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Möglichkeiten und Grenzen kommunaler Gesundheitspolitik

Die Modernisierung des Öffentlichen Gesundheitsdienstes am Beispiel einer ostdeutschen Großstadt

Möglichkeiten und Grenzen kommunaler Gesundheitspolitik
Über dieses Buch
  • Art: Diplomarbeit
  • Autor: André Pohlmann
  • Abgabedatum: August 2003
  • Umfang: 99 Seiten
  • Dateigröße: 826,4 KB
  • Note: 2,0
  • Institution / Hochschule: Universität Leipzig Deutschland
  • ISBN (eBook): 978-3-8324-8612-9
  • ISBN (Paperback) :
    978-3-8324-8612-9 P
  • ISBN (CD) :978-3-8324-8612-9 CD
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Pohlmann, André August 2003: Möglichkeiten und Grenzen kommunaler Gesundheitspolitik, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Gesundheitsförderung, Kommunalpolitik, Politikfeldanalyse, Experteninterview, Gesundheitswissenschaft

Diplomarbeit von André Pohlmann

Einleitung:

Gesundheitspolitik ist nach gängiger Auffassung in der Öffentlichkeit und in manchen Wissenschaftsbereichen Kostendämpfungspolitik im Krankenversorgungssystem (Rosenbrock 1998). Diese Politik findet fast ausschließlich auf Bundesebene zwischen Kassenärztlicher Vereinigung, gesetzlichen Krankenkassen (GKV) und dem Gesetzgeber statt.

Die kommunale Ebene spielte aber schon lange vor Gründung der gesetzlichen Krankenversicherungen Ende des 19. Jahrhunderts eine wichtige Rolle im Bereich der Öffentlichen Gesundheit. Die Bedrohung ganzer Bevölkerungen durch Seuchen und mangelnde Hygiene wurden auf der kommunalen Ebene durch die Vorläufer des heutigen Öffentlichen Gesundheitsdienstes (ÖGD) erfolgreich bekämpft. Die Blütezeit des ÖGD reichte bis in die späten Jahre der Weimarer Republik (Labisch 1986).

Die Bedeutung des ÖGD ist in der Bundesrepublik mehr und mehr geschwunden. Seine Aufgaben wurden im Sinne staatlicher Beschränkung auf subsidiäres Wirken niedergelassenen Ärzten übertragen. Gesundheit wird generell als individuell, nicht mehr öffentlich, gestaltbar aufgefasst (Trojan 1999). Aktuell lassen sich laut Gesundheitsberichterstattung des Bundes zwei Entwicklungstrends des ÖGD ausmachen:

„Einerseits lassen knappe öffentliche Mittel die Forderung laut werden, den ÖGD noch weiter zu straffen und die Aufgaben der Gesundheitsfürsorge nach dem Subsidiaritätsprinzip noch weiter auf Vertragsärzte und freie Träger zu verlagern. Andererseits reift die Erkenntnis, dass das System der gesetzlichen Krankenversicherung wichtige Gesundheitsprobleme ungelöst lässt, und dass es deshalb notwendig wäre, die Sozialhygiene nach Art des angloamerikanischen Public Health wiederzubeleben. Dadurch wird der ÖGD wieder an Bedeutung gewinnen, wenn auch mit verändertem Aufgabenspektrum.“ (StBA 1998) Der Öffentliche Gesundheitsdienst bildet nach Trojan nach wie vor den Hauptakteur kommunaler Gesundheitspolitik. Ferner behauptet er, dass der Entfaltungsmöglichkeiten des ÖGD zwar „durch zentrale gesetzliche Vorgaben und knappe Ressourcen begrenzt“ sind, aber in der Regel bedeutend mehr Handlungsspielraum besteht als heute genutzt wird. Die Frage nach kommunaler Gesundheitspolitik ist daher eng verknüpft mit der Frage nach der Modernisierung des Öffentlichen Gesundheitsdienstes.

Möglichkeiten und Grenzen kommunaler Gesundheitspolitik zu erkunden zielt darauf, die Spielräume des ÖGD empirisch auszuloten. An ihn werden von Seiten der Gesundheitswissenschaften hohe Forderungen gestellt, aber über die realen Entwicklungen in den kommunalen Gesundheitsämtern und Gesundheitsdiensten ist nur wenig systematisch erhobenes Wissen vorhanden. Berichtet wird von der Aufgabenerosion und der Reformresistenz des ÖGD.

