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Möglichkeiten und Grenzen geschlechtsspezifischer stadtteilbezogener Offener Jugendarbeit mit männlichen Jugendlichen mit Migrationshintergrund

Beispielhaft dargestellt an den Einrichtungen August Bebel Haus, Don-Bosco-Club und TeeNTown in Köln-Mülheim

Möglichkeiten und Grenzen geschlechtsspezifischer stadtteilbezogener Offener Jugendarbeit mit männlichen Jugendlichen mit Migrationshintergrund
Über dieses Buch
  • Art: Bachelorarbeit
  • Autor: Georg Schweizer
  • Abgabedatum: April 2011
  • Umfang: 61 Seiten
  • Dateigröße: 405,8 KB
  • Note: 1,7
  • Institution / Hochschule: Fachhochschule Münster Deutschland
  • Bibliografie: ca. 65
  • ISBN (eBook): 978-3-8428-2033-3
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Schweizer, Georg April 2011: Möglichkeiten und Grenzen geschlechtsspezifischer stadtteilbezogener Offener Jugendarbeit mit männlichen Jugendlichen mit Migrationshintergrund, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Offene Jugendarbeit, geschlechtsspezifische Jugendarbeit, Migrationshintergrund, Köln-Mülheim, Jungenarbeit

Bachelorarbeit von Georg Schweizer

Einleitung:

Die Entscheidung, meine Bachelorarbeit über das Thema Offene Jugendarbeit zu schreiben wurde insbesondere auch durch mein Praktikum im Rahmen des Praxissemesters bekräftigt. Im August Bebel Haus in Köln-Mülheim kam ich zum ersten Mal mit dem Arbeitsfeld der Offenen Jugendarbeit direkt in Kontakt und merkte schnell, dass mich dieser Bereich der Sozialen Arbeit sehr reizt.

Da der überwiegende Teil der Besucher der Einrichtung männlich ist und einen Migrationshintergrund hat, beschloss ich, diese Jugendlichen im Rahmen meiner Bachelorarbeit genauer zu betrachten. Das Interesse rührte auch daher, dass ich vor dem Praktikum kaum Kontakt zu Jugendlichen mit Migrationshintergrund hatte und folglich nicht viel über sie wusste.

Aufgrund der Tatsache, dass den wenigen weiblichen Besuchern des August Bebel Hauses wöchentlich ein eigener Mädchentag zur Verfügung steht, stellte sich mir die Frage, was Offene Jugendarbeit speziell für die männlichen Jugendlichen – gerade auch mit Migrationshintergrund – leistet bzw. leisten kann und was die Jugendlichen überhaupt benötigen. Diese Frage wollte ich vor allem unter dem Aspekt der geschlechtsspezifischen Arbeit betrachten.

Auf den ersten Blick scheint die Arbeit in Jugendeinrichtungen insgesamt auf männliche Besucher ausgerichtet zu sein. Hier gibt es gängige Beschäftigungsmöglichkeiten wie Billard, Kicker etc. und Angebote wie Fußball, die von den Jungen immer gerne wahrgenommen werden. Bedeutet dies, dass dementsprechend überhaupt keine geschlechtsspezifischen Angebote für Jungen benötigt werden?

Des Weiteren fragte ich mich in Bezug auf die Besucher mit Migrationshintergrund, ob sie in der Offenen Jugendarbeit eine eigene Zielgruppe darstellen bzw. ob es sinnvoll wäre, die Arbeit – im Hinblick auf geschlechtsspezifische Angebote – speziell auf sie auszurichten. Es soll in diesem Zusammenhang auch geklärt werden, ob Jungenarbeit besonders auf diese Gruppe von Jungen ausgerichtet sein müsste, um eventuelle Besonderheiten zu berücksichtigen.

