Max - eine Tragikomödie?
- Art: Diplomarbeit
- Autor: Markus Dittrich
- Abgabedatum: Januar 2000
- Umfang: 78 Seiten
- Dateigröße: 794,6 KB
- Note: 1,6
- Institution / Hochschule: Hochschule für Film und Fernsehen "Konrad Wolf" Potsdam-Babelsberg Deutschland
- ISBN (eBook): 978-3-8324-9750-7
-
ISBN (Paperback) :
978-3-8324-9750-7 P - ISBN (CD) :978-3-8324-9750-7 CD
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Dittrich, Markus Januar 2000: Max - eine Tragikomödie?, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Drehbuch, Theater, Film, Stoffentwicklung, Dramaturgie
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Diplomarbeit von Markus Dittrich
Einleitung:
Giacomo Casanova wurde einst gefragt, worin die Kunst der Verführung bestehe. Er antwortete mit dem Bonmot, man müsse den Schönen sagen, sie seien klug und den Klugen, sie seien schön. Doch was soll man nun zu einer Dame sagen, die tatsächlich schön und klug ist? Müßte man sagen, sie wäre keines von beiden, oder aber, sie wäre beides zugleich? Oder ist jede Antwort richtig? Die gleiche Frage stellt sich noch dazu bei einer Dame, die keine der gewünschten Eigenschaften besitzt.
In der NDR-Talkshow formulierte Peter Ustinov 1987 ein ähnliches Paradox. Einer der Moderatoren stellte ihm die Frage, was genau der Unterschied zwischen Tragik und Komik sei. Ustinov antwortete: „Etwas Komisches ist nur etwas Ernstes, das schief gegangen ist. Und etwas Ernstes ist etwas Komisches, das schief gegangen ist.“ Wie oft steckt eine Wahrheit in dem Gag: Der Ernst, der in der Komik scheitert ist der der Figur; die Komik, die im Tragischen scheitert ist jedoch die des Autors. Unerwartet daran ist die logische Konsequenz für eine mögliche Mischung von Tragik und Komik. Scheitert sie doppelt oder scheitert sie gar nicht? Ist sie ein Unding, oder bietet sie grundsätzlich neue Möglichkeiten?
Diese Frage, die zunächst wie ein Wortspiel wirkt, hat ja historisch einen realen Hintergrund. Jahrhunderte lang wurde von Theoretikern gegen die Vermischung von Tragik und Komik Stellung bezogen. Cicero z.B. sagte bündig: „So wie in der Tragödie das Komische von Übel ist, so ist das Tragische in der Komödie häßlich.“ .
Und John Milton erklärte im Vorwort zu „Samson Agonistes“ noch 1671, die Vermischung von Tragik und Komik sei ein Irrtum der „in dem unlauteren Bestreben geschehen ist, dem Volk gefällig zu sein.“ Shakespeare war seit 57 Jahren tot und konnte sich nur noch im Grabe umdrehen. Noch lange nachdem er die tragisch-komische Kontrastwirkung mit großem Erfolg praktiziert hatte, blieben Neunmalkluge auf dem Standpunkt stehen, jede Vermischung sei von Übel.
Gang der Untersuchung:
Diese teilweise sehr persönlich gehaltene Arbeit ist janusköpfig wie das Phänomen der Tragikomödie selbst.
Im ersten, ca. 30 Seiten langen Historischen Teil analysiere ich die Entstehung und Entwicklung der Tragikomödie, ihrer Einflüsse und ihrer – veränderlichen - Begrifflichkeit von der Antike bis ins Kino der Gegenwart.
Im darauf folgenden pragmatischer angelegten Werkstattbericht oute ich die Entwicklung meines eigenen tragikomischen Kino-Stoffes „Max“ von der ersten Idee bis zum Drehbuch, mit allen dramaturgisch-handwerklichen aber auch praktisch-geschäftlichen Problemen.
Insgesamt ging es mir um die Erkenntnis, wie weit ich mich als moderner „Scriptwriter“ - gerade beim Umgang mit jener spezifischen Spannung zwischen Tragik und Komik - in einer Tradition bewegt, die älter ist als das Kino.
