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Die Öffnung der psychiatrischen Anstalten und ihre Folgen für die Patienten

Die Öffnung der psychiatrischen Anstalten und ihre Folgen für die Patienten
Über dieses Buch
  • Art: Diplomarbeit
  • Autor: Frank Fuchsius
  • Abgabedatum: Mai 2001
  • Umfang: 35 Seiten
  • Dateigröße: 451,7 KB
  • Note: 2,2
  • Institution / Hochschule: Hamburger Universität für Wirtschaft und Politik (HWP) Deutschland
  • ISBN (eBook): 978-3-8324-5744-0
  • ISBN (Paperback) :
    978-3-8324-5744-0 P
  • ISBN (CD) :978-3-8324-5744-0 CD
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Fuchsius, Frank Mai 2001: Die Öffnung der psychiatrischen Anstalten und ihre Folgen für die Patienten, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Psychatrie, psychisch, Großkrankenhaus, Tagesklinik, Ambulante Dienste

Diplomarbeit von Frank Fuchsius

Die Öffnung der psychiatrischen Anstalten geschieht theoretisch mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Werden psychisch Erkrankte im Nationalsozialismus noch als lebensunwertes Leben verfolgt und vernichtet, so ist diese Doktrin nach dem Krieg nicht mehr zu halten. Die Grundhaltung der praktizierenden Psychiater im beginnenden 20 Jahrhundert ist dahingehend, dass, wenn keine Therapie respektive Befreiung für psychisch Kranke möglich ist, dann wenigstens die Befreiung der Gesellschaft von den psychisch Kranken.

Jedoch gestaltet sich eine Neuordnung der Psychiatrie nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst schwierig. Obwohl jeder psychisch Erkrankte auf Grund der Forschungslage jetzt die Chance hat zu einem akzeptierten Teil der Gesellschaft zu werden, herrschen in den psychiatrischen Landeskrankenhäusern für die Patienten teilweise inhumane Zustände. Die Situation wird dadurch weiter verschärft, dass eine lückenlose Versorgung psychisch Erkrankter durch niedergelassene Nervenärzte oder komplementärer Dienste nicht gewährleistet ist.

In meinen Augen geschieht eine wirkliche Öffnung der Psychiatrie erst mit Berichterstellung der Psychiatrie-Enquête im Jahr 1975. Viele Forschungsansätze, wie die Psychopharmakatherapie und die „Therapeutische Gemeinschaft“, können vor dem Hintergrund der effektiv mangelhaften psychiatrischen /psychotherapeutischen Versorgungslage bis zu diesem Zeitpunkt nicht oder nur unzureichend angewendet werden. Selbst als der Bericht vorliegt ist die größte Sorge aller in der Psychiatrie Tätigen, dass er in Bücherregalen und Schubladen verstaubt.

Ich will in dieser Arbeit versuchen zu beschreiben, wie sich die Öffnung der Psychiatrie für mich darstellt und welche mannigfaltigen Folgen die Psychiatrie-Enquête auf die psychiatrisch/psychotherapeutische Versorgung psychisch Erkrankter hat. In dieser Arbeit soll ein Blick auf die Zustände für psychisch Erkrankte vor dem Bericht der Psychiatrie-Enquête geworfen werden und versucht werden auszuarbeiten, inwiefern sich die Lage der psychisch Kranken in den nachfolgenden Jahrzehnten geändert hat.