Erst im Verlauf meiner umfangreichen Literaturrecherche kam ich zu der wesentlichen Erkenntnis, dass durch die auf den ersten Blick auf männliche Jugendliche ausgerichteten Angebote von Jugendeinrichtungen noch lange keine geschlechtsspezifische Arbeit stattfindet. Ich erkannte folglich, dass es im August Bebel Haus keine Jungenarbeit gibt.

Da ich mich in meiner Arbeit nicht nur beispielhaft auf eine Einrichtung beziehen wollte, hatte ich mich im Vorfeld dazu entschlossen, zwei weitere Einrichtungen aus Mülheim mit einzubeziehen. Durch Hospitationen in den Häusern und Gespräche mit Mitarbeitern stellte sich im Verlauf jedoch heraus, dass es auch in der Einrichtung TeeNTown keine Angebote im Rahmen von Jungenarbeit gibt. Lediglich im Don-Bosco-Club wird im engeren Sinne geschlechtsspezifisch mit Jungen gearbeitet.

Im Hinblick auf diese Tatsachen werde ich im Rahmen der vorliegenden Arbeit versuchen zu erklären, warum sich Jungenarbeit – ganz im Gegensatz zur Mädchenarbeit – in der Praxis bisher kaum etabliert hat.

In erster Linie soll jedoch herausgearbeitet werden, welche Möglichkeiten sich durch geschlechtsspezifische Arbeit in der Offenen Jugendarbeit, insbesondere auch für Jungen mit Migrationshintergrund, ergeben können.

Aufgrund der Tatsache, dass es in den Beispieleinrichtungen kaum bis keine Jungenarbeit gibt, musste ich mich hinsichtlich der Möglichkeiten hauptsächlich auf Fachliteratur beziehen. Es handelt sich folglich um Chancen, die sich in der Praxis ergeben können. Die drei Einrichtungen dienen in der vorliegenden Arbeit dazu, einen Einblick in die Praxis von Offener Jugendarbeit in Köln-Mülheim zu bekommen und mögliche Grenzen von bzw. Hindernisse für Jungenarbeit in diesem Arbeitsfeld offen zu legen.

Die Auseinandersetzung mit der Thematik der vorliegenden Arbeit sowie die daraus resultierenden Erkenntnisse und Schlussfolgerungen basieren folglich vor allem auf der intensiven Beschäftigung mit der Fachliteratur. Im Anschluss an diese einleitenden Ausführungen wird im folgenden Kapitel zuerst einmal auf die Grundlagen der Offenen Jugendarbeit und – mit Blick auf die drei Einrichtungen – besonders auf die für dieses Arbeitsfeld geltenden Grundsätze der Stadt Köln eingegangen.

Im dritten Abschnitt wird auf die Offene Jugendarbeit mit Jugendlichen mit Migrationshintergrund Bezug genommen. Dabei wird zunächst erläutert, was unter dem Begriff ‘Migrationshintergrund’ zu verstehen ist und wer als ‘Person mit Migrationshintergrund’ gilt. Des Weiteren werden in diesem Teil der vorliegenden Arbeit sowohl Gemeinsamkeiten mit ‘deutschen’ Jugendlichen als auch Besonderheiten aufgeführt. In diesem Zusammenhang soll zudem die anfangs gestellte Frage bezüglich der eigenen Zielgruppe beantwortet werden. Ferner werden besondere Anforderungen skizziert, die sich für Fachkräfte der Offenen Jugendarbeit ergeben, die mit Jugendlichen mit Migrationshintergrund arbeiten.

Das vierte Kapitel widmet sich der geschlechtsspezifischen Jugendarbeit mit Jungen. Hier wird erläutert, was unter Jungenarbeit zu verstehen ist und welche Voraussetzungen für eine erfolgreiche geschlechtsbezogene Arbeit bestehen. In diesem Kontext ist es unabdingbar, zudem auf die Jungen selbst einzugehen und Aspekte im Hinblick auf ihre Sozialisation aufzuführen. Daneben wird in diesem Kapitel auch auf die besondere Rolle des Jungenarbeiters eingegangen.

