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Patrick Süskind: Das Parfum

Ein Unterrichtsentwurf für die Sekundarstufe II

Patrick Süskind: Das Parfum
Über dieses Buch
  • Art: MA-Thesis / Master
  • Autor: Daniel Bleckmann
  • Abgabedatum: März 2008
  • Umfang: 67 Seiten
  • Dateigröße: 1,1 MB
  • Note: 1,3
  • Institution / Hochschule: Ruhr-Universität Bochum Deutschland
  • Bibliografie: ca. 63
  • ISBN (eBook): 978-3-8366-2013-0
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Bleckmann, Daniel März 2008: Patrick Süskind: Das Parfum, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Süskind, Parfum, Handlungsorientierung, Unterrichtsversuch, Filmanalyse

MA-Thesis / Master von Daniel Bleckmann

Einleitung:

Patrick Süskinds polarisierende Geschichte stand nach ihrem Erscheinen 1985 über 316 Wochen an der Spitze der Lesercharts. Das Parfum wurde in 46 Sprachen übersetzt und über 15 Millionen Exemplare wurden bisher verkauft, ein beispielsloser Erfolg seit Remarques Im Westen nichts Neues, der die Kritiker zur Einführung der neuen Kategorie des ‘Longsellers’ greifen ließ. Besonders im Schulkontext der späten 80er und bis zur Jahrtausendwende hinein setzte der Roman seine beachtenswerte Präsenz fort und avancierte zu einer kanonischen Lektüre für den Deutschunterricht. 2006 gelangte das Werk dann wieder in den Fokus der Öffentlichkeit, als der Regisseur Tom Tykwer seine Romanversion auf die Kinoleinwand brachte. Über den qualitativen Gehalt dieser Adaption mag und muss man streiten - auch im Deutschunterricht.

Das Medium ‘Buch’ hat mit dem Medium ‘Film’ einen produktiven und keinesfalls konkurrierenden Partner bekommen, deren gemeinsamen Einsatz im Deutschunterricht ich als sehr fruchtbar erachte. Denn als mittlerweile ‚vierte literarische Großgattung’ impliziert der Spielfilm im Textbegriff der Germanistik seit nun mehr zwei Jahrzehnten. Von einem ‚offenen Austauschverhältnis mit den Printmedien’ wird gesprochen, denn während auch derzeit zahlreiche gedruckt-literarische Vorlagen in Filmen adaptiert werden, wirken sich umgekehrt seit nunmehr 100 Jahren auch Kinofilme und ihre Ästhetik auf die schriftliche Erzählweise aus. Eine Behandlung auch der Filmadaption in einem didaktischen Unterrichtsentwurf, in dessen Fokus Süskinds Roman steht, erachte ich daher für unumgänglich.

In dieser Arbeit werden in einem ausführlichen literaturwissenschaftlichen Teil zunächst all jene Aspekte aufgezeigt, die in dem nachfolgenden Unterrichtsentwurf thematisiert werden. In dieser Sachanalyse steht eindeutig der didaktische Schwerpunkt im Vordergrund, weshalb davon abgesehen wurde, die gesamte verfügbare wissenschaftliche Sekundärliteratur zum Roman, zur Person des Autors sowie zum Begriff der Postmoderne zu zitieren. Vielmehr wird hier eine sorgsame Auswahl aus dieser getroffen. Überdies werden nur jene Aspekte aufgegriffen, deren thematische Essenz auch im Unterricht Anwendung findet. Nach weiteren Betrachtungen zur Gattungsdiskussion, dem Erzählstil Süskinds und zwei möglichen Interpretationsansätzen folgt im didaktischen Teil dieser Arbeit der Entwurf einer Unterrichtssequenz zum Roman. Dabei sind die einzelnen Stunden vom Einstieg bis zur Abschlussdiskussion nur in Ansätzen ausgearbeitet, während die Doppelstunde zur Filmanalyse detailliert dargestellt wird. Eine kritische Stellungnahme zu didaktischen Konzepten, der Nutzbarkeit des Romans im Deutschunterricht sowie eine Reflexion des eigenen Unterrichtsentwurfs schließen diese Arbeit ab.

