Motive und Auswirkungen der Wilderei Mitteleuropas in Vergangenheit und Gegenwart
- Art: Diplomarbeit
- Autor: Wolfgang Scherleitner
- Abgabedatum: März 2002
- Umfang: 134 Seiten
- Dateigröße: 1,4 MB
- Note: 2,0
- Institution / Hochschule: Universität für Bodenkultur Wien Österreich
- Bibliografie: ca. 49
- ISBN (eBook): 978-3-8366-0741-4
- ISBN (CD) :978-3-8366-0741-4 CD
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Scherleitner, Wolfgang März 2002: Motive und Auswirkungen der Wilderei Mitteleuropas in Vergangenheit und Gegenwart, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Mitteleuropa, Wilderei, Geschichte, Wildschütz, Raubschütz
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Diplomarbeit von Wolfgang Scherleitner
Einleitung:
Auch in der heutigen Zeit, in der die Wilderei in Österreich nicht mehr der Nahrungsbeschaffung dient, in einer Zeit, in der Begegnungen zwischen Jägern und Wilderern zur Seltenheit geworden sind, ist das Thema Wilderei emotionsgeladen. Gelegentlich stößt man auf Artikel in Jagdzeitschriften, die dieses Thema behandeln. Die Art und Weise, wie diese Artikel geschrieben wurden, gleicht jener vor fünfzig oder sechzig Jahren. Die Emotionen sind verständlich, wenn man bedenkt, daß es auf beiden Seiten wiederholt zu Toten bei Konfrontationen kam. Es gab aber auch Tote bei anderen Straftaten. Warum schlugen solche Begebenheiten nicht die gleichen Wogen?
Bei Wilderei handelt es sich im Grunde um Diebstahl. Warum ist gerade diese Straftat so interessant? Wird ein Verbrechen begangen, so wird sofort nach dem Motiv gefragt. Welche Beweggründe hat ein Wilderer? War die Nahrungsbeschaffung, die Jagdleidenschaft oder die Trophäe Ziel seiner Bestrebungen? Hat sich die Vorgehensweise der Wilderer im Laufe der Geschichte verändert? Gibt es in Österreich heute noch die Wilderei, wie sieht diese aus? Welche Formen der Wilderei gibt es? Womit wird gewildert? Welche Fertigkeiten benötigt ein Wilderer? Wie kann man der Wilderei begegnen?
Es soll aufgezeigt werden, welche Auswirkungen die Wilderei auf die Wildpopulationen, auf die Gesellschaft oder auf die Volkskultur hatte und heute noch hat. Sind diese Auswirkungen ausschließlich negativ, oder gibt es möglicherweise auch positive Aspekte?
Es existieren viele Lieder über die Jagd, es existieren auch viele Lieder über die Wilderei. Warum ist die Wilderei so interessant, daß darüber Lieder gesungen werden? Gibt es andere Straftaten, die ebenso häufig besungen werden?
Gang der Untersuchung:
Eine Form der Informationsbeschaffung für meine Arbeit war die direkte Befragung. Natürlich bietet sich dafür ein Fragebogen an. Schon bald bemerkte ich, daß selbst mein kleines Notizbuch, in das ich immer meine Aufzeichnungen machte, sehr oft nicht gern gesehen wurde. Manchmal mußte ich sogar auf dieses Buch verzichten. Würde ich nun mit einem, vielleicht mehrseitigen, Fragebogen in solche Gespräche gehen, wären die Informationen sicher sehr spärlich ausgefallen und so manches: „Des host net vo mir!“ hätte es nicht gegeben. Ich mußte sehr feinfühlig vorgehen, damit ich überhaupt an Informationen kam. Befragt man nun Personen, so hält sich anfangs jeder bedeckt und es wird nur festgestellt, daß es keine Wilderei in der jeweiligen Region gibt oder gegeben hat. Erst wenn das Eis gebrochen ist, merkt man, daß es Wilderei nicht nur gegeben hat, sondern auch heute noch immer gibt. Je mehr Menschen ich befragte, desto deutlicher wurde die Angst der Befragten vielleicht doch noch entdeckt und für eine Tat bestraft zu werden, die meist schon Jahrzehnte zurücklag.
