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Mobbing an weiterführenden Schulen

Mobbing an weiterführenden Schulen
Über dieses Buch
  • Art: Magisterarbeit
  • Autor: Katja Wasilewski
  • Abgabedatum: April 2010
  • Umfang: 112 Seiten
  • Dateigröße: 691,8 KB
  • Note: 2,0
  • Institution / Hochschule: Technische Universität Darmstadt Deutschland
  • Bibliografie: ca. 57
  • ISBN (eBook): 978-3-8428-1059-4
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Wasilewski, Katja April 2010: Mobbing an weiterführenden Schulen, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Mobbing, Schule, Gewalt, Prävention, Täterprofil

Magisterarbeit von Katja Wasilewski

Einleitung:

Im Rahmen dieser Magisterarbeit wird das Thema Mobbing und dessen Prävention sowie der Umgang damit im Alltag der Hauptschulen, Realschulen und Gymnasien erörtert.

Um den Lesefluss nicht zu beeinträchtigen wird bei der Nennung von Personen und Gruppen nicht nach Geschlecht differenziert. Es wird die männliche Form verwendet, wobei die weibliche ausdrücklich eingeschlossen ist.

Der Begriff ‘Täter’ im Mobbingkontext beinhaltet immer auch eine Opferrolle, da vor allem Kinder noch nicht in vollem Umfang für ihre Taten verantwortlich sind und diese nicht selbstständig reflektieren können, bzw. durch Erziehung und ihr soziales Umfeld in diese Rolle gedrängt wurden.

Das Schikanieren von einzelnen innerhalb einer festen Gemeinschaft, wie z.B. in Arbeitsgruppen, ist hinlänglich bekannt und schon viele Jahrzehnte Gegenstand der Sozialpsychologie. Doch wurde bei den Untersuchungen das Augenmerk anfänglich nur auf Erwachsene gelegt, da man den Kindern und Jugendlichen solch psychosoziales ‘Geschick’ nicht zutraute. Schikanen in der Schule wurden als normales Phänomen der kindlichen Entwicklung betrachtet, als Vorbereitung auf das Leben. Machtkämpfe und Raufereien gehörten nach Ansicht der Gesellschaft zum Schulalltag. Die langfristigen Folgen täglichen Psychoterrors in der Kindheit und Pubertät wurden erst in den 80er Jahren von dem schwedischen Persönlichkeitspsychologen Dan Olweus von der Erwachsenenwelt auf die Schule übertragen. Nachdem in Schweden drei 10 bis 14 jährige Schüler auf Grund langwieriger Mobbingattacken Selbstmord begangen hatten, bekam das Thema weltweite Medienaufmerksamkeit und auch in Deutschland begann man sich mit den psychosozialen Bedingungen in der Schule zu befassen. Doch sind es immer noch nur meist die Fälle körperlicher Gewalt, die in den Schulen beobachtet werden und an die Öffentlichkeit kommen. Wie es in einem Kind aussieht, das täglich niedergemacht wird, kann man oft erst erkennen, wenn es schon zu spät ist, dessen Persönlichkeit völlig zerstört ist oder es mit auffälligem Verhalten auf seine Situation aufmerksam machen will.

Der lange Leidensweg, den ein Kind während eines Mobbingprozesses durchläuft, ist oft für Außenstehende nicht sichtbar und für Menschen, die nicht selbst schon Mobbing erlebt haben, nicht leicht nachzuvollziehen. Aber stellt man sich vor, jede einzelne Mobbingattacke ist wie ein kleiner Nadelstich und man wird täglich von vielleicht über 20 anderen ständig gestochen, wird klar, dass so etwas zermürbt. Es wirkt wie eine unendliche Folter. Und dass solche sozialen Erfahrungen gerade in der Persönlichkeitsentwicklung großen Schaden anrichten und sich auf das Lernverhalten und die Beziehung zur Schule auswirken, ist offensichtlich. In vielen Fällen wirkt sich eine Mobbingerfahrung auf das gesamte Leben aus. Die Verhaltensweisen und die Beziehung zu sich selbst, die ein Mensch während seiner Entwicklung aufgebaut hat, werden Bestandteil seiner erwachsenen Persönlichkeit und können im Berufsalltag sowie bei der eigenen Familienplanung große Hindernisse aufwerfen. Somit trägt die Institution Schule und vor allem die Lehrerschaft neben den Eltern die Mitverantwortung für eine schadensfreie Erziehung der Kinder. Aber sind sie sich dessen bewusst? Wird dem Thema in der Lehrerausbildung genug Aufmerksamkeit geschenkt? Und wie reagieren die Schulen generell auf die Mobbingproblematik? - Was mich zu meiner Hauptfragestellung führt:

Was sind die Ursachen für Mobbing unter Schülern, welche Prozesse finden statt und wie können die Schulen darauf reagieren?

Zum Aufbau dieser Arbeit:

Nach meiner Einleitung, die erst einmal aufrütteln und die dramatischen Auswirkungen von Mobbing verdeutlichen soll, beginne ich mit einer Definition, die von alltäglicher Schulgewalt bis hin zum eigentlichen Thema Mobbing führt. Es werden die psychosozialen Strukturen sowie die Dynamik, Strukturen und die Entstehungsprozesse betrachtet. Anschließend befasst sich diese Ausarbeitung mit den Täter- und Opferprofilen und den Auswirkungen für die Individuen. Nach diesem theoretischen Teil wird der Umgang der Schulen mit Mobbing und deren Präventionsmaßnahmen beschrieben. Um mir selbst ein Bild über die aktuelle Mobbingsituation an Schulen zu machen, habe ich eine Umfrage mit 123 Schülern an einer Hauptschule, einer Realschule und an einem Gymnasien durchgeführt, deren Ausführung und Ergebnisse ich im Weiteren erläutern werde. Abschließend fasse ich meine Erkenntnisse über die Thematik zusammen, ziehe ein Fazit und mache mir über die zukünftige Situation in den Schulen Gedanken.

Inhaltsverzeichnis:

1. Vorwort 4
2. Einleitung 6
2.1 Aufbau der Magisterarbeit 8
3. Begriffsdefinitionen 8
3.1 Gewalt 8
3.2 Aggression 10
3.3 Bullying – Mobbing 10
4. Mobbing 11
4.1 Mobbing aus pädagogischer Sicht 12
4.2 Mobbingformen 13
4.3 Die Dynamik und die Stadien eines Mobbingprozesses 16
4.4 Mobbingrollen – Mobbing als kollektiver Prozess 18
4.5 Mobbingstrukturen in einer Schulklasse 21
5. Die Psychologischen Grundlagen des Mobbings 22
5.1 Mobbing aus individualpsychologischer Sicht 22
5.2 Mobbing aus sozialpsychologischer Sicht 23
5.3 Auswirkungen von Erziehung und Familie auf Mobbing 25
6. Opferprofil 26
6.1 Die Sichtweise des betroffenen Kindes 29
7. Täterprofil 31
8. Folgen von Mobbing 32
8.1 Physische Folgen 32
8.2 Psychische Folgen 33
8.3 Folgen für die Persönlichkeitsentwicklung 34
8.4 Unterbrechung der Kontinuität des Seins – Winnicott 35
8.5 Auswirkungen auf die Klassenatmosphäre 37
9. Prävention von und Intervention bei Mobbing 37
9.1 Rechtliche Grundlagen 39
9.2 Grundsätzliche Maßnahmen 40
9.3 Maßnahmen auf Schulebene 42
9.4 Maßnahmen auf Klassenebene 44
9.5 Maßnahmen auf persönlicher Ebene 46
9.6 Programme und Konzepte gegen Mobbing 48
9.6.1 Das Streitschlichterprogramm 48
9.6.2 Das Anti – Bullying –Konzept nach Olweus 51
9.6.3 Die Mobbing AG 53
9.6.4 Der ‘No Blame Approach’ 53
9.6.5 Die Buddys 56
9.6.6 Die Trainingsraummethode 57
9.7 Wirkung 66
10. Schülerumfrage zum Thema Mobbing 68
10.1 Aufbau und Auswahl der Fragen 68
10.2 Die Schulen 70
10.3 Verlauf 71
10.4 Ergebnisse 72
11. Fazit 81
12. Ausblick 82
13. Literaturnachweis 82
Anhang 86

Textprobe:

Kapitel 5, Die psychologischen Grundlagen des Mobbings – Warum Mobben Schüler?

