Parteien als lernende Organisationen
Ein Weg zur Verbesserung ihrer Lernfähigkeit
- Art: Staatsexamensarbeit
- Autor: Daniel Holstein
- Abgabedatum: Juli 2003
- Umfang: 85 Seiten
- Dateigröße: 653,9 KB
- Note: 1,7
- Institution / Hochschule: Universität Bielefeld Deutschland
- ISBN (eBook): 978-3-8324-7558-1
-
ISBN (Paperback) :
978-3-8324-7558-1 P - ISBN (CD) :978-3-8324-7558-1 CD
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Holstein, Daniel Juli 2003: Parteien als lernende Organisationen, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Organisationslernen, Politik, Demokratieinnovation, Lernfähigkeit
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Staatsexamensarbeit von Daniel Holstein
Einleitung:
Demokratie als Steuerungsinstrument von Gesellschaften ist zu einem Erfolgsmodell in der Geschichte der Menschheit geworden. Keine andere Staatsform kann auf eine ähnliche Erfolgsbilanz in punkto Sicherheit, Wohlstand und persönlicher Freiheit blicken. Verantwortlich dafür ist ein politisches System, in dem starke Lernimpulse institutionalisiert sind: Nur über relativ kurze Zeit wird Regierungsmacht übertragen; es gibt feste Regeln wie um diese Regierungsmacht gestritten wird; prinzipiell hat jeder Zugang zur politischen Arena und kann Ideen einbringen; Politik muss sich in einer autonomen Öffentlichkeit darstellen und rechtfertigen. Dadurch werden „die Machtlagen [...] in einer Demokratie ständig instabil gehalten. Diese gewollte und geregelte Instabilität der Macht in der Demokratie nötigt alle politischen Akteure, ständig zu lernen.“ (Kielmannsegg 1988, 88) Der Wettbewerbsgedanke um Zustimmung der Bürger hat autoritäre Formen der Gesellschaftssteuerung, wie das „realpraktizierte“ sozialistische Modell, erfolgreich beerbt bzw. überlebt.
In einer zunehmend komplexer werdenden Welt stoßen westliche Demokratien aber an ihre Steuerungsgrenzen, ihre bisherigen Lernstrategien zur Problemlösung scheinen in Zeiten dynamischen Wandels den Entwicklungen hinterherzulaufen. Der Wandel ist heutzutage gekennzeichnet durch eine gesteigerte Anzahl von Einflussfaktoren, die Wechselbeziehungen zwischen diesen und durch eine große Sprunghaftigkeit, d.h. der Wandel verläuft nicht kontinuierlich, sondern ist eher durch große Fortschritte geprägt (Schmitz 1996, 24).
Wurde bisher in Demokratien aus der Vergangenheit gelernt und nicht-erfolgreiches abgewählt, muss heute vielfach gelernt werden „durch Antizipation der Zukunft [...]; womit gemeint ist: die langfristigen Folgen der Entscheidung und der Nicht-Entscheidung von heute müssen so in Rechnung gestellt werden, als träfen sie uns hier und heute.“ (Kielmannsegg 1988, 95) Es ist eine nicht unwesentliche Herausforderung, aus Erfahrungen zu lernen, die man noch nicht gemacht hat bzw. überhaupt nicht machen kann. Dies trifft im Besonderen auch auf die großen langfristigen Probleme zu, die die Stabilität von westlichen Demokratien bedrohen, wie die Staatsverschuldung, die demographische Entwicklung oder die Umwelt-Übernutzung. Scheinbar haben Demokratien größte Probleme einer vorausschauenden Steuerung, die sich durch Maßnahmen in der Gegenwart auszeichnet.
In Deutschland scheint dieses allgemeine politische Lerndefizit im Vergleich zu anderen westlichen Demokratien besonders ausgeprägt zu sein, wenn man Vergleichen im Bereich Bildung (PISA-Studie), Wirtschaftsentwicklung als Grundlage von Wohlstand oder Gesundheitswesen glauben darf.