Nun stellte sich ein weiteres Problem: Wie komme ich zu Informationen, die objektiv sind, also nicht aus der Erinnerung eines Einzelnen, aus Erzählungen von Dritten oder überhaupt aus Mutmaßungen stammen? Zahlen über Straftaten aus erster Hand bekommt man am Gericht. Ich wandte mich an die Gerichte Wiener Neustadt, Neunkirchen, Aspang, Gloggnitz, Bad Ischl, Bad Aussee und Salzburg. Ich wurde freundlich aber bestimmt darauf hingewiesen, daß ich kein Jurist sei und mir deshalb der Zutritt zu den Gerichtsakten nicht gewährt werden könne. Mir blieb daher wieder nur die Befragung. Langjährige Bedienstete gaben mir im Rahmen ihrer Möglichkeiten Auskunft zu meinem Thema.
Da „Österreichs Weidwerk“ die auflagenstärkste Jagdzeitung Österreichs ist, habe ich diese Zeitschrift ergänzend zur Literatur und den Befragungen gewählt. „Österreichs Weidwerk“ erschien 1928 zum ersten Mal. In den Jahren des Dritten Reiches, also 1938 bis 1945, existierte diese Jagdzeitung nicht. Ich untersuchte alle Ausgaben bis zur Dezemberausgabe 1999 nach Artikeln über Wilderei und notierte das Jahr in dem die Tat begangen wurde, den Ort, die Art wie das Wild zur Strecke gebracht wurde, die Wildart und Stückzahl. Vom Wilderer notierte ich den Beruf, soweit bekannt, um von der sozialen Stellung auf die Motivation Rückschlüsse ziehen zu können. Waren mehrere Wilderer involviert, die Anzahl und die Organisation. Ebenfalls wurde das Erscheinungsjahr, der Titel und der Autor des Artikels festgehalten.
Ich durchsuchte die Literatur nach Liedern über Wilderei. Bei meinen Befragungen lernte ich Herrn REISENBAUER kennen. Herr REISENBAUER ist begeisterter Musiker, er hat sich zur Aufgabe gemacht, Lieder, die nur gesungen und nicht niedergeschrieben sind für die Nachwelt festzuhalten. Von ihm erhielt ich Texte, die er selbst gesammelt hatte und auch den Hinweis auf Liederbücher in denen Lieder über Wilderei niedergeschrieben sind. Nachdem alle gefundenen Lieder niedergeschrieben waren, wurden sie in Kategorien geteilt. Danach wurde überlegt, in welcher Kategorie die meisten Lieder zu finden sind, und ob man daraus Schlüsse ziehen kann.
Wilderei wird in vielen Liedern besungen. Nun stellte sich die Frage, ob es noch andere Straftaten gibt, die in der Volksmusik besungen werden, vielleicht existieren darüber Statistiken. Ich wandte mich mit dieser Frage an das Institut für Volksmusikforschung.
Interessant zu Untersuchen wäre noch, wie die Altersverteilung der erwilderten Stücke ist. Anzunehmen ist, daß Menschen, die aus Not wildern eher junges Wild erlegen. Wogegen älteres Wild vermutlich von jenen zur Strecke gebracht wird, die wegen der Trophäe dem Wild nachstellen. Solche Untersuchungen waren aber nicht möglich, da bei den Zeitungsberichten nur vereinzelt Aussagen darüber gemacht wurden zu welcher Altersklasse das erlegte Wild zu zählen ist.
