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Nationale Stereotype in der italienischen Sportberichterstattung

Eine quantitative und qualitative Untersuchung des Deutschlandbildes in der Fußball-Berichterstattung des ‚Corriere della Sera‘ zur WM 2006, EM 2008 und WM 2010

Nationale Stereotype in der italienischen Sportberichterstattung
Über dieses Buch
  • Art: Magisterarbeit
  • Autor: Helena Pleier
  • Abgabedatum: März 2011
  • Umfang: 132 Seiten
  • Dateigröße: 1,0 MB
  • Note: 1,1
  • Institution / Hochschule: Ludwig-Maximilians-Universität München Deutschland
  • Bibliografie: ca. 307
  • ISBN (eBook): 978-3-8428-1914-6
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Pleier, Helena März 2011: Nationale Stereotype in der italienischen Sportberichterstattung, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Nationenbild, Stereotyp, Fußball, Sport-Berichterstattung, Deutschlandbild

Magisterarbeit von Helena Pleier

Einleitung:

Woher beziehen wir unser Wissen über fremde Länder, ihre Eigenheiten und ihre Gepflogenheiten? Ein ausdifferenziertes Bild ist dann möglich, wenn man einige Zeit im anderen Land verbringt und sich mit der dortigen Kultur vertraut macht. Diese Primärerfahrungen sind heutzutage viel eher möglich als noch vor wenigen Jahrzehnten. Doch während deutsche Touristen jeden Sommer über italienische Strände herfallen und so ihren Beitrag zu einem eher einseitigen Nationenbild leisten, gilt Deutschland für die Italiener als ein eher unattraktives Reiseziel und ist deswegen für die überwiegende Mehrheit ein wenig bekanntes Land – sie kennen es viel schlechter als im umgekehrten Fall.

Aus diesem Grund sind es hauptsächlich die Massenmedien, durch die in Italien Informationen über Deutschland bezogen werden. Allerdings konstatiert Roberto Giardina auch hier ein eklatantes Desinteresse aus italienischer Sicht. Denn was ‘man über Deutschland schreibt, interessiert in Italien niemanden, auch die Kollegen und den Chefredakteur nicht’.

Eine Ausnahme stellt der Fußball-Sport dar. Dieser ist sowohl in Italien als auch in Deutschland von enormer Relevanz: ‘Il gioco del calcio ha avuto fin dall’inizio ampia diffusione e grande rilevanza sociale sia in Germania sia in Italia’. Dabei haben beide Länder auf internationaler Ebene große Erfolge zu verbuchen:

Sia l’Italia sia la Germania, due paesi nel Pallone, hanno un cospicuo bottino di vittorie, seconde solo al Brasile, con alti e bassi però che hanno costellato di grande entusiasmo e di cocenti delusioni la loro storia, tra campionati europei e mondiali, alternantisi ogni due anni.

Die Brisanz von internationalen Fußball-Turnieren führt dabei zu einem besonderen medialen Interesse. Fußballartikel erscheinen dann auf der Titelseite, es werden Sonderseiten gedruckt und neben dem eigentlichen Spielgeschehen wird ausführlich über Land und Leute berichtet:

Nicht das Sportspiel (kursiv im Original) Fußball selbst produziert schon kulturelle Bedeutung(en), sondern erst diejenigen Geschichten, die rund um das Spielgeschehen erzählt werden. Dauert das eigentliche Sportspiel die bekannten 90 Minuten, so nimmt das dazugehörige Gesellschaftsspiel (kursiv im Original) mit seinen mal antizipatorischen, mal nachgetragenen Narrativierungen und Diskursivierungen den zigfachen Umfang ein und bietet zudem die bevorzugten Orte der meist wenig reflektierten Reproduktion von Nationalstereotypen.

Kurzum – der Mediensport kann als bedeutender Vermittler von nationalen Bezügen gesehen werden: Den Sportlern werden in der Berichterstattung nichtsportliche Eigenschaften und allgemein gesellschaftliche Stereotypisierungen übertragen, der Athlet als Träger von öffentlichen Bildern wird zum Repräsentanten nationaler oder gesellschaftlich relevanter Eigenschaften.

Für eine Untersuchung des italienischen Deutschlandbildes bietet sich die Sport-Berichterstattung italienischer Medien also an. Eine derartige Analyse bleibt nicht auf die Wahrnehmung länderspezifischer Spielstile beschränkt, sondern wirft ihren Blick über den Tellerrand hinaus, wie folgende Aussage aus der Berichterstattung des Corriere della Sera belegt:

Non bisogna mai fare l' errore di sovrapporre una squadra nazionale con la Nazione stessa, eppure ci sono momenti in cui questa identificazione è così viva, così palpabile che ogni distinguo diventa pura accademia. Magari giocassimo come la Germania, in tutti i sensi!

