Maßnahmen der sozialen Arbeit zur Prävention von und Intervention bei Gewalt in Pflegeeinrichtungen
- Art: Diplomarbeit
- Autor: Carsten Böhmer
- Abgabedatum: September 2005
- Umfang: 134 Seiten
- Dateigröße: 730,6 KB
- Note: 1,0
- Institution / Hochschule: Fachhochschule Coburg Deutschland
- ISBN (eBook): 978-3-8324-9385-1
-
ISBN (Paperback) :
978-3-8324-9385-1 P - ISBN (CD) :978-3-8324-9385-1 CD
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Böhmer, Carsten September 2005: Maßnahmen der sozialen Arbeit zur Prävention von und Intervention bei Gewalt in Pflegeeinrichtungen, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Aggressionstheorien, Wohnformen, Wechselwirkung, Personalführung, Gewalt
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Diplomarbeit von Carsten Böhmer
Einleitung:
Das Thema „Gewalt in der Pflege“ wurde erst spät von der Literatur erfasst. Zunächst beachtete man vor allem „Gewalt gegen Kinder“, insbesondere die Misshandlung und Vernachlässigung, dann wurde man verstärkt auf „Gewalt gegen Frauen“ aufmerksam und erst in den vergangenen zwei Jahrzehnten stieg die Bedeutung des Themas „Gewalt in der Pflege“.
Bei den Ursachen für und Erscheinungsformen von Gewalt gegen Kinder zum einen und gegen Senioren zum anderen gibt es durchaus Überschneidungen, insbesondere in der familiären Pflege. Kinder und Senioren sind abhängig, Kinder und Senioren müssen gepflegt werden und benötigen Zuneigung. Ihre Bedürfnisse sind ähnlich, ebenso ihre Stellung in der Familie.
Gewalt gegenüber alten Menschen kann jedoch auf unterschiedlichen Ebenen stattfinden. In erster Linie muss die Gewalt innerhalb der Familie im Verhältnis „Zu-Pflegender- Angehöriger“ von der Gewalt innerhalb sozialer Pflegeeinrichtungen im Verhältnis „Zu-Pflegender- Pflegepersonal“ differenziert werden. Zu Grunde liegen den beiden Ebenen unterschiedliche Beziehungen, die durch unterschiedliche Problematiken gekennzeichnet sind. Grob gesagt muss der Angehörige Beruf, die Pflege des Bedürftigen und die Erziehung eigener Kinder in Einklang bringen, während der Pfleger im Zwiespalt zwischen Anforderungen der Einrichtung, der Gesellschaft, der Pflegeperson sowie deren Angehörigen, als auch persönlicher Grenzen steht. Sowohl die private als auch die stationäre Pflege kann unfreiwillig übernommen worden sein. Während der Pflegerberuf häufig „Beruf zweiter Wahl“ ist, kommen private Pflegebeziehungen häufig aufgrund von sozialem Druck oder finanzieller Notwendigkeit zustande.
Der Fokus ist in meinen Ausführungen auf die Gewalt in Pflegeeinrichtungen gerichtet, die andere Ebene wird teilweise angeschnitten.
Belastend auf das Pflegeverhältnis können sich auch persönliche Charakteristika sowohl seitens des Zu-Pflegenden, als auch seitens des Pflegenden, wie auch gewisse Krankheitsbilder auswirken. Der Zu-Pflegende stellt eine große finanzielle Belastung dar, zum einen für die Gesellschaft, zum anderen aber auch für Angehörige, insbesondere, wenn keine eigenen finanziellen Mittel mehr vorhanden sind. Auch hieraus ergeben sich mögliche Konfliktpotentiale.
Das Alltagsdenken von den lieben Angehörigen, die ihren pflegebedürftigen Vätern und Müttern nichts zu Leide tun können, ist ebenso falsch, wie die Tatsache, dass Gewalt immer absichtlich geschehen muss und nur vom Pflegenden ausgehen kann.
Zahlen über Auftretenshäufigkeiten von Gewalt in Institutionen gibt es kaum. Generell besteht im Bereich von Gewalt gegen alte Menschen eine hohe Dunkelziffer. Neben der hohen Dunkelziffer von Gewalt in der Pflege ergibt sich auch aufgrund des strukturellen Wandels unserer Bevölkerung einhergehend mit einer wachsenden Zahl an pflegebedürftigen Menschen eine hohe Notwendigkeit, die Gewalt mit all ihren Ursachen, Erscheinungsformen, wie auch den Möglichkeiten der Prävention und Intervention immer wieder neu zu erörtern und systematisch zu untersuchen.