Inhaltsverzeichnis:
| Vorwort | 2 | |
| 1. | Einführung | 5 |
| 1.1 | Zielsetzung und Fragestellung | 5 |
| 1.2 | Methodik | 6 |
| 2. | Die Bezeichnung "Wilderer" | 8 |
| 2.1 | Gesetzliche Bestimmungen in Österreich | 8 |
| 2.2 | Gesetzliche Bestimmungen in Deutschland | 11 |
| 2.3 | Sonstige Bezeichnungen für Wilderer | 12 |
| 3. | Entwicklung der Wilderei | 14 |
| 3.1 | Wilderei vor 1848 | 14 |
| 3.2 | Wilderei von 1848 bis zum Ersten Weltkrieg | 18 |
| 3.3 | Wilderei in der Zwischenkriegszeit | 20 |
| 3.4 | Wilderei im Dritten Reich und während des Zweiten Weltkrieges | 22 |
| 3.5 | Wilderei in der Nachkriegszeit | 23 |
| 3.6 | Welchen Stellenwert hat die Wilderei heute? | 24 |
| 4. | Die Motivation zum Wildern | 26 |
| 4.1 | Einteilung der Wilddiebe | 28 |
| 4.2 | Der Einfluß der Jahreszeiten auf die Häufigkeit des Wilderns | 29 |
| 4.3 | Die Motivation in Abhängigkeit vom Beruf | 33 |
| 4.4 | Die Motivation der Wilderer im Laufe der Geschichte | 36 |
| 4.4.1 | Warum wurde einst gewildert? | 36 |
| 4.4.2 | Warum wird heute gewildert? | 37 |
| 4.5 | Geographische Analyse der Wilderei | 38 |
| 5. | Edle und unedle Wilderei | 41 |
| 5.1 | Wildschütz - Raubschütz | 41 |
| 5.2 | Vom Volkshelden zum Schwerverbrecher | 41 |
| 6. | Werkzeuge der Wilderei | 44 |
| 6.1 | Wilderei mit der Schußwaffe | 45 |
| 6.1.1 | Die herkömmliche Feuerwaffe | 45 |
| 6.1.2 | Umgebaute und getarnte Feuerwaffen | 46 |
| 6.1.3 | Andere Schußwaffen | 48 |
| 6.2 | Wilderei mit der Schlinge | 49 |
| 6.2.1 | Schlingentechniken und Schlingenarten | 50 |
| 6.2.2 | Die Maxler | 55 |
| 6.3 | Wilderei mit anderen Hilfsmitteln | 56 |
| 7. | Organisierte Wilderei | 58 |
| 7.1 | Bandenwilderei | 58 |
| 7.2 | Wilderei von einem Fahrzeug aus | 59 |
| 7.3 | Unbewußte Wilderei | 60 |
| 8. | Fertigkeiten des Wilderers | 61 |
| 8.1 | Wissen und Erfahrung | 61 |
| 8.2 | Kleidung | 62 |
| 8.3 | Verbündete | 64 |
| 8.4 | Magie und Aberglaube | 65 |
| 8.4.1 | Magie für den Schützen selbst | 65 |
| 8.4.2 | Magie für die Waffe | 68 |
| 8.4.3 | Der Wilderer als "Medizinmann" | 69 |
| 9. | Bekämpfung der Wilderei | 70 |
| 9.1 | Vorbeugung | 70 |
| 9.2 | Verhalten vor entdeckter Tat | 71 |
| 9.3 | Verhalten nach begangener Tat | 72 |
| 9.3.1 | Beschreibung des Tatherganges und der verdächtigen Person | 72 |
| 9.3.2 | Spurensicherung | 73 |
| 9.3.3 | Die Aufklärung | 74 |
| 9.4 | Bekämpfung der Schlingenstellerei | 75 |
| 9.4.1 | Die Schlingensuche | 75 |
| 9.4.2 | Unbrauchbarmachen von aufgefunden Schlingen | 76 |
| 9.4.3 | Einschreiten vom Vorpaß aus | 77 |
| 9.4.4 | Ermittlung der Berufsgruppe durch die Stelltechnik | 78 |
| 9.5 | Die Konfrontation | 79 |
| 10. | Die Auswirkungen der Wilderei | 81 |
| 10.1 | Ökologische Aspekte | 81 |
| 10.2 | Ökonomische Aspekte | 85 |
| 10.3 | Soziologische Aspekte | 91 |
