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Der Narziss Peer Gynt

Eine psychoanalytische Betrachtung von Ibsens Gedicht und seine dramaturgische Umsetzung durch die Claus Peymann-Inszenierung am Wiener Burgtheater

Der Narziss Peer Gynt
Über dieses Buch
  • Art: Magisterarbeit
  • Autor: Brigitte Fochler
  • Abgabedatum: November 2006
  • Umfang: 113 Seiten
  • Dateigröße: 511,8 KB
  • Note: 2,0
  • Institution / Hochschule: Universität Wien Österreich
  • Originaltitel: Peer Gynt. Ein dramatisches Gedicht über (Ibsens?) Selbstfindung und die dramaturgische Umsetzung durch die Claus Peymann-Inszenierung am Wiener Burgtheater, 1993/94
  • Bibliografie: ca. 65
  • ISBN (eBook): 978-3-8366-0739-1
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Fochler, Brigitte November 2006: Der Narziss Peer Gynt, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Ibsen, Henrik, Peer Gynt, Narzissmus (Motiv), Psychoanalyse

Magisterarbeit von Brigitte Fochler

Einleitung:

Peer Gynt hat in Henrik Ibsens Schaffen einen besonderen Stellenwert. Das dramatische Gedicht wird in der Sekundärliteratur immer wieder als „Übergangswerk“ bezeichnet. Die Dramaturgie ist nur schwer einzuordnen. Es gibt vergleichsweise sehr wenig Sekundärliteratur, vor allem Sekundärliteratur neueren Datums ist kaum zu finden. Dies ist erstaunlich, da es sich bei Peer Gynt um ein „Schlüsselwerk“ handelt, weil es als Vorläufer für das moderne Theater gesehen wird. Es ist, wie Ruprecht Volz schreibt, weit seiner Zeit voraus und nimmt Elemente des Symbolismus, des Expressionismus und des absurden Theaters vorweg.

Doch auch in Ibsens Schaffen ist Peer Gynt ein „Schlüsselwerk“. Es ist ein Übergangswerk von den historischen Dramen Ibsens zu seinen analytischen Gesellschaftsdramen, ein Übergangswerk von der Romantik zum Naturalismus. Auch Ibsens Persönlichkeit hat sich zu der Zeit, als er Peer Gynt schrieb, verändert. Die psychologische Dimension, die sich 100 Jahre nach Ibsens Tod daraus ergibt, mag der Grund sein, warum es so wenig neuere Sekundärliteratur dazu gibt und Peer Gynt noch immer als ein Stück gilt, das schwierig zu inszenieren ist.

Dies liegt sicher auch an dem zahllosen Szenenwechsel, der Hauptgrund dafür ist aber, dass die Interpretation des Stückes so schwierig ist. Schon Ibsen selbst hatte Zweifel, ob das Drama außerhalb Norwegens verstanden werden würde. Ibsen hat als Grundlage für Peer Gynt eine märchenhafte Gestalt aus den „Norwegischen Feen- und Volksmärchen“ verwendet. Es herrschte die Meinung, dass man, um Peer Gynt verstehen zu können, mit den Sagen und Mythen Norwegens vertraut sein müsste und auch die politischen und historischen Hintergründe kennen müsste.

Eine andere Interpretation, die teilweise heute noch vertreten wird, ist, dass es sich bei Peer Gynt um den „norwegischen Faust“ handelt. Das ist für mich nicht nachvollziehbar, da Goethes Faust nach dem Absoluten sucht, nach dem Sinn des Lebens, hingegen sucht Peer „nur“ nach sich selbst. Ibsen hat in ironischer Weise einige Passagen aus Goethes Faust einfließen lassen und die Frauen sind Schlüsselfiguren in beider Leben, dies könnte eine Erklärung für diese Interpretation sein.

Der Fokus dieser Arbeit liegt nicht auf den oben genannten Interpretationen, sondern auf der psychologischen Dimension dieses Werkes, die sich einerseits aus den Parallelen von Ibsens und Peers Leben, andererseits aus Ibsens Persönlichkeitsveränderung ergibt. Diese Sichtweise wurde in der Literatur bisher kaum behandelt.

Die Idee zu dieser Diplomarbeit entstand nach der Wiener Festwochenaufführung von Peer Gynt, einem Gastspiel des Berliner Ensembles, unter der Regie von Peter Zadek im Juni 2004. Diese Aufführung rief mir die faszinierende Peymann-Inszenierung ins Gedächtnis, die ich acht Jahre zuvor im Juni 1996 am Wiener Burgtheater gesehen hatte.

