Meinungsmacher Michael Moore?
Der Einfluss des Films Fahrenheit 9/11 auf das Nationenimage Amerikas in Deutschland - eine empirische Analyse
- Art: Magisterarbeit
- Autor: Christiane Lange
- Abgabedatum: August 2005
- Umfang: 183 Seiten
- Dateigröße: 931,4 KB
- Note: 1,0
- Institution / Hochschule: Universität Augsburg Deutschland
- Bibliografie: ca. 158
- ISBN (eBook): 978-3-8366-1738-3
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Lange, Christiane August 2005: Meinungsmacher Michael Moore?, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Publizistik, Kommunikation, Imageforschung, Medienwirkung, Filmanalyse
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Magisterarbeit von Christiane Lange
Einleitung:
Michael Moore ist der erfolgreichste Dokumentarfilmer der neuen Filmgeschichte. In Deutschland avancierte er 2003 mit seinem Film Bowling for Columbine und seinem Buch Stupid White Men zur Gallionsfigur einer Amerika-kritischen Bewegung und erlangte internationale Bekanntheit. Mit seinem neuesten Werk Fahrenheit 9/11 hat Moore versucht, die Medien für ein bestimmtes politisches Interesse zu instrumentalisieren. Er intendierte, die Wiederwahl des amerikanischen Präsidenten George W. Bush am 2. November 2004 zu verhindern. „I hope that people go see this movie and throw the bastard out of office.” (Moore in Smith 2004, S. 22) Der Film beschäftigt sich mit den Folgen der Terroranschläge des 11. September 2001. Zentrales Thema ist der Irakkrieg, dessen Beweggründe Moore als nicht gerechtfertigt erachtet. Stark attackiert er den amerikanischen Präsidenten George W. Bush, den er als Schuldigen des Krieges und darüber hinaus als verantwortungslosen Politiker darstellt. Fahrenheit 9/11 spielte international enorme Erfolge an den Kinokassen ein und ist der erfolgreichste Dokumentarfilm aller Zeiten. Alleine in Deutschland wurde der Film von einer Million Zuschauer im Kino und von knapp sieben Millionen im Fernsehen wahrgenommen. Moores Erfolg, seine zahlreichen Werke und seine offen-deklarierte politische Haltung adelten ihn zum prominenten Bush-Kritiker und lösten einen medialen Hype um seine Person aus.
Trotz der Erfolge hat der Filmemacher sein eigentliches Ziel, die Wiederwahl des amerikanischen Präsidenten zu verhindern, nicht erreicht.
Das Anliegen der vorliegenden Arbeit besteht nun in der Analyse einer nicht direkt intendierten Folge des Films. Untersucht werden soll die Frage, ob es ein Film mit dieser Reichweite und dieser internationalen Popularität schaffen kann, das Nationenimage Amerikas in Deutschland zu beeinflussen. Aufgrund der stringent einseitig-negativen Argumentation des Films ist davon auszugehen, dass er nicht ohne Wirkung bleibt. Es wird angenommen, dass die Einstellung der Deutschen zu Amerika durch die Rezeption von Fahrenheit 9/11 negativ beeinflusst wird.
Gang der Untersuchung:
Die theoretische Herangehensweise an die Forschungsfrage erfolgt primär über die Klärung des Begriffes Image. Hierzu werden die Begriffe Vorurteil, Stereotyp und Image, die von Forschern in gleichen Kontexten verwendet wurden in Abschnitt 2.1. voneinander abgegrenzt.
Der Begriff des Images ist als Überbegriff des zu untersuchenden Nationenimages zu sehen. Punkt 2.2. wird sich daher genauer mit dem Nationenimage befassen und beleuchten wie dieses entsteht.
Ausgehend von dieser strukturellen Grundlage wendet sich die Arbeit in Abschnitt 2.3. dem tatsächlichen Image Amerikas in Deutschland zu. Die Herangehensweise der Imageanalyse erfolgt über die deutsch-amerikanischen Beziehungen nach dem Zweiten Weltkrieg. Nach diesem historischen Abriss wird die öffentliche Meinung in Deutschland zu Amerika nach 2001 aufgezeigt. Sie kennzeichnete sich durch ihre Solidarität. Als der Angriff auf den Irak erstmals auf die politische Agenda rückte, wendete sich die Mehrheit der Deutschen von Amerika ab und verurteilte das mögliche Vorgehen scharf. Die öffentliche Meinung zu Amerika verschlechterte sich und erreichte 2003 ihren absoluten Tiefpunkt.
