Zwischen Nazipropaganda und Realität
Die Einstufung der Bevölkerung von Belarus während des 2. Weltkrieges als Hilfsvolk oder als Untermenschen
- Art: Diplomarbeit
- Autor: Theresa Voigt
- Abgabedatum: Februar 2003
- Umfang: 110 Seiten
- Dateigröße: 2,3 MB
- Note: 1,3
- Institution / Hochschule: Freie Universität Berlin Deutschland
- ISBN (eBook): 978-3-8324-7389-1
-
ISBN (Paperback) :
978-3-8324-7389-1 P - ISBN (CD) :978-3-8324-7389-1 CD
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Voigt, Theresa Februar 2003: Zwischen Nazipropaganda und Realität, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Nationalsozialismus, Propaganda, Weißrußland, deutsche Besatzung, Belarus
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Diplomarbeit von Theresa Voigt
Einleitung:
Die British Broadcasting Corporation trat im Herbst 1940 an Thomas Mann mit der Bitte heran, über ihren Sender in regelmäßigen Abständen kurze Ansprachen an das Deutsche Volk zu richten, in denen er Kriegsereignisse kommentieren und eine Einflussnahme auf die Zuhörer versuchen sollte. Im September 1942 schrieb er, als Vorwort für die entstehende Sammlung dieser Reden, folgenden Gedankengang, der notwendigerweise in seiner Gänze wiedergegeben werden muss: „Der Führer hat seiner Verachtung des deutschen Volkes, seiner Überzeugtheit von der Feigheit, Unterwürfigkeit, Dummheit dieser Menschenart, ihrer grenzenlosen Fähigkeit, sich belügen zu lassen, oft Ausdruck gegeben und nur jedes Mal vergessen, eine Erklärung dafür hinzuzufügen, wie es ihm gelingt, gleichzeitig in den Deutschen eine zur Weltherrschaft bestimmte Herrenrasse zu sehen. Wie kann ein Volk, von dem psychologisch feststeht, dass es sogar gegen ihn niemals revoltieren wird, eine Herrenrasse sein? Ich bitte den Geschichtshelden, diese Frage einmal zwischen zwei Schlachtenplänen einer logischen Prüfung zu unterziehen.“ Genau diese Frage ist es auch, die sich der Autorin in Betrachtung der belarusischen Situation zur Zeit deutscher Besatzung aufdrängte, da sich hier eine ähnlich ungeklärte Frage auftut. Wie sollte es gelingen, die sich widersprechende Politik der ‚Volksaufklärung’ und Propaganda mit der kriegerischen Realität zu verbinden? Ist dies überhaupt möglich, d.h. können Gründe für diese Widersprüche angegeben werden; Fakten und Geschehnisse, die diese Politik zwar nicht rechtfertigen, sie jedoch ‚sinnvoller’ erscheinen lassen? Der Versuch der Beantwortung dieser Frage wird Aufgabe dieser Arbeit sein.
Die Arbeitshypothese, zu deren Bestätigung oder Widerlegung die vorliegende Arbeit im Schlussteil der Arbeit kommen wird, sagt aus, dass die deutsche Besatzungspolitik den Typus eines Hilfsvolkes für die Belarusen aus rein ökonomischen und kriegspolitischen Gründen konstruierte. Weiterhin, um dies zu präzisieren, geschah dies nur als eine Reaktion auf die sich (für die Deutschen) verschlechternden Kriegsumstände. Wie mit einem möglichen Widerspruch zwischen dem Hilfsvolk-Konstrukt und der Realität umgegangen wurde, ist zwar eine mindestens ebenso interessante Fragestellung, müsste aber in einem anderen Untersuchungskonzept beantwortet werden und kann daher hier nur am Rande behandelt werden.
Die Arbeit untergliedert sich in zwei Hauptteile, welche die Realität und andererseits die Propaganda behandeln. Dabei wird im ersten Teil, da er sich zur besseren Erklärbarkeit der von den Deutschen bei ihrem Einmarsch vorgefundenen Verhältnisse zuerst mit der Geschichte Belarus befasst, ein historisches Übergewicht nur schwer zu vermeiden sein. Zu viele Faktoren müssen erwähnt werden, um die deutschen Anleihen an die Vergangenheit verstehen zu können. Eine Bewertung hinsichtlich der realen Behandlung der einheimischen Bevölkerung durch die Besatzer wird den ersten Teil abschließen.
