Die Montagetechniken Sergej Michailowitsch Eisensteins am Beispiel seines Hauptwerkes "Panzerkreuzer Potemkin"
- Art: Diplomarbeit
- Autor: Markus Jentsch
- Abgabedatum: Oktober 2006
- Umfang: 51 Seiten
- Dateigröße: 6,2 MB
- Note: 1,0
- Institution / Hochschule: SAE Leipzig Deutschland
- Bibliografie: ca. 20
- ISBN (eBook): 978-3-8428-0133-2
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Jentsch, Markus Oktober 2006: Die Montagetechniken Sergej Michailowitsch Eisensteins am Beispiel seines Hauptwerkes "Panzerkreuzer Potemkin", Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Sergej Eisenstein, Montage, Schnitt, Filmkunst, Treppe von Odessa
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Diplomarbeit von Markus Jentsch
Einleitung:
Anders als die Filmpioniere seiner Zeit wollte Eisenstein in seinen Filmen nicht nur Geschichten erzählen, er wollte das Publikum zum Mitdenken und gesellschaftlich verantwortlichen Handeln anregen. Durch seine Montagetheorien und die dabei entstehenden Produkte, das heißt seine Filme, will der Regisseur sein Publikum in einen Zustand versetzen, in welchem er die dargestellte Handlung interpretiert und sie weiterdenkt. Um dieses Ziel und damit das Publikum zu erreichen, nutzte Sergej Eisenstein die emotionale und intellektuelle Ebene. Die Montagetechniken und Kenntnisse Sergej Eisensteins sind so umfassend und vielfältig, dass hier nur auf die dem Autor am wichtigsten erscheinenden eingegangen wird. Selbst in der Eisenstein- Forschung wurde nie wirklich geklärt, ob es sich bei den Montagetechniken um eine oder mehrere handelt. Dies geht wahrscheinlich auch auf die Tatsache zurück, dass er seine Theorien ständig weiterentwickelte. Sie lassen sich damit beliebig aneinander knüpfen und bilden am Ende doch wieder eine geschlossene Einheit. Ausgehend von diesem Fakt werden die hier dargestellten Techniken der Montage und die damit verbundenen bildkompositorischen Gesetze und Regeln, welche der Regisseur einsetzte, auf die im Stummfilm ‘Panzerkreuzer Potemkin’ vorrangig enthaltenen Anwendungen beschränkt.
Inhaltsverzeichnis:
| 1. | Vorwort | 03 |
| 2. | Sergej Eisensteins ‘Panzerkreuzer Potemkin’ | 04 |
| 2.1 | Der Regisseur Sergej Eisenstein | 04 |
| 2.2 | Zum Inhalt des Films und seine historischen Hintergründe | 07 |
| 3. | Sergej Eisensteins Theorien der Montagetechniken und kompositorische Kernzüge | 12 |
| 3.1 | Warum Montage? | 12 |
| 3.2 | Sergej Eisenstein und die Montage der Attraktionen | 13 |
| 3.3 | Sergej Eisenstein und die Intellektuelle Montage | 15 |
| 3.4 | Sergej Eisenstein und der Goldene Schnitt | 16 |
| 3.5 | Sergej Eisenstein und die Hieroglyphen | 18 |
| 4. | Die Anwendung der Montagetechniken in ‘Panzerkreuzer Potemkin’ | 21 |
| 4.1 | Klage am Leichnam Wakulintschuks | 21 |
| 4.2 | Die Jollen | 24 |
| 4.3 | Die Löwen | 34 |
| 4.4 | Die Treppe von Odessa | 35 |
| 5. | Sergej Eisensteins Einfluss auf die Filmkunst | 39 |
| 5.1 | Einfluss auf die Filmkunst Damals | 39 |
| 5.2 | Einfluss auf die Filmkunst Heute | 40 |
| 6. | Schlussbetrachtung | 44 |
| 7. | Quellennachweis | 46 |
| 8. | Bildnachweis | 48 |
| 9. | Anhang | 49 |
| 10. | Eidesstattliche Erklärung |
Textprobe:
Kapitel 3, Sergej Eisensteins Theorien der Montagetechniken und kompositorische Kernzüge:
3.1 Warum Montage?
Unter dem Begriff ‘Montage’ versteht man ganz allgemein den Filmschnitt, welcher eine Strukturierung des Filmes ermöglicht. Einzelne Einstellungen werden bei der Montage in der vom Regisseur vorgegebenen Reihenfolge aneinander ‘montiert’ und ergeben am Ende eine filmische Realität, die vom Zuschauer erlebt wird.
