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Nationale und regionale Identitäten in Spanien

Nationale und regionale Identitäten in Spanien
Über dieses Buch
  • Art: Diplomarbeit
  • Autor: Ulrike Reitmann
  • Abgabedatum: September 2002
  • Umfang: 187 Seiten
  • Dateigröße: 1,3 MB
  • Note: 2,0
  • Institution / Hochschule: Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg Deutschland
  • ISBN (eBook): 978-3-8324-7525-3
  • ISBN (Paperback) :
    978-3-8324-7525-3 P
  • ISBN (CD) :978-3-8324-7525-3 CD
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Reitmann, Ulrike September 2002: Nationale und regionale Identitäten in Spanien, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Nationalismus, empirische Auswertung, Nationalstaat, ethnische Konflikte, Ethos

Diplomarbeit von Ulrike Reitmann

Problemstellung:

Ziel dieser Arbeit ist zu untersuchen, ob es in Spanien heute eine national einende, kollektive Identität gibt, oder ob nach wie vor unterschiedliche kollektive Identitäten in verschiedenen Teilregionen vorherrschen. Diese Identitäten werden hinsichtlich ihrer objektiven Unterschiede, wie z.B. Sprache und Parteien, ihrer kollektiven Bindungen an die Nation und an die Regionen sowie nach ihrem Demokratieverständnis analysiert. So kann der Beitrag der Identitäten zum nationalen Selbstverständnis Spaniens und ihre förderlichen bzw. hinderlichen Einstellungen zur Demokratie ermittelt werden.

Spanien, einer der ältesten Nationalstaaten Europas, war lange durch starken Zentralismus beherrscht, der nur zweimal kurzzeitig durch dezentrale Ausprägungen unterbrochen wurde. 1978 wurde eine neue Verfassung in Kraft gesetzt, aus der sich die Einteilung Spaniens in „Nation“, „Nationalitäten“ und „Regionen“ ergab. Die entstandene territoriale Machtverteilung sollte den Zentralstaat beenden und einen demokratischen Rechtsstaat zwischen politischem Zentralismus und Einheitsstaat sowie dezentraler Version schaffen (Nohlen/Hildenbrand 199a: 294).

Seit 1983 gibt es in Spanien 17 autonome Regionen, die sogenannten „Comunidades Autónomas“. Diese neue Gebietsaufteilung stellt einen tiefgreifenden Wandel in der Geschichte Spaniens dar. Aufgrund der Unterdrückung der ethnischen und nationalen Identitäten sowie jeglicher regionaler Eigenständigkeit der einzelnen Landesteile in Spanien während des Franco-Regimes (1939-1975) kamen fast in allen Gebieten neue regionalistische Kräfte zum Vorschein. Vor allem im Baskenland und Katalonien sind nationale Emanzipationsbestrebungen verstärkt zu beobachten. Bis heute ist die „regionale Frage“ in Spanien nicht gelöst, und weiterhin bestimmt das Problem der „peripheren oder lokalen Nationalismen und Regionalismen“ die Schlagzeilen in spanischen Tageszeitungen. Außerdem wurde dieses Problem zu einem wichtigen Prüfstein für Spaniens junge Demokratie (Nohlen/ Hildenbrand 1992a: 294).

Angesichts der Transitionsphase und nationalistischer Entwicklungen in den einzelnen Peripherien ist es fraglich, ob damals, bei Verfassungsbeginn, eine spanische Nation als nationale, die Staatsbürger einenden Identität geschaffen wurde, oder ob nach wie vor einzelne ethnische Bezugsgemeinschaften in den Regionen überwiegen. Davon ausgehend sollen folgende erste Forschungsfragen beantwortet werden:

Gibt es eine national einende, kollektive Identität der „Spanier“ oder sind die regionalen Identitäten nach wie vor vorherrschend oder stärker ausgeprägt? Sind die Identitäten der Regionen vorwiegend als ethnisch oder demotisch zu bezeichnen?

In der soziologischen und normativen Demokratietheorie ist das Verhältnis von ethnischem Pluralismus und stabiler demokratischer Herrschaft immer wieder als problematisch beurteilt worden (Kraus 1996: 50). Mit Blick auf Geschichte und aktuelles Geschehen zeigt sich, dass „die gleichzeitige Inanspruchnahme des demokratischen Prinzips und des Nationalitätenprinzips – verstanden als Selbstbestimmungsrecht politisch mobilisierter, ethnischer Gruppen - in den unterschiedlichsten geographischen und kulturellen Kontexten, ..., zu heftigen politischen Auseinandersetzungen geführt hat und führt“ (Kraus 1996: 50).