Der zweite Teil widmet sich der Propaganda. Hierzu werden zuerst einige Propagandamodelle behandelt, bevor eine kurze Darstellung der Presse des III. Reiches und einer Verortung der Minsker Zeitung in diesen Strukturen gegeben wird. War Propaganda lange Zeit nur in Verbindung gebracht worden mit diktatorischen oder totalitären Systemen, erkannte man schließlich deren Bedeutung auch für die demokratisch organisierten Staaten. Doch bleibt die Propaganda noch immer besonders für die Untersuchung von totalitären Staaten von entscheidender Bedeutung. Nationalsozialistischer Propaganda kann man sich diskurstheoretisch nähern, um hierbei eine mögliche Dialektik von textuellen und gesellschaftlichen Strukturen aufzudecken, oder aber diskursanalystisch, um durch die Erkenntnis der zum Ausdruck kommenden Forderungen eine Freilegung der gesellschaftlichen Strukturen zu erreichen.
Inhaltsverzeichnis:
| I. | Einleitung | 1 |
| Exkurs nationalsozialistischer Definitionen | 5 | |
| II. | Realität | 9 |
| 1. | Belarus | 9 |
| a) | Die Geschichte der Region bis 1941 | 10 |
| BSSR bis 1939 | 14 | |
| Die Östlichen Gebiete bis 1939 | 15 | |
| 1939-1941 | 16 | |
| b) | Bevölkerungsentwicklung bis 1941 | 18 |
| 2. | Deutsche Besatzungspolitik 1941 – 1944 | 22 |
| a) | Deutsche Entscheidungsträger und Verwaltung | 23 |
| b) | Belarusen und ihre Stellung in der deutschen Verwaltung | 29 |
| Weißruthenische Lokalverwaltung | 29 | |
| Polizei, Schutzmannschaften und Heimatwehr | 30 | |
| Weißruthenisches Selbsthilfewerk | 32 | |
| c) | Deutsche Interessen, Pläne und deren Durchführung | 32 |
| Hungerplan | 35 | |
| Agrarordnung | 37 | |
| Arbeitskräftepolitik | 39 | |
| Kulturpolitik | 40 | |
| 3. | Reale Behandlung der Belarusischen Bevölkerung | 42 |
| III. | Propaganda | 44 |
| 1. | ‘Volksaufklärung’ und Propaganda im III. Reich | 48 |
| a) | Presse | 51 |
| b) | Propaganda, Sprache und Untersuchungsmethoden | 55 |
| 2. | Minsker Zeitung | 58 |
| a) | Untersuchte Teilfragen | 63 |
| Freund und Feind | 63 | |
| Deutsche, Vertrauen und Dank | 65 | |
| Weissruthenen, Sprache und Bauernvölker | 66 | |
| Agrarordnung | 70 | |
| b) | Untersuchungsergebnis der Minsker Zeitung | 71 |
| 3. | Propagandistische Einstufung der Belarusischen Bevölkerung | 72 |
| III. | Ergebnis | 75 |
| Anhang | 79 | |
| I. | Anzahl und Nationalitäten der Bevölkerung der BSSR 1941 und 1897 | 79 |
| II. | Protokoll einer Staatssekretärssitzung vom 21.5.1941 | 80 |
| III. | Wirtschaftspolitische Richtlinien vom 23.5.1941 | 81 |
| IV. | Richtlinien für die Führung der Wirtschaft in den neubesetzten Ostgebieten | 83 |
| V. | Schreiben des Generalkommissars in Minsk zur Propaganda vom 12.2.1944 | 85 |
| VI. | Definitionen des Brockhaus 1937/1938 | 86 |
| VII. | Karten | 87 |
| Dokumente des Nationalarchivs der Republik Belarus | 89 | |
| Ausgewählte Artikel der Minsker Zeitung | 92 | |
| Bibliographie | 99 |
im Interesse der Landeseinwohner müssten wir für Ruhe, Ernährung, Verkehr usw. usw. sorgen; deshalb unsere Regelung. Es soll also nicht erkennbar sein, das sich damit eine endgültige Regelung anbahnt! Alle notwendigen Maßnahmen – Erschießen, Aussiedeln etc. – tun wir trotzdem und können wir tun. Wir wollen uns aber nicht irgendwelche Leute vorzeitig und unnötig zu Feinden machen. Wir tun lediglich so, als ob wir ein Mandat ausüben wollten. Uns muss dabei klar sein, dass wir aus diesem Gebiete nie wieder herauskommen. Demgemäss handelt es sich darum: 1.) Nichts für die endgültige Regelung zu verbauen, sondern diese unter der Hand vorzubereiten; 2.) wir betonen, dass wir die Bringer der Freiheit wären. [...] Grundsätzlich kommt es also darauf an, den riesenhaften Kuchen handgerecht zu zerlegen, damit wir ihn erstens beherrschen, zweitens verwalten und drittens ausbeuten können. [...] Der Riesenraum müsse natürlich so rasch wie möglich befriedet werden; dies geschehe am besten dadurch, dass man Jeden, der nur schief schaue, totschiesse.“116 Hitler im Juli 1941 [...]
