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Mensch und Technik

Beispiele antizipatorischer Texte im Vorfeld und während der industriellen Revolution in Frankreich

Mensch und Technik
Über dieses Buch
  • Art: Magisterarbeit
  • Autor: Heike Silvia Scheminski
  • Abgabedatum: Dezember 2001
  • Umfang: 120 Seiten
  • Dateigröße: 1,1 MB
  • Note: 1,1
  • Institution / Hochschule: Friedrich-Schiller-Universität Jena Deutschland
  • ISBN (eBook): 978-3-8324-5266-7
  • ISBN (Paperback) :
    978-3-8324-5266-7 P
  • ISBN (CD) :978-3-8324-5266-7 CD
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Scheminski, Heike Silvia Dezember 2001: Mensch und Technik, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Technik, Fortschrittsidee, industrielle Revolution, Literatur, Antizipation

Magisterarbeit von Heike Silvia Scheminski

Einleitung:

Technik ist seit Menschengedenken und in den verschiedensten Gesellschaften benutzt worden. Die Antizipation der Zukunft, das Fortschrittsdenken, die Industrialisierung, das Eindringen von technischen Vorrichtungen in alle Bereiche der Lebens- und Arbeitswelt des Menschen sowie die Thematisierung von realen und möglichen sozialen Veränderungen infolge des Technikeinsatzes in Kunst und Literatur sind jedoch „Errungenschaften“ der modernen westlichen Kultur.

Dabei haben nach einer Einschätzung von SUVIN die Naturwissenschaften im 19. Jahrhundert die literarische Phantasie eingeholt und überflügelt. Genau in diese Epoche fällt jedoch die Geburtsstunde der Fortschrittsutopie und der modernen Science Fiction.

Anhand der antizipatorischen Texte L’An 2440, rêve s’il en fut jamais (1771) von Louis-Sébastien MERCIER, Voyage en Icarie (1840) von Étienne CABET und Le Monde tel qu’il sera (1845) von Émile SOUVESTRE wird in der vorliegenden Arbeit fachübergreifend gezeigt, wie real stattfindende Veränderungen infolge einer Technisierung der menschlichen Lebenswelt in einem mit literarischen Mitteln konstruierten Wirklichkeitsbild, das in die Zukunft projiziert ist, reflektiert werden.

Folgende Annahmen wurden dabei zugrundegelegt:

„Technik wird von der Literatur der Moderne in ihren unterschiedlichen Bereichen zum Thema gemacht: theoretische Ansätze, Erfindungen und ihre Umsetzung in die Praxis, industrielle Produktion, die Person des Technikers und des Industriellen, die Auswirkungen auf Leben, Kultur, Wissenschaften und Medizin, die Verwendung als Metapher.“ Nach LENK „drückt sich in Einstellungen zum Umgang mit technischem Gerät, im unmittelbaren Verhalten bei der Anwendung von Geräten und Verfahren sowie in der Einstellung zur Technik, zu technischen ‚Sachen’ und Systemen sowie zum technischen Fortschritt besonders deutlich die soziale Verzahntheit des Technischen aus [...].“ Mit anderen Worten: Die sozialen Beziehungen des Menschen nehmen, je stärker Technik in die Lebenswelt eindringt und „je stärker gesellschaftliche Subsysteme ausdifferenziert werden, um so mehr die Form von Ritualen und unhinterfragten Routinen an. Dieser Prozeß wird so weit vorangetrieben, dass zwischenmenschliche Beziehungen, soziale Figurationen schließlich ganz auf Maschinen übertragen werden können. In diesem Zusammenhang lassen sich deshalb auch drei soziale bzw. soziotechnische Figurationen unterscheiden: Beziehungen neben der Technik, Beziehungen mittels der Technik und Beziehungen in Gestalt der Technik.“ Diese Beziehungen bilden das Verhältnis von Mensch und Technik, das in der vorliegenden Arbeit zur Disposition steht.

Aufgrund der Tatsache, daß Antizipationen bewußt oder unbewußt die Wahrnehmung der realen Lebenswelt, persönliche Erfahrungen, Kenntnisse, Wünsche, Sehnsüchte, Ansprüche, Befürchtungen und Ängste widerspiegeln, kann im Zusammenspiel mit zusätzlichen Informationen (z. B. aus externen Dokumenten) auf diese zurückgeschlossen werden.

