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Das Paradigma des systemischen Beratungsansatzes in pädagogischen Handlungsfeldern

Das Paradigma des systemischen Beratungsansatzes in pädagogischen Handlungsfeldern
Über dieses Buch
  • Art: Magisterarbeit
  • Autor: Mathias Conrad
  • Abgabedatum: Februar 2009
  • Umfang: 85 Seiten
  • Dateigröße: 786,8 KB
  • Note: 1,6
  • Institution / Hochschule: Friedrich-Schiller-Universität Jena Deutschland
  • Bibliografie: ca. 155
  • ISBN (eBook): 978-3-8366-3650-6
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Conrad, Mathias Februar 2009: Das Paradigma des systemischen Beratungsansatzes in pädagogischen Handlungsfeldern, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Wissenschaft, Sozialpädagogik, Kybernetik, Psychologie, Verhaltenswissenschaft

Magisterarbeit von Mathias Conrad

Einleitung:

In modernen Gesellschaften zeichnet sich als Konsequenz zunehmender Spezialisierung und Komplexität ein stetig steigender Beratungsbedarf ab, der in einer wachsenden Beratungsnachfrage Ausdruck findet. Auf dieses Phänomen versucht die Beratergemeinschaft mit der Entwicklung und Anwendung angemessener Beratungsformen zu reagieren. So existieren mittlerweile für den pädagogischen Aktionsraum vielfältige Beratungsansätze, unter denen der systemische Ansatz eine bedeutende Rolle spielt. Die systemische Beratung befindet sich nicht erst seit der Anerkennung der systemischen Therapie als wissenschaftliches Psychotherapieverfahren im Dezember des Jahres 2008 auf dem Vormarsch. Mit dem systemischen Ansatz hat sich eine innovative Vorgehensweise herausgebildet, Beratung in den verschiedensten Bereichen zu konzipieren und zu praktizieren. Aufgrund der hohen Praxisrelevanz für den pädagogischen Bereich und der interessanten, theoriereichen Geschichte systemischer Beratung, richtet die vorliegende Arbeit ihr Augenmerk auf diesen speziellen Beratungsansatz.

Will man den Begriff der systemischen Beratung tiefenscharf begreifen und kommunizierbar machen, so stellt dich dieses Vorhaben als durchaus anspruchsvoll heraus. Je mehr man sich dem Phänomen nähert, desto schwieriger fassbar erscheint es Weidenbach beschrieb die Quintessenz dieser Art des Sachverhalts folgendermaßen: ‘Die Begriffe weisen uns einen Weg zu immer schwereren Rätseln, zu immer paradoxeren Situationen. Die Geschichte der Wissenschaften ist wie ein einziges großes Beispiel dafür: Die ‚Existenz‘ flieht vor dem Begriff’. Ob die sogenannte Existenz vor dem Begriff des Systemischen flieht, ist fragwürdig. Es kann jedoch festgestellt werden, dass sich durch den inflationären Gebrauch des Begriffes eine Form von Pseudoplausibilität eingeschlichen und etabliert hat, die das Systemische zu einem Teil des unwissenschaftlichen Kulturbetriebes herabsetzt und es schließlich im schlimmsten Falle der Beliebigkeit preis gibt. Diese Popularisierungs- und Inflationstendenz ist durchaus bedenklich, da sie die geschichtliche Eigentlichkeit des Systemischen verschleiert, verfälscht und somit unterminiert. Die wissenschaftliche Reaktion auf diese, wie auf jede derartige Pseudoplausibilitäts-Entwicklung, kann in erster Linie nur eine sein: Problemfokussierung, Recherche und Aufklärung. Die Fokussierung der Problematik kann dabei den Problemhorizont feststellen. Diesen setzt die Arbeit durch die Erläuterungen Handlers, Elbings und Loths, die eine inflationäre Entwicklung des systemischen Beratungsbegriffes feststellen und begründen, als gegeben voraus. Die Aufklärung soll im vorliegenden Fall durch die Rückbesinnung auf, die Recherche von und die Ausführungen über die Entwicklung der theoretischen Wurzeln systemischer Beratung realisiert werden.

Die ursprüngliche Bedeutung des Begriffs Entwicklung impliziert per Definition eine Komponente der Geschichtlichkeit. Will man also einen Begriff in vollem Umfang von seiner Ursprünglichkeit ausgehend begreifen, muss man in seine Entstehungsgeschichte eintauchen. Im anderen Falle kann dem Betrachter nur das Gewordene des Begriffs zuteil werden, das seine Geschichte bestenfalls erahnen lässt. So, wie es ohne Mann und Frau keine auf natürlichem Wege gezeugten Kinder geben kann, könnte es auch die systemische Beratung nicht ohne ihre ‘Erzeuger’ geben, sie wäre ohne ihre theoretischen Grundlagen in ihrer jetzt existierenden Form undenkbar. Um zu einem fundamentalen Verständnis systemischer Beratung zu gelangen, sind ihre Begriffsklärung als auch die Fokussierung und Hervorhebung ihrer Entstehungsgeschichte nicht nur angemessen, sondern stellen in der Tat eine Notwendigkeit dar.