Folglich besteht ein Bedarf an theoretisch und methodisch reflektiert gewonnenem empirischem Material zum Öffentlichen Gesundheitsdienst. Dieses soll mit der vorliegenden Arbeit für eine ausgewählte ostdeutsche Kommune generiert werden. Um die ermittelten Ergebnisse darüber hinaus vergleichend bewerten und erklären zu können, sind zwei Elemente notwendig: Der gegenstandsbezogene Problemhintergrund und ein theoretischer Rahmen, auf deren Basis die Ergebnisse interpretiert und erklärt werden können.

Die vorliegende Arbeit ist analog dem Forschungsprozess aufgebaut. Ihr Argumentationsverlauf soll im Folgenden skizziert werden. Im ersten Teil, dem Problemaufriss, wird das Gegenstandsfeld kommunale Gesundheitspolitik und Modernisierung des Öffentlichen Gesundheitsdienstes präzisiert (2). Aus der gesundheitswissenschaftlichen Perspektive erfolgt die Darstellung des Wandels gesundheitlicher Problemlagen mit seinen gesundheitspolitischen Implikationen. Ferner werden gesundheitspolitische Programme und Instrumente beschrieben, die für die kommunale Ebene vorgeschlagen werden (2.1). Aus der politischadministrativen Perspektive werden zudem die spezifischen Ressourcen und Restriktionen des ÖGD als Teil staatlicher und kommunaler Verwaltung erörtert (2.2), um anschließend Forschungsdefizite zu identifizieren und die Fragestellung zu präzisieren (2.3).

In Abschnitt 3 wird ein theoretischer Interpretationsrahmen aus der politischen Soziologie aufgespannt (3). Es wird begründet, dass der Ansatz des akteurzentrierten Institutionalismus nach Mayntz und Scharpf (1995) geeignet ist, das Politikfeld kommunale Gesundheitspolitik zu erfassen und zu erklären (3.2). Ferner wird der Policy-Zyklus, eine theoriegeschichtlich ältere Heuristik, vorgestellt. Dieses Modell spielt in der gesundheitswissenschaftlichen Modellierung politischer Prozesse eine wichtige Rolle (3.4).

Im nächsten Schritt werden die Methoden, die zur Gewinnung empirischer Daten verwendet wurden, berichtet (4). Das Hauptinstrument der Erhebung empirischer Daten bildet das Expertengespräch, daneben wird Dokumentenanalyse betrieben. Auf der Basis der gegenstandsbezogenen Erörterungen und des theoretischen Interpretationsrahmens werden dann die Ergebnisse der empirischen Erhebung präsentiert (5). Im Zuge dessen werden die theoretischen Begriffe und Zusammenhänge auf den Gegenstandsbereich angewandt und das empirisch gewonnene Material systematisch dargestellt.

In einer abschließenden Diskussion der Ergebnisse (6) werden die Erfolge und Defizite kommunaler Gesundheitspolitik zunächst zusammengefasst und bewertet (6.1). Darüber hinaus wird die empirisch ermittelte, spezifische Konstellation von Defiziten und Erfolgen kommunaler Gesundheitspolitik unter Bezug auf den theoretischen Ansatz erklärt (6.2). Vorgreifend lässt sich feststellen, dass die Phasenheuristik des Policy-Zyklus Schwächen aufweist, die sie ungeeignet erscheinen lassen, ein tragfähiges Modell gesundheitspolitischer Prozesse auf kommunaler Ebene abzugeben. Der Ansatz des akteurzentrierten Institutionalismus hingegen stellt ein praktikables und ertragreiches begriffliches Instrumentarium bereit, um den Forschungsgegenstand deskriptiv zu erfassen und Erklärungsansätze zu ermöglichen.

