Obszöne Lust oder etablierte Unterhaltung?
Zur Rezeption pornografischer Filme
- Art: Magisterarbeit
- Autor: Gaye Suse Kromer
- Abgabedatum: Oktober 2007
- Umfang: 173 Seiten
- Dateigröße: 738,5 KB
- Note: 1,5
- Institution / Hochschule: Ruhr-Universität Bochum Deutschland
- Bibliografie: ca. 52
- ISBN (eBook): 978-3-8366-1223-4
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Kromer, Gaye Suse Oktober 2007: Obszöne Lust oder etablierte Unterhaltung?, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Pornografie, Film, Sexualität, Rezipientenforschung, Cultural Studies
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Magisterarbeit von Gaye Suse Kromer
Einleitung:
„Pornografie ist nicht konstruiert wie sexuelle Wirklichkeit. Das ist das Letzte, was sie abbilden will: sexuelle Realität, das, was sich tatsächlich abspielt. Kein Mensch würde das kaufen. Vielmehr ist sie konstruiert wie sexuelle Phantasien und Tagträume, so unwirklich, so größenwahnsinnig, so märchenhaft, so unlogisch und auch so stereotyp“.
Vor 30 Jahren hatte Pornografie, insbesondere der pornografische Film, gesellschaftspolitisch weniger wie von Gunter Schmidt in Henner Ertels Studie EROTIKA UND PORNOGRAPHIE behauptet den Anstrich des „Märchenhaften“ als vielmehr des Realen. Jedenfalls für Pornografiegegner. Pornografische Filme seien die sexuelle Realität, so die These: Sie zeigten ihre Wirkungsweisen auf den Zuschauer direkt vom Gesehenen zum Gelebten. Die damaligen Diskurse ließen kaum Platz für nuanciertere Stellungnahmen oder wissenschaftlich fundierte Untersuchungen. Die in den 1970er Jahren von Alice Schwarzer und Andrea Dworkin angestoßene PorNO-Debatte zeichnete ein schlichtes Bild des Pornonutzers: Der Zuschauer war der Mann, die Wirkung war die Lust an der Macht über die Frau. Die Rolle der Frau bestand in der Lustbefriedigung des Mannes, der pornografische Film war Ausbeutung des weiblichen Geschlechts per se. Feministinnen und Konservative fanden in Eintracht zusammen unter dem Motto PorNO – Sag Nein zu Pornografie. Wie stellt sich die Situation heute dar? Sind Pornofilme im Post-PorNO-Diskurs inzwischen akzeptierten Medienrealität innerhalb der Populärkultur oder gesellschaftlich verwerflich?
Diskurse sind jedenfalls nicht in der „Mottenkiste“ der Medienhistorie verschwunden. Nach drei Jahrzehnten relativer Ruhe gewinnt das Thema wieder an Reiz für die Öffentlichkeit. Es ist ein erstarkendes Interesse festzustellen wie z.B. die von der EU-Kommissarin für Beschäftigung und Soziales, Diana Diamantopoulou, angestoßene Anregung, sexistische Darstellungen von Frauen in Werbung, Zeitungen und Fernsehen gesetzlich zu verbieten. Dies brachte ihr heftige Proteste der Medienbranche und Politik ein. Nach vehementer Kritik zog sich die Politikerin auf eine gemäßigte Form zurück. Die Diskussion hierüber ist noch nicht abgeschlossen. Nach den 1970er und 1980er Jahren aktiviert Alice Schwarzer gegenwärtig zum dritten Mal die PorNO-Kampagne über die Zeitschrift EMMA, deren Herausgeberin sie ist. Auch durch die Crossover-Filme – Unterhaltungsfilme mit pornografischen Elementen –, die in den letzten Jahren erschienenen Lektüren, die sich mehr oder minder pornografischer Sprache bedienen, um Pornografie abzubilden wie DER TANZ UM DIE LUST (Ariadne von Schirach), DIE BERLINER ORGIE (Thomas Brussig), HURE (Nelly Arcan), DAS SEXUELLE LEBEN DER CATHERINE M. (Catherine Millet), die Kino-Produktion „Destricted“ als Auftakt zur KunstFilmBiennale im Filmforum des renommierten Museums Ludwig, indem internationale Kunststars Episoden von Pornografie zeigen sowie durch Erotik-Messen allerorten ist deshalb eine Fragestellung nach der medialen Akzeptanz der Rezipienten aktueller denn je.