Im Wintersemester 2004/05 besuchte ich eine Vorlesung über Henrik Ibsen am Institut für Skandinavistik, gelesen von Sven Hakon Rossel. Das Thema wurde für mich konkret, als ich in dieser Vorlesung erfuhr, dass genau zu jener Zeit, als Henrik Ibsen Peer Gynt schrieb, Ibsen nicht nur sein Äußeres verändert hat, auch seine Handschrift veränderte sich. Diese Persönlichkeitsveränderung, kombiniert mit der Tatsache, dass Peer Gynt das Übergangswerk in Ibsens Schaffen ist, mit dem er letztlich zu seiner Identität als Dichter fand, hat mein Interesse geweckt.

Die Grundidee dieser Arbeit ist es, die psychologische Komponente des Werkes zu beleuchten und im Zusammenhang mit der Persönlichkeitsveränderung, die Henrik Ibsen während und vor der Entstehung von Peer Gynt durchlief, zu diskutieren. Daraus ergeben sich folgende Fragen:

Wie steht der Text von Peer Gynt mit Ibsens Leben und der zu dieser Zeit, als er das Werk schrieb, stattfindenden Persönlichkeitsveränderung, in Zusammenhang? Ist Peer die Maske des Dichters Ibsen? Wer ist dieser Peer Gynt, wie kann man seine Persönlichkeit, aus heutiger Sicht, psychologisch gesehen, einordnen? Warum ist die Dramenstruktur so schwer einzuordnen, warum wird Peer Gynt als Übergangswerk bezeichnet? Wie hat Claus Peymann in seiner Inszenierung die psychologische Dimension des Stückes umgesetzt?

All diesen Fragen werde ich in dieser Arbeit nachgehen, um ähnlich, wie der Ibsen-Biograf Robert Ferguson in seinem Vorwort schreibt, „[...] einen Blick auf einen der berühmtesten Schriftsteller der Welt zu bieten, um wenigstens eine Teillösung zu finden, was mit dem Mann geschah, der Peer Gynt schrieb“.

Gang der Untersuchung:

Dem Hauptteil der Arbeit wird eine kurze Inhaltsangabe des Stücks vorangestellt.

Die wissenschaftliche Aufarbeitung der Fragen beginnt mit Ibsens Biografie und seinen Briefen, um den Weg zu zeigen, den der Mann ging, dessen Stücke heute noch auf allen Bühnen der Welt (in China ist er der meistgespielte europäische Dramatiker) aufgeführt werden.

Ich werde der Frage nachgehen, wieweit Ibsens Biografie in das Stück einfließt, um dann im nächsten Kapitel die Parallelen aufzuzeigen. Dann werde ich die Frage behandeln, ob man Peer Gynt als Maske des Dichters sehen kann. Von Interesse wird sein, wie Ibsen sich selbst sah, und was unter Ibsens Ästhetik zu verstehen ist.

Im nächsten Kapitel werde ich mich der Frage widmen, welche Persönlichkeit Peer Gynt ist. An dieser Stelle möchte ich einen Brief von Ibsen zitieren, den er an seinen Verleger Frederik Hegel am 31. Mai 1880 schrieb: Er schreibt, dass er ein kleines Buch beabsichtige, in dem er darlegt, unter welchen Umständen seine jeweiligen Stücke entstanden sind, und schreibt weiter: Auf eine Auslegung meiner Bücher würde ich mich natürlich ganz und gar nicht einlassen. Es ist besser, wenn Publikum und Kritik sich auf diesem Gebiet nach eigenem Belieben herumtummeln dürfen – wenigstens bis auf weiteres. Aber ich möchte ganz einfach von den Umständen und Verhältnissen berichten, unter deren Einfluß ich gedichtet habe – alles natürlich mit der äußersten Diskretion und so, daß ein weiter Spielraum für Mutmaßungen aller Art bleibt.

Diesen Spielraum werde ich, mit aller zu Gebote stehenden Vorsicht, benutzen um nach heutigen psychoanalytischen Erkenntnissen zu zeigen, dass Peer Gynt ein Narziss ist, der sich auf einem schmalen Grat zwischen gesundem und krankem Narzissmus bewegt.

