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Zwischen Neugier und Tabu: Geschlechtsspezifische Sozialisation muslimischer Mädchen in Deutschland

Eine Studie im Rahmen der Schulsozialarbeit an einer Hauptschule in Ludwigsburg

Zwischen Neugier und Tabu: Geschlechtsspezifische Sozialisation muslimischer Mädchen in Deutschland
Über dieses Buch
  • Art: Diplomarbeit
  • Autor: Sarah Geist
  • Abgabedatum: März 2006
  • Umfang: 144 Seiten
  • Dateigröße: 1,0 MB
  • Note: 1,5
  • Institution / Hochschule: Duale Hochschule Baden-Württemberg Deutschland
  • Bibliografie: ca. 68
  • ISBN (eBook): 978-3-8366-0066-8
  • ISBN (Paperback) :
    978-3-8366-0066-8 P
  • ISBN (CD) :978-3-8366-0066-8 CD
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Geist, Sarah März 2006: Zwischen Neugier und Tabu: Geschlechtsspezifische Sozialisation muslimischer Mädchen in Deutschland, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Muslime, Islam, Migration, Zwangsehe, Sozialisation

Diplomarbeit von Sarah Geist

Einleitung:

2,6 Millionen aus der Türkei stammenden Menschen leben in Deutschland. Man kann nicht länger davon absehen, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist und in Zukunft noch stärker multikulturell sein wird. Trotz dieser Tatsache findet die Problematik der Lebenssituation muslimischer Mädchen in der deutschen Öffentlichkeit nur ein geringes Interesse. Geringe Kenntnisse sind Grund für Vorurteile und Stereotype.

In der Literatur ist hauptsächlich von muslimischen Frauen die Rede, die unselbstständig, unterdrückt und psychisch sehr stark belastet sind. Auch in den Medien dominiert, gerade in Bezug auf Frauen mit Kopftuch, ein rückständiges Frauenbild.

Doch welche Rolle spielt für die muslimischen Mädchen Gleichberechtigung und Selbständigkeit? Wie verläuft die geschlechtsspezifische Sozialisation muslimischer Mädchen in Deutschland und welchen Einfluss üben deutsche Einrichtungen, wie die Schule, auf diese Mädchen aus?

Diese und weitere Fragestellungen werden in theoretischen sowie empirischen Erhebungen dieser Arbeit aufgegriffen.

Die Motivation für dieses Thema ergab sich dadurch, dass ich im Rahmen der Mädchenarbeit in der Schulsozialarbeit immer wieder auf Themen wie die unterschiedliche Lebenswelt von muslimischen und deutschen Mädchen oder auch auf Unterschiede in der Erziehung muslimischer Mädchen und Jungen von den Mädchen angesprochen wurde. Diese Mädchen befinden sich in einem Spannungsverhältnis zwischen Neugierde, vor allem in Bezug auf Sexualität, Partnerschaft und mädchenspezifische Wünsche, und den Tabus der traditionellen türkischen Gesellschaft.

Gang der Untersuchung:

Um dieser Fragestellung gerecht zu werden, wurde die Arbeit in folgender Weise gegliedert: Im ersten Teil der Arbeit wird das Thema theoretisch erarbeitet und diskutiert. Dazu werden zunächst die wichtigsten Begrifflichkeiten in Bezug auf die Sozialisation zum besseren Verständnis der Arbeit erläutert, um im Folgenden die allgemeine Sozialisation sowie Sozialisationsinstanzen junger Menschen zu erörtern.

Im Anschluss wird auf die genaue Fragestellung der Arbeit eingegangen. Auch hierbei werden vorangehend an die Untersuchung für ein besseres Verständnis die zentralen Begrifflichkeiten und Grundlagen dargelegt. Darauf folgend wird die Sozialisation muslimischer Mädchen, vor allem in Hinblick auf die traditionelle Familie, tiefergehend untersucht.

Ebenfalls wird die Bedeutung der Migration im Hinblick auf Sozialisationsprozesse der gesamten Familie, sowie der Einfluss der deutschen Gesellschaft und deren Sozialisationsinstanzen im Hinblick auf muslimische Mädchen hierbei berücksichtigt, um auch den Kulturkonflikt, der ebenfalls erläutert wird besser nachvollziehen zu können.