Aber wer sind sie, die Rezipienten pornografischer Filme und welche möglicherweise vielfältigen Wirkungsweisen zeigt das Genre heute auf die Zuschauer? Im Zuge dieser Fragestellung wird ebenfalls zu klären sein, ob die Debatte, die sich das erste Mal in den 1970er Jahre um Pornografie entzündete, heute noch im Bewussten oder Unbewussten der Rezipienten verankert ist und dort Wirkung auf ihr Konsumverhalten in Bezug auf Medien, hier insbesondere der DVD-Nutzung, zeigt. Oder ist es nicht vielmehr so, dass die PorNO-Debatte anachronistisch anmutet, ein in die Jahre gekommener Diskurs, weil die Rezeption pornografischer Filme zu Beginn des 21. Jahrhunderts längst akzeptierte Medienrealität geworden ist, die keinerlei öffentlicher Auseinandersetzung mehr bedarf, da sie längst zum alltäglichen Unterhaltungsfaktor wie Thriller, Science-Fiction oder Humor gehört? Wolfram Körner erklärt in seinem Buch EROTISCHES IM ALLTAG: „Im Fernsehen und in Zeitschriften gehören nun Beiträge zu sexuellen Problemen und zur Erotik zum üblichen Programm.“. Ariadne von Schirach geht davon aus, dass alles Pornografie sei. Diese Thesen werden im Zuge der Analyse zur Rezeption pornografischer Filme einer kritischen Betrachtung zu unterziehen sein. Grundlage der Arbeit ist die Frage, welche Lesarten, Vergnügen und Rollenverständnisse Rezipienten heute hinsichtlich pornografischer Filme zeigen und ob bzw. in welcher Form sich Änderungen, aber eben auch gleich gebliebene Tendenzen zu den vorangegangenen Jahrzehnten ergeben. Die Basis des Vergleichs schaffen dazu die Debatten der 1970er Jahre und die Studie EROTIKA UND PORNOGRAPHIE von Henner Ertel.
Gang der Untersuchung:
Um eine adäquate Arbeitsbasis für die Analyse zu schaffen, wird der Begriff des pornografischen Films zunächst definiert sowie juristisch eingeordnet (Kapitel 2). Darüber hinaus wird die historische Entwicklung des pornografischen Films mit seiner Bedeutung für die jeweiligen Jahrzehnte bis heute verfolgt. Die theoretische Grundlage der Analyse bilden die Cultural Studies. Die Wahl fiel auf die Cultural Studies, weil sie nicht den Blick auf einzelne Forschungselemente der Kommunikationswissenschaft richten, sondern kontextuelle Bezüge zwischen etwa Kommunikator (Produzent) und Rezipient (Konsument) herstellen (Kapitel 3). Das Forschungsinteresse besteht aus der Ermittlung des Vergnügens, dem Wissen um (historische) Diskurse und dem Rollenverständnis eines Rezipienten, welche in Kapitel 4 als Fragestellungen konkretisiert werden. Anhand des ausgewählten Films wird eine qualitative Untersuchung mit fokussierten Leitfadeninterviews von vier Frauen und vier Männern durchgeführt: Kapitel 5 legt die Methodik der Arbeit dar. Kapitel 6 analysiert die acht Interviews. Die Zusammenführung und Rekapitulation der Fragestellung und das Ergebnis der Rezipienten-Analysen sind dem Fazit in Kapitel 7 zu entnehmen. Die vollständigen Interviews sind dieser Arbeit als gesonderter Anhang beigefügt. Diskurse und Diskussionen, nicht zuletzt die PorNO-Debatte, zogen Auseinandersetzungen nach sich, die sich in unzähligen schriftlichen Quellen niederschlugen. Diese bedürfen naturgemäß einer Einschränkung. In der vorliegenden Arbeit sind die diskursiv einflussreichsten sowie die spärlich gesäten wissenschaftlich-fundierten Analysen genannt und werden entsprechend des Themas bearbeitet. Eine qualitative Arbeit gerade auf Grundlage der Cultural Studies liefert Hinweise auf die Bedeutungszusammenhänge der Rezipienten und Tendenzen hinsichtlich pornografischer Filme heute, in deren Verlauf sich weitere Fragestellungen für zukünftige Analysen ergeben. Diese zukünftigen Analysen werden sich neuen Gegebenheiten anpassen müssen, da die vorliegende Arbeit lediglich aktuelle Bezüge und Ergebnisse liefern kann.