Wenn man sich die Beteiligten am politischen System in der Bundesrepublik anschaut, trifft man auf verschiedene Akteure: Wähler, Regierungen, Parteien, Regierungsbürokratien, organisierte Interessen (Lobbies) etc., die mehr oder weniger stark Einfluss auf die gesellschaftliche Entwicklung haben. An dieser Stelle soll die Rolle von Parteien analysiert werden. Sie sind m.E. die Schlüsselspieler, wenn es um die Lernfähigkeit von Demokratien geht, weil sie zwei wesentliche Elemente konstituieren:
Regierungen. Parteien in repräsentativen Demokratien stellen und kontrollieren die Exekutive. Bürgermeister und Regierungsmitglieder können nur so gut sein wie die Parteien, aus denen sie kommen! Entfernt sich eine Regierung zu weit von den kulturellen und inhaltlichen Grenzen einer Partei, ist großer Ärger vorhersehbar. Die Debatte um die Agenda 2010 in der SPD veranschaulicht dies.
Strukturen. Seit langem wird über die Wucherungen der föderalen Verfasstheit der Bundesrepublik diskutiert und dies parteiübergreifend als Problem anerkannt, weil sie bei bestimmten, oft vorherrschenden Konstellationen zu einer Selbstblockade von Bundespolitik führt. Das gleiche gilt für die zeitlich versetzten Wahlen auf Landes- und Bundesebene, durch die Politik häufig auf Wahlkämpfe Rücksicht nehmen muss. Parteien haben nicht nur auf Bundesebene die Gestaltungsmacht solche Strukturen zu ändern, die maßgeblichen Einfluss auf die Qualität von Ergebnissen haben.
Wenn man sich die Beurteilung der Arbeit von Parteien in der Öffentlichkeit und der Wissenschaft anschaut, ist diese wenig schmeichelhaft. Die Krise der Parteien wird nicht nur in Boulevardblättern beschworen, sondern auch in der Politikwissenschaft und verwandten Bereichen herrscht ausnahmsweise Einigkeit. Walter (2001, 6) bestätigt Parteien, dass sie „entkernt, ermattet, ziellos“ sind. Von Alemann (1998, 35) formuliert die Auswirkungen folgendermaßen: „Gerade für die Modernisierung des Staates - um ein wichtiges Beispiel aufzugreifen - lässt sich in den Parteien meist nur Stagnation konstatieren. Weder programmatisch und praktisch, noch organisationsstrukturell und politisch strategisch sind die Parteien auf der Höhe der Zeit. Dieses für die Erhaltung eines aktiven Wirtschafts- und Sozialstaates wichtige Thema wird in Deutschland – verglichen mit anderen Ländern – nur mit erheblicher Verzögerung und verminderter Innovationsbereitschaft aufgenommen.“ Plasser (1992, 15) fasst für traditionelle Großparteien denn auch zusammen, dass sie „lern- und anpassungsgestörte, von der gesellschaftlichen Realität weitgehend abgeschottete, überdehnte und erstarrte Organisationen sind, die den Kontakt zu Wählern verloren haben, auf die entscheidenden Fragen keine Antwort mehr geben können, Vergangenes verwalten, statt die Zukunft zu gestalten und einer stetigen Erosion in Form eines schleichenden Niedergangs ausgesetzt sind.“ In der Literatur und in Parteien findet man diverse Vorschläge, wie man der Leistungskrise der Parteien begegnen kann. Von Aleman (2000, 152) sieht drei große Strömungen in der Politikwissenschaft: Durch „alle Macht den Wählern“ werden Ansätze wie in Amerika befürwortet, die Kandidatenaufstellungen von Parteien auch durch Nicht-Parteimitglieder, sogenannte „primaries“, vorschlagen; durch „alle Macht den Mitgliedern“ müssen sich Parteieliten stärker an den politischen Gestaltungsbedürfnissen der einfachen Parteimitglieder orientieren und durch „alle Macht den Profis“ werden Professionalisierungsanstrengungen im hauptamtlichen Bereich gefordert, die sich von der Idee einer Mitgliederpartei verabschiedet haben. Alle drei Ansätze haben das Potential Parteien teilweise aus ihrer Erstarrung zu lösen. In ihrer tatsächlichen Umsetzung halte ich sie aber für utopisch. Meine Ausgangsthese in dieser Arbeit lautet nämlich: Parteien besitzen momentan in keinster Weise die Fähigkeit sich adäquat zu reformieren. Ihnen fehlen die organisatorischen bzw. organisationskulturellen Voraussetzungen schnell, reibungslos und nachhaltig zu lernen. Die drei Eigenschaften fehlen in der Lernfähigkeit von Parteien, was in Kapitel 2 deutlich wird. Sie stellen die Konkretisierung des Titels dieser Arbeit dar, in der von einer Verbesserung der Lernfähigkeit die Rede ist.
