metaphor-into-narrative | 54 |
| 4.1.2 | Die Lösung von deterministischen Beschränkungen und sozialen Rollen | 55 |
| 4.1.3 | Die Freiheit zur Selbsterschaffung | 57 |
| 4.1.4 | Die Wandelbarkeit der Persönlichkeit | 59 |
| 4.1.5 | Comedy of impersonation | 61 |
| 4.2 | Dualismus | 63 |
| 4.2.1 | Ruth: Erlöserin und Teufelin | 64 |
| 4.2.2 | Judge Bissop: Recht und Unrecht | 66 |
| 4.2.3 | Father Ferguson: Geist und Körper | 67 |
| 4.2.4 | Mary Fisher: Wahrheit und Lüge | 68 |
| 4.3 | Der manipulative Erzähler | 70 |
| 4.4 | Zusammenfassung | 72 |
| 5. | Splitting: Dissoziation und Multiplizität | 74 |
| 5.1 | Aspekte psychologischer Persönlichkeitsmodelle | 75 |
| 5.1.1 | Die holistische Persönlichkeitspsychologie des zwanzigsten Jahrhunderts | 75 |
| 5.1.2 | Die Multiple Persönlichkeitsstörung | 77 |
| 5.1.3 | Die Funktion von Dissoziationsstrategien | 79 |
| 5.1.4 | Die Suche nach dem Gleichgewicht | 82 |
| 5.2 | Das narrative Selbst | 84 |
| 5.2.1 | Die Erzählung der persönlichen Geschichte | 86 |
| 5.2.1.1 | Androgynie und Transzendenz der Geschlechterrollen | 88 |
| 5.2.2 | Die Revision der persönlichen Geschichte | 90 |
| 5.2.3 | Der Verlust der persönlichen Geschichte | 94 |
| 5.2.4 | Ein Haus mit vielen Zimmern | 95 |
| 5.3 | Die multiple Perspektive | 98 |
| 5.4 | Zusammenfassung | 99 |
| 6. | Fazit | 101 |
| Literaturverzeichnis | 106 |
3.2.2.2 Die Wandelbarkeit der Persönlichkeit Nach der teleologischen Weltsicht und dem Kausalitätsprinzip verursacht die Vergangenheit die Gegenwart.47 Die Annahme, daß die Art und Auswahl der Erinnerungen der gegenwärtigen Stimmung entspringen und sich mit der Zeit und den jeweiligen Lebensumständen verändern, setzt das Kausalitätsprinzip nicht nur außer Kraft, sondern kehrt es sogar um. Für Praxis erschafft die Gegenwart die Vergangenheit im gleichen Maß wie die Vergangenheit die Gegenwart erschafft: "This kind of mirror-effect ('experience experienced') reveals the past as structured by the present, as well as the other way around."48 Das Selbstbild, das die Erinnerung hervorbringt, ist einem ständigen Revisionsprozeß unterworfen. Bereits zu einem früheren Zeitpunkt in ihrer Erzählung versucht Praxis, die Tatsache, daß ihr Leben und sie selbst einem ständigen Wandel unterliegen, zu akzeptieren: "There is no finite point at which we can say, ah, I have arrived: I am saved: I am rich, successful, happy. We wake the next morning and see that we are not." (275) Das Gefühl der Einheit, das Praxis in der Haft entwickelt, stellt sich im Rückblick als Illusion heraus. Die Zeit im Gefängnis kommt einem vorübergehenden Stillstand des Lebensprozesses gleich. Es handelt sich um eine unnatürlich statische Lebensphase, in der Praxis sich bezeichnenderweise von ihrem Namen distanziert. Sie nennt sich Pat: "A dismissable, neutral name". (42) Praxis akzeptiert die Wandelbarkeit ihrer Persönlichkeit, indem sie sich nach der Entlassung aus dem Gefängnis zu ihrem ursprünglichen Namen bekennt. "Praxis" impliziert gemäß ihrer zu Beginn gegebenen Definition Bewegung, Wandel, Aktion und Unfestlegbarkeit: [...]