Zur besseren Lesbarkeit ist auf eine weibliche Form wie z.B. „Darstellerinnen und Darsteller“ oder „DarstellerInnen“ verzichtet worden, gleichwohl sind jeweils Frauen und Männer gemeint. An dezidierten Stellen, die eine Unterscheidung nötig machen, werden sie allerdings entsprechend gekennzeichnet.
Inhaltsverzeichnis:
| 1. | Einleitung | 1 |
| 2. | Pornografie: Definition, Hintergründe, Recht, Darstellungsformen | 3 |
| 2.1 | Etymologischer Ursprung und Definition | 3 |
| 2.2 | Rechtsgrundlage in der Bundesrepublik Deutschland nach StGB § 184 | 8 |
| 2.3 | Indizierungspraxis der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien | 10 |
| 2.4 | Historischer Überblick und andere Darstellungsformen | 11 |
| 2.4.1 | Abriss: Pornografie im Wandel | 11 |
| 2.4.2 | Der pornografische Film | 12 |
| 2.4.3 | Weitere mediale Ausdrucksformen der Pornografie | 17 |
| 2.5 | Diskurse und PorNO-Debatte | 19 |
| 2.5.1 | in den USA | 19 |
| 2.5.2 | in der Bundesrepublik Deutschland | 20 |
| 2.5.3 | PorNO-Debatte - heute | 21 |
| 2.6 | Zusammenfassung | 22 |
| 3. | Der pornografische Film im Fokus der Cultural Studies | 24 |
| 3.1 | Inhalt und Wahl | 24 |
| 3.1.1 | Populärkultur und Pornografie | 25 |
| 3.1.2 | Die Produzenten und ihre Macht | 27 |
| 3.1.3 | Die Rezipienten, das Vergnügen und ihre Macht | 28 |
| 3.1.4 | Encoding/Decoding-Modell und Psychoanalyse | 29 |
| 3.2 | Cultural Studies und Gender | 32 |
| 3.3 | Zusammenfassung | 33 |
| 4. | Forschungsfrage | 36 |
| 5. | Methodik | 38 |
| 5.1 | Untersuchungsform, Entwicklung des Leitfadens, Verfahrensweise | 38 |
| 5.2 | Auswahl der Probanden | 41 |
| 5.3 | Filmanalyse | 42 |
| 6. | Filmrezeption und Interviews | 45 |
| 6.1 | Sabine | 45 |
| 6.1.1 | Vergnügen | 45 |
| 6.1.2 | Diskurse und Diskussionen | 48 |
| 6.1.3 | Geschlechterrollen | 49 |
| 6.2 | Michaela | 51 |
| 6.2.1 | Vergnügen | 51 |
| 6.2.2 | Diskurse und Diskussionen | 53 |
| 6.2.3 | Geschlechterrollen | 54 |
| 6.3 | Marie | 56 |
| 6.3.1 | Vergnügen | 57 |
| 6.3.2 | Diskurse und Diskussionen | 59 |
| 6.3.3 | Geschlechterrollen | 60 |
| 6.4 | Paula | 62 |
| 6.4.1 | Vergnügen | 62 |
| 6.4.2 | Diskurse und Diskussionen | 65 |
| 6.4.3 | Geschlechterrollen | 67 |
| 6.5 | Tim | 69 |
| 6.5.1 | Vergnügen | 69 |
| 6.5.2 | Diskurse und Diskussionen | 72 |
| 6.5.3 | Geschlechterrollen | 74 |
| 6.6 | Karsten | 75 |
| 6.6.1 | Vergnügen | 76 |
| 6.6.2 | Diskurse und Diskussionen | 78 |
| 6.6.3 | Geschlechterrollen | 79 |
| 6.7 | Frank | 81 |