Die Frage, ob Peer Ibsen in der Maske des Dichters ist, wird sich genauso wenig vollständig beantworten lassen, wie die Frage, wie es dazu kam, dass Ibsen sein Äußeres und seine Handschrift veränderte. In „Der Dichter und das Phantasieren“ schreibt Sigmund Freud, für den der Dichter ein „Tagträumer“ wie Peer Gynt ist, wie der Dichter und sein Werk zueinander stehen. Aus den psychoanalytischen Schriften lassen sich Schlüsse ziehen, die einer Antwort auf diese Frage nahe kommen.

Im nächsten Kapitel werde ich zur Frage, welche Dramenstruktur Peer Gynt hat, zuerst an Hand von Briefen beschreiben, wie das „Lesedrama“ zum Bühnendrama wurde, mich den Kritiken, Interpretationen, der Musik und den Übersetzungen widmen, und schließlich betrachten, in welche Dramenkategorie Peer Gynt eingeordnet werden kann. Aus dieser Dramenkategorie werde ich Schlussfolgerungen für meine These ziehen. Denn auch diese Dramenform, die schwer einzuordnen ist, kann ein Beleg für Ibsens Persönlichkeitsveränderung sein.

Am Schluss dieses Kapitels werde ich einen kurzen Überblick geben, wie sich die Aufführungen von Peer Gynt in den letzten 140 Jahren verändert haben.

Das letzte Kapitel wird eine Analyse der Inszenierung von Claus Peymann am Wiener Burgtheater in der Saison 1993/94 beinhalten, beginnend mit einer kurzen Betrachtung der Direktion von Claus Peymann. Ich werde zeigen, dass Claus Peymann mit seiner Regie das Stück vor allem aus psychologischer Sicht inszeniert hat und wie er sich selbst in die Inszenierung eingebracht hat. Unter diesem psychologischen Aspekt werde ich die Textänderungen, das Bühnenbild und die SchauspielerInnen beschreiben und damit den Zusammenhang zu den vorangegangenen Kapiteln herstellen.

Inhaltsverzeichnis:

1. VORWORT 5
2. EINE KURZE INHALTSANGABE VON PEER GYNT 9
3. DIE BIOGRAFIE VON HENRIK IBSEN BIS ZUR ENTSTEHUNG VON PEER GYNT 11
3.1 Frühe Kindheit 11
3.2 Lehre in Grimstad 14
3.3 Ibsens Abkehr von seiner Familie 15
3.4 Theatererfahrungen 17
3.4.1 Bergen 17
3.4.2 Christiania 19
3.5 Italien 20
3.5.1 Persönlichkeitsveränderung 21
3.6 Die Entstehung von Peer Gynt 23
4. IBSEN und PEER GYNT 26
4.1 Peer Gynt als Maske des Dichters 26
4.2 Ibsen, wie er sich selbst sah 32
4.2.1 Ästhetik 36
5. EINE PSYCHOANALYTISCHE SICHT AUF PEER GYNT. EIN DRAMATISCHES GEDICHT 38
5.1 Der Sturz in den Spiegelsee 39
5.2 Der Narziss Peer Gynt 41
5.3 Die Selbstfindung des Dichters durch Peer Gynt 53
5.3.1 Ironie als Mittel der Selbstreflexion 59
6. VOM LESEDRAMA ZUM BÜHNENSTÜCK 62
6.1 Das "Lesestück": Kritiken und Interpretationen 62
6.2 Mit Edvard Griegs Musik zur Uraufführung 65
6.3 Deutsche Übersetzungen 67
6.4 Die Dramenstruktur 69
7. DIE PEYMANN-INSZENIERUNG VON PEER GYNT AM WIENER BURGTHEATER, 1993/94 73
7.1 Peer Gynt: Regie Claus Peymann. Die "Schlüsselinszenierung" in Peymanns Burgtheaterdirektion 73
7.1.1 Die Ära Peymann 73
7.1.2 Peer Gynt: Regie Claus Peymann 75
7.2 Textänderungen 81
7.3 Bühnenbild, Requisite, Versatzstücke, Kostüme 84
7.4 Musik 95
7.5 Die SchauspielerInnen 96
8. SCHLUSSWORT 100
9. BIBLIOGRAFIE 105
10. DANKSAGUNGEN 110

Textprobe:

Kapitel 4.1, Peer Gynt als Maske des Dichters:

Was ist diese Maske? Die Psychotherapeutin Christa Meves beschreibt in ihrem Buch „Der Mensch hinter seiner Maske“ verschiedene Grundtypen von Masken, hinter denen sich ein Mensch verbergen kann. Eine davon erscheint mir für Ibsen in seinem Peer Gynt für sehr passend. Es ist die Maske des „Darstellungstyps“. Christa Meves schreibt über diese „Darstellungsmaske“: „Sie hat überhaupt keine bestimmte Kontur, sondern ist in zauberischer Weise wandelbar. Sie ist immer so, wie die jeweilige Umwelt sie haben will.