Es gibt immer mehr alte Menschen, die unterschiedliche Bedürfnisse und Wünsche, wie auch unterschiedliche Ressourcen aufweisen. Das Alter muss als eigenständige Lebensphase begriffen und sollte inzwischen bereits weiter differenziert werden.
Die Häufigkeit von Anrufen beim Bonner Notruftelefon der Initiative gegen Gewalt lässt zwar Rückschlüsse auf die generelle Verteilung der verschiedenen Formen von Gewalt zu, diese Zahlen sind jedoch nicht einzig auf die Gewalt in Institutionen bezogen. Die Zahlen setzen sich vielmehr aus Anrufen aus den Bereichen Gewalt im öffentlichen Raum, Gewalt in der häuslichen Pflege und Gewalt in Institutionen zusammen.
In systematischen Untersuchungen wurden bisher meist einzelne Gewaltphänomene, wie die Einschränkung von Bewegungsfreiheit (Einsperrung und Fesselung) und Psychopharmaka-Missbrauch (Über-, Unter- und Fehlmedikation) erfasst. Mit den Untersuchungen zum Thema Gewalt scheinen wir also noch am Anfang einer möglichen großen Untersuchungsreihe zu stehen.
Eine relativ aktuelle Untersuchung stammt von Klie und Pfundstein aus dem Jahre 2000. Sie haben in 31 Münchner Alten- und Pflegeheimen eine Stichtagserhebung zum Thema „freiheitsentziehende Maßnahmen“ durchgeführt. Die Angaben wurden von den Pflegeheimmitarbeitern gemacht (N=973). Hierbei gab nahezu die Hälfte der Mitarbeiter an, mechanische Maßnahmen am Stuhl oder Bett auszuüben. Bei ca. 1/3 der Bewohner wurden die Maßnahmen im Bett für eine Zeit von über 20 Stunden und am Stuhl für über acht Stunden durchgeführt. Als Grund wurde in 91% der Fälle „Sturzgefahr/Gehunsicherheit“ genannt.
Insbesondere die Dauer der Maßnahmen ist meines Erachtens als problematisch zu betrachten. Eine Rechtfertigung durch Notwendigkeit dürfte kaum mehr möglich sein.
Es besteht eine Vielfalt sozialer Zusammenhänge, die zu Gewalt führen können, jedoch gibt es ebenso viele Möglichkeiten, um der Gewalt vorzubeugen. Die von mir im folgenden behandelten Möglichkeiten, wie Gewalt entstehen kann sowie die aufgeführten Interventions- und Präventionsmaßnahmen decken ein weites Spektrum ab, dürfen jedoch nicht als allumfassend betrachtet werden. Die Wege zur Prävention von und Intervention bei Gewalt müssen darüber hinaus als Gesamtkonzept und dürfen nicht isoliert voneinander betrachtet werden. Neben den möglichen Ursachen von Gewalt und den Möglichkeiten der Intervention und Prävention möchte ich auch alternative Wohnformen vorstellen. Die Gestaltung des räumlichen Umfeldes hat ebenso Auswirkungen auf das Wohlbefinden des Menschen, sei es durch eine angenehme Atmosphäre, eigene Gestaltungsmöglichkeiten oder die Bestimmung von Nähe und Distanz nach eigenen Vorstellungen. Wohlbefinden spiegelt sich ganz wesentlich im eigenen Verhalten wieder, was bedeutet, dass es Einfluss auf das Vorhanden-/Nichtvorhandensein von Gewalt in der Einrichtung nimmt.
Aufgrund der hohen Bedeutung des Themas „Gewalt in der Pflege“, wie auch der Veränderungen in unserer Bevölkerungsstruktur messe ich meiner Arbeit eine Appellfunktion zu, nach immer wieder neuen Wegen des Zusammenlebens unserer Generationen miteinander zu suchen. Wir sollten uns darüber im Klaren sein, dass wir alle altern und deshalb eines Tages auf einen Pflegeplatz in einer Einrichtung, welcher Art auch immer, angewiesen sein können. So unangenehm und tabubehaftet das Thema „Gewalt in der Pflege“ auf den ersten Blick auch erscheinen mag, irgendwann können wir alle Betroffene sein.
Wenn ich im Folgenden von Pflegern, Supervisoren etc. spreche, so schließt das stets auch die weiblichen Personen dieser Berufsgruppen mit ein.
