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Messianismus und Apokalyptik im Judentum nach dem Anbruch der Neuzeit

Im religions- und sozialgeschichtlichen Kontext und am Beispiel der bedeutendsten jüdischen Messiasgestalten dieser Epoche

Messianismus und Apokalyptik im Judentum nach dem Anbruch der Neuzeit
Über dieses Buch
  • Art: Magisterarbeit
  • Autor: Katrin Päßler
  • Abgabedatum: Mai 2004
  • Umfang: 138 Seiten
  • Dateigröße: 1,1 MB
  • Note: 1,4
  • Institution / Hochschule: Freie Universität Berlin Deutschland
  • Bibliografie: ca. 100
  • ISBN (eBook): 978-3-8366-1004-9
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Päßler, Katrin Mai 2004: Messianismus und Apokalyptik im Judentum nach dem Anbruch der Neuzeit, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Judentum, Messianismus, Religionswissenschaft, Kabbala, Sabbatai Zwi

Magisterarbeit von Katrin Päßler

Einleitung:

Die vorliegende Darstellung widmet sich einem religionshistorisch hochinteressanten Phänomen aus der Geschichte des nachbiblischen Judentums und konzentriert sich dabei auf eine Zeitspanne von etwa drei Jahrhunderten sowie einige exemplarische Individuen, deren Wirken enorme Erschütterungen, Spannungen, Umbrüche unter den europäischen und orientalischen Juden mit sich brachte und die weitere geistige Entwicklung des Judentums entscheidend beeinflusste. Dabei soll es nicht um judaistische Spezialfragen und Analyse hebräischer Quellen gehen, sondern das Hauptanliegen besteht in einer religionswissenschaftlich fundierten und vergleichend orientierten Untersuchung der kultur-, sozial- und religionshistorischen Umstände, der Biographien und Nachwirkungen dieser ausgewählten Gestalten, die versucht, Gemeinsamkeiten und Unterschiede herauszuarbeiten und Erklärungsansätze für das Phänomen zu bieten.

Personen, die sich selbst oder anderen als Messias galten und eine messianische Bewegung begründeten, hat es in der langen jüdischen Geschichte immer wieder gegeben. Die theologische Grundlage dafür bildet der der jüdischen Religion immanente Messiasgedanke, der seit dem babylonischen Exil kontinuierlich von der Verknüpfung mit der Funktion des Königs gelöst wurde und seitdem immer präsent, epochenabhängig aber verschieden intensiv und akut war. Im Rahmen der antiken Widerstandsbewegungen der Juden gegen fremde Herrscher im Land tauchten mehrere messianische Gestalten auf, und auch im Mittelalter entfalteten diverse Messiasse ihre Aktivität. Mit dem Anbruch der Neuzeit jedoch kommt es innerhalb der jüdischen Welt zu einem gehäuften Auftreten von Messiasgestalten mit überraschender Breitenwirkung, das zum Teil aus historischen und geistigen Gegebenheiten und Ursachen heraus verstanden werden kann, sicherlich aber auch eine letzten Endes frappierende Eigendynamik entwickelte, die in der Bewegung des Sabbatai Zwi ihren Höhepunkt erreichte.

Die Gründe und Ursachen können einesteils in den historischen Ereignissen, die der Epoche der Frühen Neuzeit vorausgingen bzw. diese einleiteten, gesucht werden (Vertreibung der Juden aus Spanien und Portugal, Massenzwangstaufen, Institutionalisierung der Inquisition, Reformation und Protestantismus etc.); es muss jedoch auch die innerjüdische geistesgeschichtliche Entwicklung betrachtet werden, die vor allem in Gestalt der Kabbala, der jüdischen Mystik, eine nicht unerhebliche Rolle bei der Ausbildung des Messiasbildes, auf das sich dann besonders Sabbatai Zwi und Jakob Frank berufen sollten, spielte. Ebenso muss eine Untersuchung der gesellschaftlichen Entstehungsbedingungen und der religions- und sozialgeschichtlichen Umstände des jüdischen Messianismus zu Beginn der Neuzeit auch einen Vergleich zum zeitgenössischen christlichen Millenarismus und Messianismus, zu christlicher Apokalyptik und Eschatologie beinhalten.