Warum gibt es die Montage? Zur Beantwortung dieser Frage lassen sich zwei Gründe beziehungsweise filmorganisatorische Bedingungen anführen. Erstens steht dem Regisseur nur ein endlicher Filmstreifen zur Verfügung, dessen Aufnahmekapazität dementsprechend beschränkt ist. Zweitens muss der Film selbst auf eine gewisse Länge begrenzt werden, um die Geduld und Aufmerksamkeit des Zuschauers nicht über Gebühr zu strapazieren. Zur Erfüllung dieser beiden Bedingungen ist der Regisseur gezwungen verschiedene Stücke Film aneinander zu montieren. Die Epoche, in welcher Sergej Eisenstein seine Filmtheorien aufstellte, war die Zeit der Anfänge des Films und damit insbesondere auch die Zeit der Anfänge der Montage. Schon bevor sich der Regisseur mit den Theorien der Montage beschäftigte, wurde erkannt, dass durch das Aneinanderfügen von zwei beliebigen Stücken Film zwangsläufig ein neues, drittes und unabhängiges Stück entsteht. Dieses Gegenüberstellen der verschiedenen Stücke Film galt für den Regisseur Eisenstein als die eigentliche Kunst des Filmemachens. ‘Hier höre ich schon deutlich die Frage meiner unvermeidlichen Gegner: ,Was aber nun, wenn wir ein fortlaufendes längeres Stück Film mit dem Spiel eines Schauspielers ohne alle Montageunterbrechungen vor uns haben?’ In diesem Fall solle man sich von der Vorstellung, die Montage sei immer nur im Schnitt zu suchen, trennen. Auch das Spiel des Schauspielers ist eine Art von Montage, da der Akteur auf der Bühne oder im Film zum Beispiel verschiedene emotionale Zustände darstellt. ‘Teil A, der den Elementen des zu entwickelnden Themas entnommen ist, und Teil B, der aus der gleichen Quelle stammt, erzeugen in der Gegenüberstellung jene bildliche Verallgemeinerung, in der der Inhalt des Themas am markantesten verkörpert ist. [...] denn das durch sie entstehende, im Voraus erdachte, einheitliche verallgemeinerte Bild ist entscheidend, während die Zugehörigkeit seiner einzelnen Komponenten zum einen oder anderen Ausdrucksbereich keine entscheidende Rolle spielt.’ Eisenstein, der ursprünglich vom Theater her stammte, war der festen Überzeugung, dass der Film eine neue Kunstform neben dem Theater darstelle. Besonders die Theorie der Montage, welche im Film wesentlich stärker als künstlerisches Mittel eingesetzt werden kann als im Theater, beschäftigte ihn über mehrere Jahrzehnte. Die Tatsache, dass er erkannte, dass sich die Montage nicht nur auf den Filmschnitt beschränkt, sondern in vielen anderen Bereichen wie zum Beispiel der Musik und Synchronisation wiederzufinden ist, war enorm wichtig für sein filmisches Schaffen und verhalf ihm zu einem besseren Überblick über diese Thematik. Fest steht, dass er seine Montagetechniken und alle damit verbundenen Faktoren zu jeder Zeit neu überdacht und verbessert hat.
Im folgenden wird nun anhand der wichtigsten Faktoren, welche den eigentlichen Stil Eisensteins ausmachten, erläutert, wie und unter welchen Gesichtspunkten der Regisseur seine Filme schuf und mit welchen Mitteln er sie zu den Kunstwerken entwickelte, die sie bis heute zweifellos sind.
3.2, Sergej Eisenstein und die Montage der Attraktionen:
‘Eine Attraktion ist jedes aggressive Moment des Theaters, das heißt jedwedes seiner Elemente, das den Zuschauer einer sinnlichen oder psychologischen Einwirkung aussetzt, welche ihrerseits experimentell erprobt und mathematisch auf bestimmte emotionale Erschütterungen des Rezipierenden hin durchgerechnet wurde, wobei diese in ihrer Gesamtsumme einzig und allein die Möglichkeit einer Wahrnehmung der ideell–inhaltlichen Seite des Vorgeführten – der letztendlich ideologischen Aussage bedingen [...]’.