Wie Deutschland spielen zu können, so lautet der sehnsüchtige Wunsch des Corriere della Sera nach dem überragenden 4:0-Sieg der deutschen Mannschaft über die Argentinier bei der Weltmeisterschaft 2010 – ein Sieg, auf Grund dessen den Deutschen das Prädikat ‘bellissimi’ zuerkannt wurde. Überdeutlich zeigt sich die Untrennbarkeit der Sphären Fußball und nationale Identität. Man solle sich Deutschland zum Vorbild nehmen, so die Aufforderung, und zwar sowohl im Fußball als auch im gesellschaftlichen und politischen Bereich. Jan Berting und Christina Villain-Gandossi sprechen in diesem Zusammenhang von einem möglichen missionarischen Anspruch. Der Fußball-Kenner wird jedoch aufhorchen – neidloses Lob für den Spielstil einer deutschen Mannschaft? Eine Mannschaft, die seit Jahrzehnten eher für einen zwar effektiven, aber in höchstem Maße unattraktiven Spielstil bekannt ist? Die deutsche Band Sportfreunde Stiller besang dies anlässlich der Weltmeisterschaft 2006 mit etwas selbstironischen Worten:

Wir haben nicht die höchste Spielkultur.

Sind nicht gerade filigran.

Doch wir haben Träume und Visionen.

Und in der Hinterhand nen Master Plan.

Ein erster Blick in die Berichterstattung der italienischen Tageszeitung Corriere della Sera lässt jedoch vermuten, dass die deutschen Panzer und effizienten Ergebnisspieler in den letzten Jahren verschwunden sind. Über die deutsche Mannschaft wird mit unerwartet positiven Worten berichtet, in Überschriften wird ihnen die Eigenschaft zuerkannt, phantasievoll zu spielen: ‘La nuova Germania manda la fantasia al potere’, sogar von Champagner-Fußball ist die Rede.

Kann eine Untersuchung des Deutschlandbildes in der italienischen Sport-Berichterstattung diesen ersten Eindruck empirisch belegen? Welche fußballspezifischen Eigenschaften werden den deutschen Spielern von der italienischen Presse zugeschrieben? Welche Attribute werden über den Fußball-Kontext hinaus den Deutschen allgemein zugeteilt? Werden durch die Berichterstattung weitere Informationen etwa in Form von Ersatzbezeichnungen für die deutsche Mannschaft bzw. die Deutschen transportiert oder Germanismen als Fremdheitsmarker, die das medial vermittelte Deutschlandbild komplettieren? Kurzum – wie wird durch die Sport-Berichterstattung ein Nationenbild geformt und u.U. verändert?

Diese Fragen beschäftigen im zweiten Teil der Arbeit, in dem die Analyse von knapp 200 Artikeln des Corriere della Sera über die Weltmeisterschaften 2006, 2010 und die Europameisterschaft 2008 Aufschluss über das Deutschlandbild im Spiegel der italienischen Sport-Berichterstattung geben soll.

Der theoretische Rahmen stellt die Grundlage für die empirische Untersuchung dar. Nach einem kurzen Abriss zu den Charakteristika und Eigenheiten der Fremdwahrnehmung werden die für die folgende Untersuchung relevanten Begriffe ‚Stereotyp‘, ‚nationales Stereotyp‘, ‚Image‘ und ‚Nationenimage‘ voneinander abgegrenzt und für den Kontext der vorliegenden Arbeit definitorisch eingegrenzt. Als kognitiv-affektive Konstrukte finden das Stereotyp und die mit ihm verwandten Begriffe ihren Niederschlag in der Sprache. Um die formale Darstellung von Stereotypen und weitere Fremdheitsmarker im Text wie den Gebrauch von Germanismen und Ersatzbezeichnungen adäquat beschreiben zu können, dient das Kapitel 2.3 den sprachwissenschaftlichen Grundlagen. Die ausführliche Darstellung der jeweiligen Selbst- und Fremdbilder der Deutschen und Italiener ist nötig, um bei der Analyse altbekannte Stereotype aufdecken zu können. Auf die besondere Wirkung von Massenmedien in Bezug auf nationale Stereotype soll in Kapitel 2.5 eingegangen werden. Schließlich konstatiert der status quo der Forschung ein Erkenntnisdefizit im deutsch-italienischen Kontext hinsichtlich einer Untersuchung des Deutschlandbildes in der italienischen Sport-Berichterstattung.