Gang der Untersuchung:

In einem zweigeteilten theoretisch-historischen ersten Hauptschwerpunkt werden das Konzept und die Geschichte des Messias und des Messianismus im Judentum kurz analysiert sowie die historischen und geistigen Voraussetzungen dargestellt.

Danach werden im zweiten Hauptschwerpunkt der Arbeit die drei wichtigsten, bekanntesten und breitenwirksamsten jüdischen Messiasgestalten der Neuzeit vorgestellt: David Reubeni, Sabbatai Zwi und Jakob Frank, im Falle der beiden ersteren unweigerlich in engster Verbindung mit ihren jeweiligen „Propheten“, ohne die wohl keine der Gestalten auf ein derartiges Echo gestoßen wäre. Neben biographischen und wirkungsgeschichtlichen Aspekten dieser Personen werden Verbreitung, Rezeption, Charakteristika und Weiterentwicklungen ihrer Lehren, innerjüdische Auswirkungen wie auch Verbindungen zur (nichtjüdischen) Politik dargestellt. Möglicherweise lassen sich bei aller erkennbaren Verschiedenheit der Protagonisten, der Voraus- und Zielsetzungen doch ähnliche und vergleichbare Ausgangspunkte und Verarbeitungen innerhalb der jüdischen Geschichte und im Vergleich zur christlichen Geistesgeschichte dieser Epoche herausarbeiten, so dass ein größerer Zusammenhang als bei der Einzelbetrachtung eines Messias hergestellt würde.

Bewusst wird das Anfangskapitel über die Entstehung und Entwicklung der Messiasidee im Judentum knapp gehalten, existiert doch dazu eine umfangreiche Forschungsliteratur und verbreitete Kenntnis. Aus den gleichen Gründen fällt der Teil über Sabbatai Zwi – den im Vergleich zu David Reubeni und Jakob Frank einflussreichsten und breitenwirksamsten Messias – weniger umfangreich aus. Auch hier ist der Forschungsstand aufgrund der guten Quellenlage seit Gershom Scholem schon weit fortgeschritten, und an die Stelle der ursprünglichen Dämonisierung des „falschen Messias“ Sabbatai Zwi ist Faszination und Interesse für seine Person getreten. Dagegen ist die Rezeption David Reubenis und Jakob Franks in diesem Stadium noch nicht angelangt: hier herrschen meist Unkenntnis und Ignoranz, gepaart mit Misstrauen und Vorwürfen, vor, was sicherlich u.a. auf die noch ungenügende neuere Forschungsliteratur zurückzuführen ist.

Während zu Jakob Frank wenigstens die umfang- und quellenreiche Dissertation von Klaus Davidowicz aus dem Jahre 1998 vorliegt, existiert zu David Reubeni überhaupt keine neuere Monographie. Hier ist man auf die Arbeit von Julius Voos aus dem Jahre 1933 angewiesen, will man eine Gesamtdarstellung der Aktivitäten David Reubenis und Schlomo Molchos erhalten. Aufgrund der Tatsache, dass nur recht verstreute und teilweise widersprüchliche Informationen über David Reubeni auffindbar sind, wird in seinem Abschnitt eine Fusion der existenten Literatur und eine ausführliche Einbettung seines Wirkens in die zeitgeschichtlichen Umstände versucht. Als erster der hier behandelten Repräsentanten des neuzeitlichen Messianismus, dessem Auftreten die vielleicht umwälzendsten welthistorischen Ereignisse vorausgingen, erfährt er in seinem Kapitel eine eingehende Würdigung.

Die bereitwillige, um nicht zu sagen frenetische Aufnahme zweier Messiasse (David Reubenis und Sabbatai Zwis) wurde getragen und begünstigt durch die Verzweiflung und den Schock nach den beiden – neben der Beendigung der deutsch-jüdischen Epoche durch den Holocaust – einschneidendsten Ereignissen in der Geschichte und im kollektiven Gedächtnis der Juden: die Vertreibung der Juden aus Spanien im Jahre 1492 und die Chmielnicki-Massaker in Polen im Jahre 1648, die als Geburtswehen des Messias interpretiert und kabbalistisch gedeutet wurden und die Erlösungssehnsucht steigerten.

