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Montage. Intertextualität. Groove.

Textproduktion bei Thomas Meinecke

Montage. Intertextualität. Groove.
Über dieses Buch
  • Art: Magisterarbeit
  • Autor: Stefan Wisiorek
  • Abgabedatum: Juli 2005
  • Umfang: 122 Seiten
  • Dateigröße: 878,4 KB
  • Note: 1,0
  • Institution / Hochschule: Universität Regensburg Deutschland
  • Bibliografie: ca. 104
  • ISBN (eBook): 978-3-8324-9909-9
  • ISBN (Paperback) :
    978-3-8324-9909-9 P
  • ISBN (CD) :978-3-8324-9909-9 CD
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Wisiorek, Stefan Juli 2005: Montage. Intertextualität. Groove., Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Text, Literatur, Intertextualität, Dialektik, Musik

Magisterarbeit von Stefan Wisiorek

Einleitung:

Dem „Vorwurf des Modischen“ setze er sich gerne aus, behauptet Thomas Meinecke im Fernsehfeature Ars Poetica, einer Sendereihe des BR, die sich als literaturwissenschaftlicher Beitrag zum Werk zeitgenössischer Autoren versteht. Denn obwohl fast ausschließlich aktuelle Diskurse Meineckes Interesse leiten und vor allem auch Form und Inhalt seiner Texte bestimmen, betreibt er dennoch keine beliebige postmoderne Dekonstruktion, sondern will am Konkreten, im Detail untersuchen, wie die Dinge funktionieren, zusammenhängen und vor allem auch, „was falsch läuft“.

„Das muss eben ganz akribisch am einzelnen Artefakt untersucht werden.“ Meineckes literarisches Untersuchungsprojekt lässt sich als akribische Archäologie der Gegenwart lesen, als Ethnologie des Alltags (mit Hubert Fichte gedacht) oder als eine „in der Gegenwart“ betriebene „Grundlagenforschung der Gegenwart“ (mit Rolf Dieter Brinkmann gesagt).

„Ich habe mich beim Schreiben immer sehr strategisch verhalten, habe Texte immer vor dem Hintergrund der real existierenden Verhältnisse auf ihre Zeit hin abgefasst.“ Meinecke geht es darum, Strukturen en detail zu analysieren, „das Komplizierte als kompliziert abzubilden, das Konstruierte als konstruiert“. So betreiben seine Romanfiguren, wie auch der Autor selbst, als teilnehmende Beobachter das Projekt einer Mikropolitik, die im Kleinen, nämlich im Sozialen anfängt - im Privaten, im Alltag, im Umgang mit Medien -, aber auch den Bogen schlägt zur „großen“, aktuellen, abstrakten Politik.

„Alles, was ich mache, muss politisch sein. Wenn es nichts mit Politik zu tun hat, interessiert es mich nicht.“ Nicht zuletzt dieser politische Impuls beweist, dass sich scharfsinnige, geistesgegenwärtige Analysen aktueller Issues und ein affirmatives „unerbittliches Ja zum Leben“ und zur Gegenwart nicht ausschließen müssen. „Ich habe gar kein Problem damit, wenn ein Buch von mir nach fünf Jahren nicht mehr gültig ist, denn dieses Ungültigwerden ist bei mir im Schreiben schon angelegt. Das Ungültigwerden ausklammern zu wollen, würde auch den Tod des Textes bedeuten.“ Meineckes Texte problematisieren Identitätskonzepte und verhandeln deren Künstlichkeit und Konstruiertheit.

Aber auch die Texte selbst stellen ihren Konstruktcharakter offen aus, indem sie sich Techniken der Intertextualität und Montage bedienen und so gewissermaßen als Diskurs-Remix funktionieren, der seinen eigenen „Groove“ entwickelt. In The Church of John F.Kennedy geht es um die Frage einer nationalen Identität, Kriterien ethnischer Identitätszuschreibungen werden in Hellblau durcheinander gewirbelt, während Meineckes Prosa in Tomboy vor allem um fragwürdige Konzeptionen von geschlechtlicher Identität kreist.

Zunehmend kommt es in seinen Werken aber zu einer gezielten Vermischung dieser Ansätze, fusionieren Cultural Studies mit Gender Theorien mit transatlantischen Popmusikmythen, wie z.B. in Meineckes letztem Roman Musik.