Im Rahmen dieser Magisterarbeit soll die These geprüft werden, dass verschiedene Theorien und Ansätze die Konstitution der systemischen Beratung maßgeblich geprägt haben, wobei die Systemtheorie einen fundamentalen Einfluss ausübte.

Zu Beginn wird eine grundlegende Erörterung einiger der für die systemische Beratung relevanten Theorien vorgenommen. Dadurch soll ein theoretisches Fundament geschaffen werden, auf das die weiterführenden Erklärungen bezüglich des systemischen Beratungsansatzes aufbauen können. Ziel der Arbeit ist es nicht, die vollständige Entwicklung der für die systemische Beratung relevanten wissenschaftlichen Theorien en détail zu rekonstruieren. Stattdessen konzentriert sich der Autor im ersten Teil der Arbeit darauf, ausgewählte elementare Grundpfeiler der Wissenschaftsgeschichte, die zum heutigen Verständnis von systemischer Beratung essenziell beigetragen haben, in Auszügen vorzustellen. Das geschichtliche Hauptaugenmerk liegt dabei auf dem 20. Jahrhundert, im Speziellen auf der allgemeinen Systemtheorie, der Kybernetik 1. und 2. Ordnung, dem Konstruktivismus, Erkenntnis- und Autopoiesisbegriffen und der Theorie sozialer Systeme. Im Anschluss daran wird eine detaillierte Klärung des Beratungsbegriffs vorgenommen, bei der verschiedene Dimensionen von Beratung behandelt werden. Um die Relevanz von Beratung im Rahmen der Pädagogik deutlich zu machen, schließt sich eine Betrachtung des Verhältnisses von Pädagogik und Beratung an. Danach folgt eine Erörterung des Begriffs systemisch, an die sich eine Beschäftigung mit der konzeptionellen und methodischen Besonderheit systemischer Beratung anschließt. Desweiteren wird der Bezug dieser Beratungsform zu den erörterten Theorien und Ansätzen explizit dargelegt. Ein Kapitel zur Beratungs-Professionalität soll den Qualitätsanspruch an professionelle Beratungsleistungen verdeutlichen, der auch im Rahmen des systemischen Beratungsansatzes als Garantiebedingung für Seriosität funktioniert. Abschließend wird der Paradigmenbegriff Kuhns vorgestellt, um daran anknüpfend die Frage zu behandeln, wodurch das Paradigma des systemischen Beratungsansatzes gekennzeichnet ist.

Die ausführliche Klärung der Begriffe Beratung, systemisch und Paradigma soll ein möglichst präzises Bild ihrer jeweiligen Charakteristiken zeichnen, um das Paradigma systemischer Beratung für den Leser möglichst anschaulich darzustellen.

1. EINLEITUNG 7
2. THEORETISCHE GRUNDLAGEN SYSTEMISCHER BERATUNG 10
2.1 Grundlegendes 10
2.2 Systemtheorie 12
2.3 Kybernetik 1. und 2. Ordnung 14
2.4 Familientherapie 17
2.5 Konstruktivismus 19
2.6 Erkennen und Autopoiesis 24
2.7 Theorie sozialer Systeme 27
3. SYSTEMISCHE BERATUNG IN PÄDAGOGISCHEN HANDLUNGSFELDERN 30
3.1 Dimensionen der Beratung 30
3.1.1 Etymologie und Institutionalisierung 30
3.1.2 Bedeutung des Beratungsbegriffs und Abgrenzung zur Therapie 31
3.1.3 Voraussetzungen und Ziele der Beratung 32
3.1.4 Anspruch an Berater und Beratung 33
3.1.5 Freiwilligkeit versus Zwang 34
3.1.6 Das Verhältnis von Pädagogik und Beratung 35
3.2 Systemisches Denken 39
3.2.1 Der Begriff systemisch - Verständnis, Etymologie und Bedeutung 39
3.2.2 Ein Beispiel für einen Ansatz systemischen Vorgehens 42
3.3 Systemische Beratung 44
3.3.1 Voraussetzungen und Prinzipien 44
3.3.2 Bestimmung essenzieller Begriffe und Merkmale systemischer Beratung 45
3.3.3 Beratungs-Professionalität 52
3.3.4 Methoden systemischer Beratung 54
3.3.5 Rückbezug systemischer Beratungspraxis auf theoretische Grundlagen 60
3.3.6 Verortung systemischer Beratung in pädagogischen Handlungsfeldern 64
4. DAS PARADIGMA DES SYSTEMISCHEN BERATUNGSANSATZES 66
4.1 Allgemeiner Paradigmenbegriff 66
4.2 Das systemische Paradigma 67
5. FAZIT UND AUSBLICK 72
6. ANHANG 73
7. BIBLIOGRAPHIE 75