Der Darstellungstyp drückt quasi das flexible Material seiner Maske erst einmal auf das Gesicht seiner Umwelt, macht von ihr einen Abdruck, um ihr dann mit genau diesem Gesicht selbstsicher gegenüberzutreten und sie gewissermaßen im eigenen Verhalten widerzuspiegeln. Das bewirkt viel Anerkennung. Der Darstellungstyp vollzieht mit seiner Art der Maskierung eine Superleistung der Anpassung. Es ist ihm dabei vollständig gleichgültig, ob er selbst unter dieser Verformung leidet, ob ihn die Unangemessenheit beeinträchtigt. Seine Maskierung ist auf optimale Anpassung aus, um optimalen Applaus zu ernten. Deshalb besticht seine Maskierung durch eine Fülle immer neuer Verwandlungskünste. Die Maske ist Schaustellerei schlechthin. Der Darstellungstyp liebt deshalb die Wanderbühne, sprich den häufigen Orts- und Publikumswechsel, weil seine Maske des Wechsels bedarf; denn im Wechsel erneuert sie sich, während sie beim Verharren im gleichen Theaterstück vor gleichem Publikum so dünnhäutig wird, daß das wahre Gesicht leicht einmal sichtbar werden kann. Die schillernde, publikumsbedürftige Maske hat die Funktion, die Schwäche des Darstellungstyps zu verhüllen: seine fehlende Selbstachtung. Auch sein Gesicht hat, wie dessen Maske wenig Kontur, und in der Tiefe seiner Seele fürchtet er, daß seine Nichtswürdigkeit, das einzige von dem er wirklich überzeugt ist, erkennbar werden könnte. Die Demaskierung am Ende eines langen Schaustellerlebens entlarvt seine Wesenlosigkeit. Einzig ein früher und rechtzeitiger Mißerfolg ist geeignet , aus der Selbstverachtung das Gold zu schlagen, das dem Darstellungstypen innewohnt: nämlich Selbstgewißheit im Erfahren eines Geachtet- und Geliebtseins ohn’ Schaustellerverdienst und – würdigkeit durch eine Person, die in der Phase der Demaskierung die Treue hält.“ Hinter der Maske Peer Gynt verbirgt sich nicht nur der Mensch Ibsen, sondern auch seine Angst vor dem Risiko als Autor. Michael Goldmann schreibt, „daß das Stück uns etwas vom Gefühl des wilden Ritts mitteilt, das der (von seinen Schulden) befreite Dichter-Dramatiker auf seinem eigenen Talent unternahm, das wie ein Rentier selber sprang und bockte, wie der Ritt auf dem Rentier, der mit Peers Sturz ins eigene Spielbild endet, vielleicht stürzt der Schriftsteller im Augenblick der wilden Freiheit auf sich selbst zurück, vielleicht mit tödlichem Ausgang.“ Er schreibt weiter: „ Denken wir an den IV. Akt, als wäre er ein Kommentar über das Wesen des Schreibens. Die Verstümmelungsbilder des Stücks erreichen ihren Höhepunkt in einer Szene im Irrenhaus, wo ein Mann, der glaubt, er sei in eine Schreibfeder verwandelt, Peer zuruft, er möge sie benutzen, und sich dann, um sich selbst anzuspitzen, die Kehle durchschneidet. Das ist der Augenblick, in dem die anderen Insassen Peer zum Kaiser des Ichs krönen. Es ist ein Alptraum-Bild vom Schreiben als Form der Selbstverwirklichung, so grotesk und intensiv, daß es an Selbstzerstörung gemahnt.“ „Wie in zahlreichen Briefen zu lesen ist, war Ibsen in der Zeit, als er Peer Gynt schrieb, besonders ängstlich. Ibsen hatte auch Zeit seines Lebens Angst vor Skandalen, mutig zeigte er sich nur in seiner Dichtung. Sonst achtete er peinlich darauf, die bürgerlichen Konventionen nicht zu durchbrechen. Die Maske des Bürgers verdeckte seinen inneren Zwiespalt.“

Arbeit zitieren:
Fochler, Brigitte November 2006: Der Narziss Peer Gynt, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Ibsen, Henrik, Peer Gynt, Narzissmus (Motiv), Psychoanalyse

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