Die vorliegende Arbeit richtet den Fokus auf die Lernfähigkeit von Parteien. Dabei ist nicht das Ergebnis dieser neuen Lernfähigkeit Untersuchungsgegenstand, sondern das Aufzeigen von Wegen, wie Prozesskompetenzen zu einer besseren internen Steuerung aussehen. Antworten werden dabei im Bereich der Organisationssoziologie gesucht, die sich seit längerer Zeit Gedanken über Lernfähigkeit unter den Oberbegriffen Organisationslernen (OL) bzw. lernende Organisation macht. Die Bandbreite der Organisationswirklichkeit der verschiedenen Parteien in Deutschland mit ihrer Vielschichtigkeit kann dabei nicht beleuchtet werden. Stattdessen werden allgemeine Lernbarrieren und übergreifende Muster diagnostiziert, die sich mehr oder weniger in allen Parteien, auf allen Ebenen und in den vielfältigen Konfliktlinien wiederfinden. Passive Mitglieder werden in den Ausführungen nicht berücksichtigt, der Fokus liegt eindeutig auf den Aktiven, sowohl im Haupt- als auch Ehrenamt.
Zum inhaltlichen Vorgehen: Zunächst wird bei der Entwicklung der Fragestellung (Kapitel 2) der Begriff der Lernfähigkeit erläutert und hinsichtlich der zwei vordringlichsten Ziele von Parteien überprüft: dem Machterwerb bzw. dessen Sicherung und der Lösung von gesellschaftlichen Problemen, auf die sie einen bestimmten Fokus haben. Es wird deutlich werden, dass Parteien nicht die organisatorischen Voraussetzungen haben, um ihre selbst gesteckten Ziele zu verwirklichen. Aus diesem Dilemma werden explorativ fünf lernhemmende Kernursachen herausgefiltert und analysiert, die die Ausgangsbasis für den Theorieteil darstellen. Zum Aufbau organisationaler Lernfähigkeit wird sich dabei zunächst auf die Erarbeitung von gemeinsamen Wirklichkeitskonstruktionen in Organisationen nach dem Ansatz von Argyris/Schön (1978) konzentriert. Hierauf aufbauend werden die fünf Disziplinen von Senge (1990) vorgestellt, die man als weiterführende gestalterische Umsetzung des Ansatzes von Argyris/Schön sehen kann. Sie werden ausführlich behandelt, weil hier die individuellen Kernkompetenzen zum Aufbau einer lernenden Organisation beschrieben werden. In der anschließenden Analyse werden die Probleme, die Parteien zu eingeschränkten Lernorganisationen machen, vor dem Hintergrund des Theorieteils unter der Fragestellung erörtert: Können Senges fünf Disziplinen einen Beitrag zur lernenden Partei leisten? Im Vordergrund steht dabei der Aspekt, inwiefern die diagnostizierten lernhemmenden Faktoren in Kapitel 2.4 ihren Einfluss verlieren. Dabei werden fiktive Beispiele eingeflochten, die der Frage nachgehen, was in der SPD frühzeitig hätte passieren müssen, damit die Debatte bzw. der Lernprozess um die Agenda 2010 weniger stark eskaliert wäre.