Im Anschluss daran wird im fünften Kapitel – mit Blick auf die Jugendlichen mit Migrationshintergrund – der Fokus speziell auf eine interkulturell ausgerichtete Jungenarbeit und deren Besonderheiten gerichtet.

Das sechste Kapitel umfasst die Darstellung von Offener Jugendarbeit in Köln-Mülheim. Zunächst wird der Stadtteil, mit Blick auf das Thema, hinsichtlich besonderer Merkmale betrachtet. Anschließend werden die drei exemplarisch ausgewählten Einrichtungen kurz vorgestellt. Dabei steht der offene Jugendbereich im Zentrum. In diesem Zusammenhang wird auch auf die Jungengruppe des Don-Bosco-Clubs Bezug genommen.

Schließlich werden im siebten Kapitel unterschiedliche Möglichkeiten aufgeführt, die sich durch (interkulturelle) Jungenarbeit im Rahmen von Offener Jugendarbeit ergeben können. Daneben erfolgt zudem eine Darstellung von Grenzen der Jungenarbeit.

Im Schlussteil werde ich im Rahmen eines Fazits Schlussfolgerungen aus der Auseinandersetzung mit der Thematik der vorliegenden Arbeit ziehen.

Abschließend möchte ich noch darauf hinweisen, dass es aus meiner Sicht notwendig ist, die breitgefächerten Themenbereiche Offene Jugendarbeit und Jungenarbeit recht ausführlich darzulegen. Die daraus resultierenden Erkenntnisse sind meiner Meinung bedeutsam für die Thematik dieser Arbeit.

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung 4
2. Offene Jugendarbeit 7
2.1 Rechtliche Grundlagen 7
2.1.1 Gesetzlich festgelegte Schwerpunkte 8
2.1.2 Zielgruppe 9
2.2 Institutionelle Strukturcharakteristika 9
2.3 Aufgaben der Offenen Jugendarbeit – unter besonderer Berücksichtigung der Grundsätze für die Stadt Köln 11
3. Offene Jugendarbeit mit Jugendlichen mit Migrationshintergrund 12
3.1 Migration und Migrationshintergrund – Klärung der Begriffe 13
3.2 Jugendliche mit Migrationshintergrund – eine eigene Zielgruppe in der Offenen Jugendarbeit? 15
3.2.1 Parallelen zu Jugendlichen ohne Migrationshintergrund 16
3.2.2 Mehrkulturelle Identitäten 16
3.2.3 Selbst- und Fremdzuordnung der Jugendlichen 17
3.2.4 Darstellung weiterer besonderer Merkmale 18
3.3 Anforderungen an die Fachkräfte – mit besonderem Blick auf interkulturelle Kompetenzen 20
4. Geschlechtsspezifische Jugendarbeit – Jungenarbeit 21
4.1 Was ist Jungenarbeit? 21
4.2 Aspekte in Hinblick auf die Sozialisation von Jungen 23
4.2.1 Merkmale der Erziehung von Jungen 23
4.2.2 Entwicklungspsychologische Aspekte 23
4.3 Kriterien für die Umsetzung von Jungenarbeit: ‚Geschlechtshomogenität plus Geschlechtsbewusstsein’ 25
4.4 Aufgaben des Jungenarbeiters 27
4.5 Strukturelle Bedingungen 28
5. Interkulturelle Jungenarbeit 29
5.1 Ressourcenorientiertes Arbeiten – ‚Stärken statt Defizite’ 30
5.2 Spezielle Anforderungen an die Jungenarbeiter 32
6. Zur Praxis geschlechtsspezifischer Offener Jugendarbeit in Köln-Mülheim 34
6.1 Darstellung des Stadtteils 34
6.2 Beschreibung der drei Einrichtungen 36
6.2.1 TeeNTown 37
6.2.2 August Bebel Haus 38
6.2.3 Don-Bosco-Club 39
7. Jungenarbeit im Rahmen Offener Jugendarbeit – Was ist möglich und wo bestehen Hindernisse? 41
7.1 Möglichkeiten 42
7.2 Grenzen 45
8. Fazit 48
Literaturverzeichnis 51

Textprobe:

Kapitel 3.2, Jugendliche mit Migrationshintergrund – eine eigene Zielgruppe in der Offenen Jugendarbeit?