Die drei messianischen Gestalten sind – neben persönlichem Interesse – ausgesucht worden, da sie jeweils ein Jahrhundert repräsentieren, das sie mit ihrem Auftreten prägten: David Reubeni das 16. Jahrhundert (er wirkte in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts), Sabbatai Zwi das 17. Jahrhundert, in dessen zweiter Hälfte er auftrat, und Jakob Frank das 18. Jahrhundert. Und obgleich die drei Messiasse in unterschiedlichen Regionen (David Reubeni in Italien und auf der Iberischen Halbinsel, Sabbatai Zwi im östlichen Mittelmeerraum, Jakob Frank in Mitteleuropa) auftraten, erstreckte sich ihr Einfluss zeitweise auf ganz Europa inklusive dem weiteren Mittelmeerraum. Eine weitere interessante und näher zu bearbeitende Parallele besteht in der Konversion zweier Messiasse, die die Entwicklung einer rechtfertigenden Theologie erforderlich machte.

Die moderne hebräische Forschungsliteratur konnte leider wegen zu rudimentärer Kenntnisse des Hebräischen nicht berücksichtigt werden; wahrscheinlich wäre dies in meiner Magisterarbeit, die nicht in die Tiefe eines ganz speziellen und begrenzten Gegenstandes dringen will, sondern mit einer eher übergreifenden und vergleichenden Zielsetzung religionswissenschaftlich verwertbare Ergebnisse hervorbringen will, auch nicht zu leisten gewesen. Erwähnt werden sollen innerhalb der hebräischen Literatur in jedem Fall die Arbeiten von Aaron Zeev Aeshcoly, der den Reisebericht David Reubenis ausführlich ediert hat und eine quellenorientierte Geschichte der messianischen Bewegungen im Judentum verfasst hat. Doch waren mir diese Quellen auch andernorts zugänglich, liegen doch umfangreiche Auszüge aus dem Reisebericht in deutscher Übersetzung bei Reinhold Mayer vor, ebenso wie in englischer Übersetzung im Buch von Harris Lenowitz, wo sich in jedem Kapitel zu den einzelnen Messiasfiguren ausführliche Quellen finden.

Neben der wissenschaftlichen Literatur sei besonders auf einige literarische Verarbeitungen des Messiasstoffes von meist jüdischer Seite hingewiesen, die im Anhang aufgelistet sind – auch hier steht, ähnlich wie in der wissenschaftlichen Forschung, oft die Geschichte Sabbatai Zwis im Zentrum der Aufmerksamkeit.

Inhaltsverzeichnis:

I. Einleitung 4
II. Entwicklung und Charakterisierung des jüdischen Messianismus
1. Biblische Grundlagen und rabbinische Auslegungen der Vorstellung vom Messias 8
2. Messiasgestalten von der Antike bis zum Hochmittelalter 15
III. Die geistes- und sozialgeschichtliche Situation zum Beginn der Neuzeit
1. Die „Katastrophen“ – Historische Ereignisse als auslösende Faktoren 24
1.1 1492 – Die Vertreibung der Juden aus Spanien 27
1.2 1648 – Die Chmielnicki-Massaker in Polen 35
2. Der Beitrag der Kabbala bei der Ausdifferenzierung des Messiasbildes 37
2.1 Vorgeschichte und Anfänge der jüdischen Mystik 37
2.2 Der Sohar 40
2.3 Die lurianische Kabbala und ihr Messianismus 42
3. Jüdisch-christliche Beeinflussungen und Wechselwirkungen 47
4. Christlicher Millenarismus und Messianismus 54
5. Der jüdische Messianismus am Beginn der Neuzeit 59
IV. Die einzelnen Messiasgestalten
1. David Reubeni und Schlomo Molcho – Verknüpfung von Politik und Messianismus 63
1.1Biographien 64
1.2Voraussetzungen, politische Verstrickungen und Nachwirkung 74
2. Sabbatai Zwi und Nathan von Gaza – messianischer Aufruhr und folgenreiche Enttäuschung 81
2.1 Biographien 81
2.2 Auswirkungen der sabbatianischen Bewegung 91
3. Jakob Frank – Nihilismus und Antinomismus 95
3.1 Biographie 96
3.2 Vorläufiges Ende der messianischen Wogen? 109
V. Vergleiche und Schlussfolgerungen 112
VI. Nachwort 118
Literaturverzeichnis 119
Anhang 130
Literarische Verarbeitungen
Lebensdaten von David Reubeni und Schlomo Molcho
Lebensdaten von Sabbatai Zwi und Nathan von Gaza
Lebensdaten von Jakob und Eva Frank
Bildanhang