In diesem Zusammenhang bricht in Deutschland erneut eine Antiamerikanismusdebatte aus. Es wurde diskutiert, ob es richtig erscheint, angesichts des negativen Amerikabildes, von Antiamerikanismus zu sprechen. Kapitel 2.3.3. soll aufzeigen, welche Problematik der Begriff mit sich bringt und in wie fern er sich als mangelhaft für die Beschreibung der Situation erweist.
In Kapitel 3. beschäftigt sich die Arbeit mit der dynamischen Ebene des Nationenimages. Es soll geklärt werden, in wie fern Nationenimages beeinflussbar sind und welche Faktoren an diesem Prozess beteiligt sind.
Fahrenheit 9/11 wird für diese Untersuchung als persuasive Botschaft gesehen, die nicht wirkungslos ist. Die Wirkung wird allerdings von den Merkmalen des Kommunikators, der Botschaft und des Rezipienten limitiert. Eben Genanntes wird in Punkt 3.3.1. dargestellt.
Des Weiteren muss das Nationenimage im internationalen System betrachtet werden, worin die Massenmedien eine monopolistische Stellung besitzen. Die Kanäle der Kommunikation besitzen unterschiedliche Wirkungsgrade. Generelle Unterschiede zwischen dem Wirkpotential des Fernsehens und der Printmedien werden in Kapitel 3.3.2.1. knapp dargestellt. Gegenstand der Untersuchung ist ein Film. Deshalb wird in 3.3.2.2. beleuchtet, welche Ergebnisse zu den Wirkungsgraden des Films bereits vorliegen.
Kommunikator des Films Fahrenheit 9/11 ist Michael Moore, dessen Leben und Werk kurz in Abschnitt 4. beleuchtet werden soll. Besonders interessant in diesem Zusammenhang ist die Einschätzung der deutschen Presse über die Glaubwürdigkeit der Person. Es erfolgte keine Inhaltsanalyse, aber die Hinzunahme zahlreicher Artikel in Abschnitt 4.1.2. kann Tendenzen aufzeigen.
Der Film Fahrenheit 9/11 beinhaltet klare Thesen des Filmemachers, die es zu adaptieren gilt. Anhand einer Inhaltsangabe in Punkt 4.2. werden die Thesen Moores gesucht und extrahiert, um eine Basis für die folgende Untersuchung zu haben.
Als letztes theoretisches Konstrukt (Punkt 4.3.) wird die Problematik angesprochen, dass Fahrenheit 9/11 als Dokumentarfilm gehandelt wird. Hier wird untersucht, ob der Film dem Authentizitätsanspruch des Dokumentarfilms gerecht wird und ob er mit einigen Kriterien, die an streng dokumentarische Arbeiten gestellt werden, bricht.
Alle gewonnen theoretischen Bestände dienen als Basis der folgenden empirischen Untersuchung in Kapitel 5. Die Implikationen für die empirische Untersuchung sind in Abschnitt 4.4. aufgeschlüsselt. Es wird ein Experiment durchgeführt, dass den Einfluss des Films Fahrenheit 9/11 auf das Nationenimage Amerikas in Deutschland messen soll. Die Personen werden vor und nach der Rezeption des Films zu Themen befragt, die das Image Amerikas abbilden. Differenzen im Vergleich der Vorher- mit den Nachherfragebögen können die These, dass eine negative Beeinflussung stattfindet, überprüfen. Um der Komplexität der Realität gerechter zu werden, werden zusätzlich zum Stimulus Film (Fahrenheit 9/11) Artikel mit wertenden Aussagen über die Glaubwürdigkeit Michael Moores gereicht. Auf diese Weise kann gemessen werden, ob ein Artikel die Wirkung eines Films unterstützen oder brechen kann. Die Operationalisierung der empirischen Untersuchung wird in Punkt 5.1. dargestellt. Die Ergebnisse werden in Abschnitt 5.2. präsentiert.
Angesichts der teilweise unbefriedigenden wissenschaftlichen Quellenlage wird notgedrungen auf einige Quellen (z.B. Zeitungs- und Zeitschriftenartikel) zurückgegriffen, die nicht den strengen wissenschaftlichen Kriterien entsprechen.