Ebenfalls nationale bzw. regionale Identitäten stehen ihrer eigenen Nation zum Teil kritisch gegenüber, wie es auch im spanischen Baskenland oder Katalonien der Fall ist. Diese kollektiven Identitäten äußern sich, begründend auf objektiven Differenzen, in Form von Nationalismus oder Regionalismus bis hin zum Separatismus (Schmitt-Egner 1999: 141). Versuche der Anpassung und Festigung politischer und institutioneller Stabilität seitens der Regierung münden in multiethnischen Staaten oft in das Auseinanderbrechen des Staates oder in einem autoritären Regierungssystem (Moreno, 1998: 2).

Aber ethnoterritoriale Differenzen innerhalb pluralistischer Gesellschaften müssen nicht zwangsläufig zu Konflikten und Divergenzen führen, sondern kulturelles Miteinander kann auch zu einer Stärkung der Demokratie beitragen.

Es stellt sich hieraus die Forschungsfrage, inwieweit die einzelnen vor-gefundenen kollektiven Identitäten eher zur Stabilität oder zur Instabilität der spanischen Demokratie beitragen. Das zweite Forschungsanliegen dieser Arbeit ist die Ermittlung des Verhältnisses der Identitäten zur Demokratie.

Gang der Untersuchung:

Der erste, theoretische Teil dieser Arbeit besteht in der typologischen Trennung des Nationenbegriffs anhand von Betrachtungsweisen soziologischer und politikwissenschaftlicher Diskussionen. Um zu einer eindeutigen Definition von „Nation“ zu gelangen, wird ein Überblick über verschiedene Erklärungsansätze geboten, die „Region“ definitorisch beschrieben und Spanien klassifiziert.

Es folgt eine typologische Unterscheidung in das ethnische und demotische Nationenkonzept nach Francis (1965) einschließlich damit heute einhergehender Konzepte und seiner Kritik, um anschließend zu den Identitätskonzepten zu gelangen. Diese spielen für die empirische Auswertung eine wichtige Rolle.

Im Rahmen dieser Identitätstheorien wird die Theorie der sozialen Identität Tajfels (1975, 1982) aufgenommen, mit dem Nationenbegriff verknüpft und in Verbindung zu den genannten Problemen gesetzt.

Im Anschluss daran wird auf die spanische Situation eingegangen. Dieses Kapitel beinhaltet die Geschichte und die heutige Situation, den Staatsaufbau sowie die Regionalismen der peripheren Regionen Spaniens. Sie werden in drei Entwicklungsstufen nach Miroslav Hroch (1968) geteilt und geschichtlich zugeordnet, um sie dann genauer zu charakterisieren.

Abschließend stellt der theoretische Teil neueste empirische Erkenntnisse über die Forschung nationaler und regionaler Identität in Spanien vor sowie die aus der Theorie abgeleiteten Hypothesen. Diese werden im praktischen Teil anhand einer Sekundäranalyse des World Values Surveys (WVS) überprüft. Auf die Vorstellung des Datensatzes folgen die Besonderheiten der spanischen Daten. Danach werden die Variablen und das weitere Vorgehen beschrieben.

Inhaltsverzeichnis:

Inhaltsüberblick II
Tabellenverzeichnis VIII
Abbildungsverzeichnis X
Abkürzungsverzeichnis XI
1. Einführung: Heutige Relevanz der Konzepte von Nation und nationalen Bewegungen 1
1.1 Ziele der Arbeit 2
1.2 Problemskizzierung und Fragestellungen 2
1.3 Aufbau der Arbeit 4
2. Theoretische Ansätze 6
2.1 Staaten, Nationen und Regionen 6
2.1.1 Objektiver und subjektiver Nationenbegriff 7
2.1.2 Regionen als Subeinheiten der Nation 8
2.1.3 Die Klassifizierung Spaniens anhand der Gesellschaftstypen von Haller 9
2.2 Typologische Unterscheidung des nationalen Selbstverständnisses: Ethnos – Demos – Konzept nach Francis 11
2.2.1 Der Ethnos (nationalistisches Modell) 11
2.2.1.1 Ethnischer Nationalismus 12
2.2.1.2 Regionalismus 13
2.2.2 Der Demos (patriotisches Modell) 14
2.2.3 Zusammenfassende Diskussion und Kritik 16
2.3 Identitätskonzepte 18
2.3.1 Identitätsbegriff und kollektive Identität als Teilbereich der sozialen Identität 19
2.3.2 Nationale und regionale Identität 20
2.4 Historische Entwicklung und heutige Situation in Spanien 21
2.4.1 Historischer Befund bis zum Franco- Regime 22
2.4.2 Autoritäres Franco-Regime 23
2.4.3 Wandel in einen demokratischen EU-Staat und eine neue Verfassung 24
2.4.4 Kompetenzverteilung innerhalb Spaniens 25
2.5 Entwicklungen der Nationalismen und Regionalismen 28
2.5.1 Periphere Nationalismen in Katalonien und im Baskenland 28
2.5.1.1 Katalanischer Nationalismus 30
2.5.1.2 Baskischer Nationalismus 33
2.5.2 Weitere spanische Nationalismen 36
2.5.2.1 Galizischer Nationalismus 37
2.5.2.2 Andalusischer Regionalismus 38
2.5.2.3 Valencianischer Regionalismus 38
2.5.3 Zusammenfassende Darstellung der Nationalismen 39
2.6 Überblick über den gegenwärtigen empirischen Forschungsstand zu nationaler/ regionaler Identität 41
2.7 Hypothesen 46
3. Methodische Vorgehensweise: Vorstellung des Datensatzes 50
3.1 Spezifika der erhobenen Daten in Spanien 51
3.2 Untersuchte Regionen der Auswertung 53
3.3 Operationalisierung von kollektiver Identität sowie des Ethnos und Demos – Konzeptes 54
3.3.1 Unabhängige Variable: Ethnische Selbstbeschreibung 55
3.3.2 Abhängige Variablen: ethnisches vs. demotisches Nationenverständniss und Demokratie 56
4. Empirischer Teil 59
4.1 Deskriptive Statistik: Kollektive Identität(en) in Spanien und objektive Ausprägungen 59
4.1.1 Die Identifikation mit Spanien und subnationalen Einheiten im Jahr 1996 60
4.1.2 Soziodemographische Trägermerkmale ethnischer Selbstbeschreibung 63
4.1.3 Geburtsort 67
4.1.4 Zu Hause gesprochene Sprache 70
4.1.5 Gewählte Parteien in Gesamtspanien 72
4.1.6 Spaniens Rechte und Linke 78
4.2 Induktive Statistik 81
4.2.1 Prüfung der Hypothesen eins und zwei und Zusammenfassung der kollektiven Identitäten anhand objektiver Merkmale 81
4.2.2 Kollektive Identifikation und Nationalstolz / Landesverteidigung 85
4.2.2.1 Nationalstolz in Spanien im Zeitverlauf 85
4.2.2.2 Nationalstolz nach Regionalgefühl 86
4.2.3 Überprüfung der Hypothese drei 91
4.2.4 Demotische oder ethnische Identitäten 91
4.2.4.1 Ausgrenzende Haltungen – Fremdenfeindlichkeit und ausländische Waren 92
4.2.4.2 Toleranz 96
4.2.4.3 Verfassungspatriotische Werte: Freiheit vs. Ordnung 99
4.2.5 Überprüfung der Hypothesen vier und fünf 103
4.2.6 Demokratische Einstellungen 105
4.2.6.1 Bewertungen des demokratischen Systems 105
4.2.6.2 Demokratieverständnis 108
4.2.7 Prüfung der Hypothese sechs 112
4.2.8 Haltung zu zentralstaatlichen Institutionen 113
4.2.8.1 Vertrauen in spanische Institutionen im Zeitverlauf 114
4.2.8.2 Vertrauen in Institutionen: Regionenvergleich 116
4.2.8.3 Identitätenvergleich 117
4.2.8.4 Zufriedenheit mit der zentralstaatlichen Regierung 119
4.2.9 Prüfung der Hypothese sieben 121
5. Ergebnisse für die spanischen Regionen 122
5.1 Die baskische Situation anhand des WVS 122
5.2 Einschätzung der Aussagekraft der Daten für das Baskenland 123
5.3 Die katalanische Situation anhand des WVS 123
5.4 Einschätzung der Aussagekraft der Daten für Katalonien 125
5.5 Die galizische Situation nach Daten des WVS 126
5.6 Einschätzung der Aussagekraft der Daten für Galizien 126
5.7 Situation in Andalusien und Valencia 126
5.8 Einschätzung der Aussagekraft der Daten für Andalusien und Valencia 127
5.9 Gesamtkritik am Fragebogen des Word Values Survey 127
6. Gesamtspanische Situation und zukünftige Probleme der gesamtspanischen Politik 129
Anhang
1. Allgemeine Zahlen: Spanische Regionen VII
2. Spanisches Parlament und Wahlsystem VII
3. Auswertungen X
3.1 Geographische Identifikation X
3.2 Soziodemographie XII
3.3 Partei XIII
3.4 Rechts-Links – Einstufung XIII
3.5 Nationalstolz XIII
3.6 Ausgrenzende Haltung IX
3.7 Demokratie IX
3.8 Politisches Interesse XVIII
3.9 Politische Partizipation XIX
3.10 Vertrauen in Institutionen XX
3.11 Vertrauen in Mitmenschen XXI
Variablenplan XXIII
Literaturverzeichnis XXVIII
Statistiken und Studien XL