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung 2
2. Psychiatrie nach dem Zweiten Weltkrieg 3
3. Der Bericht der Psychiatrie-Enquête 5
4. Psychische Störungen - Der Krankheitsbegriff in der Psychiatrie 8
5. Die Auswirkungen der Öffnung auf die Patienten 12
5.1 Funktionswandel in den psychiatrischen Großkrankenhäusern 12
5.2 Die Tagesklinik als Alternative zum Großkrankenhaus 17
5.3 Die Ausdifferenzierung der ambulanten Dienste 22
6. Schlussbetrachtung 27
7. Literatur 32

Automatisiert erstellter Textauszug:

Diese erfolgte positive Wende in der Ueckermünder Psychiatrie führt Vertreter der stationären Dienste zu der Schlussfolgerung, dass die allgemeine Negierung von psychiatrischen Großkrankenhäusern zu Gunsten gemeindenaher Institutionen den Zuschnitt der bisherigen Betreuung nicht berücksichtigt und damit die Erfolgsaussichten der Reformbewegungen mindert64. Die Verantwortlichen in den großen psychiatrischen Einrichtungen fordern so wenig Krankenhaus wie nötig und wollen die inneren Prozesse des Krankenhauses von den Bewohnern gesteuert wissen und die Rhythmen der Einrichtung von ihnen bestimmt sehen. Vorbild sind die Attribute einer „Therapeutischen Gemeinschaft“ deren Eigenschaft es ist, auf normierende und kontrollierende Werte zu verzichten und statt dessen einen Lern- und Lebensraum zu erschaffen, der den Patienten zum Vorteil gereicht und ihnen Lebensqualität zusichert65. Die Universitätsklinik Hannover experimentiert Anfang der 70er Jahr als eine der ersten psychiatrischen Institutionen in der Bundesrepublik Deutschland mit dem Prinzip „Therapeutische Gemeinschaft“. Es wird versucht, basisdemokratische Prozesse und Strukturen in die psychiatrische Behandlung einfließen zu lassen. In der Theorie bedeutet dies, dass jedem Abteilungsleiter ein von den Patienten gewählter Sprecher an die Seite gestellt wird. Jede Entscheidung muss von der Basis mitgetragen werden66. Die experimentelle universitäre „Edelpsychiatrie“ auf der „Psychoinsel Utopia“ wird überwiegend mit chronisch psychotischen Patienten aus der Mittel- und Oberschicht durchgeführt ... und funktioniert. Aus der Hochschultheorie erworbene Kenntnisse werden erfolgreich in die Praxis umgesetzt. Verkrustete hierarchische Anordnungsstrukturen werden aufgebrochen und durch demokratische Prozesse ersetzt. Optimale Lebens- und Mitsprachebedingungen für psychisch Kranke beherrschen den Klinikalltag. Folglich ist das Engagement der Mitarbeiter hoch; sie wähnen sich dicht am Puls der Patienten. Der Traum währt nicht lange, denn die Realität hält auch in diesem Experimentalraum Einzug. Befriedigung allein reicht den Mitarbeitern des Projekts nicht aus, sie wollen sich beruflich in der Hochschulklinik entfalten. Zusätzlich äußern sich auch hier Überforderungen der Mitarbeiter in Burn-out-Symptomen. Unerwartete Rehabilitationsschwierigkeiten ergeben sich auch im Mittelpunkt der psychiatrischen Behandlung: Die psychodynamisch aufgeschlossenen Patienten haben erhebliche [...]