Inhaltsverzeichnis:
| Vorwort | 3 | |
| 1. | HISTORISCHER TEIL | 4 |
| 1.1 | Versuch einer Hypothese | 7 |
| 1.1.1 | Tragisch oder traurig? | 8 |
| 1.1.2 | Komisch oder albern? | 10 |
| 1.1.3 | Tragikomödie – nur ein Wort? | 11 |
| 1.2 | Im Theater | 14 |
| 1.2.1 | Shakespeare | 15 |
| 1.2.2 | Molière | 22 |
| 1.2.3 | Das Theater der Aufklärung | 29 |
| 1.2.4 | Moderne Zeiten | 32 |
| 1.3 | Im Kino | 35 |
| 1.3.1 | Chaplin | 35 |
| 1.3.2 | Woody Allen | 41 |
| 1.3.3 | Kino und Katharsis | 46 |
| 2. | WERKSTATTBERICHT | 51 |
| 2.1 | „Das Trollbier“ | 51 |
| 2.2 | Der Einfall | 52 |
| 2.2.1 | Gesucht: Regie | 54 |
| 2.3 | Das Brainstorm | 56 |
| 2.4 | Das Exposé | 58 |
| 2.4.1 | Gesucht: Sender | 61 |
| 2.5 | Das Treatment | 63 |
| 2.6 | Die Figuren | 65 |
| 2.6.1 | Gesucht: Produzent | 69 |
| 2.7 | Das Drehbuch | 70 |
| 2.7.1 | Gesucht und gefunden | 72 |
| 2.8 | Max – eine Tragikomödie? | 75 |
| 2.8.1 | Happy End | 76 |
warten. Zur gleichen Zeit flüchten Schultz und der kleine Friseur in gestohlenen Offiziersuniformen aus dem Gefangenenlager ganz in der Nähe. Beim Schuß auf eine Ente fällt Hinkle aus seinem Ruderboot, wird von zwei Soldaten mit dem flüchtigen kleinen Friseur verwechselt und gefangen genommen. Der kleine Friseur und Schultz stolpern derweil beim angsterfüllten Grenzübergang nach Osterlich mitten in das Fest zum Einmarsch des großen Diktators. Der kleine Friseur wird für Hinkle gehalten. Um – wie Schultz und er selbst glaubt – nicht wieder gefangen zu werden, bleibt ihm nichts anderes übrig, als statt Hinkle eine Rede zu halten. Und das tut er. Unter dem Aspekt der Tragikomödie im Unterschied zur reinen Komödie ist an dieser Geschichte eines besonders verblüffend: Die Verwechslung Hinkles mit dem kleinen Friseur ist nicht Auslöser oder Thema der Geschichte, sondern nur ihre Pointe. Chaplin nutzte – wie ich glaube – ganz bewußt nicht dieses erprobte Modell. Damit ging er zwei Risiken ein: Zum einen konnte er weder Witz noch Konfliktpotential der Verkennung nutzen. Zum anderen mußte er zwei Protagonisten mit zwei Handlungsverläufen verknüpfen, die Geschichte tendiert deshalb zu größerer Offenheit als Chaplins anderen Filme (man vergleiche, wie strikt die Kausalfolge z.B. in der Verwechslungsgeschichte „The Pilgrim“ von 1923 ist!) Der jüdische Friseur als tomanischer Diktator: Die Story wäre einfacher zu schreiben und zu inszenieren gewesen, dabei genauso komisch und sogar ähnlich entlarvend. Aber eben auch harmloser. Tyrannei und Menschlichkeit läßt sich nicht als Verwechslung darstellen, ohne beides zu verkleinern – und damit wiederum ihre fundamentale Kollision. Die parallele Erzählung des Diktators und des jüdischen Friseurs ist eine Entscheidung, an der wir ganz klar sehen, dass Chaplin etwas größeres vorhatte als die reine Komödie, Farce oder – wie man heute vielleicht sagen würde – Satire. 1.3.2 Woody Allen Der wohl einflußreichste Drehbuchautor für die filmische Tragikomödie unserer Tage ist Woody Allen. Obwohl er – wie er selbst in einem Interview anläßlich „Deconstructing Harry“ sagte – keinen einzigen direkten Nachahmer hat, ist sein Einfluß auf Themen und Dialogführung vieler moderner Komödien und Tragikomödien auffällig. Neurosen und Philosophie als komisches Thema sowie intelligente GagRepliken als organischer Teil der Dialoge sind mittlerweile ein übliches Mittel der feiner gestrickten Komödie. [...]