Textprobe:

Kapitel 2.1, Vorgeschichte und Anfänge der jüdischen Mystik:

Die Mystik des Judentums wird mit dem Begriff ‘Kabbala’ bezeichnet, was wörtlich übersetzt ‘Tradition, Überlieferung’ bedeutet. Darin drückt sich schon ein wesentliches Merkmal der jüdischen Mystik aus, die nicht als Konkurrenz zur Halacha, sondern stets nur als Ergänzung, als andere Interpretation der religionsgesetzlichen Werke und ihrer Probleme aufgefasst wurde. Auch sahen sich die Kabbalisten, die meist eine umfangreiche traditionelle Ausbildung genossen hatten, als legitime Vertreter und Repräsentanten des rabbinischen Judentums an und wurden als solche akzeptiert.

Ein Kabbalist war in erster Linie Tora- und Talmudgelehrter und in der religiösen Tradition seines Volkes bewandert. Natürlich durchbrachen die Kabbalisten mit ihrer Mystik diese Tradition, beispielsweise in der Annahme eines unpersönlichen göttlichen Urgrundes, der dem personalistischen biblischen Gottesbegriff widersprach, aber sie wurde nie, bis zur Episode Sabbatai Zwi und Nathan von Gaza, als Gegensatz zur oder gar Aufhebung der Halacha angesehen.

Allen Kabbalistenschulen ist, bei aller Abweichung in Detailfragen, die mystische Auffassung der Tora gemeinsam, die nicht nur als die historische Offenbarung Gottes an sein Volk, sondern als lebendiger Organismus und mystische Verkörperung der göttlichen Weisheit verstanden wird.

Eine weitere Übereinstimmung ist nach Gershom Scholem, dem ersten und wichtigsten wissenschaftlichen Erforscher der Mystik des Judentums, „die Aufgabe einer mystischen Interpretation der Lehre von den Attributen und der Einheit Gottes in der sogenannten Sefiroth-Theorie“. Auffallend ist weiterhin die, verglichen mit analogen Beschreibungen christlicher Mystiker und -innen, ausgesprochene Zurückhaltung der Kabbalisten in ihren Äußerungen über die höchste Erfahrung, die Vereinigung mit Gott, ‘unio mystica’ oder ‘mystische Hochzeit’ genannt.

Natürlich existieren auch persönliche Erfahrungsberichte über den Weg zur Einheit mit dem Göttlichen und die dafür hilfreichen Techniken und Praktiken, vor allem von jenen Kabbalisten, die den ekstatischen Zweig der Kabbala repräsentieren, wie Abraham Abulafia im 13. Jahrhundert, aber im Allgemeinen sind die Kabbalisten „keine Freunde der mystischen Autobiographie. Sie suchen die Welt der Gottheit und was sich sonst ihrer Kontemplation eröffnet hat, in einer unpersönlichen Form zu beschreiben, indem sie gleichsam die Brücken, die sie persönlich zu dieser Welt geführt haben, hinter sich verbrennen. Sie lieben Objektivierung“.

Arbeit zitieren:
Päßler, Katrin Mai 2004: Messianismus und Apokalyptik im Judentum nach dem Anbruch der Neuzeit, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Judentum, Messianismus, Religionswissenschaft, Kabbala, Sabbatai Zwi

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