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Persönlichkeitsmodelle in ausgewählten Romanen Fay Weldons

Persönlichkeitsmodelle in ausgewählten Romanen Fay Weldons
Über dieses Buch

Magisterarbeit von Iris Lehmann

Gang der Untersuchung:

Die vier Hauptkapitel der Arbeit befassen sich mit jeweils einem Roman Fay Weldons. Verschiedene Theorien über die Konstitution der menschlichen Persönlichkeit aus den Bereichen Soziologie, Biologie, Philosophie und Psychologie werden zur Interpretation der Romane herangezogen. Insgesamt wird versucht, das Werk der Autorin in eine Strömung (post-)moderner Literatur einzuordnen, die sich zunehmend von der Vorstellung eines unveränderlichen Persönlichkeitskernes oder "wahren Selbst" distanziert.

Kapitel 2 behandelt Weldons zweiten Roman Down Among the Women (1971). Die Romanfiguren definieren sich zu Beginn - gemäß der anthropologischen Rollentheorie G.H. Meads - ausschließlich durch ihre sozialen Rollen. Dies hindert sie an der freien Entfaltung ihrer Persönlichkeit. Die Thematik spiegelt sich in der stereotypen und zweidimensionalen Darstellung der Charaktere wider, in der fragmentarischen Erzählstruktur und in der wechselnden Perspektive.

Kapitel 3 befaßt sich mit dem Roman Praxis (1978). Die Titelheldin ist ihr Leben lang vergeblich auf der Suche nach ihrem Selbst und erkennt schließlich, daß der Mensch sich ständig verändert und sich daher nie eindeutig definieren läßt. Die Erkenntnis stimmt weitgehend überein mit den Theorien der englischen Philosophen Locke und Hume, nach denen die Persönlichkeit die Summe aller Sinneseindrücke und Erfahrungen ist, die der Mensch im Verlauf seines Lebens sammelt. Die Unzuverlässigkeit der Erinnerung und damit des Selbstbildes wird durch die episodische Darstellungsweise und die Unzuverlässigkeit der Ich-Erzählerin unterstrichen.

Kapitel 4 untersucht den Roman The Life and Loves of a She-Devil (1983). Die extrem wandlungsfähige Protagonistin Ruth setzt die Existenzphilosophie Sartres von der absoluten Freiheit des Menschen, sich selbst zu erschaffen, wörtlich in die Tat um: Sie schlüpft in ständig wechselnde Rollen, um andere Menschen zu manipulieren, und gestaltet schließlich sogar ihren Körper neu. Durch die manipulierende Art ihrer Ich-Erzählung gelingt es ihr darüber hinaus, die Sympathien der Leser in die von ihr gewünschte Richtung zu steuern.

Kapitel 5 analysiert den Roman Splitting (1995). Protagonistin Angelica leidet unter einer Persönlichkeitsspaltung, die es ihr unmöglich macht, ein einheitliches Selbstbild zu entwickeln. Auch hier steht am Ende die Erkenntnis, daß es kaum möglich, geschweige denn wünschenswert ist, individuelle Eigenschaften zu unterdrücken, um sich zu einer konstanten, aber eindimensionalen "Persönlichkeit" zu entwickeln.

Das Fazit der Arbeit: Weldon betont in ihren Romanen die Dynamik und Unabschließbarkeit persönlicher Entwicklungsprozesse. Die Persönlichkeit läßt sich ihrer Auffassung nach nicht in ein allgemeingültiges Schema pressen: Sie ist vielschichtig und wandelbar und von jedem einzelnen subjektiv interpretierbar. Die Eigenverantwortung des Individuums für die eigene Persönlichkeit wird immer wieder hervorgehoben.