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung 1
2. Sachanalyse 2
2.1 Autor und Werk 2
2.2 Inhalt und Struktur 3
2.3 Die Zeit: Postmoderne 9
2.4 Postmoderne Stilmittel im Roman Das Parfum 12
2.5 Formen des Erzählens 16
2.5.1 Die Erzählperspektive 16
2.5.2 Der Erzählstil 17
2.5.3 Die Figurengestaltung 20
2.5.4 Die Beziehung von Autor, Leser und Text 26
2.6 Themen & Motive 27
2.6.1 Illusion und Theatertechnik 28
2.6.2 Die Teufelsthematik 31
2.7 Die Filmadaption und Kritik 36
3. Didaktik 38
3.1 Der Roman im Unterricht 38
3.2 Didaktischer Ansatz: Handlungs- und produktionsorientierter Unterricht 39
3.3 Gliederung 40
3.4 Detailplanung der Stunden 42
3.4.1 Stunde 1: Einstieg in die Bestsellerthematik 43
3.4.2 Stunde 2: Inhalt 45
3.4.3 Stunde 3+4: Struktur und der Entwicklungsroman 46
3.4.4 Stunde 5+6: Figuren 47
3.4.5 Stunde 7+8: Grenouille als Mörder und der Kriminalroman 48
3.4.6 Stunde 9+10: Teufelsthematik und der monströse Roman 49
3.4.7 Stunde 11: Gattungsdiskussion 49
3.4.8 Stunde 12: Zeit (Postmoderne) 50
3.4.9 Stunde 13+14: Sprache und Stil 50
3.4.10 Stunde 15: Olfaktorik (Interdisziplinär) 51
3.4.11 Stunde 16+17: Theatermetaphorik 52
3.4.12 Stunde 18+19: Filmadaption 52
3.4.13 Stunde 20: Rezension 53
3.4.14 Stunde 21: Abschlussdiskussion 53
3.5 Lernziele 54
3.6 Stunde 19: Visuelles Erzählen 54
3.6.1 Didaktische Überlegungen 54
3.6.2 Methodische Überlegungen und Rahmenbedingungen 55
3.6.3 Gliederung der Unterrichtstunde 57
3.6.4 Umsetzung der Unterrichtsstunde 59
4. Kritische Stellungnahme zum Unterrichtsentwurf 60
5. Literaturverzeichnis 62

Textprobe:

Der Teufel war nicht erst auf mittelalterlicher Bühne und postmoderner Leinwand eine gern gewählte Figur. Die Personifizierung des Bösen in einer oder mehrerer Göttergestalten findet sich in fast allen Religionsformen (mono- und polytheistisch, animistisch etc.). In der christlichen Tradition ist der Satan (hebräisch für Widersacher) der Gegenspieler Gottes. Die christliche Kunst verlieh dem Satan eine Vielzahl von tierischen Attributen, die mit zerstörerischem Chaos, Grauen oder Krankheit assoziiert wurden oder die Eigenschaften der vorchristlichen Göttergestalten symbolisierten. Auch Grenouille ist ein Teufel. Seine unmenschliche Karriere beginnt bereits mit seiner Geburt. Geboren in einer höllenhaften Umgebung, nahe eines Friedhofs auf dem die sterblichen Überreste der ungetauften, armen und ausgestoßenen Menschen in Massengräber geworfen werfen, fällt er, dieser Auswurf der Gesellschaft und nicht etwa von den weichen und engelsgleichen Händen eine Hebamme geholt, in eine Anhäufung von Blut und Gedärm und damit in die buchstäblichen Hände von ‘Tod und Teufel’. Mit seiner ersten Tat bringt der frisch abgenabelte Säugling seine Mutter an den Galgen und entsagt damit dem Reich Gottes.

In den Beschreibungen seiner äußerlichen Attribute wird dem Leser an diversen Stellen im Roman deutlich gemacht, um welche Art ‘Tier-Wesen’ er es mit Grenouille zu tun bekommt: Er ‘sieht mit den Nüstern’, die sich ‘wie die Näpfe jener kleinen fleischfressenden Pflanze’ aufblähen. Grenouilles Handlungen sind von ‘zischeln, verharren, lauern, krächzen und schnarren’ gekennzeichnet. Sein Körper weist diverse Vernarbungen und Hautirritationen auf und später kommen noch der Hink- und Schleppfuß dazu sowie Krankheiten Grenouilles Äußeres weiter unmenschlicher entarten lassen. Seine Konstitution scheint übermenschlicher Natur zu sein, denn er überlebt nicht nur die Krankheiten Masern, Windpocken, Ruhr, Cholera und Milzbrand, sondern übersteht auch einen Sechsmetersturz in einen Brunnen und Verbrühungen mit kochendem Wasser. Hunger, Durst und Kälte spürt er ebenfalls nicht und Grenouille gibt sich, einem ‘resistenten Bakterium’ gleichend, mit Nahrungsabfall zufrieden.