Hinkle mit seiner Doppelkreuz-Armbinde wird Diktator Tomaniens. Unser Friseur verläßt inzwischen die Heilanstalt und kehrt – absolut ahnungslos – in das jüdische Stadtviertel zurück, in dem sein alter Friseurladen ist. Er glaubt, dass er noch vor ein paar Wochen hier war. Sofort stößt er mit Schlägern der Sturmtruppen (ein Mittelding zwischen Pickelhauben-Polizei und SA) zusammen, als sie „Jew“ an seinen Laden pinseln. Obwohl ihm die hübsche Nachbarin Hanna hilft sich zu wehren, eskaliert der ungleiche Kampf so, dass die Sturmtruppen ihn fast an Ort und Stelle aufhängen. Erst ein vorbeifahrender Offizier gebietet ihnen Einhalt. Es ist Schultz! Er ist inzwischen Major der Sturmtruppen und trägt die Doppelkreuz-Armbinde. Trotzdem ist er ganz der Alte und befiehlt, dass man den jüdischen Friseur in Ruhe läßt. Zur gleichen Zeit entschließt sich Hinkle zu einer sanfteren Gangart mit den Juden, da er einen Kredit von dem jüdischen Bankier Epstein braucht. Für kurze Zeit wird es friedlich im Getto. Hanna spricht sogar die unterschwellige Hoffnung aus, dass sich die Dinge vielleicht doch zum Guten wenden könnten. Der kleine Friseur macht ihr die Haare, die beiden verabreden sich zum Spaziergang. Doch genau da erfährt Hinkle, dass der Kredit platzt. Sofort läßt er Schultz rufen, er soll im Getto „aufräumen“. Schultz weigert sich aber und wird verhaftet. Noch während der kleine Friseur und Hanna auf ihrem romantischen Spaziergang sind, kippt die Stimmung. Die beiden kaufen sich gerade eine Plakette von Hinkle (!), als sie plötzlich über Lautsprecher seine haßerfüllte Stimme hören. Der Friseur gibt die Plakette zurück, kurz darauf wird das Getto gestürmt. Schultz taucht ebenfalls im Getto unter und versucht, ein Attentat auf Hinkle zu organisieren, am Ende aber werden er und der kleine Friseur verhaftet und in ein „Konzentrationslager“ gebracht (was im Film gezeigt wird ist eher ein Gefängnis oder ein Kriegsgefangenenlager. Chaplin schrieb später in seiner Autobiografie dass er, hätte er um die Greuel der realen KZ’s gewußt, den Film nie hätte drehen können. Deshalb setze ich den Begriff, der im Film so genannt wird, in Anführungsstriche). Hanna und die anderen aus dem Getto flüchten inzwischen in das schöne und friedliche Osterlich, einem freien Land. Hinkle will Osterlich erobern. Doch es gibt einen Konkurrenten, der das gleiche will: Benzino Napaloni, den Diktator von Bacteria. Die beiden Diktatoren treffen sich deshalb zu kaltem Buffet und Militärparade, um sich zu einigen. Hinkle unterschreibt zum Schein einen Nichtangriffspakt und befiehlt gleichzeitig seinen Adjutanten Gorbitch und Hering, den Einmarsch nach Osterlich vorzubereiten. Er selbst will unter dem Vorwand der Entenjagd in der Nähe der Grenze Tomania/Osterlich [...]
Weise, es loszuwerden, doch nichts klappt. Er legt es sogar wieder zurück neben die Mülltonne (!) und nimmt es dann nur wieder mit, weil hinter ihm ein Polizist erscheint (der Polizist im Rücken war ein Stereotyp früher Slapsticks). Das Baby schreit seinen ganzen Schmerz heraus, der Tramp schüttelt es und hampelt in komischer Hilflosigkeit damit herum, spricht sogar mit dem Kind, doch es nützt alles nichts, das Kind weint. Der Tramp guckt sieht sich um – was soll er tun, wohin damit? - und entdeckt einen Gulli. Er hebt den Gullideckel an, guckt in das Loch, kurz davor, das Baby wegzuwerfen, zögert dann – und behält das Kind. Was den Moment der Babyrettung so groß macht ist für mich die Tatsache, dass der Tramp ein ganz und gar unsentimentaler Held ist. Sogar sein Zögern reizt zum Lachen. Spätestens mit „The Great Dictator“ (Buch und Regie: Chaplin, 1941) bekam jene Tramp-Naivität eine unbestritten sinntragende Bedeutung. Durch den zentralen Einfall, die Parodie des realen Schreckens Hitler alias Hinkle und die Geschichte des CharlieTramps zu verknüpfen, wurde das Tragische im Komischen zum Programm. Mit der berühmten Schlußrede riskierte Chaplin offenen Auges, allzu idiotensicher zu werden: „Er hielt eine Rede über Menschlichkeit, und es gab große Diskussionen darüber, (...) dass das nicht (...) in den Film gehörte. Es war geschmacklos. Es war nichtig, dass Charlie sich dazu hergab, Propaganda zu machen.“ erinnerte sich sein damaliger HighSociety-Freund Tim Durant 23. Um so erstaunlicher ist es heute – 61 Jahre später – zu sehen, dass das Gesagte noch immer in vollem Umfang zutrifft. Naivität bedeutet eben manchmal auch den Mut, etwas auszusprechen, weil es wahr ist: „Die Gier hat die Seelen der Menschen vergiftet. (...) Unser Wissen hat uns zynisch (...) gemacht. Wir denken zuviel und fühlen zuwenig.“ dies und anderes sagt der kleine jüdische Friseur, der durch eine Verwechslung in die zweifelhafte Ehre kommt, als Diktator Hinkle eine Rede zu halten. Die Geschichte: Kurz vor Ende des ersten Weltkrieges wird der kleine jüdische Friseur – ein naher Verwandter des Tramps – als einfacher Soldat von seiner Truppe getrennt und trifft auf den verletzten Flieger-Offizier Schultz. Der Friseur hilft ihm weiterzufliegen. Kurz darauf stürzen die beiden zusammen ab. Sie überleben zwar, aber der kleine Friseur verliert sein Gedächtnis und landet in einer Heilanstalt. In den folgenden Jahren wird Tomania von einer neuen politischen Kraft heimgesucht. Anton [...]
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http://www.diplom.de/ean/9783832497507
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Dittrich, Markus Januar 2000: Max - eine Tragikomödie?, Hamburg: Diplomica Verlag
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Drehbuch, Theater, Film, Stoffentwicklung, Dramaturgie