Basierend auf den theoretischen Ausführungen und Ergebnissen der sozialwissenschaftlichen Forschung werden zum Abschluss des ersten Teils der Arbeit die gewonnenen Hypothesen vorgestellt.

Im zweiten empirischen Teil der Arbeit wird zunächst die Einrichtung, in deren Rahmen die nachfolgende Untersuchung stattfand, vorgestellt. Die Uhlandschule wird hierbei ebenso berücksichtigt, wie die Schulsozialarbeit der Schule an sich.

Daran anschließend werden die Sozialisationsbedingungen muslimischer Mädchen an dieser Schule anhand der Interviewmethode untersucht.

Abschließend werden Folgerungen für die Soziale Arbeit, sowie für die Gesellschaft im Allgemeinen, vorgestellt. Auch Konzepte und Entwicklungen für die Schulsozialarbeit in Ludwigsburg und deren Mädchenarbeit werden nochmals vertieft dargestellt.

Inhaltsverzeichnis:

INHALTSVERZEICHNIS I
ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS III
1. EINLEITUNG 1
THEORIE 3
2. SOZIALISATION UND SOZIALISATIONSINSTANZEN IM JUGENDALTER 3
2.1 BEGRIFF DER SOZIALISATION 3
2.1.1 Allgemeine Sozialisation 3
2.1.1 Geschlechtsspezifische Sozialisation 4
2.2 SOZIALISATIONSINSTANZEN 5
2.2.1 Familie 5
2.2.2 Schule 6
2.2.3 Peer-Group 6
2.2.4 Sozialpädagogische Institutionen: Schulsozialarbeit 7
2.3 LEBENSPHASE JUGEND 9
2.3.1 Abgrenzung Kindheit - Jugend 9
2.3.2 Wichtige Themen und Entwicklungen der Jugendphase 10
3. GESCHLECHTSSPEZIFISCHE SOZIALISATION MUSLIMISCHER MÄDCHEN 12
3.1 DEFINITION UND GRUNDLAGE ZUM VERSTÄNDNIS 12
3.1.1 Begriffsdefinition: Muslime 12
3.1.2 Verschiedene Familienformen der türkischen Migranten 12
3.1.3 Wichtigste Werte in der türkischen Familie 13
3.2 SOZIALISATION IN DER TRADITIONELLEN TÜRKISCHEN FAMILIE 15
3.2.1 Rolle des Glaubens 16
3.2.2 Einstellung zum Thema Sexualität 18
3.2.3 Freizeitverhalten muslimischer Mädchen 19
3.2.4 Geschlechtsspezifische Erziehung 20
3.2.4.1 Stellung der weiblichen Familienmitglieder 20
3.2.4.2 Innerfamiliäre Beziehungen 22
3.2.4.3 Konfliktthema Kopftuch 22
3.2.4.4 Die Bedeutung der Ehe 24
3.3 BEDEUTUNG DER MIGRATION FÜR DIE SOZIALISATION 26
3.3.1 Bedingungen der Migration in der BRD 26
3.3.2 Die erste Generation 27
3.3.3 Die zweite und dritte Generation 28
3.4 LEBEN ZWISCHEN DEN KULTUREN: SOZIALISATION IN DER DEUTSCHEN GESELLSCHAFT 30