Um effektive Präventionsmaßnahmen und Handlungsstrategien gegen Mobbing entwickeln zu können, muss man die Intentionen der Täter verstehen und die sozialen und institutionellen Bedingungen ausfindig machen, die Mobbing begünstigen.

5.1, Mobbing aus individualpsychologischer Sicht:

Die psychoanalytische Sichtweise des bedrohten Selbst:

Psychoanalytische Theorien basieren hauptsächlich auf den Ausführungen von Freud, welcher die Aggression generell als Persönlichkeitsstörung sieht. Ein Individuum entwickelt hiernach eine aggressive Persönlichkeit und ist somit als Mobbingtäter prädestiniert, wenn es viele Kränkungen erfährt, die die Ausbildung eines stabilen Selbstes verhindern. Vor allem in gewaltbelasteten Familien, in denen Kinder und Jugendliche in eine Handlungsohnmacht gezwungen werden, kompensieren sie ihre familiären Erfahrungen in Schulen und Freundeskreisen. Gewalt, bzw. Mobbing, wird dann instrumentalisiert um Gefühle von Ohnmacht, Bedrohung und Angst zu kontrollieren, bzw. den Kontrollverlust, den sie am eigenen Leib erfahren, durch Machtausübungen an anderen zu kompensieren.

Im Schulalltag sind die Kinder und Jugendlichen ständiger Beobachtung, Leistungstests und sozialen Konflikten ausgesetzt, was eine Überforderung mit sich bringen kann. Vor allem schlechte Noten und soziale Zurückweisungen üben einen großen Druck auf die Persönlichkeit der sich entwickelnden Menschen aus. Sie bekommen wenig Anerkennung und Selbstbestätigung, auf die sie jedoch gerade verstärkt im Zuge der pubertären Selbstfindung angewiesen sind. Bekommen die Schüler durch positives Auffallen keine Aufmerksamkeit, ändern sie ihre Strategie und beziehen diese Zuwendung über wertnonkonformes Verhalten. Dieses zeigt sich verstärkt bei Kindern, die diese Art von Zurückweisung auch von ihren Eltern gewohnt sind und schon sehr früh gelernt haben, dass sie die Aufmerksamkeit ihrer oft uninteressierten Eltern nur bekommen, wenn sie diese in Schwierigkeiten bringen oder nerven.

‘Gewalt ist so gesehen ein Rettungsversuch des Selbstes gegenüber einer offiziellen Schulkultur, die kontinuierlich die Anerkennung als wertvolle Person verweigert’.

5.2, Mobbing aus sozialpsychologischer Sicht:

Die Sichtweise des etikettierten Individuums:

Die interaktionistische Theorie mit ihrem bekannten Vertreter Herbert Mead sieht Gewalt als eine subjektiv sinnvolle aber sozial misslungene Form der Identitätsdarstellung. Nach Mead entwickeln sich Identitäten im kommunikativen Umgang, wobei die eigene Definition und Ausgestaltung der sozialen Rolle als ‘role-making’ bezeichnet wird. Der Gegenpart hierzu ist das ‘role-taking’, was bedeutet, dass das Individuum sich an den Erwartungen seiner Umwelt und seines Gegenübers orientiert.

Das ‘role-taking’, auch ‘labeling approach’ oder Etikettieren genannt, spielt eine erhebliche Rolle in der Entstehung und Verfestigung von abweichendem Verhalten.

Vor allem in normsetzenden Institutionen, wie der Schule oder der Armee, kann sich die Zuschreibung von Eigenschaften im ständigen Sozialisationsprozess negativ auf das Selbstbild jedes einzelnen auswirken.