Inhaltsverzeichnis:

INHALTSVERZEICHNIS 1
ABBILDUNGSVERZEICHNIS 3
TABELLENVERZEICHNIS 3
ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS 4
1. EINLEITUNG 5
2. PROBLEMHINTERGRUND 8
2.1 Gesundheitswissenschaftlicher Kontext 8
2.1.1 Begriffe von Gesundheit 8
2.1.2 Gesundheitliches Problempanorama 11
2.1.3 Gesundheitspolitische Defizite 13
2.1.4 Gesundheitsförderung und Ottawa-Charta 14
2.1.5 Gesundheitswissenschaften 16
2.1.6 Gesundheitsförderung als Steuerungsinstrument 17
2.2 Politisch-administrativer Kontext 22
2.2.1 Gesetzliche Grundlagen 22
2.2.2 Funktionen des ÖGD 23
2.2.3 Politisch-administrative Arena 24
2.2.4 Die Transformation in Ostdeutschland 28
2.2.5 Verwaltungsmodernisierung und Haushaltskonsolidierung 29
2.3 Stand der Forschung, Forschungsdefizite und Fragestellung 30
2.3.1 Stand der empirischen Forschung 30
2.3.2 Forschungsdefizite 32
2.3.3 Fragestellung 33
3. INTERPRETATIONSRAHMEN 35
3.1 Untersuchungsansatz 35
3.2 Akteurzentrierter Institutionalismus 36
3.2.1 Handlungsorientierungen 38
3.2.2 Politische Problemstrukturen 40
3.2.3 Interaktionsformen 41
3.3 Relevanz für die eigene Untersuchungsfrage 43
3.4 Exkurs Policy-Zyklus 45
4. UNTERSUCHUNGSAUFBAU UND EMPIRISCHE METHODEN 48
4.1 Der Untersuchungsaufbau im Überblick 48
4.2 Dokumentenanalyse 49
4.3 Experteninterviews 50
4.4 Interviewdurchführung 51
4.4.1 Der Leitfaden 51
4.4.2 Die Interviewpartner 54
4.5 Aufbereitung und Auswertung des Interviewmaterials 55
5. EMPIRISCHE ERGEBNISSE 58
5.1 Darstellung der Ergebnisse 58
5.2 Akteure und Handlungsorientierungen 59
5.2.1 Gesetzliche Grundlagen und institutioneller Kontext 59
5.2.2 Handlungsorientierungen des ÖGD 63
5.2.3 Weitere kommunale Akteure 65
5.2.4 Zwischenfazit 69
5.3 Probleme und Problemstrukturen 69
5.3.1 Gesundheitliches Problempanorama 69
5.3.2 Gesundheitspolitische Probleme und Problemstrukturen 71
5.3.3 Zwischenfazit 73
5.4 Interaktionsformen 74
5.4.1 Kommunalverwaltung 75
5.4.2 Verwaltungsexterne Akteure 76
5.4.3 Gesundheitspolitische Instrumente 77
5.4.4 Zwischenfazit 80
6. SCHLUSSFOLGERUNGEN UND AUSBLICK 81
6.1 Erfolge und Defizite kommunaler Gesundheitspolitik 81
6.2 Theoretische Erklärungsansätze und Theoriekritik 83
6.2.1 Policy-Zyklus 83
6.2.2 Akteurzentrierter Institutionalismus 84
6.3 Forschungsbilanz und Ausblick 87
LITERATURVERZEICHNIS 88

Automatisiert erstellter Textauszug:

Akteure finden sich mit ihren Handlungsorientierungen in einem bestimmten Interaktionsmodus. Es werden vier Grundmuster von Interaktionsmodi unterschieden, bei denen das Ausmaß individueller Autonomie sinkt, während die kollektive Handlungsfähigkeit sukzessive steigt (Mayntz / Scharpf 1995a: 61): einseitige bzw. wechselseitige Anpassung: Die Akteure passen sich an die von anderen beeinflussten Bedingungen der Situation an, entweder ohne oder mit Kenntnis ihrer Interdependenz. Im letzteren Fall haben sie die Chance, die Handlungen der anderen Akteure rational zu antizipieren. Verhandlung: Explizite, bilaterale Vereinbarungen zwischen Akteuren werden getroffen, bleiben aber zeitlich und sachlich begrenzt, wobei Netzwerke länger bestehen können oder in Zwangsverhandlungssystemen die Option, aus der Verhandlung auszusteigen, ausscheidet. Mehrheitsentscheidung: Die Akteure sind als Mitglieder eines Gemeinwesens oder einer demokratisch verfassten Organisation verbindlich an das Mehrheitsvotum gebunden. Ausschlaggebend für die individuelle Autonomie bzw. die kollektive Handlungsfähigkeit ist, ob die Ressourcen kollektiviert sind oder in der Verfügung der einzelnen Mitglieder stehen. Hierarchie: Willensbildung und Handlungsressourcen sind auf eine hierarchische Autorität übertragen, die nicht auf die Unterstützung durch die einzelnen Mitglieder angewiesen ist. Empirisch ist zu beobachten, dass ein Policy-Netzwerk in der Regel nicht durchgängig nach einem einzelnen Interaktionsmodus organisiert ist. Vielmehr finden sich in einem beliebigen Sektor „Elemente aller Governance-Typen in komplexen [...]