Schon in seiner ersten Schrift ‘Montage der Attraktionen’, welche sich aber noch hauptsächlich mit dem Theater befasst, erklärte Eisenstein den Zuschauer zum Grundstoff des Theaters. Dazu schrieb er: ‘Die Formung des Zuschauers in eine gewünschte Zielrichtung (Stimmung) ist Aufgabe’. Die Attraktionsmontage, wie sie von Eisenstein später genannt wurde, soll dieses Ziel erreichen, indem sie mit Hilfe verschiedener Elemente den Zuschauer psychologisch beeinflusst. Als er 1945 seinen Werdegang als Regisseur beschreibt, äußert er sich dazu folgendermaßen: ‘Hätte ich damals mehr über Pavlov gewusst, ich hätte die Theorie der Montage der Attraktionen als Theorie der künstlichen Reizerreger bezeichnet’ und fügt hinzu: ‘es ist interessant, dass hier der Zuschauer in der Eigenschaft eines entscheidenden Elements in den Vordergrund trat.’ Der Regisseur setzt also für den Zuschauer im Film oder Theater bestimmte Reize, die Eisenstein`schen ‘aggressiven Momente’, und erwartet ein von ihm eingegrenztes Spektrum an Reaktionen des Zuschauers. Die Zielgruppe eines Films oder Theaterstücks ist also tatsächlich mitbestimmend für die Art der Montage der einzelnen Teile. Die hauptsächlich für das Theater geschaffene Attraktionsmontage sollte den Zuschauer durch ‘aggressive’, man könnte sagen spannende oder auch bedrohliche Momente wach rütteln, ähnlich einer in einem Zirkus dargebotenen artistischen Nummer, in der zum Beispiel ein Trapezkünstler sein Gegenüber fangen muss. In solchen Momenten spannt jeder Beobachter, egal ob nun bewusst oder unbewusst, seinen Körper an und versetzt sich in die Lage des Darstellers, er versucht gewissermaßen, dem Trapezkünstler beim Fangen zu helfen. Diese Attraktion wurde von Sergej Eisenstein als ein selbstständiges und primäres Element einer Aufführung bezeichnet – als ein Bestandteil. ‘Als ,Bestandteil’ deshalb, weil schwer die Grenze festzustellen ist, wo die Anziehungskraft des Edelmuts eines Helden (ein psychologisches Element) aufhört und das persönliche Moment seines Charmes (das heißt seine erotische Wirkung) einsetzt [...]’.
Durch diese Erkenntnisse war es dem Regisseur möglich, völlig neu an die Konzeption eines Theaterstücks oder Films heranzugehen. Es muss nicht mehr nur statisch erzählt und wiedergegeben werden, das heißt eine Geschichte muss nicht nur einen linearen Verlauf mit einer fest zu Grunde liegenden Geschichte haben, welche man dann nur in Bilder überträgt. Das neue daran ist, dass man die Geschichte mit Hilfe von Wirkungen gestalten und diese Wirkungen beziehungsweise Attraktionen logisch mit der Handlung verknüpfen kann. Allerdings sollte dieser gesamte Komplex ein Ziel haben und auf einen thematisch festgelegten Endeffekt zuarbeiten. Wichtigstes Element für die Attraktionsmontage ist aber die Psyche des Menschen, denn nur durch sie kann der gewollte Effekt in Form von Assoziationsketten entstehen, welche sich durch visuelles und akustisches Verfolgen einer bestimmten Szene im Kopf des Zuschauers entwickeln. Dieser Vorgang bringt allerdings die Konsequenz mit sich, dass zum Beispiel bei einer Szene, in der ein Dieb von einem Offizier verfolgt wird und dieser auf ihn feuert, im Kopf eines Offiziers, welcher den Film betrachtet, etwas völlig anderes vorgeht als bei einem Dieb, welcher auch zufällig an der Vorstellung teilnimmt. Eine gute Kenntnis menschlicher Denkmuster sollte also für einen Regisseur unumgänglich sein, wenn er tatsächlich den gewünschten Effekt beim Zuschauer erreichen will. Hier schließt sich wiederum der Kreis zu Eisensteins Interesse an Pavlov und dessen ‘Theorie des Klassischen Konditionierens’.
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Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783842801332
Arbeit zitieren:
Jentsch, Markus Oktober 2006: Die Montagetechniken Sergej Michailowitsch Eisensteins am Beispiel seines Hauptwerkes "Panzerkreuzer Potemkin", Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Sergej Eisenstein, Montage, Schnitt, Filmkunst, Treppe von Odessa