Hierbei wurden insbesondere das Fürstentum Polack als Gründungsmythos, das Großfürstentum Litauen als das Goldene Zeitalter oder das Trauma vom Untergang des belarusischen Volkes instrumentalisiert. Die demographischen, sozialen und soziokulturellen Bedingungen wirkten sich insgesamt jedoch ungünstig auf die Herausbildung einer nationalen Idee aus106. Hierzu zählten die agrarische Rückständigkeit, Armut und Analphabetismus der Dorfbevölkerung ebenso wie der geringe belarusische Anteil an der Stadtbevölkerung und der Mittelklasse. Die Bedeutung der belarusischen Sprache107, welche als die Sprache ungebildeter Bauern galt, spielt in diese Punkte hinein. Belegen lässt sich dies durch die Volkszählung von 1897108. Ihrer Muttersprache nach bezeichneten sich rund 5,5 Millionen Menschen als Belarusen, von denen wiederum rund 97% auf dem Lande lebten. Setzt man dies in Verbindung mit der Tatsache, dass im Gouvernement Minsk nur 17,75% der lesekundigen Bevölkerung109 auf dem Land wohnte, bestätigt sich das Bild des „ungebildeten Bauern“. Der Anteil der belarusischen Muttersprachler unter „freien Berufen“, wie Ärzten, Lehrern, Rechtsanwälten und Künstlern und Wissenschaftlern, war mit 0,47% (aller belarusischsprachigen Berufstätigen) ebenfalls gering.110 Der Amtsverkehr, Öffentlichkeit und auch Literatur waren hingegen durch Russisch und Polnisch geprägt.111 [...]
„komplementären Kommunikationsgewohnheiten“99 zusammensetze. Auch ihm geht es um die Funktion des Gemeinsamen; auch in der Entscheidung über den gemeinsamen Feind.100 Bei Nohlen (sich auf Deutsch beziehend) findet sich schließlich eine Unterscheidung zwischen Nationen mit ethnischer und ohne ethnische Begründung. Anders ausgedrückt: Nation basierend auf wirklichen Unterschieden zwischen Individuen im Gegensatz zu einer Konzeption der Nation als fiktive und aus purem Willen heraus konstruierten Großgruppe.101 Dann hingegen sieht diesen Antagonismus zwischen (ebenfalls) ethnischer Begründung und einer politischen Interessengemeinschaft, die sich u.a. auf die gemeinsame geschichtliche Herkunft und auf den Grundkonsens über die politische Kultur stützt. Der Rote Faden aller Ansätze ist also die Bedeutung des Gemeinsamen für die Nation oder das Volk. Faktoren, die eine Bildung der Nation beeinflussen sollen, können weiter folgende sein: die Sprache, Interessen, die Geschichte sowie Traditionen. Deutsch benennt auch wichtige Entwicklungspunkte, wie z.B. die Entwicklung von Städten sowie von grundlegenden Kommunikationsnetzen wie auch die unbewusste Annahme nationaler Symbole.102 Kann man also von einer belarusischen Nation/Volk am Vorabend des deutschen Überfalls 1941 sprechen? Lindner stuft sie am Ende des 19. Jahrhundert als wenig mehr als eine „durch [...]
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http://www.diplom.de/ean/9783832473891
Arbeit zitieren:
Voigt, Theresa Februar 2003: Zwischen Nazipropaganda und Realität, Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Nationalsozialismus, Propaganda, Weißrußland, deutsche Besatzung, Belarus