3.4.1 Zur Kulturkonflikttheorie 30
3.4.2 Sozialisation in derdeutschen Schule 31
3.4.3 Sozialisation durch die deutsche Peer-Group 33
3.4.4 Sozialisation durch die Medien 34
4. HYPOTHESEN 36
EMPIRIE 38
5. BESCHREIBUNG DER UHLANDSCHULE IN LUDWIGSBURG 38
5.1 ZIELE DER SCHULE 39
5.2 GRUNDSÄTZE DER SCHULE 40
5.3 SCHULCURRICULUM: THEMEN FÜR MUSLIMISCHE MÄDCHEN 40
6. BESCHREIBUNG DER SCHULSOZIALARBEIT AN DER UHLANDSCHULE 42
6.1 KLIENTEL DER SCHULSOZIALARBEIT AN DER UHLANDSCHULE 42
6.2 ZIELE DER SCHULSOZIALARBEIT 43
6.3 LEISTUNGSBEREICHE 43
6.3.1 Offene Arbeit im Schülertreff 43
6.3.2 Beratung und soziale Einzelhilfe 44
6.3.3 Gruppenarbeit: Mädchennachmittag 45
7. UNTERSUCHUNG 47
7.1 VORSTELLUNG DER UNTERSUCHUNGSGRUPPE 47
7.2 AUSWAHL DES UNTERSUCHUNGSINSTRUMENTS 48
7.3 VORBEREITUNG UND HERANGEHENSWEISEN ZUR UNTERSUCHUNG 49
7.4 KONSTRUKTION UND AUFBAU DES UNTERSUCHUNGSINSTRUMENTS 51
8. AUSWERTUNG UND INTERPRETATION 53
8.1 EINZELNE BIOGRAFISCHE BESONDERHEITEN 54
8.1.1 Feride 54
8.1.2 Hatice 54
8.1.3 Ayse 55
8.1.4 Semra 56
8.1.5 Melek 56
8.1.6 Özlem 57
8.2 SOZIALISATION IN DER FAMILIE 58
8.2.1 Geschlechtsspezifische Sozialisation 58
8.2.2 Die Tabus in der türkischen Familie 59
8.2.3 Aufklärung und Sexualität in türkischen Familien 61
8.2.4 Die Rolle des Glaubens 62
8.2.5 Das Kopftuch: Zwang oder freiwillig? 63
8.3 WEITERE WICHTIGE SOZIALISATIONSINSTANZEN FÜR MUSLIMISCHE MÄDCHEN 65
8.3.1 Die peer group und das Freizeitverhalten 65
8.3.2 Die Medien 66
8.3.3 Die Schule 68
8.3.4 Die Schulsozialarbeit und andere sozialpädagogische Einrichtungen 69
8.4 UNTERSCHIEDE ZWISCHEN DER DEUTSCHEN UND TÜRKISCHEN GESELLSCHAFT 70
8.5 ZUKUNFT 71
8.5.1 Berufliche Pläne 71
8.5.2 Soziale Lebenspläne und Erziehungsziele für die eigenen Kinder 71
8.6 ZUSAMMENFASSUNG 73
SCHLUSSFOLGERUNGEN 75
9. FOLGERUNGEN FÜR DIE ARBEIT MIT MUSLIMISCHEN MÄDCHEN 75
9.1 ALLGEMEINE FOLGERUNGEN 75
9.2 FOLGERUNGEN FÜR DIE SCHULSOZIALARBEIT AN DER UHLANDSCHULE 77
9.3 THEMEN UND PROJEKTE FÜR DEN „MÄDCHENNACHMITTAG“ 80
10. SCHLUSSWORT 83
11. LITERATURVERZEICHNIS 85
12. ANHANG 94
12.1 TEILSTRUKTURIERTER INTERVIEWLEITFADEN 94
12.2 INTERVIEW MIT HERRN KUNZE 96
12.3 SCHRIFTLICHES INTERVIEW MIT FRAU DR. HAGSPIEL 104
12.4 INTERVIEWS MIT DEN MUSLIMISCHEN MÄDCHEN 107

Inhaltsverzeichnis:

INHALTSVERZEICHNIS I
ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS III
1. EINLEITUNG 1
THEORIE 3
2. SOZIALISATION UND SOZIALISATIONSINSTANZEN IM JUGENDALTER 3
2.1 BEGRIFF DER SOZIALISATION 3
2.1.1 Allgemeine Sozialisation 3
2.1.1 Geschlechtsspezifische Sozialisation 4
2.2 SOZIALISATIONSINSTANZEN 5
2.2.1 Familie 5
2.2.2 Schule 6
2.2.3 Peer-Group 6
2.2.4 Sozialpädagogische Institutionen: Schulsozialarbeit 7
2.3 LEBENSPHASE JUGEND 9
2.3.1 Abgrenzung Kindheit - Jugend 9
2.3.2 Wichtige Themen und Entwicklungen der Jugendphase 10
3. GESCHLECHTSSPEZIFISCHE SOZIALISATION MUSLIMISCHER MÄDCHEN 12
3.1 DEFINITION UND GRUNDLAGE ZUM VERSTÄNDNIS 12
3.1.1 Begriffsdefinition: Muslime 12
3.1.2 Verschiedene Familienformen der türkischen Migranten 12
3.1.3 Wichtigste Werte in der türkischen Familie 13
3.2 SOZIALISATION IN DER TRADITIONELLEN TÜRKISCHEN FAMILIE 15
3.2.1 Rolle des Glaubens 16
3.2.2 Einstellung zum Thema Sexualität 18
3.2.3 Freizeitverhalten muslimischer Mädchen 19
3.2.4 Geschlechtsspezifische Erziehung 20
3.2.4.1 Stellung der weiblichen Familienmitglieder 20
3.2.4.2 Innerfamiliäre Beziehungen 22
3.2.4.3 Konfliktthema Kopftuch 22
3.2.4.4 Die Bedeutung der Ehe 24
3.3 BEDEUTUNG DER MIGRATION FÜR DIE SOZIALISATION 26
3.3.1 Bedingungen der Migration in der BRD 26
3.3.2 Die erste Generation 27
3.3.3 Die zweite und dritte Generation 28
3.4 LEBEN ZWISCHEN DEN KULTUREN: SOZIALISATION IN DER DEUTSCHEN GESELLSCHAFT 30
3.4.1 Zur Kulturkonflikttheorie 30
3.4.2 Sozialisation in derdeutschen Schule 31
3.4.3 Sozialisation durch die deutsche Peer-Group 33
3.4.4 Sozialisation durch die Medien 34
4. HYPOTHESEN 36
EMPIRIE 38
5. BESCHREIBUNG DER UHLANDSCHULE IN LUDWIGSBURG 38
5.1 ZIELE DER SCHULE 39
5.2 GRUNDSÄTZE DER SCHULE 40
5.3 SCHULCURRICULUM: THEMEN FÜR MUSLIMISCHE MÄDCHEN 40
6. BESCHREIBUNG DER SCHULSOZIALARBEIT AN DER UHLANDSCHULE 42
6.1 KLIENTEL DER SCHULSOZIALARBEIT AN DER UHLANDSCHULE 42
6.2 ZIELE DER SCHULSOZIALARBEIT 43
6.3 LEISTUNGSBEREICHE 43
6.3.1 Offene Arbeit im Schülertreff 43
6.3.2 Beratung und soziale Einzelhilfe 44
6.3.3 Gruppenarbeit: Mädchennachmittag 45
7. UNTERSUCHUNG 47
7.1 VORSTELLUNG DER UNTERSUCHUNGSGRUPPE 47
7.2 AUSWAHL DES UNTERSUCHUNGSINSTRUMENTS 48
7.3 VORBEREITUNG UND HERANGEHENSWEISEN ZUR UNTERSUCHUNG 49
7.4 KONSTRUKTION UND AUFBAU DES UNTERSUCHUNGSINSTRUMENTS 51
8. AUSWERTUNG UND INTERPRETATION 53
8.1 EINZELNE BIOGRAFISCHE BESONDERHEITEN 54
8.1.1 Feride 54
8.1.2 Hatice 54
8.1.3 Ayse 55
8.1.4 Semra 56
8.1.5 Melek 56
8.1.6 Özlem 57
8.2 SOZIALISATION IN DER FAMILIE 58
8.2.1 Geschlechtsspezifische Sozialisation 58
8.2.2 Die Tabus in der türkischen Familie 59
8.2.3 Aufklärung und Sexualität in türkischen Familien 61
8.2.4 Die Rolle des Glaubens 62
8.2.5 Das Kopftuch: Zwang oder freiwillig? 63
8.3 WEITERE WICHTIGE SOZIALISATIONSINSTANZEN FÜR MUSLIMISCHE MÄDCHEN 65
8.3.1 Die peer group und das Freizeitverhalten 65
8.3.2 Die Medien 66
8.3.3 Die Schule 68
8.3.4 Die Schulsozialarbeit und andere sozialpädagogische Einrichtungen 69
8.4 UNTERSCHIEDE ZWISCHEN DER DEUTSCHEN UND TÜRKISCHEN GESELLSCHAFT 70
8.5 ZUKUNFT 71
8.5.1 Berufliche Pläne 71
8.5.2 Soziale Lebenspläne und Erziehungsziele für die eigenen Kinder 71
8.6 ZUSAMMENFASSUNG 73
SCHLUSSFOLGERUNGEN 75
9. FOLGERUNGEN FÜR DIE ARBEIT MIT MUSLIMISCHEN MÄDCHEN 75
9.1 ALLGEMEINE FOLGERUNGEN 75
9.2 FOLGERUNGEN FÜR DIE SCHULSOZIALARBEIT AN DER UHLANDSCHULE 77
9.3 THEMEN UND PROJEKTE FÜR DEN „MÄDCHENNACHMITTAG“ 80
10. SCHLUSSWORT 83
11. LITERATURVERZEICHNIS 85
12. ANHANG 94
12.1 TEILSTRUKTURIERTER INTERVIEWLEITFADEN 94
12.2 INTERVIEW MIT HERRN KUNZE 96
12.3 SCHRIFTLICHES INTERVIEW MIT FRAU DR. HAGSPIEL 104
12.4 INTERVIEWS MIT DEN MUSLIMISCHEN MÄDCHEN 107