Die Arbeit schließt mit einer Zusammenfassung in Kapitel 6.
Inhaltsverzeichnis:
| I. | Inhaltsverzeichnis | I |
| II. | Abbildungsverzeichnis | IV |
| III. | Tabellenverzeichnis | V |
| IV. | Abkürzungsverzeichnis | VII |
| 1. | Einleitung | 1 |
| 2. | Image und Nationenimages | 4 |
| 2.1 | Images und bedeutungsähnliche Begriffe | 4 |
| 2.1.1 | Vorurteil | 5 |
| 2.1.2 | Stereotyp | 7 |
| 2.1.3 | Image | 9 |
| 2.2 | Nationenimages | 13 |
| 2.2.1 | Definition | 13 |
| 2.2.2 | Entstehung von Nationenimages | 14 |
| 2.3 | Das Amerikabild der Deutschen | 17 |
| 2.3.1 | Historischer Abriss des deutschen Amerikabildes seit 1945 | 17 |
| 2.3.2 | Das deutsche Amerikabild seit 2001 | 21 |
| 2.3.2.1 | Öffentliche Meinung | 22 |
| 2.3.2.2 | Berichterstattung deutscher Fernsehsender über Amerika | 24 |
| 2.3.3 | „Antiamerikanismus“ in Deutschland? | 25 |
| 2.3.3.1 | Begriffbestimmung Antiamerikanismus | 26 |
| 2.3.3.2 | Amerika-Kritik als identitätsstiftendes Moment | 29 |
| 2.3.3.3 | Antiamerikanismus oder Antibushismus? | 30 |
| 3. | Einfluss und Nationenimages | 33 |
| 3.1 | Zur Beeinflussbarkeit von Nationenimages | 33 |
| 3.2 | Image im internationalen System | 37 |
| 3.3 | Einflussfaktoren auf Nationenimages | 39 |
| 3.3.1 | Zum Einfluss persuasiver Botschaften | 39 |
| 3.3.1.1 | Merkmale des Kommunikators | 40 |
| 3.3.1.2 | Merkmale der Botschaft | 42 |
| 3.3.1.3 | Merkmale des Rezipienten | 43 |
| 3.3.2 | Kanäle der Kommunikation | 44 |
| 3.3.2.1 | Generelle Unterschiede von Print und Fernsehen | 45 |
| 3.3.2.2 | Film | 48 |
| 4. | Einflussfaktor Film - am Beispiel Fahrenheit 9/11 von Michael Moore | 54 |
| 4.1 | Michael Moore | 54 |
| 4.1.1 | Leben und Werk | 54 |
| 4.1.2 | Tendenzen in der Berichterstattung | 59 |
| 4.2 | Fahrenheit 9/11- Inhaltsangabe | 61 |
| 4.3 | Problematik des Genres Dokumentarfilm | 67 |
| 4.4 | Implikationen für das Experiment | 70 |
| 5. | Empirische Analyse zum Einfluss des Films Fahrenheit 9/11 | 73 |
| 5.1 | Operationalisierung | 73 |
| 5.1.1 | Methode | 73 |
| 5.1.2 | Untersuchungsteilnehmer | 75 |
| 5.1.3 | Fragebogenaufbau | 76 |
| 5.1.4 | Zusätzliches Stimulusmaterial: der Artikel über Michael Moore | 79 |
| 5.1.5 | Annahmen und Hypothesen | 80 |
| 5.1.5.1 | Hypothesen für die a-Gruppierung | 82 |
| 5.1.5.2 | Hypothesen für die b-Gruppierung | 83 |
| 5.2 | Ergebnisse | 85 |
| 5.2.1 | Datenerhebung | 85 |
| 5.2.2 | Deskription / Generelle Ergebnisse | 85 |
| 5.2.2.1 | Politisches Interesse | 85 |
| 5.2.2.2 | Mediennutzung | 86 |
| 5.2.2.3 | Direkte Erfahrungen mit Amerika und Amerikanern | 87 |
| 5.2.3 | Vergleiche/ Überprüfung der Hypothesen | 88 |
| 5.2.3.1 | Ergebnisse der a-Gruppen | 88 |
| 5.2.3.1.1 | Bild von Michael Moore und seinem Film Fahrenheit 9/11 | 89 |
| 5.2.3.1.1.1 | Bild von Michael Moore | 89 |
| 5.2.3.1.1.2 | Bewertung des Films Fahrenheit 9/11 | 90 |
| 5.2.3.1.2 | Bild des amerikanischen Präsidenten: George W. Bush | 90 |
| 5.2.3.1.3 | Bild der amerikanischen Regierung | 90 |