Textprobe:

Kapitel 3.6, Das Verhältnis von Pädagogik und Beratung Dem Bestreben, systemisches Denken und systemische Beratung darzustellen, geht eine Definition pädagogischer Handlungsfelder und eine Betrachtung des Verhältnisses von Pädagogik und Beratung voraus. Angesichts des Arbeitsthemas wird eine Betrachtung der Beziehung von Beratung und Pädagogik als grundlegend erachtet. Es wird an dieser Stelle vor allem auf Mollenhauers Beratungsbegriff im Rahmen seiner Pädagogik eingegangen, da er Beratung als Hilfe zur Emanzipierung formuliert. Dieser Begriff von Beratung hat wiederum eine große Schnittmenge mit der Konzeption von Beratung in pädagogischen Handlungsfeldern als Hilfe zur Selbsthilfe. Doch was verbirgt sich hinter dem Begriff der pädagogischen Handlungsfelder?

Pädagogische Handlungsfelder werden nicht allein durch ihren Bezug auf Institutionen (zum Beispiel Bildungseinrichtungen) oder bestimmte Lebensphasen (beispielsweise Kindheit oder Jugend) definiert. Die Gesamtheit der gesellschaftlichen Handlungsfelder und Lebensphasen wird eine pädagogische, ‘insofern sie unter pädagogischen Aspekten im Sinne eines impliziten oder expliziten Bildungsverständnisses betrachtet werden’. Pädagogische Handlungsfelder lassen sich also durch pädagogisches Wirken definieren. Demnach werden sie durch all diejenigen Handlungen bestimmt, die eine pädagogische Intention und Effektivität aufweisen.

Im Jahr 1965 schreibt Mollenhauer über das Verhältnis des Beratungsbegriffs zur Pädagogik und Erziehungswissenschaft: ‘Weniger in der erziehungswissenschaftlichen Fachliteratur als vielmehr im Gespräch derjenigen, die in den pädagogischen Randbezirken tätig sind, gewinnt ein Begriff immer größer werdende Bedeutung, der indessen noch kaum als pädagogischer Begriff, in keinem Falle aber als erziehungswissenschaftlicher Terminus eingeführt ist – und dies sehr zum Nachteil der Erfassung und Analyse dessen, was wir die Erziehungswirklichkeit nennen: der Begriff ‚Beratung‘‘. Mollenhauers Anliegen, den Beratungsbegriff als Terminus technicus für ein adäquates Erfassen von Erziehungswirklichkeit in die Erziehungswissenschaft zu integrieren, deutet die Relevanz des Zusammenhangs von Pädagogik und Beratung an. Beide Disziplinen weisen eine Vielzahl von Gemeinsamkeiten auf: zum einen das nicht von der Person zu trennende Handeln, das auf ethisch-moralischen und wissenschaftlichen Grundsätzen fußt und sich zwischen verschiedenen Personen und Lebenskontexten situationsabhängig abspielt. Zum anderen fügen sich zur gemeinsamen Charakteristik beider Felder die nur bedingte Planbarkeit des Handelns, die Formulierung von immer wieder zu hinterfragenden Zielen und das Bewusstsein für die Notwendigkeit der Balance von ‘Nähe und Distanz, Vertrauen und Misstrauen’.

Beratung kann darüber hinaus sogar als elementare Grundform pädagogischen Handelns verstanden werden. Ob in schulischen oder in außerschulischen Kontexten – überall lassen sich im Handeln von Pädagogen Elemente von Beratung finden. Das resultiert aus der Tatsache, dass Erziehung stets zugleich eine Form der Hilfeleistung ist. Diese Verbindung erkennend, beschreibt Mollenhauer Beratung und Pädagogik als vernetzte Phänomene, indem er über Beratung als an Bedeutung gewinnenden pädagogischen Vorgang referiert. Dabei will Mollenhauer Beratung nicht als ausschließlich auf Institutionen beschränktes Phänomen verstanden wissen. Eine bestimmte Art der Vernetzung der beiden Begriffe ist auf die dynamische Gesellschaft und den stetigen Wandel moderner Lebensverhältnisse zurückzuführen, in denen keine festgelegten gemeinsamen Erziehungsmethoden gepflegt werden können.