Inhaltsverzeichnis:
| 1. | Einführung in das Thema | 1 |
| 2. | Definitionen | 5 |
| 2.1 | Prävention | 5 |
| 2.2 | Intervention | 7 |
| 2.3 | Gewalt und Aggression | 8 |
| 2.3.1 | Gewalt | 8 |
| 2.3.2 | Aggression | 16 |
| 2.3.3 | Abgrenzung von Gewalt und Aggression | 17 |
| 2.4 | Pflegeeinrichtung | 20 |
| 3. | Ursachen der Entstehung von Gewalt in Pflegeheimen | 21 |
| 3.1 | Aggressionstheorien | 21 |
| 3.2 | Gewaltursachen auf Seite des Bewohners | 28 |
| 3.2.1 | Übergangskrise beim Umzug ins Heim | 28 |
| 3.2.2 | Spezifische Krankheitsbilder | 33 |
| 3.2.3 | Aggressivität in der Sterbephase | 37 |
| 3.2.4 | Aggression als Mittel zur Kontaktaufnahme | 41 |
| 3.3 | Gewalt ausgehend vom Pflegepersonal | 42 |
| 3.3.1 | Persönlichkeitsmodell | 42 |
| 3.3.2 | Rollenkonflikte | 45 |
| 3.3.3 | Das Helfersyndrom | 47 |
| 3.3.4 | Belastung/Überbelastung/Stress | 50 |
| 3.3.5 | Machtmodell | 54 |
| 3.3.6 | Subkulturthese | 55 |
| 3.4 | Gewalt bedingt durch Faktoren der Einrichtung/des Berufes | 56 |
| 3.5 | Gewalt gefördert durch die Gesellschaft | 64 |
| 3.6 | Gewalt ausgehend von den Angehörigen | 71 |
| 4. | Maßnahmen zur Prävention und Intervention | 72 |
| 4.1 | Prävention | 72 |
| 4.1.1 | Steuerung durch die Rahmenbedingungen der Einrichtung | 73 |
| 4.1.2 | Supervision | 83 |
| 4.1.3 | Fortbildungen/ Kurse/ Seminare/ Vorträge | 90 |
| 4.1.4 | Stressmanagement/Konfliktmanagement | 93 |
| 4.1.5 | Selbstpflege | 101 |
| 4.1.6 | Die Gesellschaft als Ansatzpunkt von Gewaltvermeidung | 103 |
| 4.1.7 | Angehörigenarbeit | 107 |
| 4.2 | Intervention | 108 |
| 4.2.1 | Selbsthilfegruppen | 109 |
| 4.2.2 | Supervision | 111 |
| 4.2.3 | Personelle Konsequenzen als Mittel der Intervention für das Unternehmen | 113 |
| 4.2.4 | Intervention bei aggressiven Bewohnern | 115 |
| 5. | Alternative Konzepte der Altenarbeit | 117 |
| 5.1 | Aktueller Stand | 117 |
| 5.2 | Wohnformen der Zukunft für Senioren | 119 |
| 5.2.1 | Seniorenfamilien | 121 |
| 5.2.2 | Betreutes Wohnen | 122 |
| 5.2.3 | Betreute Seniorenwohngemeinschaften | 123 |
| 5.2.4 | Mehr-Generationen-Wohnen | 124 |
| 5.2.5 | Das Pflegeheim von heute | 125 |
| 6. | Fazit und Ausblick | 127 |
| Literaturverzeichnis | 128 | |
| Tabellenverzeichnis | 131 | |
| Erklärung | 132 |
Aufgrund der Tatsache, dass es immer mehr hochaltrige Menschen und Pflegefälle gibt, welche wie oben beschrieben, der Gesellschaft finanziell zur Last fallen, könnte die Gesellschaft auch dazu übergehen, ihr Bild von diesen Menschen auf das Alter insgesamt zu übertragen. Das Altersbild wirkt sich auch auf den gesundheitlichen Zustand der alten Menschen aus. Es begünstigt Rückzugstendenzen und Inaktivität, wodurch gewisse Krankheitsbilder, wie z.B. Altersdepression leichter auftreten oder schneller fortschreiten können. Die Gesellschaft hat ein Interesse daran, dass es in Zukunft so wenig wie möglich alte Menschen gibt. Realistisch und treffend ist dieses Bild nicht, aber es macht im gesellschaftlichen Kontext Sinn. „Alterseffekte“165 werden bei bestimmten „Kohorten“166 zu einem späteren Zeitpunkt weniger deutlich ausfallen. Durch die Verzögerung des Alterns bedingt, sind 80-jährige Menschen heute nicht mehr so gebrechlich, als es 80-jährige vor 80 Jahren waren. Dies ist ein „Kohorteneffekt“. Die Tatsache, dass 60-jährige vor 100 Jahren bereits multimorbid waren, heißt nicht, dass sie es auch heute sind. Leider verändert sich jedoch das gesellschaftliche Bild hier nur langsam. Die Gesellschaft hat die bessere gesundheitliche und geistige Beschaffenheit von Menschen im Alter im Vergleich zu früher nur bedingt wahrgenommen. Darüber hinaus hat die Politik ein Interesse daran, dass weiterhin ein verzogenes Altersbild existiert (s.o.). Es bleibt festzuhalten, dass das gesellschaftliche