| 5.2.3.1.4 | Bild der amerikanischen Bevölkerung | 90 |
| 5.2.3.1.5 | Assoziationen von Amerika | 90 |
| 5.2.3.1.5.1 | Bild von Amerika allgemein | 90 |
| 5.2.3.1.5.2 | Gründe für den Irak-Krieg | 90 |
| 5.2.3.1.5.3 | Allgemeine Aussagen zu Amerika | 90 |
| 5.2.3.1.5.4 | Zusammenfassung der Assoziationen | 90 |
| 5.2.3.1.6 | Einfluss des zusätzlichen Stimulus: Artikel | 90 |
| 5.2.3.2 | Ergebnisse der b-Gruppen | 90 |
| 5.2.3.2.1 | Bild von Michael Moore und seinem Film Fahrenheit 9/11 | 90 |
| 5.2.3.2.1.1 | Image von Michael Moore | 90 |
| 5.2.3.2.1.2 | Bewertung des Films Fahrenheit 9/11 | 90 |
| 5.2.3.2.2 | Bild des amerikanischen Präsidenten | 90 |
| 5.2.3.2.3 | Bild der amerikanischen Regierung | 90 |
| 5.2.3.2.4 | Bild der amerikanischen Bevölkerung | 90 |
| 5.2.3.2.5 | Assoziationen von Amerika | 90 |
| 5.2.3.2.5.1 | Bild von Amerika allgemein | 90 |
| 5.2.3.2.5.2 | Gründe für den Irak-Krieg | 90 |
| 5.2.3.2.5.3 | Allgemeine Aussagen zu Amerika | 90 |
| 5.2.3.2.5.4 | Zusammenfassung der Assoziationen | 90 |
| 5.2.3.2.6 | Einfluss des zusätzlichen Stimulus: Artikel | 90 |
| 5.3 | Kritische Würdigung der Studie | 90 |
| 6. | Zusammenfassung | 90 |
| IV. | Anhang | 90 |
| A. | Vorher-Fragebogen | 90 |
| B. | Nachher-Fragebogen | 90 |
| C. | Positiv fingierter Artikel | 90 |
| D. | Negativ fingierter Artikel | 90 |
| E. | Codierbuch | 90 |
| V. | Literaturverzeichnis | 90 |
Textprobe:
Kapitel 2.3.3.2, Amerika-Kritik als identitätsstiftendes Moment:
Ein weiterer Aspekt, der bei der Bildung des negativen Images von Amerika und bei der losgetretenen Antiamerikanismus-Debatte eine Rolle spielte, ist Donald Rumsfelds Äußerung über das „alte Europa“. Als der Verteidigungsminister der USA Europa in das „alte“ und das „neue“ Europa trennte, beabsichtigte er eine Abwertung der Staaten, die sich nicht am Krieg beteiligen wollten. Frankreich und Deutschland waren zwar nicht explizit angesprochen, aber zweifelsohne Adressat der Aussage. Die erwartete Wirkung, dass die Staaten oder zumindest einige ihrer Bürger sich ausgeschlossen fühlen würden, was sie dazu bringen sollte, ihre ablehnende Haltung noch einmal neu zu überdenken, trat nicht ein. Ganz im Gegenteil: Die ausgrenzende Aussage des Verteidigungsminister hatte eine homogenisierende Wirkung innerhalb der Gruppe. Die Kritik wurde positiviert und wirkte identitätsstiftend. Habermas sah in der Abgrenzung zu verschiedenen Vorstellungen der USA sogar die Chance für eine „Wiedergeburt Europas“. Als Gegenvorschlag zum „Brief der Acht“, in dem acht EU-Staaten und EU-Beitrittsländer ihre Unterstützung für die amerikanische Außenpolitik bekundet hatten, veröffentlichte er zusammen mit Derrida einen Essay, der zur außenpolitischen Erneuerung Europas aufrufen sollte. Es sollte ein „Wir-Gefühl“ in Europa entstehen - eine neue Identität. Ob ein abgelehnter Krieg zu einer dauerhaften Identitätsfindung beitragen kann, ist zweifelhaft. Denn der Konsens, der in einer Zeit des Krieges fällt, kehrt sich in Zeiten des Friedens leicht in Dissens um.