Insbesondere wird gezeigt, mit welchen stilistischen Mitteln (sekundären Ordnungsmustern der textuellen Mikrostruktur wie der bewußten Verwendung von Periphrasen, Metaphern, Personifikationen, Vergleichen usw.) eine Konkretisierung fiktiver Technik bzw. eine Präsentation des Verhältnisses von Mensch und Technik erfolgt, welche Argumentationsstrukturen für oder wider die Technik verwendet werden, welche technikbezogenen Themen (auf Makrostrukturebene) Variationen erfahren, wie mit Technik-Symbolen umgegangen wird, welche Bezüge im Zusammenhang mit der Darstellung des Verhältnisses zwischen Mensch und Technik zu anderen (literarischen und nichtliterarischen) Texten hergestellt werden und inwieweit sich generelle Tendenzen der Genreentwicklung auch in der Struktur der untersuchten Texte widerspiegeln.

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung 4
1.1 Problemstellung 5
1.2 Zentrale Konzepte der Problemstellung (terminologische Grundlagen) 6
1.2.1 Antizipation 6
1.2.2 Technik 8
1.2.3 Fortschritt (progrès) 10
1.2.4 Industrialisierung und „Industrielle Revolution“ 12
2. Zur Textauswahl 15
2.1 Auswahlkriterien 15
2.2 Anmerkungen zur Gattungsproblematik 16
2.3 Quellenlage 19
2.4 Kurzporträts der ausgewählten Beispieltexte 21
3. Louis Sébastien MERCIER: L'An 2440, rêve s'il en fut jamais. 23
3.1 Weltanschauliche Konzeption MERCIERs 24
3.1.1 MERCIER als „héritier des Lumières“ 24
3.1.2 Exzentrizität als Image und Methode 26
3.1.3 Deistische Religionsauffassung 26
3.1.4 Politische Grundkonzeption 28
3.2 Gesellschaftskritik und Antizipation 29
3.2.1 Kritik an der empirischen Welt 29
3.2.2 Antizipation des Jahres 2440 32
3.2.2.1 Leitmotiv 32
3.2.2.2 Mittel zur Konstruktion der Vision des Jahres 2440 33
3.3 Mensch und Technik bei MERCIER 34
3.3.1 Wissenschaftsbild 34
3.3.2 Technikbild 38
3.3.3 Zusammenfassung 42
4. Étienne CABET: Voyage en Icarie 43
4.1 Weltanschauliche Konzeption CABETs 45
4.1.1 Politisches Engagement 46
4.1.2 Quellen und Vorbilder für Voyage en Icarie 47
4.1.3 Menschenbild CABETs 49
4.1.4 Deistische Religionsauffassung 51
4.1.5 Vom utopischen Roman zum kommunistischen Siedlungsprojekt 53
4.2 Zur Struktur des Textes Voyage en Icarie 54
4.2.1 Formale Gliederung durch CABET 54
4.2.2 Fiktionaler vs. programmatischer Charakter des Textes 56
Fiktionaler Charakter 56
Programmatischer Charakter 59
4.3 Mensch und Technik bei CABET 60
4.3.1 Technik als grundlegendes Hilfsmittel zur Verwirklichung Ikariens 61
4.3.2 Beispiele für den Technikeinsatz in Ikarien 62
4.3.2.1 Transportmittel 62
Eisenbahn 63
Aspekt der Sicherheit und des Komforts 64
Antriebskräfte der technischen Entwicklung 66
4.3.2.2 Technik in der Arbeitswelt 66
4.3.2.3 Technik in der privaten Lebenswelt 69
4.3.3 Zukunftsweisende Energien 70
4.3.4 Zusammenfassung 70
5. Émile Souvestre: Le Monde tel qu'il sera 72
5.1 Weltanschauliche Konzeption SOUVESTREs 73
5.1.1 Stoizismus und Moralphilosophie 74
5.1.2 Christliche Religionsauffassung und „romantische Gegenposition“ 75
5.1.3 Literarische Beeinflussung SOUVESTREs 76
5.2 Le Monde tel qu'il sera als hypothetisches Konstrukt 77
5.2.1 Basisannahmen 78
5.2.2 Romantischer Charakter des Textes Le Monde tel qu'il sera 80
5.2.3 Kritische und ironisch-satirische Züge des Textes 83
5.3 Mensch und Technik bei SOUVESTRE 85
5.3.1 John Progrès 85
5.3.2 Wissenschaft 87
5.3.3 Technik in der hypothetischen Arbeits- und Lebenswelt 88
5.3.3.1 Fiacres volants, omnibus-ballons, tilburys ailés und andere Fortbewegungs- und Transportmittel 89
5.3.3.2 Maschinen und Technik in Ersatzfunktionen 93
5.3.3.3 Technische Hilfsmittel und technische Darstellungen als Schmuckelemente 99
5.3.4 Zusammenfassung 100
6. Vergleich des Verhältnisses Mensch und Technik in den untersuchten antizipatorischen Texten 102
6.1 Funktionen, die der Technik zugewiesen werden, im Vergleich 102
6.2 Im Zusammenhang mit der Beschreibung von Technik bzw. der Darstellung des Verhältnisses Mensch - Technik eingesetzte Stilmittel im Vergleich 106
6.3 Zusammenfassung: Veränderungen der Sichtweise des Verhältnisses Mensch und Technik mit der industriellen Revolution und Tendenzen in der Entwicklung des Genres Utopie 108
7. Bibliographie 113
7.1 Primärliteratur 113
7.2 Sekundärliteratur 113
7.3 Wörterbücher und Lexika 116
7.4 HTML-Dokumente 117