Die Tatsache, dass häufig Jugendliche mit Migrationshintergrund Besucher von Einrichtungen der Offenen Jugendarbeit sind ist unstrittig. Es stellt sich die Frage, ob die Jugendlichen dadurch zwangsläufig eine eigene Zielgruppe darstellen bzw. die Notwendigkeit besteht, sie als solche zu betrachten. Die folgenden Ausführungen sollen zu einer Klärung dieser Frage beitragen.

Zunächst gibt es nicht ‘den’ Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Die vielschichtige Bevölkerungsgruppe der Menschen mit Migrationshintergrund ist keineswegs homogen, sondern vielmehr von großer innerer Heterogenität geprägt. Es gibt unterschiedlichste biografische, sprachliche und kulturelle Hintergründe. Die Jugendlichen sind durch eine eigene Migrationserfahrung geprägt oder wurden in Deutschland geboren, besitzen die deutsche Staatsbürgerschaft oder leben zum Beispiel mit der Ungewissheit einer Duldung.

Die Jugendlichen mit Migrationshintergrund, die Einrichtungen der Offenen Jugendarbeit besuchen, sind allerdings kein repräsentativer Querschnitt dieser Bevölkerungsgruppe. Es handelt sich, wie allgemein bei der Mehrheit aller Besucher Offener Jugendarbeit, hauptsächlich um marginalisierte männliche Jugendliche aus sozial benachteiligten Schichten, die zudem oft nur über eine unzureichende schulische Bildung verfügen.

3.2.1, Parallelen zu Jugendlichen ohne Migrationshintergrund:

Allgemein gibt es bei vielen Jugendlichen mit Migrationshintergrund eine Vielzahl von Parallelen zu den Jugendlichen ohne Migrationshintergrund: Ein großer Teil von ihnen ist in Deutschland geboren und hat daher keine eigene Migrationserfahrung. Sie haben das deutsche Bildungssystem durchlaufen und befinden sich oft, ebenso wie die ‘einheimischen’ Jugendlichen, in einer Situation des Übergangs, die durch viele Unsicherheiten und Ängste geprägt ist. Die ‘normalen’ Entwicklungsprobleme gelten dementsprechend auch für die Jugendlichen mit Migrationshintergrund.

Zudem spielen, sowohl für männliche Jugendliche mit als auch ohne Migrationshintergrund, altershomogene Gruppen einen besondere Rolle. Ferner ist die Art und Weise der Freizeitgestaltung in beiden Gruppen oft durch gemeinschaftliches ‘Herumhängen’ gekennzeichnet. Insgesamt kann auch deshalb keineswegs von kulturspezifischem Verhalten die Rede sein.

Aus den eben dargestellten Parallelen ergibt sich zunächst keine Notwendigkeit dafür, Jugendliche mit Migrationshintergrund als eine eigene Zielgruppe zu legitimieren. Im Folgenden sollen Besonderheiten dargestellt werden, die diese Jugendlichen von denen ohne Migrationshintergrund unterscheiden und untersucht werden, ob sie dadurch eventuell doch eine eigene Zielgruppe darstellen.