| 10.4 | Kulturelle Aspekte | 94 |
| 10.4.1 | Lieder und Gedichte über Wilderer und Wilderei | 94 |
| 10.4.1.1 | Lieder in denen Wilderer zu Schaden kommen | 95 |
| An einem Sonntagmorgen | 95 | |
| Das Lied vom Jennerwein | 96 | |
| Erstes Klackl - Lied | 97 | |
| Zweites Klackl - Lied | 98 | |
| Drittes Klackl - Lied | 98 | |
| Das war Pius | 99 | |
| Gute Nacht | 99 | |
| 10.4.1.2 | Zusammenfassung | 100 |
| 10.4.1.3 | Lieder in denen die Wilderei angeprangert wird | 101 |
| Daß i a Wildschütz bin | 101 | |
| Wia schön san die Gamserl | 101 | |
| Der Wild´rer - Lenz | 101 | |
| 10.4.1.4 | Zusammenfassung | 102 |
| 10.4.1.5 | Lieder, in denen Jäger zu Schaden kommen oder verhöhnt werden | 103 |
| Das Wildschützenlied aus Windischgarsten | 103 | |
| Wildschützlied | 104 | |
| Auf´s Kapuzinerbergl | 104 | |
| Willst an Gamsbock schieaßn | 105 | |
| Koa dahoamtigs Dirndl | 106 | |
| Da Franzl | 106 | |
| Bin a lustiger Wildschütz | 107 | |
| Ei, du mei liabe Schwoagrin | 107 | |
| 10.4.1.6 | Zusammenfassung | 107 |
| 10.4.1.7 | Lieder, die den Respekt beider Seiten zum Ausdruck bringen | 109 |
| Wilddieb | 109 | |
| 10.4.1.8 | Lieder mit Magie | 109 |
| Im Gamsgebirg | 109 | |
| 10.4.1.9 | Lieder mit Gehilfen | 110 |
| Almerspitz | 110 | |
| Auf´m Gamsberg | 110 | |
| Zeitvertreib | 111 | |
| Das Lied vom bayrischen Hiasl | 112 | |
| Vasehgns | 112 | |
| I trau dir nit | 113 | |
| 10.4.1.10 | Zusammenfassung | 113 |
| 10.4.2 | Auswertung der Lieder und Gedichte | 114 |
| 10.5 | Rituale | 115 |
| 11. | Vom Wilderer zum Jäger | 116 |
| 12. | Diskussion | 118 |
| 13. | Zusammenfassung | 124 |
| 14. | Literatur und Abbildungen | 126 |
| 14.1 | Literaturverzeichnis | 126 |
| 14.2 | Abbildungsverzeichnis | 129 |
| 14.3 | Tabellenverzeichnis | 130 |
Textprobe:
Kapitel 4.4, Die Motivation der Wilderer im Laufe der Geschichte:
Warum wurde einst gewildert?
Laut GIRTLER gab es früher zwei Gründe für die Wilderei: Not als den einen Grund und damit die Nahrungsbeschaffung. Der zweite Grund war „die unbändige Freude an der Jagd und dem Abenteuer“. Auch DACHS nennt dieselben Gründe. Er unterstellt den Wilderern auch noch das edle Motiv der „Sicherung des biologischen Gleichgewichts und die Gesundheit des Wildes“.
Für den Adel hatte die Jagd einen hohen gesellschaftlichen Stellenwert. Dabei wurde es unterlassen, den Wildstand an die Vegetation anzupassen. So entstand enormer Sachschaden an den Besitzungen der ländlichen Bevölkerung. Oft wurden hohe Steuern eingehoben, war nun die Ernte durch den hohen Wildstand zerstört worden, so war es auch dem Bauern nicht möglich seine Steuern zu zahlen. Proteste von Seiten der Bauern wurden ignoriert und so war es dem Volk nicht unrecht, wenn „beherzte Männer zur Flinte griffen“. Der Adel wiederum bestrafte diese Personen unbarmherzig (vgl. Kapitel 3).