Wer kann schon nachempfinden, wie das Eintauschen der vertrauten häuslichen Umgebung mit der anonym bedrohlichen Krankenhausatmosphäre mit bis zu 25 Betten pro Schlafsaal ohne Nachttisch oder eigenen Schrank auf den psychisch Erkrankten wirken. Alles ist verschlossen, persönlicher Besitz wird dem Neuzugang abgenommen, eingehende Post von Angehörigen und Freunden wird geöffnet. Stuhlgang und Wasserlassen unterliegen der ärztlichen Kontrolle und es gibt kein Recht auf individuelle Freizeitgestaltung. Sexualität wird tabuisiert, es herrscht eine strenge räumliche Trennung zwischen männlichen und weiblichen Anstaltsinsassen. Desweiteren können fachliche und berufliche Interessen nicht wahrgenommen und befriedigt werden. Auch der Zugang zu den Massenmedien ist durch die Anstaltsleitung reglementiert. Uhren zur zeitlichen Orientierung und Spiegel zur Kontrolle des körperlichen Erscheinungsbildes sind rar60. Entweichungen, Suizidversuche und Autoagressivität, von der geschilderten Situation initiiert und gefördert, werden mit scharfen Disziplinarmaßnahmen geahndet. Sind über dem Bett angebrachte Netze zur Befriedung nicht ausreichend, kommen Käfige zum Einsatz, die im Lauf der Zeit durch weitere Stäbe stabilisiert werden61. Der Geist dieser Anstalt wird durch den intoleranten und autokratischen Leitungsstil des Direktors geprägt. In der Arbeitsordnung von 1971 heißt es unter anderem: „ ... nur ständige Aufmerksamkeit und genaue Beobachtung der Kranken können unliebsame Zwischenfälle verhüten. Jegliche Gegenstände, die als Schlagwaffe, zum Stechen, Schneiden oder Drosseln zu gebrauchen sind, dürfen nicht den Patienten belassen werden. Werkzeuge, die im Rahmen der Beschäftigungstherapie ausgegeben werden, sind sowohl bei Beginn wie auch bei Ende der Arbeit sorgfältig zu zählen und hinsichtlich ihres Zustandes zu überprüfen. Durch ständige Kontrolle ist zu verhindern, dass sich Patienten Ausbruchwerkzeuge oder Waffen anfertigen bzw. beschaffen.“62 Eine bemerkenswert positive Wende in Ueckermünde findet 1981/82 statt. So werden beispielsweise 150 Kinder, die Familienkontakte haben oder nicht behandlungsbedürftig sind, sofort nach Hause entlassen. Alle Stationen werden geöffnet und mit beiden Geschlechtern belegt. Netze, Gitterstäbe, Elektroschocktherapien Vollversammlungen aus und wählen Patientenräte63. und andere Einschränkungen werden abgeschafft. Die verschiedenen Stationen führen regelmäßig [...]

Am Erhebungsstichtag sind in den psychiatrischen Krankenhäusern 195 Psychologen und 183 Sozialarbeiter beschäftigt. Damit ist ein Psychologe für 506, ein Sozialarbeiter für 540 Betten zuständig. Bedenklich ist, dass trotz der vielen Studienabgänger im Fach Psychologie nur wenige eine Tätigkeit in psychiatrischen Krankenhäusern aufnehmen57 Die Bausubstanz der meisten Häuser ist trotz erheblicher Modernisierungs- und Sanierungsanstrengungen in keinem guten Zustand. Hinzu kommt, dass psychiatrische Krankenhäuser meist geographisch ungünstig liegen und somit Vor- und Nachsorge von Patienten erheblich erschwert, wenn nicht gar unmöglich gemacht wird. Außerdem ist die Aufenthaltsdauer der Patienten auf Grund der durchmischten Zusammensetzung verschiedener Krankheitsbilder in Fachkrankenhäusern meist erheblich höher als in Fachabteilungen von Krankenhäusern oder psychiatrischen Universitätskliniken58. In einigen Großkrankenhäusern kommt es zu wahren Horrorszenarien. Am Beispiel des Ueckermünder Krankenhauses in der ehemaligen DDR, nahe der polnischen Grenze, wird beschrieben, was Marc Rufer 1988 als „Irrsinn Psychiatrie“59 bezeichnet. Wie sich menschliches Leid noch potenzieren kann, wird am Beispiel dieser typischen Heil- und Pflegeanstalt alten Stils deutlich. Gleichwohl fällt es schwer, dieses nachzuvollziehen. [...]

Arbeit zitieren:
Fuchsius, Frank Mai 2001: Die Öffnung der psychiatrischen Anstalten und ihre Folgen für die Patienten, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Psychatrie, psychisch, Großkrankenhaus, Tagesklinik, Ambulante Dienste

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