Ein soziales Etikett bekommt eine Person, wenn sie ein normverletzendes Verhalten zeigt, was von ihrer Umwelt als Abweichung gesehen und somit mit einer pauschalisierten Charakterzuschreibung geahndet wird. Die Beobachter bewerten von nun an das Verhalten des ‘Täters’ auf eine ganz andere Weise und erwarten eine Fortsetzung, womit sie gleichzeitig eine Erwartungshaltung einnehmen, was wiederum dieses bestimmte Verhalten provoziert. In der Soziologie wird dieses Phänomen auch als eine ‘sich selbst erfüllende Prophezeiung’ bezeichnet.

Der ‘Täter’, man könnte in diesem Zusammenhang auch das Wort ‘Opfer’ benutzen, übernimmt die Fremddefinition seiner Umwelt, entwickelt dadurch ein abweichendes Selbstbild und erfüllt somit die Erwartungen der anderen. Er wird sozusagen in eine Rolle gedrängt.

Die soziologische Sichtweise des individualisierten Selbst:

Die heutige Risikogesellschaft fordert von den Menschen ein hohes Maß an Flexibilität und Individualität. Die Situation in den Familien ist auf Grund der hohen Scheidungsrate kein allgemeiner Raum der Stabilität mehr für die sich in der Individualitätsentwicklung befindenden Kinder und Jugendlichen. Die Schule fordert immer mehr Leistung bei gleichzeitiger Ungewissheit auf einen späteren Ausbildungsplatz und auch die Anforderungen für die verschiedenen Ausbildungsberufe sind erheblich gestiegen. Vor allem der Hauptschulabschluss reicht als Qualifikation für die meisten Berufe nicht mehr aus.

All diese Faktoren üben einen starken Druck auf die Schüler aus, welche sich auf Grund dessen oft überfordert fühlen und mit abweichendem Verhalten reagieren. Dies kann sich als Apathie zeigen, welche typisch für ein Mobbingopfer- oder in gewalttätigem Verhalten, welches typisch für einen Täter ist.

Je unsicherer und labiler die Lebensbedingungen, je unklarer die Perspektive, je schärfer die Konkurrenz, je weniger verlässlich die Sozialbeziehungen, desto eher finden wir psychisch und sozial verunsicherte junge Menschen vor und desto größer wird die Wahrscheinlichkeit, dass auch Gewalthandlungen ihre Problemlösungs- und Bewältigungstechniken bestimmen.

Finden die Heranwachsenden keine Stabilität in der Familie oder im System, wenden sie sich hin zu Altersgenossen, denen damit viel Macht zugesprochen wird. Die gleichaltrigen Vorbilder, welche sich selbst in der labilen Selbstfindungsphase befinden, können diese soziale Macht ausnutzen um ihre eigene Unsicherheit kurzzeitig, aber immer wieder, durch die Führung und Manipulation einer Gruppe kontrollierbar zu machen.

Die Schule kann die Hilflosigkeit der Schüler oft nicht kompensieren. Die Verantwortung für die Sozialisation und Identitätsentwicklung der Kinder und Jugendlichen wurde verstärkt dieser Institution übertragen. Man stattete sie aber gleichzeitig nicht mit den dafür nötigen Ressourcen, wie Sozialarbeitern, Psychologen und besser ausgebildeten Lehrern, aus.

Genau an diesem Punkt könnte die Schule aber sinnvoll auf ihre Schützlinge einwirken, ihnen Selbstvertrauen und Perspektiven geben und ihnen Handlungsalternativen und Beratung anbieten. Die Verschulung der Jugendzeit ist auf der einen Seite eine große pädagogische Herausforderung, aber auf der anderen Seite eine gute Chance um mit qualifiziertem Personal auf die Kinder und Jugendlichen einzuwirken. Man muss diese Chance nur erkennen, nutzen und die Kinder fördern – hierzu mehr in Kapitel 9.

Arbeit zitieren:
Wasilewski, Katja April 2010: Mobbing an weiterführenden Schulen, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Mobbing, Schule, Gewalt, Prävention, Täterprofil

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