Zum methodischen Vorgehen: Leider konnte bei der Entwicklung der Fragestellung und ihrer Beantwortung nur eingeschränkt auf ein theoretisches Fundament zurückgegriffen werden - im Allgemeinen wie im Speziellen. Wiesendahl (1998, 91) konstatiert, dass „der theoretische Fundus der Klassik und Moderne längst nicht so weit [reicht], um selbst grundlegende Fragen der Organisations- und Funktionsweise politischer Parteien realitätsgerecht zu beantworten“. Aus diesem Grund musste bei der Ursachenanalyse zur eingeschränkten Lernfähigkeit in Parteien explorativ vorgegangen werden. Das gleiche gilt für den Analyseteil. Zur Verbindung der Begriffe Partei und Lernfähigkeit gibt es nicht mehr als zwei Artikel (Baumfeld 2001; Wimmer 1992), die aus Tagungen des Renner-Institutes hervorgegangen sind und von Referenten der SPÖ stammen, die sich auf Detailfragen richten.
Die zentrale Herausforderung dieser Arbeit bestand demnach darin, die Erkenntnisse der Organisationssoziologie auf Parteien zu übertragen, wobei die Forschung sich eher auf Profit-Unternehmen konzentriert, die teilweise nach anderen Systemlogiken funktionieren (Geld).
Bei der Entwicklung der Fragestellung wurde aus Platzgründen eine zusammenhängende Darstellung der internen Organisationswirklichkeit von Parteien vermieden. Hier war es sinnvoller, die entscheidenden Merkmale im Rahmen der fünf beschriebenen „Lernhemmer“ in Parteien zu erörtern (Kapitel 2.4). Dabei werden Parteien aus der handlungs- bzw. akteurstheoretischen Perspektive betrachtet und nur am Rande werden Einflüsse aus der Umwelt auf das Lernverhalten thematisiert.
Inhaltsverzeichnis:
| 1. | EINLEITUNG: WARUM SIND LERNENDE PARTEIEN WICHTIG? | 4 |
| 2. | ENTWICKLUNG DER FRAGESTELLUNG: WIE KANN DIE LERNFÄHIGKEIT VON PARTEIEN VERBESSERT WERDEN? | 9 |
| 2.1 | Theoretischer Bezugsrahmen | 9 |
| 2.2 | Die Lernfähigkeit von Parteien | 11 |
| 2.3 | Sind Parteien lernfähig bezogen auf ihre primären Ziele? | 11 |
| 2.3.1 | Lernfähigkeit und Prinzipienlogik bzw. Problemlösung | 12 |
| 2.3.2 | Lernfähigkeit und Stimmengewinnlogik | 13 |
| 2.3.3 | Fazit | 15 |
| 2.4 | Ursachenanalyse der eingeschränkten Lernfähigkeit von Parteien | 15 |
| 2.4.1 | Verzögerte Lernanreize und inkonsistente Deutung | 16 |
| 2.4.2 | Vielfältige Parteistruktur | 17 |
| 2.4.3 | Fehlervermeidende Machtstrukturen | 19 |
| 2.4.4 | Unflexible Wertekultur | 21 |
| 2.4.5 | Knappe Zeit | 23 |
| 2.4.6 | Fehlende Selbstbeobachtung | 23 |
| 2.4.7 | Zusammenfassung: Lernhemmende Faktoren in Parteien | 26 |
| 2.5 | Sind Parteien überhaupt lernfähig? | 28 |
| 2.6 | Entwicklung der Fragestellung und des weiteren Vorgehens | 29 |
| 2.6.1 | Zielführende Fragen | 30 |
| 3. | THEORIETEIL: VOM LERNEN IN DER ORGANISATION ZUM LERNEN DER ORGANISATION | 32 |
| 3.1 | Erste Annäherungen an das Thema | 32 |
| 3.1.2 | Begriffserläuterungen: Lernen und Wissen | 34 |
| 3.1.3 | Begriffserläuterung: Organisationslernen | 36 |
| 3.2 | Argyris/Schön -Veränderung der organisationalen Handlungstheorie | 38 |
| 3.2.1 | Was ist organisationales Lernen und wie funktioniert es? | 38 |
| 3.2.2 | Organisationale Lernebenen - Was macht eine lernende Organisation aus? | 40 |
| 3.2.3 | Modelle - Lernbarrieren und ihre Überwindung | 41 |
| 3.3 | Senge: Die fünf Disziplinen | 42 |
| 3.3.1 | Personal Mastery | 43 |
| 3.3.2 | Mentale Modelle | 47 |