Habermas` Utopie liegt aber nicht weit von der Realität. Das „alte Europa“, welches als Schimpfwort intendiert war, galt in der Sicht der betroffenen Staaten eher als Kompliment. Man versuchte sich auf die positiven Werte, die im alten Europa eine Rolle spielten, zurückzuberufen. Kulturalität, Gemeinschaft und Solidarität wurden in den Vordergrund gerückt. Es ist umstritten und keinesfalls bewiesen, dass sich dieser identitätsstiftende Prozess tatsächlich in den Köpfen der Individuen abspielte. Die Möglichkeit ist aber wahrscheinlich, da man sich in Deutschland klar von den als negativ bezeichneten amerikanischen Werten (unter George W. Bush) abgegrenzt hat. Der deutsche Bundeskanzler hat die Ablehnung des Irak-Kriegs als Wahlthema benutzt. Die deutsche Vorgehensweise wurde sogar als Der deutsche Sonderweg bezeichnet. „Eine Nation ist nur durch Abgrenzung zu einer anderen Nation in der Lage, sich selbst zu definieren“, lautet eines der Prinzipien der Internationalisierung. Weiter heißt es bei den Prinzipien der Internationalisierung, dass für eine solche Abgrenzung der bedeutendste Antagonist aussucht würde. Amerika und Deutschland bzw. Amerika und Europa sind das beste Beispiel dieser Abgrenzung. Nehmen die Verflechtungen im Rahmen der weltweiten Globalisierung stark zu, so wird der Ruf nach Abgrenzung lauter. Als Folge der Abgrenzung besinnt man sich zurück auf die eigene Vergangenheit und die eigene (nationale) Identität. Auch wenn das noch kein Beweis für den identitätsstiftenden Charakter ist, so trägt das momentane transatlantische Verhältnis großes Konfliktpotential in sich. Stereotype und aktuelle Kritikpunkte vermischen sich und führen zu harter Abgrenzung.
Kapitel 2.3.3.3, Antiamerikanismus oder Antibushismus?:
In Anbetracht der oben erzielten Ergebnisse lässt sich zusammenfassen, dass erstens eine klarere Definition des Begriffs „Antiamerikanismus“ erfolgen und zweitens diese mit dem Verständnis der Deutschen über den Begriff verglichen werden muss. Momentan ist die Bestimmung der deutschen Amerikabilder eine Frage der Interpretation. Von Antiamerikanismus zu sprechen erweist sich nach momentanen Erkenntnissen aber als äußerst problematisch. Problematisch, weil es ein nicht klar definierter Begriff ist und problematisch, da dieser Begriff universale Wirkung und Übertragbarkeit auf alle Bereiche des Lebens impliziert.
Ist es in Anbetracht der dargestellten definitorischen Schwierigkeiten nicht angebrachter, von Antibushismus zu sprechen? Antibushismus als Deskription der tiefen Abneigung einer ganzen Nation gegenüber einer bestimmten Person, nämlich George W. Bush?
Hauptadressat und Auslöser der deutschen Kritik ist nicht gegenstandlos oder schwer zu orten, sie richtet sich gezielt gegen George W. Bush, den amerikanischen Präsidenten. Die Deutschen scheinen, wenn auch nicht bewusst, zwischen den Teilaspekten eines Nationenbildes zu differenzieren. So besetzen sie Amerikaner mit positiven Attributen wie gastfreundlich, liebenswert und hilfsbereit, während ihre Regierung als imperialistisch, materialistisch und heuchlerisch beschrieben wird. Das Bild des amerikanischen Präsidenten war jenes eines texanischen Sheriffs, der ein wenig den Bezug zur Realität verloren hat. Die Arbeit, die George W. Bush seit seiner Amtszeit verricht, wurde von über 70% der Deutschen als schlecht bezeichnet. Die Kritik an Präsident Bush wurde, überspitzt formuliert, als Recht und Pflicht des politisch mündigen Bürgers angesehen.