Den Anlass der Interaktion zwischen Akteuren bilden politische Probleme. Zugrunde liegende Problemstrukturen können analytisch in drei Kategorien gefasst werden: 1) Koordinationsprobleme bezeichnen Situationen, in denen alle beteiligten Akteure von koordiniertem Handeln profitieren würden. Die Koordination kann durch bilaterale Verhandlungen gelöst werden; staatliche Regelungen wie Eigentumsrechte können die Koordination vereinfachen (Scharpf 2000: 125). 2) Externalitäten- und Kollektivgutprobleme treten auf, wenn egoistischrational handelnde Akteure ihren Nutzen maximieren und dabei Dritten unbeabsichtigt Kosten verursachen oder ein Gut konsumieren, zu dessen Produktion sie nichts beigetragen haben, von dessen Konsum sie aber nicht ausgeschlossen werden können. Die Kosten, die sie dabei für andere Akteure verursachen24, können unterstützt durch staatliche Regelungen wie Schadenersatzrecht oder Vertragsrecht in bilateralen Verhandlungen internalisiert werden (Scharpf 2000: 125f.). 3) Redistributionsprobleme entstehen, wenn angestrebt wird, die gegebene soziale Verteilung von Kosten und Nutzen politischer Arrangements zu verändern (Scharpf 2000: 126). [...]

fen den Zweck, zu dem eine Organisation gegründet ist und die Auswahl vorgeschriebener, erlaubter und verbotener Mittel, einen gegebenen Zweck zu erreichen (Mayntz / Scharpf 1995a: 56; Scharpf 2000: 118). 3) Die Identität ist das bewusste Selbstbild eines korporativen Akteurs. Es prägt die Handlungsorientierung beispielsweise durch die Organisationskultur oder eine eigens entworfene ‚corporate identity’ (Mayntz / Scharpf 1995a: 57). Indem eine Organisation eine spezifische Identität herausbildet, werden aus dem großen Spektrum ihrer Interessen und ihrer normativen Ziele und Regeln bestimmte Aspekte selektiv hervorgehoben. Wirksame Identitäten vereinfachen damit das Entscheidungskalkül von Organisationen und tragen zur Etablierung verlässlicher Interaktionsbeziehungen bei. Ihre relative Stabilität schränkt aber die Bandbreite potenziell möglicher Handlungsoptionen ein (Scharpf 2000: 120). Interaktionsorientierungen bezeichnen typisierte Interpretationen von Beziehungen zwischen Akteuren, die in der subjektiven Bedeutung für die Akteure einen Eigencharakter annehmen können: Objektiv gleiche Gewinne und Verluste strukturell ähnlicher Interaktionen können durch die Beziehungsgeschichte und daraus resultierende Interaktionsorientierungen subjektiv unterschiedlich bewertet werden. Die empirisch wahrscheinlichsten Interaktionsorientierungen sind nach Scharpf (2000: 154) analytisch stark vereinfacht individualistische, kompetitive und solidarische Interaktionsorientierungen.  Individualismus ist die konventionelle, ökonomische Annahme egoistischrationaler Nutzenmaximierung, bei der der in Interaktionen erreichbare Nutzen anderer Akteure mit Gleichgültigkeit betrachtet wird (Mayntz / Scharpf 1995: 57; Scharpf 2000: 152).  Wettbewerb bezeichnet die Orientierung von Akteuren in einem Nullsummenspiel. Der eigene Gewinn wird dabei ebenso hoch bewertet wie der Verlust des anderen (Scharpf 2000: 153, 156).  Solidarität bezeichnet die Orientierung zu unumschränkter Kooperation. Die Akteure maximieren die Summe des Nutzens aus der Interaktion, gleichgültig wie der Gesamtnutzen auf einzelne Akteure verteilt wird (Scharpf 2000: 152f.). [...]

Arbeit zitieren:
Pohlmann, André August 2003: Möglichkeiten und Grenzen kommunaler Gesundheitspolitik, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Gesundheitsförderung, Kommunalpolitik, Politikfeldanalyse, Experteninterview, Gesundheitswissenschaft

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