| 3.3.3 | Team Lernen | 49 |
| 3.3.4 | Gemeinsame Vision | 51 |
| 3.3.5 | System Denken | 53 |
| 3.3.4 | Zusammenfassung Senge | 55 |
| 3.4 | Zusammenfassung Organisationslernen | 56 |
| 4. | ANALYSE: ORGANISATIONSLERNEN ALS ANSATZ ZUR VERBESSERUNG DER LERNFÄHIGKEIT VON PARTEIEN? | 60 |
| 4.1 | Fehlerverarbeitung | 60 |
| 4.2 | Wissensbasierung | 63 |
| 4.3 | Komplexitätsverarbeitung | 66 |
| 4.4 | Selbstbeobachtung | 70 |
| 4.5 | Bewertung: Können die fünf Disziplinen die lernhemmenden Probleme in Parteien lösen und neue Akzente setzen? | 72 |
| 5. | ZUSAMMENFASSUNG UND AUSBLICK | 75 |
| 6. | LITERATUR | 80 |
| Anhang 1: Grafik - Gegenseitige Beeinflussung der fünf Disziplinen | 83 |
anders aussehen. Gefragt ist zusätzlich eine realistische Betrachtung der Realität im Spannungsfeld zur Vision. Durch die Bewusstwerdung des Unterschiedes zwischen diesen beiden Polen entsteht die Motivation zu handeln, sich auf den Weg zur Vision zu machen. Natürlich ist dieses Verhältnis nicht stressfrei. Lücken zwischen Anspruch und Wirklichkeit können große emotionale Belastungen auslösen, gerade wenn man keine schnellen Fortschritte bemerkt. Dann ist es wichtig, diese Spannung auszuhalten, das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren – sonst kann es leicht passieren, dass Ansprüche und Ziele in einem kontinuierlichen Prozess abgeschwächt werden, um die emotionale Spannung zu mildern. Entsprechend geringer ist dann die „Energiedividende“. Neben der emotionalen Spannung verhindern strukturelle Konflikte die Verwirklichung individueller Ziele. Durch ihre Sozialisation haben die meisten Menschen die unterschiedlichsten Grenz-/Machtlosigkeits- („Darauf habe ich keinen Einfluss!“) und Wertlosigkeitserfahrungen verinnerlicht – die aus der damaligen Sicht Sinn machten, heute aber im Wege stehen. Man braucht ein reifes Selbstbewusstsein, wenn man für seine tiefsten Wünsche gehen will. Für die Auflösung der emotionalen Spannung und der strukturellen Konflikte schlägt Senge zwei Hebel vor: die Verpflichtung zur Wahrheit und die Nutzung des Unterbewusstseins. Die Verpflichtung zur Wahrheit: „Die Verpflichtung zur Wahrheit bedeutet nicht, dass man nach der Wahrheit, nach der abschließenden Erklärung oder der ultimativen Ursache sucht. Es bedeutet vielmehr, dass wir immer wieder aufs neue bereit sind, die Selbsttäuschung und Beschränkung zu durchbrechen, mit denen wir uns selbst an der Wahrnehmung der Realität hindern, und dass wir unsere Theorien über das Wesen der Dinge immer wieder kritisch hinterfragen.“ (Senge 2001, 195) Innere Konflikte und Grenzen sollen wahrgenommen werden als auch daraus resultierende Verhaltensweisen. Sobald die Muster und Strukturen sichtbar werden, die Individuen mehr oder weniger bewusst leiten, besteht die Chance für sie, diese zu ändern. Senge bleibt in diesem Kapitel sehr allgemein und beschreibt nur die Ergebnisse dieses Selbsterkenntnis-Prozesses. Dahinter liegt einer der schwersten Wege, die ein Mensch gehen kann, die Aufarbeitung seiner eigenen Sozialisation. Wirkliche Erfolge stellen sich hier meist nur mit professioneller Hilfe ein. Gerade aber dieser Prozess führt zu einer systemischen Sicht von Welt, weil man anfängt zu spüren, das Vieles mit Vielem zusammenhängt. Die Nutzung des Unterbewusstseins: Auf das Wesen und das Funktionieren des Unterbewusstseins kann hier nicht näher eingegangen werden. Es soll als ein Bereich verstanden werden, der sehr gut mit Komplexität jenseits von Wahrnehmung umgehen kann. „Das Unterbewusstsein scheint keinen spezifischen Willen zu haben. Es erzeugt weder eigene Ziele, noch konzentriert es sich auf einen bestimmten Schwerpunkt. Es ist in höchstem Maße abhängig von Anleitung und Konditionierung, worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten, erhält [...]