Die Vernetzung der beiden Bereiche ist so eng, dass eine strikte Trennung von Pädagogik und Beratung nicht möglich zu sein scheint. Elbing konstatiert, dass die in Hinsicht auf die Begriffsbestimmung von Beratung ins Leben gerufene Abgrenzungsdebatte vorrangig in Bezug auf Psychotherapie und Erziehung im Endeffekt keine Früchte getragen hat. Obwohl Beratung zu Recht ihre Position innerhalb der Pädagogik beansprucht, ist die das Beratungshandeln anweisende Literatur in den meisten Fällen keine genuin pädagogische. Im Gegensatz zu Soziologie, Politologie, Psychologie und Ökonomie, denen als wissenschaftlich eigenständigen Disziplinen eine spezifische Beratungsart eigen ist, lebt die pädagogische Beratungsliteratur konzeptionell und theoretisch zu einem Gros von psychologischem und teils auch von psychotherapeutischem Import. Das spiegelt sich zum Beispiel im Werk Pädagogische Beratung von Krause et al. Wider. Engel kommt zu dem Schluss, man könne ‘das Verhältnis zwischen Beratung sowie Pädagogik und Erziehungswissenschaft [.] als eine vernachlässigte Relation bezeichnen – und vice versa auch Beratung als eine vernachlässigte Relation’ innerhalb des pädagogischen und erziehungswissenschaftlichen Diskurses. Dennoch hat die erziehungswissenschaftliche Tradition auf die Entwicklung eines für Pädagogik und Erziehungswissenschaft typischen Beratungsansatzes gewirkt. Der genuin pädagogische Beitrag zu einer der Pädagogik eigenen Beratung ist dabei das ‘reflexiv, kritisch und diskursiv in theoretische und teilweise nicht einfach zugängliche Debatten [Eingebundene; M. C.]’. Hinzu kommen die stets klientenbezogene Interaktion, die Gleichheit des Sprachgebrauchs und die beiderseitige Garantie der Möglichkeit des Beratungsabbruchs. Eine weitere Besonderheit ist das trotz angestrebter symmetrischer Interaktion pädagogischen Handelns asymmetrisch praktizierte Beraterhandeln.

Auf die Frage, was Beratung im pädagogischen Raum leisten kann, gibt Mollenhauer Auskunft: er schreibt der Beratung eine aufklärende Funktion zu, die mit der Demokratie in der Erziehung und einem kritischen Gesellschaftverständnis einher geht. Aus seinem emanzipatorischen Erziehungs- und Erziehungswissenschafts–Hintergrund heraus erscheint seine Auffassung von Beratung als Hilfe zur Selbstbestimmung und Entscheidung nur allzu verständlich. Mollenhauer sieht in der Erweiterung und Etablierung des pädagogischen Beratungsangebotes eine Möglichkeit zur Befreiung aus dem Dilemma der Bevormundung. Auch im außerschulischen Rahmen des aufkommenden demokratischen Erziehungsverständnisses soll Beratung als wichtiges demokratisierendes Element angewendet und geschätzt werden, was Mollenhauer zu dieser nuancierten Bestimmung des Beratungsbegriffs kommen lässt: Beratung ist ‘der Umgang zwischen Erwachsenen und jungen Menschen im lenkenden Gespräch außerhalb des Kontinuums nachdrücklich erzieherischer Einwirkungen’.

Die enge Verflechtung von Erziehung und Beratung wird auch von Hornstein hervorgehoben: Geht man von der Konstitution einer Erziehung demokratischen Selbstverständnisses aus, so ist Beratung als Element des Erziehungsstils zugleich Voraussetzung und Unterstützung. In dieser Konzeption von Erziehung können nur Verfahren effektiv sein, die das eigene Denken kritisch hinterfragen und auf Entscheidungsfähigkeit und –willen bauen können, worauf auch Benner in Anlehnung an die Tradition der kritischen Theorie Horkheimers verweist. Nur diejenigen Erziehungsformen, die grundlegende Elemente von Beratung in sich tragen, können in einem Erfolg gipfeln. Dies bezeugt über die enge Verflechtung des Beratungs- und des Erziehungsbegriffs hinaus deren Unzertrennlichkeit.

Die vorangegangenen Erläuterungen zu Grundlegendem des Beratungsbegriffes werden in Hinsicht auf die Fundamentierung eines Arbeitsbegriffes von Beratung als adäquat erachtet. Wie die Darlegungen zeigen, besteht über die Vernetzung von Pädagogik und Beratung hinaus eine Notwendigkeit von Beratungselementen in erzieherischem Handeln.

Arbeit zitieren:
Conrad, Mathias Februar 2009: Das Paradigma des systemischen Beratungsansatzes in pädagogischen Handlungsfeldern, Hamburg: Diplomica Verlag

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