| 6.7.1 | Vergnügen | 82 |
| 6.7.2 | Diskurse und Diskussionen | 85 |
| 6.7.3 | Geschlechterrollen | 86 |
| 6.8 | Dennis | 88 |
| 6.8.1 | Vergnügen | 88 |
| 6.8.2 | Diskurse und Diskussionen | 91 |
| 6.8.3 | Geschlechterrollen | 93 |
| 6.9 | Zusammenfassung | 95 |
| 6.9.1 | Vergnügen | 95 |
| 6.9.2 | Diskurse und Diskussionen | 98 |
| 6.9.3 | Geschlechterrollen | 99 |
| 7. | Fazit | 101 |
| 8. | Quellenverzeichnis | 104 |
| 9. | Abbildungsverzeichnis | 106 |
| 10. | Interviewleitfaden | 107 |
| 11. | Sequenzprotokoll | 109 |
Textprobe:
Kapitel 6.4 Paula, 23.03.2007, „Woher soll man es sonst wissen?“:
Paula ist 45 Jahre alt, lebt mit Tochter und Hund als Alleinerziehende im Außenbezirk einer Großstadt. Die Hauptschulabsolventin mit der Ausbildung zur Bürokauffrau ist in ihrer Freizeit mit Mountainbike fahren und Spaziergängen dem Sport zugeneigt. Ihre Neigung schlägt sich auch in der Rezeption von Filmen nieder: Mit zwei DVDs in einem halben Jahr gehört sie zu den Zuschauern, die selten Filme konsumieren. Darüber hinaus sind die Filme geliehen, d.h. sie verfügt über keine eigenen Medien in diesem Bereich. Wenn sie DVDs rezipiert, liegt der Genreschwerpunkt auf Krimis und Mystery, die sie sowohl allein, im Rahmen ihrer Kleinfamilie, als auch im Freundeskreis rezipiert.
Vergnügen:
Auf die Fragen, was sie zum Stichwort Pornografie assoziiere und welche Gefühle sie damit verknüpfe, antwortet Paula spontan mit „Animation“ sowie „[…] Gute, sonst würde ich sie nicht gucken“ (S. 28). Damit zeigt sich Paula grundsätzlich aufgeschlossen zu pornografischen Filmen, hervorgehoben vor allem dadurch, dass sie ohne weiteres Nachdenken auf die Frage antwortet. Paulas Einstellung ist prinzipiell positiv, was sich in ihrer Beschreibung des evasiven Vergnügens verdeutlicht, insbesondere als sie ihre erste Begegnung mit einem pornografischen Film beschreibt: „[Mein Freund] saß an einem Ende, [ich] am anderen Ende der Couch und dann sind wir übereinander hergefallen. Das war super“ (S. 28). Paulas Vorstellung ist eine funktionalisierte Nutzung, in der sie ihre Erwartung an einen Pornofilm genau für sich definieren kann: „Ich gucke mir so einen Film nicht wegen des Themas an. Die Stimulation ist dann einfach da“ (S. 28). An dieser Stelle füllt sie ihre Position als Rezipientin in nahezu idealtypischer Weise, d.h. Paula weiß, was sie bei einem pornografischen Film zu erwarten hat und nutzt die von den Produzenten Erwartung für sich praktisch, in diesem Fall evasiv.