Anknüpfend an die theoretischen Vorüberlegungen widmet sich Kapitel 3 der Untersuchung der Fußball-Berichterstattung zur Weltmeisterschaft 2006, Europameisterschaft 2008 und Weltmeisterschaft 2010. Nach einer Konkretisierung des Forschungsziels, der Darlegung der methodischen Vorgehensweise und der Präsentation der quantitativen Ergebnisverteilung wird die italienische Fußball-Berichterstattung anhand verschiedener Kategorien auf ihr transportiertes Deutschlandbild untersucht. Ein abschließendes Fazit soll die verschiedenen Erkenntnisziele der Untersuchung zusammenführen.

Der Schlussteil der vorliegenden Arbeit dient dem Versuch einer Synthese aus dem theoretischen und praktischen Teil und wagt einen Ausblick über mögliche Entwicklungen. Im Anhang finden sich weiterführende Informationen zum Quellenmaterial und die fremdbildhaltigen Textbelege.

Inhaltsverzeichnis:

1. EINLEITUNG 1
2. THEORETISCHER RAHMEN 5
2.1 Was versteht man unter Fremdwahrnehmung? 5
2.2 Stereotype und benachbarte Begriffe 7
2.2.1 Stereotype und nationale Stereotype 8
2.2.1.1 Das Stereotyp als sozial- und sprachwissenschaftliches Phänomen 8
2.2.1.2 Nationale Stereotype 9
2.2.1.3 Funktionen undGefahren von nationalen Stereotypen 11
2.2.2 Images und Nationenbilder 12
2.2.3 Selbst- und Fremdbilder – Auto- und Heterostereotype 13
2.2.4 Wandelbarkeit von nationalen Stereotypen und Nationenbildern 14
2.2.5 Zusammenfassung – nationale Stereotype und Nationenbilder 16
2.3 Sprachwissenschaftliche Grundlagen 16
2.3.1 Explizite All-Aussagen und Aussagen mit eingeschränkter Verbindlichkeit 17
2.3.2 Implizite Stereotype 18
2.3.3 Ersatzbezeichnungen und ethnische Schimpfnamen 20
2.3.4 Der Gebrauch von Germanismen 21
2.4 Deutsche und italienische Fremd- und Selbstbilder 21
2.4.1 Das Italienbild und das Selbstbild der Deutschen 21
2.4.2 Das Selbstbild der Italiener 23
2.4.3 Wie die Italiener die Deutschen sehen 25
2.4.3.1 Das geschichtliche Werden des Deutschlandbildes 25
2.4.3.2 Das heutige Deutschlandbild der Italiener 28
2.4.4 Nationale Fußballstereotype 30
2.4.4.1 Fußball und nationale Identität 30
2.4.4.2 Typisch deutscher – typisch italienischer Fußball 31
2.4.4.3 Aktuelle Trends 32
2.5 Massenmedien und nationale Stereotype 33
2.5.1 Massenmedien als Vermittler von nationalen Stereotypen 34
2.5.2 Sekundärerfahrungen im deutsch-italienischen Verhältnis 36
2.6 Stand der Forschung 37
3. EMPIRIE: DIE FUßBALL-BERICHTERSTATTUNG IN DER TAGESZEITUNG ‚CORRIERE DELLA SERA‘ 39
3.1 Erkenntnisziele der Untersuchung 39
3.2 Methodische Vorgehensweise 39
3.2.1 Wahl der Untersuchungsmethode 39
3.2.2 Wahl des Untersuchungsmaterials 40
3.2.2.1 Untersuchungszeitraum 41
3.2.2.2 Erschließung des Materials 42
3.2.3 Entwicklung eines Kategoriensystems – qualitative Vorgehensweise 42
3.2.4 Das Kategoriensystem zur Untersuchung des Deutschlandbildes 44
3.2.5 Ergebnisinterpretation – quantitative und qualitative Analyse 45
3.3 Quantitative Verteilung der Untersuchungsergebnisse 46
3.4 Fußballspezifische Aussagen 49
3.4.1 Aussehen der Spieler und Trainer 49
3.4.2 Handlungen und Eigenschaften der Akteure 51
3.4.2.1 Aggressiver und körperbetonter Spielstil 51
3.4.2.2 Ehrgeiz und mentale Stärke 53
3.4.2.3 Unvermeidbarkeit deutscher Siege 54
3.4.2.4 Selbstbewusstsein bis hin zur Arroganz 55
3.4.2.5 Ordnung, Disziplin, Taktik 56
3.4.2.6 Wenn deutsche Tugenden schönem Fußball im Wege stehen… 57
3.4.2.7 Untypische Mannschaft 59
3.4.2.8 Fazit – Basta con i panzer tedeschi? 61
3.5 Verallgemeinernde Aussagen 61
3.5.1 Aussehen der Deutschen 62
3.5.2 Handlungen und Eigenschaften der Deutschen 62
3.5.2.1 Ehrgeiz bis hin zum Größenwahn 63
3.5.2.2 Humorlos, rassistisch, neidisch, frustriert 64
3.5.2.3 Organisation, Effizienz 67
3.5.2.4 Kultiviertes Deutschland: Anstand, Pünktlichkeit, Gehorsam 68
3.5.2.5 Nüchternes, kaltes Deutschland 69
3.5.2.6 Patriotismus und Feierfreude – Ist Deutschland ein normales Land? 70
3.5.2.7 Fazit – Verallgemeinernde Aussagen 72
3.6 Fußballspezifische und allgemeine Ersatzbezeichnungen 73
3.6.1 Ersatzbezeichnungen neutraler Art 73
3.6.2 Die Germanismen ‚Mannschaft‘ und ‚Nationalmannschaft‘ 74
3.6.3 Ethnisch geprägte Ersatzbegriffe 75
3.6.4 Verschiedene Metaphern 75
3.6.5 Junges, multiethnisches und untypisches Deutschland 76
3.7 Germanismen in der Berichterstattung 78
3.8 Fazit – Das Deutschlandbild in der italienischen Fußball-Berichterstattung 81
4. SCHLUSSBEMERKUNGEN 82
LITERATUR- UND QUELLENVERZEICHNIS 85
Literaturverzeichnis 85
Quellenverzeichnis 94
ABBILDUNGS- UND TABELLENVERZEICHNIS 101
ANHANG 102
Weiterführende Hinweise zum Quellenkorpus 102
Fremdbildhaltige Belegstellen im Korpus 103