Automatisiert erstellter Textauszug:

begeben, um die Hauptstadt Ikariens zu erreichen. Diese Reise gibt CABET Gelegenheit, dem Leser die ikarischen Wagen, Eisenbahnen, Schiffe, U-Boote, Ballone und dergleichen zu präsentieren. Zunächst fällt auf, daß es in Ikarien herkömmliche Fahrzeuge, beispielsweise sechsspännige Pferdewagen, die von CABET „auf ikarisch“ als staramoli431 bezeichnet werden, neben modernen Transportmitteln wie beispielsweise den Eisenbahnen oder den voitures à vapeur432 gibt. Während jedoch diese sechsspännigen Pferdewagen den innerstädtischen Personen- und Warentransport ebenso wie den Transport auf das umliegende Land sichern, fehlt die Angabe eines Einsatzgebietes für die dampfbetriebenen Wagen, sofern diese von Lokomotiven verschieden sein sollten, völlig. Aufgrund ihrer hohen Bedeutung für die industrielle Revolution in Frankreich wie in Europa wird von der Vielzahl der ikarischen Transportmittel, den „chariots et chevaux, voitures à vapeur et chemins de fer, bateaux“433, die Eisenbahn genauer betrachtet. [...]

Der Maschine (bzw. der Lokomotive, die als Symbol für Maschinen und Technik steht) ordnet CABET, der sich durchaus der ablehnenden Haltung nicht weniger seiner Zeitgenossen gegenüber der Technik bewußt ist, eine Schlüsselrolle in einer sozialen und politischen Revolution zu, wie die folgende Aussage zeigt: „Oui, la machine qui fait frissonner quand on entend au loin son mugissement, ou quand on la voit arriver et passer avec tant de puissance et de vitesse, porte dans son ventre mille petits révolutions et la grande Révolution sociale et politique !“429 Er vergleicht die Veränderungen, die durch das massive Eindringen von Technik in die reale Lebenswelt hervorgerufen werden, mit denjenigen, die in der Vergangenheit durch das Wirken Jesus und Luthers sowie den Buchdruck ausgelöst worden sind. Hierbei handelt es sich um fundamentale Veränderungen der westlichen Kulturgesellschaften, die sich relativ unabhängig von konkreten Ausprägungen politischer [...]

Auf eine kurze Skizzierung der Landschaft folgt ein Vergleich der kulturellen Artefakte Ikariens (Wohnhäuser, Städte, Denkmäler) mit denjenigen berühmter Hochkulturen der Menschheitsgeschichte, der schließlich auf einen Vergleich der Industrie Ikariens mit derjenigen Englands und ein Lob des Maschineneinsatzes in Ikarien hinausläuft. Mit der Erwähnung des Ballons greift CABET ein Symbol auf, das für großartige technische Leistungen steht - für die Moderne überhaupt, in der es dem Menschen gelungen ist, seine terrestrische Gebundenheit zu überwinden und zu fliegen. Und so wie der Mensch diese natürliche und unüberwindbar erscheinende Schranke, die ihm die Schwerkraft setzt, überwunden hat, so wird er auch in Zukunft weitere, als unüberwindbar geltende Schranken hinter sich lassen. Der Fortschritt nimmt seinen Lauf. Die „fêtes aériennes“ künden von der neuen, der ikarischen Zeit. [...]

Arbeit zitieren:
Scheminski, Heike Silvia Dezember 2001: Mensch und Technik, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Technik, Fortschrittsidee, industrielle Revolution, Literatur, Antizipation

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