Jedoch kristallisiert sich bei einer intensiveren Nachfrage nach Vorlieben hinsichtlich pornografischer Bestandteile eine Kompromisshaltung heraus: Paulas Wunsch richtet sich auf eine zusammenhängende Geschichte, ein Aspekt, der in Pornofilmen nur bedingt oder gar nicht bedient wird. Wie in der Definition von pornografischen Filmen dargelegt ist gerade das episodenhafte dieser Filmgattung genrespezifisch. Kompromissbereit zeigt sich Paulas Rezeption also deshalb, da in klassischen heterosexuellen Pornofilmen eine zusammenhängende Geschichte eher die Ausnahme bildet, d.h. zwar werden von der Rezipientin angenehme Szenen goutiert und die fehlende bzw. episodische (per definitionem szenisch-narrative) Geschichte zur Kenntnis genommen, entsprechen letztlich aber nicht dem eigenen Maßstab eines rundum gelungenen Pornofilms. Darüber hinaus wünscht sich Paula attraktive Menschen und schöne Räumlichkeiten. Ertels Formulierung nach dem weiblichen Wunsch einer „anderen“, wenn auch nicht weniger expressiven Pornografie, kann an dieser Stelle konkretisiert werden: Offensichtlich ist die Nutzung pornografischer Filme tatsächlich – auch – bei Frauen evasiver Natur, jedoch bestehen hinsichtlich der Rahmenbedingungen Wünsche nach einem überzeugenden Plot, attraktiven Darstellern und nach einem angenehmen Ambiente.
Bei Paula geht die Nutzung pornografischer Filme über das evasive Vergnügen hinaus. Sie rezipiert das Genre nicht nur als sexuelle Stimulation, sondern bezieht ihr Wissen um Praktiken und mögliche Anwendungen aus dem Genre: „Man sieht da Sachen, bei denen man sich überlegt, ob man es ausprobieren will. Da sind Anregungen dabei, die man für den eigenen Sex übernimmt. Woher soll man es sonst wissen?“ (S. 28). Zwar überschneiden sich hier Fiktion und Realität, allerdings nicht in Form eines absoluten Konglomerats, welches die Rezipientin nicht mehr differenzieren lässt, sondern im Sinne einer praktikablen Nutzung für den „Hausgebrauch“ eines kulturellen Angebots. Diese Art der Verwertung bezieht Paula jedoch nur aus dem pornografischen Film. Andere Medien wie Literatur, Internet oder Fotografie und deren pornografische Segmente bleiben außen vor. Weder verfügt Paula über pornografische bzw. erotische Materialien noch zeigt sie Interesse an weiteren pornografischen Erzeugnissen. Eine aktive, regelmäßige Rezeption von pornografischen Filmen ist bei Paula nicht festzustellen. Das lässt zwar auf teilweise kulturelle Akzeptanz bei der Probandin schließen, jedoch geht der Pornofilm nicht soweit in ihrem kulturellen Gebrauch auf, dass dieses Genre eine alltägliche Bedeutung bei ihr erlangt hätte. Die Rezipientin weiß um die Bedeutung und Handhabung pornografischer Filme, nutzt diese für sich, jedoch erschöpft sich damit das Interesse.
So eindeutig evasiv Paula auf der einen Seite mit Pornofilmen umgeht, so auffällig ist auf der anderen Seite ihr stetiger Verweis auf „Grenzziehung“: Intimbereich und Sexualität nehmen bei ihr einen äußerst privaten Charakter an, der sich hinsichtlich pornografischer Nutzung in einem geradezu hoch schützenswerten Raum vollziehen muss, den Paula in verschiedenen Äußerungen verdeutlicht: „Wo ist die Schamgrenze? Für mich hat das einen gewissen Stellenwert und das bewahre ich mir.“, „Damit eine Grenze erhalten bleibt, damit es schön bleibt und spannend und kein Intimverlust entsteht. Das ist doch so: Je mehr man weiß oder je öffentlicher was wird, desto langweiliger wird es“ „Da gehöre ich wohl auch zu den Menschen, die nicht offen darüber sprechen. Das ist eine Intimsphäre, die möchte ich nicht mit jedem besprechen“ (S. 29, 30). Trotz aller Aufgeschlossenheit und persönlicher Bezüge mag sie die Nutzung pornografischer Filme bzw. aller weiteren Medien als solches nicht offen legen.