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung 1
2. Down Among the Women: Die Suche nach dem Selbst hinter den sozialen Rollen 5
2.1 Das sozialbehavioristische Persönlichkeitsmodell 6
2.1.1 Der Vergesellschaftungsprozeß 7
2.1.2 Die Fügung in die Rollen 9
2.1.3 Die Lösung von den Rollen 12
2.1.4 Individualismus und Kollektivität 14
2.1.5 Fiction of ideas 16
2.2 Das empirisch-pragmatische Persönlichkeitsmodell 18
2.2.1 Das dualistische Wertdenken 18
2.2.2 Die Anerkennung der Eigenverantwortung 22
2.3 Der auktoriale Ich-Erzähler 23
2.4 Zusammenfassung 25
3. Praxis: Kausalität und Kontinuität 27
3.1 Kindheit, Vererbung und Gesellschaft 28
3.1.1 Die Kindheit 29
3.1.2 Determinismus 30
3.1.3 Die biologische Begründung der Geschlechterrollen 31
3.1.4 Die Dekonstruktion der sozialen Rollen 34
3.1.5 Die Möglichkeit zur aktiven Veränderung 35
3.2 Das empiristische Persönlichkeitsmodell 37
3.2.1 John Locke: Vergangene Selbstzustände 37
3.2.1.1 Die Flucht vor der Vergangenheit 38
3.2.1.2 Die Anerkennung der Eigenverantwortung 41
3.2.1.3 Der Bildungsroman 42
3.2.2 David Hume: Die Diskontinuität der Erlebniszustände 43
3.2.2.1 Die Unzuverlässigkeit der Erinnerung 44
3.2.2.2 Die Wandelbarkeit der Persönlichkeit 46
3.3 Der quasi-autobiographische Ich-Erzähler 47
3.4 Zusammenfassung 48
4. The Life and Loves of a She-Devil: Die Freiheit zur Selbsterschaffung und die Aufhebung der Oppositionen 50
4.1 Das existentialistische Persönlichkeitsmodell 51
4.1.1 Determinismus und Rollenidentifikation 52
4.1.1.1 Metaphor-into-narrative 54
4.1.2 Die Lösung von deterministischen Beschränkungen und sozialen Rollen 55
4.1.3 Die Freiheit zur Selbsterschaffung 57
4.1.4 Die Wandelbarkeit der Persönlichkeit 59
4.1.5 Comedy of impersonation 61
4.2 Dualismus 63
4.2.1 Ruth: Erlöserin und Teufelin 64
4.2.2 Judge Bissop: Recht und Unrecht 66
4.2.3 Father Ferguson: Geist und Körper 67
4.2.4 Mary Fisher: Wahrheit und Lüge 68
4.3 Der manipulative Erzähler 70
4.4 Zusammenfassung 72
5. Splitting: Dissoziation und Multiplizität 74
5.1 Aspekte psychologischer Persönlichkeitsmodelle 75
5.1.1 Die holistische Persönlichkeitspsychologie des zwanzigsten Jahrhunderts 75
5.1.2 Die Multiple Persönlichkeitsstörung 77
5.1.3 Die Funktion von Dissoziationsstrategien 79
5.1.4 Die Suche nach dem Gleichgewicht 82
5.2 Das narrative Selbst 84
5.2.1 Die Erzählung der persönlichen Geschichte 86
5.2.1.1 Androgynie und Transzendenz der Geschlechterrollen 88
5.2.2 Die Revision der persönlichen Geschichte 90
5.2.3 Der Verlust der persönlichen Geschichte 94
5.2.4 Ein Haus mit vielen Zimmern 95
5.3 Die multiple Perspektive 98
5.4 Zusammenfassung 99
6. Fazit 101
Literaturverzeichnis 106

Automatisiert erstellter Textauszug:

3.2.2.2 Die Wandelbarkeit der Persönlichkeit Nach der teleologischen Weltsicht und dem Kausalitätsprinzip verursacht die Vergangenheit die Gegenwart.47 Die Annahme, daß die Art und Auswahl der Erinnerungen der gegenwärtigen Stimmung entspringen und sich mit der Zeit und den jeweiligen Lebensumständen verändern, setzt das Kausalitätsprinzip nicht nur außer Kraft, sondern kehrt es sogar um. Für Praxis erschafft die Gegenwart die Vergangenheit im gleichen Maß wie die Vergangenheit die Gegenwart erschafft: "This kind of mirror-effect ('experience experienced') reveals the past as structured by the present, as well as the other way around."48 Das Selbstbild, das die Erinnerung hervorbringt, ist einem ständigen Revisionsprozeß unterworfen. Bereits zu einem früheren Zeitpunkt in ihrer Erzählung versucht Praxis, die Tatsache, daß ihr Leben und sie selbst einem ständigen Wandel unterliegen, zu akzeptieren: "There is no finite point at which we can say, ah, I have arrived: I am saved: I am rich, successful, happy. We wake the next morning and see that we are not." (275) Das Gefühl der Einheit, das Praxis in der Haft entwickelt, stellt sich im Rückblick als Illusion heraus. Die Zeit im Gefängnis kommt einem vorübergehenden Stillstand des Lebensprozesses gleich. Es handelt sich um eine unnatürlich statische Lebensphase, in der Praxis sich bezeichnenderweise von ihrem Namen distanziert. Sie nennt sich Pat: "A dismissable, neutral name". (42) Praxis akzeptiert die Wandelbarkeit ihrer Persönlichkeit, indem sie sich nach der Entlassung aus dem Gefängnis zu ihrem ursprünglichen Namen bekennt. "Praxis" impliziert gemäß ihrer zu Beginn gegebenen Definition Bewegung, Wandel, Aktion und Unfestlegbarkeit: [...]