Textprobe:

Kapitel 3.4.2.1, Aggressiver und körperbetonter Spielstil:

Das Bild des aggressiv und körperbetont spielenden, furchteinflößenden deutschen Fußballers findet sich in der Berichterstattung über die drei Turniere insgesamt 21 Mal relativ gleichmäßig verteilt (2006: 7 Nennungen, 2008: 5 Nennungen, 2010: 9 Nennungen). Das Bild entsteht entweder durch die Wortwahl aus dem entsprechenden Wortfeld oder aber durch direkte oder indirekte Vergleiche der Deutschen mit ihrer kriegerischen Vergangenheit.

So wird etwa der Spielstil der Deutschen mit dem Einmarsch deutscher Soldaten im Ersten Weltkrieg verglichen: ‘[L]a Germania attacca in massa come l' esercito tedesco nella Prima Guerra Mondiale’. Auch die Ersatzbezeichnung der deutschen Mannschaft durch den Kriegs-Germanismus panzer kann als eine assoziative Verknüpfung mit der kriegerischen Geschichte der Deutschen gewertet werden. Obwohl militärisches Vokabular zur Diskurstradition der Sport- und insbesondere Fußballsprache gehört, gibt es auch hier gewisse tabuisierte und unangebrachte Wörter, zu denen unter anderem die negativ konnotierte Ersatzbezeichnung panzer zählt.

Dass der aggressive deutsche Angriffsfußball bei den Italienern aber auch durchaus Bewunderung hervorruft und zur Nachahmung führt, also in seiner Positivvariante auftritt, zeigt folgende Passage der Spielbesprechung des Halbfinales der Weltmeisterschaft 2006, in dem die Italiener die Deutschen besiegten:

[…] [G]li azzurri a giocare alla tedesca, impeto e assalto, […], e i tedeschi all' italiana, catenaccio e contropiede. Bisognava vederlo, Cannavaro, recuperare in scivolata sui giganti biondi, Buffon ancora imbattuto dagli avversari (ma non da Zaccardo) vigilare sul capocannoniere dei Mondiali, l' ossigenato Klose, e salvare dopo 111 minuti su Podolski, Del Piero entrare pieno di voglia, Camoranesi agitare il codone da tanguero sulla fascia destra, […], canta Mameli fischiato dai tifosi tedeschi. I loro calciatori sono apparsi annichiliti […] dagli azzurri scatenati come mai finora: tutti in pressing.