um, wie Individuen sich selbst im Wege stehen, ein erfülltes Leben zu führen bzw. wie man die Kraft für und das Bedürfnis nach Veränderungsprozessen bekommt. Ausgangspunkt für diesen Weg ist die Klärung der persönlichen Vision. Senge (2001, 183) meint damit „die Fähigkeit, sich auf die tiefsten intrinsischen Bedürfnisse zu konzentrieren, nicht nur auf sekundäre Ziele“. Es geht darum, seine wahren Ziele und Visionen zu klären und diese Erkenntnisse fortwährend zu überprüfen. Diese Idee sollte positiv, auf ein Ziel gerichtet sein und nicht in Konkurrenz zu etwas stehen. Senge (2001, 527) z.B., umschreibt seine Vision, seine „Leidenschaft“ mit dem Bedürfnis, dass Menschen ihre Ganzheitlichkeit leben sollten, und mit der Entwicklung einer menschlichen Weisheit, die Nachhaltigkeit praktizieren kann. Visionen/Ziele müssen nicht einen „unverwechselbaren Beitrag zu einem größeren Ganzen leisten“, oft können auch Ziele auf der Persönlichkeits- oder Beziehungsebene angesiedelt sein. Die Konzentration auf das „Wesentliche“ setzt im Menschen große Energien frei bzw. Bewirkt eine motivierte Grundstimmung. Senge (2001, 173) zitiert Henry Ford mit den Worten: „Was wir brauchen [...] ist eine Verstärkung der Seele durch die unsichtbare Macht, die darauf wartet, genutzt zu werden [...]. Ich weiß, dass es ein großes Reservoir an spiritueller Kraft gibt, von dem wir Menschen uns selbst gedankenlos abgeschnitten haben [...]. Ich glaube, wir werden eines Tages soviel über die Quelle der Kraft wissen, dass wir selbst schöpferisch wirken können.“ Die Erfahrungen aus einem Selbstverwirklichungsprozess geben ungemein viel Kraft und Selbstbewusstsein. Diese grundlegende Motivation wirkt sich positiv auf das Verhalten in der Organisation aus. Man fühlt sich nicht so schnell überfordert und geht offener mit Risikosituationen um. Besonders verstärkend kann dieser Prozess wirken, wenn man seine persönliche Vision in die Organisationsziele integrieren kann30. Durch die Disziplin der Personal Mastery kann sich eine so genannte Win/Win-Situation ergeben. Das Organisationsmitglied gewinnt an positivem Lebensgefühl und die Organisation/ der Arbeitgeber profitiert durch eine erhöhte Anstrengungsbereitschaft des Individuums. „Die Förderung der Gesamtpersönlichkeit ist [also] von entscheidender Bedeutung, wenn wir unser Ziel unternehmerischer Spitzenleistung erreichen wollen.“ (Senge 2001, 176) Senge betont in diesem Zusammenhang, dass das „Glück“ von Organisationsmitgliedern kein Zweck ist, sondern gleichberechtigtes Ziel neben dem Erfolg der Organisation. Die persönliche Zielfindung, die Ausrichtung und Scharfstellung des „Objektivs“ reicht nicht aus, um die oben geschilderte Situation herzustellen. Wenn die Intensität der Wünsche oder eine entsprechende Klarheit für eine Zielerreichung ausreichen würde, würde diese Welt [...]