3.2.2.1 Die Unzuverlässigkeit der Erinnerung Die Identitätsbildung (oder Fiktionsbildung) nach dem empiristischen Modell setzt ein intaktes Erinnerungs- und Reflexionsvermögen voraus. Der Erinnerung fällt die Funktion zu, "die erinnerten Bewußtseinszustände der Reflexion zugänglich zu machen, die auf dem Wege einer nachträglichen Rationalisierung diese wiederum sinnhaft - etwa nach dem Ursache-Wirkungs-Schema aufeinander bezieht."44 Locke setzt in seinem Modell voraus, daß die Erinnerung an die Vergangenheit zuverlässig ist. Diese Prämisse wird später von Shaftesbury in Frage gestellt. Was der Mensch als authentische Erinnerung empfindet, könnte ebensogut ein "Traum" sein, und das Selbstbild, das sich aus dieser Erinnerung konstituiert, ebenso falsch, wie die erinnerte Vergangenheit.45 Praxis wird sich im Verlauf ihrer Erzählung immer mehr bewußt, daß ihre Erinnerung unzuverlässig ist. Bereits in ihrem früheren Leben empfindet sie Zweifel an der Zuverlässigkeit ihres Erinnerungsvermögens. Hilda konfrontiert sie mit einer Version vergangener Ereignisse, die ihrer eigenen Version widerspricht. Hilda beschreibt Praxis ihren Vater als Invaliden und Alkoholiker: "'Mother drove him to drink when she left him.'" (271) Hildas Aussagen sind unvereinbar mit Praxis' Erinnerungen an ihre Kindheit und an die spätere Begegnung mit ihrem Vater: [...]

3.2.2 David Hume: Die Diskontinuität der Erlebniszustände Während Locke in seinem Modell den Begriff der personalen Identität beibehält und rechtfertigt, wird die Identitätsvorstellung in David Humes radikalsensualistischem Ansatz in Frage gestellt. Hume hält die Annahme, man könne der Existenz Kontinuität zuschreiben, für ungerechtfertigt. Er definiert den Menschen als Bündel seiner Wahrnehmungen: "[A] bundle of different perceptions, which succeed each other with an inconceivable rapidity, and are in perpetual flux and movement."40 Da die Sinneseindrücke, die zu einem Identitätsgefühl beitragen, nicht das ganze Leben lang identisch, sondern flüchtig und variabel sind, kann auch das Identitätsgefühl nur flüchtig und variabel und somit nur eine Illusion sein. Für die Tatsache, daß sich überhaupt die Vorstellung von einer kontinuierlichen Existenz entwickeln kann, macht Hume die Unzulänglichkeit der menschlichen Sinne verantwortlich. Sie können die Vielfalt und Diskontinuität der Wahrnehmungen nicht durchschauen und vermitteln den Eindruck von Kontinuität. Das dem Menschen innewohnende Bedürfnis nach Kohärenz und Kausalität sowie die Angst vor dem Chaos und der Sinnlosigkeit der Existenz unterstützen diese Illusion.41 Identität ist, nach Hume, keine tatsächlich vorhandene Einheit, sondern ein Produkt der Einbildungskraft, die die Sinneseindrücke organisiert und im nachhinein in einen logischen Zusammenhang stellt.42 Der Erinnerung fällt die Funktion zu, die vergangenen Eindrücke und Erlebnisse zu ordnen und nachträglich kausale Zusammenhänge herzustellen. Kausalität entsteht, ebenso wie die Vorstellung vom Selbst, durch nachträgliche Rationalisierung, aus dem Bedürfnis heraus, "der menschlichen Existenz durch den Erweis von Kohärenz, Einheitlichkeit und Ganzheit eine gewisse Sinnhaftigkeit zuzuschreiben."43 [...]

Arbeit zitieren:
Lehmann, Iris September 1997: Persönlichkeitsmodelle in ausgewählten Romanen Fay Weldons, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Analyse von Charakterern, Struktur, Technik und Perspektive, Englischer Empirismus, Sozialbehavioristische Rollentheorie, Existentialismus, Multiple Persönlichkeitsstörung

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