Paula will sich nicht festlegen bei der Frage, welchen Stellenwert Pornografie in der heutigen Gesellschaft ihrer Meinung nach einnimmt: „Schwer zu sagen. Ich denke, dass es wesentlich offener heute ist, als es vor zehn, fünfzehn Jahren war. Es gehört inzwischen dazu. Es ist akzeptiert, obwohl es immer noch mit zum Schmutzigen gehört, glaube ich. Es ist nach wie vor unter der Hand.“ Ihren persönlichen Zwiespalt sieht sie auf das gesamtgesellschaftliche Verhalten widergespiegelt, diesen glaubt die Probandin im Wesentlichen in der Altersgruppe der 50- bis 60-Jährigen festmachen zu können (S. 29). Obwohl sie mit keinem Fremden über das Thema sprechen möchte, war sie zu diesem Interview bereit – dabei kannten sich Probandin und Interviewerin im Vorfeld de facto nicht. Ein Erklärungsansatz ist, dass das Gespräch im Rahmen einer wissenschaftlichen Arbeit stattfand, mithin also gesellschaftlich vertretbar, somit für Paula zu rechtfertigen, gegenüber sich und möglichen anderen Personen. Das wiederum lässt Rückschlüsse auf Paulas gesamte Haltung gegenüber Pornografie zu: In ihrer Begründung verweist sie zwar auf den Aspekt der Intimsphäre schädigenden Konsequenz bei einer zu freizügigen Handhabung des Themas Pornografie. Allerdings spielt hier ein weiterer Gesichtspunkt mit hinein, nämlich der des gesellschaftlich Akzeptablen, der im Rahmen einer wissenschaftlichen Untersuchung für sie vertretbar ist, alles darüber Hinausgehende jedoch ein gesellschaftlichen Verstoß bedeuten könnte. Ein deutlicher Verweis darauf findet sich in ihrer Antwort auf die Frage, ob der Leih eines Pornofilms für sie peinlich wäre: „Ich weiß, was für Typen sich so was leihen. Die kommen und holen sich jeden Tag fünf oder sechs Filme“ (S. 31). Trotz eigener positiver Erfahrungen verknüpft sie einen regelmäßigen Gebrauch mit Menschen, deren Stellenwert sie nicht besonders hoch einschätzt, mit denen sie nicht in Verbindung gebracht werden möchte. Hier zerfällt Paulas Verhältnis in zwei Teile: Pornografie ist unter bestimmten Rahmenbedingungen ein akzeptiertes Kulturgut, allerdings nur solange sich die Rezeption tatsächlich in bestimmten Grenzen bewegt.