3.2.2.1 Die Unzuverlässigkeit der Erinnerung Die Identitätsbildung (oder Fiktionsbildung) nach dem empiristischen Modell setzt ein intaktes Erinnerungs- und Reflexionsvermögen voraus. Der Erinnerung fällt die Funktion zu, "die erinnerten Bewußtseinszustände der Reflexion zugänglich zu machen, die auf dem Wege einer nachträglichen Rationalisierung diese wiederum sinnhaft - etwa nach dem Ursache-Wirkungs-Schema aufeinander bezieht."44 Locke setzt in seinem Modell voraus, daß die Erinnerung an die Vergangenheit zuverlässig ist. Diese Prämisse wird später von Shaftesbury in Frage gestellt. Was der Mensch als authentische Erinnerung empfindet, könnte ebensogut ein "Traum" sein, und das Selbstbild, das sich aus dieser Erinnerung konstituiert, ebenso falsch, wie die erinnerte Vergangenheit.45 Praxis wird sich im Verlauf ihrer Erzählung immer mehr bewußt, daß ihre Erinnerung unzuverlässig ist. Bereits in ihrem früheren Leben empfindet sie Zweifel an der Zuverlässigkeit ihres Erinnerungsvermögens. Hilda konfrontiert sie mit einer Version vergangener Ereignisse, die ihrer eigenen Version widerspricht. Hilda beschreibt Praxis ihren Vater als Invaliden und Alkoholiker: "'Mother drove him to drink when she left him.'" (271) Hildas Aussagen sind unvereinbar mit Praxis' Erinnerungen an ihre Kindheit und an die spätere Begegnung mit ihrem Vater: [...]
3.2.2 David Hume: Die Diskontinuität der Erlebniszustände Während Locke in seinem Modell den Begriff der personalen Identität beibehält und rechtfertigt, wird die Identitätsvorstellung in David Humes radikalsensualistischem Ansatz in Frage gestellt. Hume hält die Annahme, man könne der Existenz Kontinuität zuschreiben, für ungerechtfertigt. Er definiert den Menschen als Bündel seiner Wahrnehmungen: "[A] bundle of different perceptions, which succeed each other with an inconceivable rapidity, and are in perpetual flux and movement."40 Da die Sinneseindrücke, die zu einem Identitätsgefühl beitragen, nicht das ganze Leben lang identisch, sondern flüchtig und variabel sind, kann auch das Identitätsgefühl nur flüchtig und variabel und somit nur eine Illusion sein. Für die Tatsache, daß sich überhaupt die Vorstellung von einer kontinuierlichen Existenz entwickeln kann, macht Hume die Unzulänglichkeit der menschlichen Sinne verantwortlich. Sie können die Vielfalt und Diskontinuität der Wahrnehmungen nicht durchschauen und vermitteln den Eindruck von Kontinuität. Das dem Menschen innewohnende Bedürfnis nach Kohärenz und Kausalität sowie die Angst vor dem Chaos und der Sinnlosigkeit der Existenz unterstützen diese Illusion.41 Identität ist, nach Hume, keine tatsächlich vorhandene Einheit, sondern ein Produkt der Einbildungskraft, die die Sinneseindrücke organisiert und im nachhinein in einen logischen Zusammenhang stellt.42 Der Erinnerung fällt die Funktion zu, die vergangenen Eindrücke und Erlebnisse zu ordnen und nachträglich kausale Zusammenhänge herzustellen. Kausalität entsteht, ebenso wie die Vorstellung vom Selbst, durch nachträgliche Rationalisierung, aus dem Bedürfnis heraus, "der menschlichen Existenz durch den Erweis von Kohärenz, Einheitlichkeit und Ganzheit eine gewisse Sinnhaftigkeit zuzuschreiben."43 [...]
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Arbeit zitieren:
Lehmann, Iris September 1997: Persönlichkeitsmodelle in ausgewählten Romanen Fay Weldons, Hamburg: Diplomica Verlag
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Analyse von Charakterern, Struktur, Technik und Perspektive, Englischer Empirismus, Sozialbehavioristische Rollentheorie, Existentialismus, Multiple Persönlichkeitsstörung