Das teuflische, weil tierische Wesen Grenouilles ist zu Beginn seiner Passion jedoch noch von einem Schleier der Harmlosigkeit bedeckt, dem er sich jedoch in Folge seines geniehaften Aufstiegs immer mehr entledigt, bis letztendlich der Dämon am Ende des Romans in einer schwarzen Messe seine Maske fallen lässt und sich als der Leibhaftige fern aller bloßen Accessoires offenbart. Trotzdem wird seine unheilige Natur bereits im Säuglingsalter von der gläubig wie abergläubischen Amme Bussie entlarvt, denn wie den anderen literarischen Teufelsgestalten und -paktierern in der Nichtexistenz von Schatten, Seele oder einfach nur menschlicher Physiologie das jeweils spezifisch Menschliche fehlt, mangelt es Grenouille an einem eigenen Geruch, den Ausdünstungen einer eigenen Seele und damit der Zuteilung zur Welt der Gotteskinder. Auch die Instanz der Kirche, die in Pater Terrier ihre Gestalt hat, gelangt zu der Ansicht, dass von diesem ‘fremden, kalten Wesen’, ein ‘unheimlicher Sog’ ausgeht. Obwohl weitestgehend aufgeklärt, rutscht diesem faustschen Studienbruder fast der Versprecher heraus, das Kind als Teufelsbrut zu klassifizieren. Schnellen Schrittes entledigt sich dieser gemäßigte Inquisitor des Moses-Körbchens und verbrennt daraufhin betend in einem Exorzismus seine unrein gewordene Kleidung. Diese beiden ersten Figuren, die den Lebensweg des Teufels Grenouilles säumen, ereilt dasselbe Schicksal, wie es nach ihnen noch weiteren Teufelsverbündeten widerfahren wird. Nachdem das dämonische Band durchtrennt ist, der Pakt sich aufgelöst hat, sterben sie plötzlich und unverhofft, denn der Lebensatem des einst auf den blutigen Abfallhaufen des Marktes/Friedhofs ‘gefallenen Engel’ hat sie nun verlassen.

Neben seiner unsichtbaren unheiligen Aura wird Grenouille auch direkt durch tierische Attribute und Verhaltensweisen beschrieben. Wie ein Sohn des Herrn der Fliegen, Schlangen, Ratten und Frösche, wie ein Ungeziefer, wittert und erjagt Grenouille die Gerüche der Stadt still wie ein ‘Raubfisch’, nur mit dem ‘Blick seiner Nase’ und zudem meist nachts, weil ihn das ‘Sehen mit den Augen’ schmerzt. Die anderen Kinder im Kinderheim von Madame Gaillard und auch Pater Terrier ekeln sich vor ihm, wie vor einem Spinnentier und letzterer betrachtet ihn abfällig zudem ‘wie eine kleine schwarze Kröte’. Der unerfolgreichen aber dennoch geordneten Lebenswelt Baldinis verschafft sich Grenouille ‘schlangenhaft zischelnd’ Zugang und der Marquis attestiert ihm, der während seiner langen Selbstversuchung in der wüsten Bergwelt gar Fledermäuse, Raben und Ratten verzehrt hat, letztendlich ‘maulwurfhafte Züge’, bevor er ihn in einen Kessel zum ‘Kochen’ steckt.

Doch in allen monströsen, biologischen und religiös-symbolischen Sammelsurien von Dipteren, Arachniden und Rodentia findet sich die deutlichste Metapher in der Gestalt der Zecke (siehe nebenstehender Exkurs).

Einen Impfstoff gegen diese ‘Zecken-Krankheiten’ haben die Figuren, die dem Zeck Grenouille im Laufe der Handlung als Wirte gelten, nicht. Die meisten sterben nachdem die Zecke sie verlassen, nachdem sie ihren Hunger gestillt, sie vollends ausgesaugt und nach ihrem Vorteil - ohne das die Opfer etwas davon (dem Stich) gemerkt haben -, ausgenutzt hat. Denn wenn sich die Rötung der Stichstelle, das Mal der Erkenntnis eingestellt hat, ist es bereits zu spät.

Zum ersten Mal wird der Zeckenvergleich im Kontext von Grenouilles Aufenthalt bei Madame Gaillard gezogen. Gleich einer ‘einsamen’, ‘blinden’, ‘tauben’ und natürlich auch ‘stummen’ Zecke verhält sich auch Grenouille ‘bockig, eklig und stur’. Da dieser zu diesem Zeitpunkt noch ein Baby ist, wird die Distanz umso deutlicher aufgebaut. Wenn Grenouille später an den Gerber Grimal weitergereicht wird, verkapselt er sich wieder, hält sich im Hintergrund und übersteht ‘die Epoche der bevorstehenden Eiszeit (…), das Licht der Lebenshoffnung auf kleinster, aber wohl behüteter Flamme haltend.. Die Zeckenmetapher dominiert die erste Hälfte der Handlung und wird von Süskind immer dann gebraucht, wenn sich Grenouille entweder in einer lebensbedrohenden Situation befindet (Aufenthalt bei Gaillard und Grimal) oder sich auf der Schwelle zu einem neuen Lebensabschnitt befindet (Lehre bei Baldini): ‘Der Zeck hatte Blut gewittert. Jahrelang war er still gewesen, in sich verkapselt, und hatte gewartet. Jetzt ließ er sich fallen auf Gedeih und Verderb (…)’. Der ‘letzte Fall’ der Zecke findet statt, als Grenouille sich zum Massenmord entschließt. Danach hat sich auch die Metapher von der Zecke erübrigt und diese dankt zugunsten des nun menschentypischeren Entwicklungsverlaufs Grenouilles ab.

Arbeit zitieren:
Bleckmann, Daniel März 2008: Patrick Süskind: Das Parfum, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Süskind, Parfum, Handlungsorientierung, Unterrichtsversuch, Filmanalyse

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