Automatisiert erstellter Textauszug:

58%). Im Baskenland nimmt die duale Identifikation ebenfalls zu (1982: 25%, 1993: 35%), aber zugleich wächst auch die rein nationale Identifikation (1982: 2% 1993: 14%). Außerdem fällt im Baskenland auf, dass die Zahl der Personen, die sich ausschließlich als Basken identifizieren, stark zurückgeht (1982: 44%, 1993: 27%). Das regionale Bewusstsein hat am meisten in Katalonien zugenommen (1982: 9%, 1993: 12%) und nicht im Baskenland, das durch die ETA vom Ausland mehr Aufmerksamkeit bekommt (López Pintor 1994: 588- 599). Die Daten unterstützen die Sicht, dass in den Regionen, in denen Minoritätennationalismus stark Fuß fassen konnte, eine Art dualer Patriotismus unter der Mehrheit der Personen herrscht. Die neueren Umfrageergebnisse von Moral (1998) geben weitere interessante Aufschlüsse: Spanische Personen mussten ihre autonome Region differenzieren in „Region“, „Nation“, oder in einen anderen Begriff. Tabelle Nr. 6 zeigt die Häufigkeiten der Personen, die ihre Region als Nation verstehen. [...]

1987 verweilte das regionale Bewusstein auf hohem Niveau, doch zeigten sich schon regionale Unterschiede: In Katalonien und KastillienLeón stieg es noch weiter an, im Baskenland, Galizien und Andalusien nahm es ab (López-Pintor 199454: 599f). In den 80er Jahren nahmen die doppelte, regionale und nationale Identifikation: („Ich fühle mich genauso als Andalusier, Baske, Katalane...wie Spanier“ (genaue Erläuterung siehe vor allem Kapitel 10.1.) deutlich zu; seit Anfang der 90er Jahre kam es dann zu einer Verringerung dieser dualen Identifikation. Dies wurde allgemein auf den Einfluss der Konflikte in Osteuropa und auf Spannungen zwischen Katalonien und der Zentralregierung in Madrid zurückgeführt. Es kam zu einer entsprechenden Zunahme der nationalen Identifikation, was Tabelle Nr. 5 wiederspiegelt: [...]

Die starke Ausprägung der drei „historischen Nationalitäten“ Galiziens, Kataloniens und des Baskenlandes haben zu einem Nationalismus mit zum Teil separatistischen Tendenzen geführt. Die nicht immer den sprachlich-ethnischen Grenzen entsprechenden autonomen Gemeinschaften beinhalten noch immer ein Spannungspotential, das sich besonders im baskischen Separatismus zeigt. Seit den 60er Jahren ist es durch Gewalt und Terrorismus der ETA gezeichnet. Neben dem relativen Entwicklungsstand, der Sprache und Institutionen sind also auch das Vorhandensein hoher Repressions- und Frustrationsraten zu berücksichtigen (Puhle 1994: 201). Die wirtschaftliche bzw. Über- und Unterentwicklung ist in Tabelle Nr. 4 anhand des mittleren Verdienstes eines Arbeiters pro Monat in Euro und der Arbeitslosenquote in Zahlen von 2000 abgebildet. Es zeigen sich der deutliche Vorsprung Kataloniens und des Baskenlandes in Einkommen und Arbeitslosenquote. Die Einkommen im Baskenland sind am höchsten, die Arbeitslosenquote in Katalonien ist am geringsten. [...]

Arbeit zitieren:
Reitmann, Ulrike September 2002: Nationale und regionale Identitäten in Spanien, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Nationalismus, empirische Auswertung, Nationalstaat, ethnische Konflikte, Ethos

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