Textprobe:

Kapitel 3.3, Bedeutung der Migration für die Sozialisation: Migration als Überbegriff bezeichnet die Wanderung von Einzelpersonen oder Gruppen über die Landesgrenze hinweg. Türkischen Migranten sind in der Regel Arbeitsmigranten, das heißt sie haben freiwillig ihre Heimat verlassen, um in einem anderen Land bessere Beschäftigungs- und Verdienstmöglichkeiten zu erhalten. Zu den Migranten zählen nicht nur die Arbeiter selbst, sondern auch ihre Frauen und Kinder, die sie mit in die neue Heimat bringen.

Am 31.10.1962 wurde das „Abkommen zur Anwerbung türkischer Arbeitskräfte für den deutschen Arbeitsmarkt zwischen der Türkei und der Bundesrepublik Deutschland“ ausgehandelt. Die türkischen Gastarbeiter kamen als billige Arbeitskräfte nach Deutschland, niemand ging jedoch davon aus, dass diese länger bleiben würden; auch die Migranten selbst nicht. Daher galt es damals lediglich eine „Integration auf Zeit“ durchzuführen. Erst in den achtziger Jahren machte man sich in der Politik Gedanken über einen längerfristigen Verleib der Migranten und versuchte Modelle zu entwickeln, um die Integration der Ausländer zu erleichtern.

Im Januar 2000 schließlich trat das vom Gesetzgeber verabschiedete neue Staatsbürgerrecht in Kraft. Kinder, die in Deutschland geboren werden und deren Eltern mindestens seit acht Jahren in Deutschland leben, erhalten nun automatisch die deutsche Staatsbürgerschaft. Wenn sie zusätzlich die Staatsbürgerschaft der Eltern erwerben, müssen sie sich bis zu ihrem 23. Lebensjahr für eine von beiden Staatsbürgerschaften entscheiden. Auch für Erwachsene wurden die Einbürgerungsbedingungen wesentlich erleichtert. So ist nun eine Einbürgerung bereits nach acht Jahren möglich. Hierzu wird allerdings ein zusätzlicher Sprachtest verlangt.

In Baden-Württemberg gibt es seit Anfang 2006 zusätzlich noch einen weiteren Einbürgerungstest, nämlich einen Fragebogen, der Themen behandelt, wie zum Beispiel die Einstellung zur Gleichberechtigung der Frau, zur Religionsfreiheit und zur Homosexualität. Dieser Test ist allerdings sehr umstritten. Viele verstehen darunter einen Muslimtest, wobei dieser für alle Ausländer gelten sollte. Es sei ein Gesinnungstest, der gegen den Gleichheitsgrundsatz der Verfassung spreche, hieß es von Seiten der SPD.