Die Jagdberechtigten benahmen sich wie Feudalherren und das Wild konnte enormen Schaden anrichten. Diese Einstellung reicht teilweise bis in die heutige Zeit. Die Beschwerden der Bevölkerung stießen auf „taube Ohren“. „Die Leute griffen deshalb zur Selbsthilfe. Sie schlichen im Schutz der Dunkelheit hinaus in die Reviere, die Gesichter geschwärzt, den Stutzen schußbereit.“ Als „enormen Anreiz, den aristokratischen Jagdherren eins auszuwischen“ beschreibt GIRTLER einen der Gründe. Die Jäger behandelten die „kleinen Leute“ mit ungeheurer Arroganz und so war es nur verständlich, daß sie sich auch wie Jäger fühlen wollten.
SCHÖNBERG zitiert Carl Stülpner, der in der Wilderei nichts Unrechtes sah: „Deshalb erwählte ich das Gewerbe eines Wildschützen, weil es mir, so streng es auch verboten ist, durchaus nicht so widerrechtlich erscheint, und ich das, was ich als solcher thue, einst bei Gott und der Welt verantworten werde.“ Für BELANIS zeigt die Praxis, „daß die Triebfeder zum Wildern weniger die unheilbringende, lodernde Leidenschaft der Jagdlust ist, sondern zu 70 % der Erwerb die maßgebende und ausschlaggebende Rolle spielt, den arbeitsscheuen Menschen das Gewehr in die Hand drückt, ihn mit Netzen auf den Rebhuhnfang schickt. In den allerseltensten Fällen ist es Not, die den Familienvater anspornt wildern zu gehen. Meist sind es Arbeiter, die für unwesentliche Dinge Geld benötigen“.
Die Geldgier der „tieferen Bevölkerungsschichten“ und die Verlockung einer romantischen und leichten Erwerbsmöglichkeit sieht FUCHS als Hauptmotiv. In vereinzelten Fällen räumt er Not und Hunger als Motiv ein. Klar für ihn ist aber, daß jeder zum Wilderer werden kann.
Unterstellen BELANIS und FUCHS dem „niederen Arbeiter“ Geldgier, so sieht GIRTLER das Problem ein wenig anders: Er meint, daß sogar bis in die fünfziger Jahre finanzielle Gründe die Triebfeder für Wilderei waren. FUCHS war sicher von seiner beruflichen Tätigkeit als Bezirksgendarmeriekommandant in Gmunden geprägt, doch die Motivation einer Bevölkerungsgruppen zu vereinheitlichen scheint mir doch zu einfach.
Warum wird heute gewildert?
In heutigen Tagen ist sicher nicht mehr die Not und damit die Nahrungsbeschaffung die Triebfeder zur Wilderei. Es sind andere Beweggründe als in früheren Zeiten, die die Menschen zu dieser illegalen Handlung veranlaßt.
1970a stellt WINKLER in Österreichs Weidwerk fest, daß die Wilderei in Folge des steigenden Wohlstandes immer mehr abnimmt.
Als weiteren Grund für die Wilderei nennt GIRTLER die Initiation. Der Gamsbart und die Lederhose sind ein Zeichen der Männlichkeit. Die Jagd allgemein hat etwas mit Mannbarkeit zu tun. Die Wilderer zählten auch zu den angesehensten Leuten unter der ländlichen Bevölkerung. Wenn sie sich nun der Öffentlichkeit mit einem solchen Zeichen präsentierten, so konnten sie sich dem Ansehen der „kleinen Leute“ gewiß sein.
DREHER – vermutlich selbst Jäger – bezeichnet die Gründe, die einen Jäger zum Wilderer machen, als „mannigfaltig und schwer verständlich“. Er nennt „Trophäensucht“ oder einfach deplaziertes Verhalten als Hauptmotive.