Die Darstellerinnen der Pornobranche sind Paula bekannt und werden durch ihren persönlichen Bezug positiv wahrgenommen, obwohl sie wie o.g. keine regelmäßige Rezipientin pornografischer Erzeugnisse ist: „Ich habe mit Teresa Orlowski schon an einem Tisch gesessen. Das war auf einer Messe in Hannover, ich war da für eine Videothek, in der ich gearbeitet habe, und da haben Niederländer eine super Performance hingelegt. Sex pur. Orlowski ist eine knallharte Geschäftsfrau, die sympathisch ist. Die anderen beiden sagen mir auch was. Dolly Buster ist mir unsympathisch, die hat für mich einen absoluten Schmuddelcharakter. Gina Wild strahlt schon mehr Persönlichkeit aus“ (S. 30). Ihr persönlicher Geschmack lässt sie hinsichtlich Sympathien einen differenzierten Blick auf die Pornoszene werfen. Aber auch hier findet sich der o.g. Zwiespalt wieder: Während sie Orlowski und in Teilen Wild als angenehm empfindet, steht Buster für den „schmuddeligen Bereich“ der Branche. Obwohl Paula immer wieder auf die Intimsphäre verweist, ist sie jedoch tolerant gegenüber Menschen aus dieser Branche und dem Prostituiertenmilieu. Sie schätzt beide Bereiche realistisch als Wirtschaftsfaktoren ein und erkennt die Motivation auf Seiten der Produzenten: „Wenn [eine Pornodarstellerin] sagt, das ist ihr Job, dann soll sie es machen. Sie erhält ja auch gewisse Arbeitsplätze, Filmemacher und so weiter. Und sie hat selber einen Job. Wenn sie das will, ist es okay“ (S. 31). In dem Vergleich Prostituierte und Lehrerin zeigt sich eine Egalisierung, die einen Hinweis darauf liefert, dass erstere Berufgruppe nicht belegt ist mit moralischen Anfeindungen, sondern anerkannt, somit eine gewisse Akzeptanz hinsichtlich Pornografie daraus geschlossen werden kann. Für Paula ist prioritär wichtig, dass die Arbeit in der Pornobranche freiwillig geleistet wird: „Wenn sie gezwungen wird, dann sollten die anderen zur Rechenschaft gezogen werden. Das ist klar. Die sollte man einbuchten“ (S. 33).
Auf die Bitte, den Film nachzuerzählen, umschreibt Paula ihren Eindruck mit dem Wort: „Poppen“ sowie „Sex, Sex, Sex“ (S. 30). Diese Reaktion fügt sich in die Handhabung Paulas von Pornofilmen: Sie erwartet Pornografie und bekommt als Rezipientin Pornografie im Film geboten. Damit erfüllt sie auf ideale Weise die Zielrichtung der Produzenten hinsichtlich einer favorisierten Lesart. Allerdings weiß die Probandin zu differenzieren, indem sie etwa die Einführung zu den Produktionsbedingungen realistisch einschätzt und darüber hinaus hinsichtlich des Plots abstrahiert, also die Struktur des Films ADRENALIN erkennt: „Mit diesem Andrea haben die versucht ein Thema einzubauen“ (S. 30). Gegenüber der Geschichte des Protagonisten und seinem Werdegang zeigt sich Paula kritisch. Das Erzählmuster und die vermittelten Inhalte – Erfolg und Reichtum als Womenizer – schlägt sich bei Paula als oppositionelle Lesart nieder: „Einen Menschen finanziell auszunutzen […] das fand ich abgezockt. Nur mal eben poppen, das wäre in Ordnung gewesen, aber er hat sie ja finanziell wirklich ausgezogen“ (S. 30). Diese Erzählstruktur bleibt bei Paula was sie ist: männliche Wunschphantasien, die ihr selbst keine Identifikationsspielräume und sie somit eine oppositionelle Haltung bzw. Lesart einnehmen lassen. Paula Veränderungswünsche am Film sind nahezu essenziell und offenbaren ihren Wunsch nach sehr viel ansprechenderen männlichen Darstellern und einer komplett anderen, viel stärker den Frauen zugewandteren Handlung, den die Produzenten in diesem Fall für sie nicht im Ansatz bedienen: „Ich würde die Männer mehr dazu bringen, dass die sich am Anfang mal um die Frauen kümmern. Es ist grundsätzlich so, dass die Frauen sich um den Pillermann kümmern. Und auch ein anderes Thema müsste her […] Mir ist aufgefallen, dass immer nur die Männer heiß gemacht werden“ (S. 31). Die von den Produzenten beabsichtigten „weiblichen“ Elemente in diesem Film z.B. episodische Geschichte und Oscar-Wilde-Zitat – welche Paula gar nicht wahrnimmt (S. 31) – laufen bei der Rezipientin ins Leere.
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Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783836612234
Arbeit zitieren:
Kromer, Gaye Suse Oktober 2007: Obszöne Lust oder etablierte Unterhaltung?, Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Pornografie, Film, Sexualität, Rezipientenforschung, Cultural Studies