1955 in Hamburg geboren, studiert Meinecke Theater-, Literatur- und Kommunikationswissenschaften in München, gründet in den frühen 1980er Jahren die Zeitschrift Mode und Verzweiflung sowie die Band Freiwillige Selbstkontrolle (FSK), schreibt später für Die Zeit und moderiert seit den 1990er Jahren Radiosendungen im Zündfunk (Bayrischer Rundfunk). Schon aufgrund dieser Erfahrungen als Musiker und DJ nimmt Popmusik auch für den Autor Meinecke eine sehr zentrale Bedeutung ein und spielt sowohl implizit - für den Schreibprozess als ästhetisch-strukturelles Verfahren -, wie auch explizit - als Referenzpunkt für Theorien, Ideen und Zusammenhänge -, eine wichtige Rolle für die Textproduktion.

Meineckes Texte führen den Diskurs durch, rollen ihn vor sich her, zerlegen ihn, montieren ihn neu zusammen, loten die „Interfaces von Race und Gender“ aus. Diese Literatur kennt Autorschaft fast ausschließlich als ästhetisch-strukturelle Instanz, wo der Schriftsteller als nicht unbestechlicher Vermittler zwischen Textmaterial und Leser auftritt.

So wird tradierten Konzepten von Inspiration, Expressivität oder Originalität nahezu jede Relevanz aberkannt. Meinecke wendet sich vehement gegen den Genie-Mythos eines „Großkünstlers im ewigen Morgenmantel“, für ihn ist Schreiben schlicht Handwerk - also prinzipiell auch immer anders möglich, wandelbar, provisorisch, und deshalb immer optimierungsfähig: „Das sollte ein dauernder Verbesserungsprozess sein, ich würde einfach gerne in 20 Jahren bessere Bücher schreiben als jetzt.“ Und vor allem ist Schreiben für den besessenen Plattensammler und Musikrezipienten eines: Lesen.

Auf durchaus originelle Art und Weise verabschiedet Meinecke das Konzept des hochliterarischen Innovationszwangs, das auf unbedingter Originalität beruht. Denn die kryptische Avantgarde-Literatur mit tiefenhermeneutischer Bedeutungseinspeisung ist Meineckes Sache ebenso wenig wie eine episch angelegte, „realistische“ Erzählhandlung, eine Story mit emotionalisierenden Figurenschicksalen oder gar ein überraschender Plot. So wird eine auf leichte und schnelle bzw. „literarische“ Konsumierbarkeit angelegte Lesererwartung konsequent unterlaufen, was nicht bedeutet, dass der aufmerksame Leser nicht auch unterhalten werden würde. Denn eine konzentrierte und akribische Lektüre wird von Meineckes Prosa mehrfach belohnt; einmal durch einen Sinn für Sprachstrukturen und Sprachspiele, auch Sprachwitz, zum anderen durch die Neugier auf komplex verwickelte Zusammenhänge, die sich innerhalb wie außerhalb der Sprache mit luzider Eigendynamik immer weiter ausbreiten und fortsetzen.

In Meineckes Romanen stiften Alltagshandlungen Kohärenz und Kontexte, der rote Faden jedoch bleibt immer die theoretische Versuchsanordnung. Meinecke würde nach Möglichkeit „am liebsten ganz auf Handlung verzichten“17. So findet man statt komplex angelegter Narration oder epischer Breite lediglich eine sehr reduzierte Minimalhandlung, die obendrein meist das Recherchieren, Spekulieren und Schreiben selbst zum Inhalt hat - Tätigkeiten, die so vor allem die Arbeitsweise des Autors direkt und unverstellt thematisieren.

Und gegen Forderungen nach Geschlossenheit eines Textes immunisiert sich Meinecke mit der Hereinnahme von massenhaft Fremdmaterial, mit einer konstruierten, künstlichen, inszenierten Sprache, mit distanzierender Selbstironie: Ein Versuch, das Ungetüm Sprache selbst in seiner gesamten hölzernen Monstrosität, aber auch in seiner lakonischen Präzision zu erfassen. Diese kontinuierliche Suche nach sprachlichem Rhythmus, nach Musikalität und Groove, die allem anderen übergeordnet wird, illustriert, dass Schreiben dabei immer auch als Prozess gedacht wird. Die Performativität des Schreib-(wie auch Lektüre)prozesses wird dabei durch Doppelungen und Rückkoppelungen reflektiert, die durch das Schreiben über die Gegenwart in der Gegenwart Präsenzeffekte produzieren. „Das ist natürlich eine weitere typische Pop-Tugend. Es geht um die Gegenwart.“ In Meineckes Prosa sucht man vergeblich nach der Dramaturgie eines am Reißbrett geplanten, durchkonstruierten Plots, sein Schreibsystem ist nach allen Seiten offen und beginnt auf allen Seiten gleichzeitig. Die daraus resultierende Vorläufigkeit des Schreibprozesses, eine Tendenz zum Fragmentarischen, Unabgeschlossenen, Wandelbaren wird dabei nicht nur in Kauf genommen, sondern ebenso wie die sprachliche Konstruiertheit des Texts offen ausgestellt. Meinecke will „die Leser nie vergessen lassen, dass sie lesen“. Meineckes Methode produziert so nicht nur Distanz, sondern erinnert auch an die symbiotische Beziehung zwischen Produzent und Rezipient, die wechselseitige Abhängigkeit von Lesen und Schreiben.