wirklich angestrebt werden? Wie können die Hindernisse auf diesem Weg (wir selbst, die anderen, schlechte Realitätsinterpretationen, strukturelle Gründe, Motivationserosion...) bewusst wahrgenommen und durch (gegenseitige) Lernprozesse abgemildert werden – ohne dabei die Vision aus den Augen zu lassen? Senge liefert als Antwort kein Patentrezept29, sondern formuliert spezifische Bedingungen und Voraussetzungen, die für organisationale Lernprozesse förderlich sind. Ausgangspunkt sind dabei die so genannten 5. Disziplinen: Personal Mastery, Mentale Modelle, Gemeinsame Vision, Teamlernen und Systemdenken. Disziplin meint hier nicht eine Form der Selbstkasteiung, sondern Lernprozesse in bestimmten Bereichen, z.B. Selbsterkenntnis, die lebenslang gepflegt werden sollten. Beim Aufbau einer lernenden Organisation sind alle fünf Disziplinen wichtig, sie stützen und verstärken sich gegenseitig – wobei die fünfte Disziplin, das ‚Systemdenken’, den Integrationsrahmen für die anderen Disziplinen darstellt. In Kapitel 2 wurde herausgearbeitet, dass Parteien eine Vielzahl von Problemen haben, weil ihnen Kernkompetenzen fehlen, um im täglichen Arbeitsprozess schnelle, reibungslose und nachhaltige Lösungen zu produzieren. Die fünf Disziplinen werden an dieser Stelle dargestellt, um sie im Analysekapitel daraufhin zu überprüfen, ob sie eine befriedigende Lösungsperspektive auf die Lernprobleme von Parteien bieten. 3.3.1 Personal Mastery Was ist Personal Mastery, wörtlich übersetzt „die Meisterschaft über seine eigene Person“? Senge beschreibt sie als „die Disziplin der Selbstführung und Persönlichkeitsentwicklung. Menschen, die einen hohen Grad an Personal Mastery erlangen, erweitern beständig ihre Fähigkeiten, die Ergebnisse zu erzielen, die sie wahrhaft anstreben.“ (Senge 2001, 16) Warum sollten Organisationen daran interessiert sein, dass ihre Mitglieder sich selbst verwirklichen? Wenn man sich die Hindernisse in Veränderungsprozessen anschaut, trifft man häufig auf wenig motivierte Organisationsmitglieder, die in einer Nische funktionieren und die selten das Bedürfnis haben, neue Prozesse auszuprobieren oder ihren Wissens- und Könnensstand zu erweitern. Da eine Organisation aber nur in dem Maße lernen kann, wie ihre Mitglieder bereit sind, dies ebenfalls zu tun, wird die Problematik deutlich. Die Ausgangsfragestellungen für die Disziplin der „persönlichen Meisterschaft“ lauten also: Wie aktiviert man Menschen neugierig zu sein? Wie entsteht Motivation, eine Organisation mit eigenen Vorstellungen zu inspirieren? Wie macht man Leute lernfähig und vor allem - willig? Die ‚Bequemlichkeit’ von Organisationsmitgliedern kann natürlich auch aus einem schlechten Klima oder einer unangenehmen Hierarchie begründet sein. Bei der 1. Disziplin geht es aber dar29 [...]
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Arbeit zitieren:
Holstein, Daniel Juli 2003: Parteien als lernende Organisationen, Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Organisationslernen, Politik, Demokratieinnovation, Lernfähigkeit