Altersbild nicht dem entsprechen muss, wie ein durchschnittlicher alter Mensch beschaffen ist und welche Eigenschaften er hat. Jeder Mensch ist für sich verschieden. Wir unterliegen auch der Gefahr, das gesellschaftliche Altersbild auf jeden einzelnen alten Menschen übertragen, ohne dabei die Individualität des Menschen zu beachten. Zu der Gesellschaft gehören sowohl die alten Menschen, als auch das Pflegepersonal selbst. Beide Gruppen sind durch die „Altersstereotypen“ beeinflussbar. Alte Menschen bekommen vermutlich ein negatives Selbstbild und auch ihr Selbstwertgefühl wird sicherlich dadurch verringert. Sie könnten sich unnütz und überflüssig in der Gesellschaft fühlen. Nach Grond ist ein Zusammenhang zwischen dem Verlust des Selbstwertgefühls und dem Serotoninspiegel erwiesen.167 Zu einem Verlust des Selbstwertgefühls kann es auch kommen, wenn sich die alten Menschen „an den Rand gedrängt fühlen“. Ein [...]
alten Menschen passen nicht mehr in dieses Gesellschaftsbild. Sie tragen (derzeit) nicht oder kaum mehr zur Gesellschaft bei. Wenn das Alter jedoch generell mit Verlust und Abbau von Fähigkeiten in Verbindung gebracht und defizitär betrachtet wird so besteht die Gefahr, dass unsere Gesellschaft den Weg zurück zur „Satt-und-Sauber-Pflege“ geht und individuelle Wünsche und Bedürfnisse wie auch Fähigkeiten und Ressourcen abgedrängt werden. Weil die Pflegebedürftigkeit heute Jahre bis Jahrzehnte dauert, werden die alten Menschen als enorme Belastung empfunden. Aufgrund der immensen Zahl hochaltriger Menschen, die zu Zeiten knapper staatlicher Kassen gepflegt und versorgt werden müssen, verursacht die alte Generation unserem System immense Kosten. Deshalb wird diese Bevölkerungsgruppe (derzeit) immer mehr als „Nutznießer der Gesellschaft“ gesehen. [...]
Meines Erachtens dürfte das gesellschaftliche Altersbild heute durchaus nicht mehr derart positiv und von positiven Erwartungen geprägt sein. Man sollte auch berücksichtigen, dass diese Theorie bereits 22 Jahre alt ist und sich die Lebenserwartung seither weiter erhöht hat. So konnte sich Zimbardo womöglich noch auf eine kleinere Gruppe der Senioren beziehen, die auch ein insgesamt niedrigeres Durchschnittsalter hatte. Das Alter kann und muss inzwischen weiter differenziert werden. Man findet Begriffe, wie die des „Jungen Alten“, des „Alten“ und des „Alten Alten“161 vor. Das Bild Zimbardos ist womöglich heute noch auf die jungen Alten, kurz nach Renteneintritt, übertragbar. Selbst wenn das Bild Zimbardos für die heutige Zeit noch zutreffend sein sollte, kann sich hieraus ein Konfliktpotential ergeben. Viele Senioren, insbesondere die hochaltrigen Menschen, wie auch Pflegefälle können die genannten Erwartungen nicht mehr erfüllen. Folge ist womöglich, dass die Gesellschaft nach dem Kriterium der Leistung klar selektiert. Nur wer den Ansprüchen der Gesellschaft genügt, gehört zur Gesellschaft. Somit werden gebräuchliche, hochaltirige Menschen und Pflegefälle von der Gesellschaft ausgestoßen und es wird ihnen kaum mehr Anerkennung geschenkt. Meyer erkennt bereits die Tendenz zur Ausgrenzung alter Menschen in unserer Gesellschaft. Ihr zu Folge ist das gesellschaftliche Altersbild unserer Zeit (noch) meist negativ geprägt. Unsere Gesellschaft ist an Leistung und Produktivität orientiert. Die [...]
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Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783832493851
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Böhmer, Carsten September 2005: Maßnahmen der sozialen Arbeit zur Prävention von und Intervention bei Gewalt in Pflegeeinrichtungen, Hamburg: Diplomica Verlag
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Aggressionstheorien, Wohnformen, Wechselwirkung, Personalführung, Gewalt