3.2.2, Mehrkulturelle Identitäten:

Eine zentrale Gemeinsamkeit der Jugendlichen mit Migrationshintergrund besteht auf den ersten Blick darin, dass sie einer anderen Kultur ‘angehören’. Kultur versteht sich in diesem Zusammenhang gewöhnlich als eine Art Sammelbegriff für die verschiedenen Besonderheiten und Eigenarten von sozialen Gruppen, wie beispielsweise Rituale, Ernährungsformen, Glauben, künstlerische Ausdrucksweisen, Sexualität oder Familienstrukturen. Bei näherer Betrachtungsweise wird aber deutlich, dass Jugendliche mit Migrationshintergrund keineswegs nur einer Kultur angehören. Sie wachsen vielmehr in drei verschiedenen Kulturen auf: der Kultur des Herkunftslandes der Familie, der Kultur des Landes in dem sie aufgewachsen sind und leben sowie der Kultur der Gleichaltrigen. Es handelt sich folglich nach Hall eher um ‘hybride Identitäten’ , die verschiedenste Elemente aus unterschiedlichen Kulturen und Subkulturen annehmen und deren Selbst- und Weltverständnis insbesondere durch diese Vermischung geprägt wird. Gerade in solchen mehrkulturellen Identitäten sehen Fachleute große Potentiale für die Gesellschaft der Zukunft. In Zeiten von Globalisierung, Massenmedien und den unterschiedlichsten Subkulturen ist demzufolge auch Kultur in einer modernen Gesellschaft generell nicht mehr als etwas in sich Geschlossenes zu verstehen. Eine moderne Gesellschaft ist vielmehr durch eine ‘unübersichtliche Pluralität’ der verschiedensten kulturellen Einflüsse gekennzeichnet. Scherr vertritt sogar die Auffassung, dass in einer solchen Gesellschaft niemand in einer einzigen und geschlossenen Kultur lebt. Daher kann in der Regel auch nicht mehr von zum Beispiel ‘der türkischen’ oder ‘der deutschen’ Kultur gesprochen werden. Gleiches gilt für die Jugendarbeit, die in der Praxis nicht mit den Kulturen als solchen zu tun hat, sondern sich immer mit den spezifischen und individuellen Problemstellungen einer konkreten Person auseinandersetzen muss. Sie hat sich in der alltäglichen Arbeit mit einer Vielfalt unterschiedlicher Lebensgeschichten, -situationen und -stilen auseinanderzusetzen.

3.2.3, Selbst- und Fremdzuordnung der Jugendlichen:

Im Alltag der Offenen Jugendarbeit fällt auf, dass sich häufig gerade die Jugendlichen selbst auf ihr ‘Anderssein’ beziehen. Diese Einordnung in nationale und ethnische Kollektive ermöglicht es ihnen, die eigene problembehaftete Situation nicht als individuelles Versagen, sondern vielmehr als kollektive Ungerechtigkeit zu sehen. Erfahrungen von Benachteiligungen oder Diskriminierungen können dadurch aus ihrer Sicht produktiver bewältigt werden.

Zudem ermöglicht die Identifikation mit der Herkunftsnation oder -ethnie eine einfach zugängliche Selbstaufwertung, die sich in Form von Stolz, beispielsweise ein ‘Türke’ oder ein ‘Deutscher’ zu sein, ausdrückt.

Da Prozesse der Selbst- und Fremdzuordnung häufig mit der Ausgrenzung ‘anderer’ einhergehen, ist es deshalb Aufgabe der Jugendarbeit, auf derartige ‘Sortierungsmechanismen’ zu reagieren.

3.2.4, Darstellung weiterer besonderer Merkmale:

Neben den oben genannten Schwierigkeiten aller Jugendlichen haben diejenigen mit Migrationshintergrund in vielen Fällen aber noch mit zusätzlichen Erschwernissen zu kämpfen. Die spezifischen Belastungen zeigen sich in verschiedenen Lebensbereichen: Bereits in der (Grund-) Schule sind Kinder aus Familien mit einem Migrationshintergrund benachteiligt. Es wurde festgestellt, dass in deutschen Schulen noch immer nur mangelhaft mit (sozialer und ethnischer) Vielfalt umgegangen wird. Noch immer entscheidet Herkunft über Schulabschlüsse und damit über Zukunftsperspektiven. Dies hat zur Folge, dass Jugendliche mit Migrationshintergrund eine allgemeinbildende Schule doppelt so häufig ohne Abschluss verlassen, wie Schülerinnen und Schüler ohne Migrationshintergrund. Zudem sind sie an Haupt- und Förderschulen überrepräsentiert.