Der Fragebogen, der von Heribert Rech (CDU) vielmehr als Gesprächsleitfaden gesehen wird, soll in Erfahrung bringen, ob der Einbürgerungswillige auch eine innere Übereinstimmung mit der Verfassung der Bundesrepublik Deutschland hat.

Es ist allerdings fraglich, ob man auf diese Weise die wahrheitsgemäße Einstellung mancher muslimischer Migranten erfragen kann. Insgesamt sind bis zum Ende des Jahres 2004 665.000 Türkinnen und Türken in Deutschland eingebürgert worden. Das bedeutet, dass mehr als ein Viertel der gesamten türkischstämmigen Bevölkerung eingebürgert ist. Auch die Kinder, die in Deutschland geboren werden und somit die deutsche Staatsbürgerschaft automatisch erhalten, müssen dazu addiert werden. Seit der Gesetzesänderung im Jahr 2000 waren dies rund 175.000 Kinder. Angesichts dieser Zahlen lässt sich nun die Behauptung aufstellen, dass die Mehrheit der Türken eine Zukunft in Deutschland anstrebt.

Die erste Generation besteht aus Arbeitsmigranten der 60iger Jahre und macht zurzeit etwa ein Viertel der türkischen Bevölkerung in der BRD aus. Diese Migranten erreichen nun allmählich das Rentenalter, sind aber in ihrem Herkunftsland aufgewachsen und haben dort wesentliche Teile ihres gesamten Sozialisationsprozesses erfahren. Diese Türken fühlen sich deshalb sehr stark mit der Heimat verbunden und orientieren sich auch an den Familienangehörigen in der Heimat. Das wichtigste für sie ist die Bewahrung der Herkunftskultur.

Auch der Gedanke an eine Rückkehr in die Heimat ist bei den Älteren deutlich ausgeprägter als in der zweiten und dritten Generation. Allerdings sind nur wenige von ihnen tatsächlich wieder zurück in die Türkei gegangen. Deutschland wurde ursprünglich nur als vorübergehender Aufenthaltsort gesehen. Hier wollten sie genügend Geld verdienen, um sich in der Heimat eine besseres Leben leisten zu können. Daher sahen sie es auch nicht für notwendig an, die deutsche Sprache zu lernen oder Freundschaften und Kontakte zu Deutschen zu pflegen. Die deutsche Kultur ist ihnen bis heute fremd.

Auch die Wohnsituation und das Lebensumfeld unterscheiden sich von dem der deutschen Bevölkerung. Da die türkischen Gastarbeiter in Fabriken in der Stadt arbeiteten, wohnten sie auch meistens in der Stadt. Etwa 80 Prozent der türkischen Bevölkerung lebt in Städten, die mehr als 100.000 Einwohner haben.

Die Größe der Haushalte der türkischen Migranten und der deutschen Bevölkerung unterscheidet sich ebenfalls, da die Zahl der Haushalte mit vier oder mehr Personen bei den türkischen Einwanderern deutlich höher liegt. Allerdings leben sie deshalb oft sehr beengt. 36 % der türkischen Haushalte mit fünf und mehr Personen lebt in Zwei- und Drei-Zimmer Wohnungen. Die Qualität der Wohnungen liegt deutlich unter der von deutschen Bürgern. Bedingt durch diese Umstände entwickelten sich seit Beginn der Migrantenbewegung Wohnviertel, in denen hauptsächlich Ausländer wohnen.

Doch der Trend geht auch bei Türken offensichtlich zu immer kleineren Haushalten und auch die Aussicht auf ein längeres Leben in Deutschland bewegt immer mehr türkische Familien zum Sparen auf ein Eigenheim. Diese Trends sind aber vor allem bei der zweiten und dritten Generation zu beobachten, auf welche nun im Folgenden näher eingegangen wird.

Arbeit zitieren:
Geist, Sarah März 2006: Zwischen Neugier und Tabu: Geschlechtsspezifische Sozialisation muslimischer Mädchen in Deutschland, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Muslime, Islam, Migration, Zwangsehe, Sozialisation

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