In diesem Ausschnitt werden die länderspezifischen Spielstile direkt miteinander verglichen und die Beschreibung des Stils als all’italiano bzw. alla tedesca lässt an der Allgemeingültigkeit der Eigenschaften keine Zweifel bestehen. Es war also nicht der italienische Defensiv-Fußball des catenaccio und contropiede, der der Mannschaft 2006 ins Finale der Weltmeisterschaft einzuziehen verhalf, sondern Komponenten eines als typisch deutsch wahrgenommenen Spielstils, dessen Merkmale durch die Worte impeto ‚Vehemenz, Wucht‘, assalto ‚stürmischer Angriff‘, scatenati ‚entfesselt‘ und pressing ‚Angriffsdruck‘ expliziert werden.

Daneben spiegelt sich der aggressive deutsche Offensiv-Fußball durch metaphorische Kollokationen aus Herkunftsbereichen der Musik und Natur wieder. Dann ist beispielsweise von einem ‘impeto wagneriano’ oder dem ‘uragano tedesco’ die Rede.

3.4.2.2, Ehrgeiz und mentale Stärke:

Das Bild des ehrgeizigen Deutschen als Komponente der sogenannten Sekundärtugenden kommt durch die als typisch deutsch geltende Fußball-Eigenschaft zustande, bis zum Ende zu kämpfen und auch dann nicht aufzugeben, wenn die Situation hoffnungslos scheint. Die mentale Stärke des deutschen Fußballers äußert sich durch seine Gelassenheit bzw. Coolness, die ihm vor allem im Elf-Meter-Schießen einen Vorteil gegenüber anderen Nationen einräumt. Die Eigenschaft des ehrgeizigen und mental starken Deutschen konnte insgesamt 18 Mal (2006: 8 Aussagen, 2008: 2 Aussagen, 2010: 8 Aussagen) belegt werden.

Den 4:2-Sieg der Türkei über Kroatien bei der Europameisterschaft 2008 begründet der deutsche Spieler Michael Ballack mit dem deutschen Willen und evoziert so das Bild des ehrgeizigen Deutschen:

I turchi hanno la mentalità tedesca. […] [H]anno creduto in se stessi fino all' ultimo secondo e hanno segnato nel recupero dei tempi supplementari. Questo, prima, riuscivano a farlo soltanto i tedeschi.

Der Grund, den türkischen Spielern explizit diese typische deutsche Eigenschaft zuzuweisen, liegt darin, dass in der türkischen Mannschaft zwei Athleten spielen, die in Deutschland geboren und aufgewachsen sind und dort zeitweise auch Fußball spielten. An der Allgemeingültigkeit wird in diesem Beleg kein Zweifel gelassen, was sowohl durch die Betonung der Typik durch den Ausdruck mentalità tedesca, als auch durch die Intensivierung in Form des Superlativs fino all‘ ultimo secondo und den Fokuspartikel soltanto betont wird. Dass das durch den Kommentar Ballacks transportierte Autostereotyp der Deutschen dem italienischen Deutschenbild entspricht, zeigen die dem Beleg direkt folgenden Worte: ‘Vedremo dopodomani se l' allievo ha superato il maestro’. Der Journalist hebt hier also die durch das zitierte Autostereotyp entstandene Eingeschränktheit auf und bestätigt mit den Ersatzbegriffen aus der Schul-Metaphorik allievo und maestro den kämpferischen Willen der Deutschen als deren typisches Merkmal.

Die Stereotype der deutschen Gelassenheit und mentalen Stärke manifestieren sich in eindeutig expliziter Form, wenn auf den angesprochenen Vorteil der Deutschen im Elf-Meter-Schießen angespielt wird, unter dem vor allem die Engländer zu leiden haben:

Perché questa ‚invenzione’ dell' arbitro Karl Wald, sperimentata nel 1970 in un campionato regionale bavarese, sembra essere fatta su misura per la freddezza teutonica.

Das kollokative Stereotyp der freddezza teutonica wird hier durch das intensivierende Nationalitätenadjektiv teutonica anstelle des neutraleren tedesca explizit verstärkt.

In den Belegen findet sich eine Reihe weiterer Begriffe, die diese Unterkategorie charakterisieren, wie die Adjektive decisa, concreti (2) und tenace, die Substantive tenacia (2), determinazione, volontà, cuore und entusiasmo und die Betonung der Typik durch den Germanismus über alles. Durch die Gegenüberstellung dieser typisierenden Eigenschaften mit kontrastierenden Ausdrücken werden den deutschen Athleten bestimmte spielerische Eigenschaften aber auch abgegolten: Es fehlt ihnen an individualità, tecnica, fantasia und l'abilità di palleggio.

Arbeit zitieren:
Pleier, Helena März 2011: Nationale Stereotype in der italienischen Sportberichterstattung, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Nationenbild, Stereotyp, Fußball, Sport-Berichterstattung, Deutschlandbild

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