Kein anderer amerikanischer Präsident hatte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Deutschland ein so schlechtes Image wie George W. Bush. Im Jahr 2001 ließ sich bereits mangelndes Vertrauen in den amerikanischen Präsidenten erkennen. Im Jahr 2003 erreichte das Image des Präsidenten ein noch nie vorher da gewesenes Tief in der deutschen Gunst, nur 9% hatten eine gute Meinung von Bush jr., während 72% der Befragten angaben, dass sie keine gute Meinung von ihm haben. Der Versuch, das Phänomen als Antibushismus zu bezeichnen, erscheint aber deshalb problematisch, da er völlig außer Acht lässt, dass Amerika ein demokratischer Staat ist. Der US-Präsident wird durch seine Bürger demokratisch legitimiert. Die Tatsache, dass über die Jahre 2002, 2003 stets ca. 60% der US-Bürger ihren Präsidenten im Krieg gegen den Terror unterstützten, passt nicht in die Unterteilung in „Gut“ und „Böse“, in die Unterteilung amerikanische Bevölkerung auf der einen Seite und amerikanischer Präsident auf der anderen. Die Hälfte der Amerikaner war der Meinung, dass die Intervention im Irakkrieg die geforderten Menschenleben wert sind. Die Antipathie gegen George W. Bush müsste sich auf die Menschen übertragen, die ihn legitimieren. Gerade nach der Wiederwahl des US-Präsidenten am 2. November 2004, müsste sich die Unterscheidung nicht mehr recht anwenden lassen. Wäre eine immer noch stattfindende Abgrenzung des amerikanischen Präsidenten von den Amerikanern vorhanden, so wäre dies ein weiteres Indiz dafür, dass der Faktor Rationalität beim Aufbau von Feindbildern keine Rolle spielt. Es wäre aber auch ein Indiz dafür, dass die Deutschen zwischen den amerikanischen Bürgern und der amerikanischen Wählerschaft differenzieren. In Meinungsumfragen, die in Deutschland durchgeführt werden, wird nach Eigenschaften der Amerikaner gefragt. Es könnte von Vorteil sein auszuprobieren, „die Amerikaner“ mit „die amerikanische Wählerschaft“ zu ersetzen. Aus rationalen Gesichtspunkten wäre ein anderes Ergebnis zu erwarten. Entstünde kein unterschiedliches Ergebnis, so wäre die Tatsache der demokratischen Legitimation schlicht vernachlässigt und das Kriterium der Irrationalität dominant. Der Begriff Antibushismus verlangt nach genauerer Überprüfung, ist aber eine adäquatere Alternative zur Beschreibung des 2002-2004 vorherrschenden deutschen Meinungsbildes.
Kapitel 3., Einfluss und Nationenimages:
Einflussfaktoren auf Images stellen sich – wie der Imagebegriff selbst - als „schwierig zu ermittelnde Realitäten“ dar. Trotzdem soll versucht werden zu analysieren, welche Kanäle der Kommunikation dynamischen Einfluss auf Images haben und welche Kanäle als besonders wirksam erachtet werden. Die Vorgehensweise bei der Ermittlung der Wirkungsgrade erfolgt durch die Kenntnisse der Medienwirkungsforschung. Es erscheint plausibel festzuhalten, welche Medien welche Wirkungsgrade haben und diese Kenntnisse auf die Beeinflussbarkeit von Images, die primär beschrieben wird, zu übertragen. Hierzu ist es notwendig, den Begriff „Massenmedien“ stärker auszudifferenzieren und sich die verschiedenen massenmedialen Darstellungsformen, ihre Wirkungsgrade und ihre zugeschriebenen Glaubwürdigkeiten zu betrachten.
Gegenstand dieser Untersuchung ist der Film Fahrenheit 9/11, deshalb soll theoretisch geklärt werden, welche Erkenntnisse es bisher zu den Wirkungsstärken des Films gibt. Zusätzlich muss Fahrenheit 9/11 als Gegenstand der Persuasion betrachtet werden. Angesichts dieser Tatsache wird ebenfalls beleuchtet, wie sich persuasive Botschaften aus dem Ausland auswirken können.
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Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783836617383
Arbeit zitieren:
Lange, Christiane August 2005: Meinungsmacher Michael Moore?, Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Publizistik, Kommunikation, Imageforschung, Medienwirkung, Filmanalyse