Auch in der darauf folgenden Übergangsphase Schule – Beruf werden Jugendliche mit Migrationshintergrund deutlich benachteiligt. Trotz gleicher Eignung kommen sie bei der Vergabe von Ausbildungsplätzen häufig zu kurz. Dies zeigt sich auch daran, dass lediglich 27 % nach dem Beenden der allgemeinbildenden Schule sofort eine betriebliche Ausbildungsstelle bekommen. Daher gestaltet sich diese Phase für sie besonders schwierig und langwierig. Ein Blick auf die Arbeitslosenstatistik zeigt, dass Jugendliche mit Migrationshintergrund auch später auf dem Arbeitsmarkt eindeutig benachteiligt sind.

Neben diesen spezifischen gesellschaftlich-ökonomischen Problemen und den ‘normalen’ Entwicklungsproblemen machen vielen der Jugendlichen zusätzlich ‘Integrationskonflikte’ zu schaffen. Diese drücken sich Freise zufolge beispielsweise durch Sprachprobleme, Spannungen zwischen familiären Erziehungsvorgaben und den Normen der Einwanderungsgesellschaft sowie eine fehlende gesellschaftliche Anerkennung aus. Darüber hinaus machen Jugendliche mit Migrationshintergrund häufig ausgrenzende und diskriminierende Erfahrungen in ihrer Freizeit (z.B. in Diskotheken, Gaststätten oder mit der Polizei) und haben zudem vielfach schon Gewalterfahrungen in Bezug auf sich selbst, als auch von ihnen ausgehend, gemacht.

Die hier aufgeführten Besonderheiten sind in der pädagogischen Arbeit mit den Jugendlichen zwar durchaus relevant und spielen oft eine bedeutende Rolle, müssen aber stets fallbezogen betrachtet und jeweils in ihrer Bedeutung für die Jugendlichen geklärt werden. Wie auch Bommes anmerkt, dürfen spezifische Merkmale dieser Art jedoch nicht von Beginn an unterstellt werden.

An dieser Stelle ist es notwendig, die Ausgangsfrage aufzugreifen: Aufgrund der oben dargelegten Aspekte macht es keinen Sinn, Jugendliche mit Migrationshintergrund als eine eigene Zielgruppe anzusehen. Zwar gibt es einige wesentliche Besonderheiten, jedoch bilden diese Jugendlichen keine einheitliche Gruppe.

Demzufolge stimme ich Bommes zu, dass es prinzipiell keiner grundlegend differenten Jugendarbeit bedarf. Das bedeutet auch, dass es kein Rezept bzw. keinen Leitfaden für die Arbeit mit Jugendlichen mit Migrationshintergrund gibt und geben kann. Für die pädagogischen Fachkräfte gilt es vielmehr, sich den ‘[…] Randbedingungen und Folgeprobleme[n] von Migration […]’, mit denen viele der Jugendlichen konfrontiert sind, sach- und fallbezogen anzunehmen. Die jeweilige Bedeutung für den Jugendlichen ist durch die aktive Auseinandersetzung mit ihren speziellen biografischen Gegebenheiten zu erkennen.

Arbeit zitieren:
Schweizer, Georg April 2011: Möglichkeiten und Grenzen geschlechtsspezifischer stadtteilbezogener Offener Jugendarbeit mit männlichen Jugendlichen mit Migrationshintergrund, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Offene Jugendarbeit, geschlechtsspezifische Jugendarbeit, Migrationshintergrund, Köln-Mülheim, Jungenarbeit

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