Sehr oft wird das Motiv der Rache übersehen. So wurde mir berichtet, daß sich einige Jäger vom „adeligen“ Jagdberechtigten des Nachbarrevieres ausgeschlossen fühlten. Der besagte Adelige distanziere sich bei vielen Aktivitäten des Hegeringes. Bei Jagden in seinem Revier durften die ortsansässigen Jäger bestenfalls Treiberdienste leisten. Eines Tages war der kapitale Hirsch des „adeligen“ Reviers verschwunden. Könnte es Rache gewesen sein? Vermutlich hätte da eine bessere Nachbarschaft das Verschwinden des Hirsches verhindert.
Geographische Analyse der Wilderei: Laut KERSCHAGL gibt es kein Revier, in dem nicht ab und zu gewildert wird, egal ob mit der Schußwaffe oder mit der Schlinge.
Wilderei ist überall möglich, und dennoch gibt es Gebiete in denen die Wilderei verstärkt vorkommt. Handelt es sich bei diesen Gebieten um Ballungsräume, sind es Gebiete in denen die Bevölkerung besonders arm ist und sich durch Wilderei den „Speiseplan aufbessert“, oder ist es die Tradition, die die Menschen solcher Gegenden in Wald und Feld treibt, um dort illegal Wild zu erlegen?
„Ein Bua, der nicht gewildert hat, darf auch nicht fensterln gehen.“ (Spruch aus dem Salzkammergut) Dieser Spruch zeigt deutlich, daß das Wildern in manchen Gegenden nicht nur der Nahrungsbeschaffung diente oder eine Auflehnung gegen die Obrigkeit war, es hatte auch mit Männlichkeit und Initiation zu tun.
Mit der Wilderei assoziieren viele Menschen das Salzkammergut. Zweifellos ist es das Gebiet in Österreich, in welchem sich viele Wilderergeschichten finden. Nun stellte sich für mich die Frage, ob das Salzkammergut das einzige Gebiet Österreichs ist, in dem sich die Wilderei häuft, oder gibt es noch andere Gebiete? Dazu habe ich die Artikel aus der Zeitschrift „Österreichs Weidwerk“ nach ihrer geographischen Zugehörigkeit ausgewertet.
Auffällig in dieser Graphik ist, daß im Westen Österreichs die Wilderei offenbar sehr selten vorkommt. Die Jagdzeitung „Österreichs Weidwerk“ erhält der ober- und niederösterreichische Jäger automatisch, wenn er die Jagdkarte löst. Die Redaktion dieser Zeitschrift ist wird daher bestrebt sein verstärkt den Personenkreis anzusprechen, der der Hauptabonnent ist.
Deutlich kann man die „Ballungsgebiete der Wilderei“ erkennen. Es ist das Salzkammergut und der Großraum Wien. Hatte und hat die Wilderei im Salzkammergut Tradition, so hatte man in der Umgebung von Wien andere Beweggründe dem Wild illegal nachzustellen. Galt im Salzkammergut ein erwilderter Gamsbart als Symbol der Männlichkeit, so war im Osten Österreichs meist nicht die Trophäe, sondern das Fleisch das Ziel der Bestrebungen. Nach Aussagen des Bezirksgerichtes Neunkirchen und des Landesgerichtes Wiener Neustadt (vgl. Kapitel 3.6) gibt es im Osten Österreichs so gut wie keine Wilderei. Im Salzkammergut würde man heute noch wesentlich mehr Wilderei vermuten, doch auch das kann nach Telefonaten mit den Gerichten Bad Ischl, Bad Aussee und Salzburg nicht bestätigt werden.
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Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783836607414
Arbeit zitieren:
Scherleitner, Wolfgang März 2002: Motive und Auswirkungen der Wilderei Mitteleuropas in Vergangenheit und Gegenwart, Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Mitteleuropa, Wilderei, Geschichte, Wildschütz, Raubschütz