Inhaltsverzeichnis:

Inhaltsverzeichnis
I. EINLEITUNG 7
I.1 Man muss es sich wie beim Plattenauflegen vorstellen 7
I.1.1 Mikropolitik 7
I.1.2 Entsubjektiviertes Schreiben als Antipoetik? 9
I.1.3 Produktionsbedingungen einer PopPostModerne 10
I.1.4 Science Fiction im wörtlichen Sinne 12
I.2 Fragestellung 14
II.1 POP-LITERATUR / LITERATUR-POP 17
II.1.1 Der dritte Weg 17
II.1.2 Popliteratur - Entwicklung und Gegenstand 19
II.1.2.1 Pop-Problematik 19
II.1.2.2 Fokus auf Alltag, Gegenwart, Oberfläche 20
II.1.2.3 Verständigungsliteratur vs. Sprachspiel 23
II.1.3 Methode Pop 26
II.1.4 Hubert Fichte 30
II.1.4.1 Transatlantische Dialektik 30
II.1.4.2 Popliteraturpionier 31
II.2 INTERTEXTUALITÄT 35
II.2.1 Intertext, Metatext, Paratext 35
II.2.2 Kulturelle Koordinaten 39
II.2.2.1 Diskursarchiv 39
II.2.2.2 Geographie des Denkens 41
II.2.2.3 Aufzählung, Liste, Lexikon 44
II.2.3 Textproduktion 48
II.2.3.1 Theorie erzählen 48
II.2.3.2 Narrativität 49
II.2.4 Autorposition 51
II.2.5 Poetologie der Oberfläche 54
II.2.5.1 Türen und Plastiktüten 54
II.2.5.2 Metonymische Verschiebungen 57
II.2.6 Komik, Camp und ironische Ironie 59
II.2.6.1 Parodie, Plagiat, Pastiche 59
II.2.6.2 Queer Lesen 62
II.2.7 Weibliche Schreibweisen 63
II.2.8 Anfangen, Enden. Zeitstrukturen 69
II.2.9 Selbstreflexivität 71
II.3 MONTAGE 73
II.3.1 Tracks, Spuren, Fließband 73
II.3.1.1 Cut-Up (Exkurs) 73
II.3.1.2 Die DJ-Metapher 76
II.3.1.3 Frequency Hopping 77
II.3.2 Ähnlichkeit, Koinzidenz, Zufall 80
II.3.3 Montageverfahren 85
II.3.4 Diegetisches Stimmengeflecht 89
II.4 GROOVE 91
II.4.1 Wie Musik funktionieren 91
II.4.2 Performanz und Gegenwartseffekte 93
II.4.3 Sound, Flow, Groove 96
II.4.3.1 Hier ist mein Sound 96
II.4.3.2 Sounds like 97
II.4.3.3 Stilmittel und Textstruktur 98
II.4.4 Übersetzungstransformationen 100
II.4.5 Namenwörter und Farbnamen 102
III. SCHLUSS 106
III.1 to dig -teilnehmendes Beobachten 106
III.2 Magische Metamorphosen 108
III.2.1 Voodoo 108
III.2.2 Sprachgestalten 111
III.3 Die Textmaschine Weiterschreiben 113
LITERATURVERZEICHNIS 117
Thomas Meinecke 117
Andere Autoren 119

Automatisiert erstellter Textauszug:

Die Poetologie der Oberfläche ist dadurch gekennzeichnet, dass Wahrheiten „nicht hinter den Zeichen“ zu finden sind, sondern „in der Unverborgenheit ihrer vernetzten Oberflächen“366. Dennoch ist die Verknüpfungsregel dabei nicht beliebiger Willkür ausgeliefert, sondern wird „im Gewebe der möglichen Assoziationen“ über die jeweils passenden, also an der jeweiligen Stelle signifikanten „Verknüpfungen im enzyklopädischen Netz“ definiert367. Diese Popschreibweisen kodieren eine „postmoderne Poetologie ohne Hinterwelten, das Programm einer Literatur, die ihre Sinnstrukturen dem Prinzip der metonymischen Verschiebung verdankt und eben nicht dem Verhältnis von (sekundärem, manipulierbarem) Zeichen und (wahrer, eigentlicher) Bedeutung“368 – „mit Derrida gesagt: Es gibt ohnehin keine Präsenz außerhalb der Zeichen, nichts auf das zu verweisen wäre als auf weitere Verweise“369. Das daraus resultierende semiotische Paradigma ist „keines der Übertragung [...] (vom [...]

den ersten Blick erweist sich die damit zusammenhängende, „quasidetektivische Spurensuche“ jener enzyklopädischen, tägliche Gegenwart verarbeitenden Schreibweisen als durchaus ambivalent. Denn schließlich ist „das Verborgene entbergen [...] nicht nur der Anspruch einer literarischen Hermeneutik, sondern auch die erste Aufgabe eines Detektivs“356. Moritz Baßler spielt hier auf Wolf Haas’ Kriminalroman Silentium! an, wo das Motiv des Verborgenen ebenso eine wichtige Rolle spielt, aber – diametral entgegengesetzt zur Praxis hochliterarischer Texte – nicht mystifiziert, sondern pointiert aufgelöst wird. Vom Inhalt eines Packens ineinander gestülpter Plastiktüten verspricht sich Privatdetektiv Brenner aufschlussreiche Einsichten: „Aber das was er herausgezogen hat, war eine Enttäuschung. ‚Wieder eine Plastiktasche‘“357. Und Brenner weiter: [...]

Im Gegensatz zur zeitgenössischen Popliteratur steht die Nachkriegsliteratur in der Tradition „der Bewältigung, der Problematisierung und Entlarvung. Kern literarischer Werke waren Probleme und ethische Aussagen“339. Diese Literatur „war schwierig, erforderte schwierige Lektüren und belohnte diese mit der Preisgabe ihres Sinns. Der Leser war ein Jäger der verborgenen Bedeutungen.“340 Dementsprechend verläuft die Kritik an popliterarischen Verfahren entlang der Vorwürfe, diesen Schreibweisen mangele es einerseits an „sprachlichstilistischer Kompetenz“, und andererseits böte sie „nichts als schöne ‚Benutzeroberflächen‘, denen aber jede Tiefe (und damit jedes kritische Potenzial) fehle“341. Diese spezifische Oberflächlichkeit der neuen Literatur ist jedoch nicht als „defizitäre Abweichung“ zu verstehen, sondern als kategorial anders gelagertes Schreibsystem mit eigenem Potenzial und eigenen Qualitäten. Popliteratur verhandelt Alltagsbeobachtungen, sowie das Sprechen darüber, wobei der enzyklopädisch wuchernde, kulturelle Diskurs unserer alltäglichen Lebensumwelt mit einer sich immer weiter ausdifferenzierenden und verzweigenden, detaillierten Bestandsaufnahme der Gegenwart korrespondiert. Mit den Mitteln der Sprache, die gleichermaßen bereits vorgeformt, wie auch in dieser Vermitteltheit reflektiert ist, werden mediale, materielle, reale Oberflächen in eine Sprachwirklichkeit überführt, die „Sprachspiel“ und „Sprachkritik“ in einem ist342. „Wertungen werden dabei zwar immer mittransportiert, aber nie direkt, sondern immer als Funktion ihrer jeweiligen Sprachspiele: [...] Es gibt zwar vielleicht eine je aktuelle [...] Bewertung, aber keine objektiv und ahistorisch richtige.“343 Im Gegensatz dazu besteht die klassische Hermeneutik auf der originär-originellen Einzigartigkeit von literarischer Produktion, die auf die Darstellung einer vordiskursiven, unmittelbaren, authentischen Welterfahrung abzielen und für eine überzeitliche Sinnhaftigkeit stehen soll. Diese Literatur vertritt den „Anspruch einer unverfälschten literarischen Sprache“344, will die Dinge wie zum ersten Mal benennen und beruht auf einer „Verklärung“ [...]

Arbeit zitieren:
Wisiorek, Stefan Juli 2005: Montage. Intertextualität. Groove., Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Text, Literatur, Intertextualität, Dialektik, Musik

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