Marokkanische Migranten in Deutschland im Spannungsfeld von Integration und Tradition
- Art: Diplomarbeit
- Autor: Anna Kiepke
- Abgabedatum: Juni 2010
- Umfang: 129 Seiten
- Dateigröße: 2,1 MB
- Note: 1,0
- Institution / Hochschule: Fachhochschule Münster Deutschland
- Bibliografie: ca. 75
- ISBN (eBook): 978-3-8428-0006-9
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Kiepke, Anna Juni 2010: Marokkanische Migranten in Deutschland im Spannungsfeld von Integration und Tradition, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Marokko, Migration, Integration, Tradition, Fragebogen
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Diplomarbeit von Anna Kiepke
Einleitung:
„Es mag chauvinistisch klingen - Deutschland den Deutschen -. Aber es soll nicht chauvinistisch sein, und es steckt in diesen Worten eine Wahrheit, deren Verkennung sich bitter rächen wird, falls die Zuwanderung im gleichen Tempo weitergeht. Lassen wir ausländische Arbeiter in demselben Maße nach dem Belieben der Unternehmer zu, so gehen wir ernster Gefahr entgegen. Denn die Vermischung mit all diesen fremden Elementen kann für die Reinheit der germanischen Stämme nur verhängnisvoll sein. Möge die Vorsehung Deutschland davor bewahren, seine eigenen Landeskinder zugunsten fremder Staatsangehöriger verkümmern zu sehen“.
Dieses Zitat stammt aus dem Jahre 1919 von dem Leipziger Professor Stieda, welches bereits die Wichtigkeit der Ausländerpolitik zu dieser Zeit verdeutlicht. Ausländerpolitik und Migration sind keine neuzeitigen Erscheinungen, sondern behandeln eine Thematik, mit der sich die Menschen seit weit über 100 Jahren beschäftigen.
Besonders aktuell wurde dieses Thema Mitte der 50er Jahre zu Zeiten des Wirtschaftswunders, als Deutschland dringend Arbeitskräfte zum Wiederaufbau des Landes benötigte. Das erste Anwerbeabkommen wurde zwischen Italien und Deutschland geschlossen. Die italienischen Arbeitskräfte dienten Unternehmern als mobile Reserve. Neben einigen anderen Ländern wurde im Zuge der Gastarbeiterperiode 1963 ein Anwerbeabkommen mit Marokko geschlossen. „Was als „mobile Reservearmee“ (Historiker Ulrich Herbert) angelegt war, die Engpässe stopfen sollte, ohne das deutsche Sozialsystem dauerhaft zu belasten, wandelte sich bald in eine Schar von Dauergästen. 1960 lag der Ausländeranteil an der Bevölkerung noch bei 1,2 Prozent. Bis 1970 stieg er auf 4,9 Prozent an“.
Im November 1973 folgte der Anwerbestopp, begründet durch die Wirtschafts- und Energiekrise. Dies war für die Regierung ein willkommener Anlass, da ihr Interesse in der Zurückführung der Gastarbeiter in ihr Heimatland lag. Wie erwartet sank die Zahl der erwerbsfähigen Ausländer von 1973 bis 1979 auf insgesamt 1,8 Millionen, allerdings hielt sich die Zahl der ausländischen Wohnbevölkerung konstant, bzw. schnellte in den kommenden Jahren sogar rapide in die Höhe. Max Frisch beschrieb dieses Phänomen sehr treffend: „Man hat Arbeitskräfte gerufen, und es kommen Menschen“.
Die marokkanische Bevölkerung in Deutschland wuchs hauptsächlich durch diese Familienzusammenführung, denn im Vergleich zu anderen Zuwanderergruppen liegt die Rückwanderungsquote bei marokkanischen Gastarbeitern eher niedrig. Die Familienzusammenführung marokkanischer Migranten, als Grund der wachsenden marokkanischen Bevölkerung in Deutschland, war bis Ende der 1980er Jahre weitgehend abgeschlossen und die Familiengründung rückte in den 1990er Jahren in den Fokus.
Nach diesem kurzen geschichtlichen Rückblick werden im folgenden Kapitel die sozialdemografischen Daten von marokkanischen Migranten in Deutschland vertiefend behandelt. Weitere theoretische Inhalte im Rahmen dieser Arbeit beziehen sich auf die einzelnen Aspekte der Migration, Integration und Kultur. Dem folgen ein Kapitel hinsichtlich marokkanischer Traditionen und die Erläuterung einiger, in der Aufnahmegesellschaft vorherrschender, traditioneller Mythen. Da in der Theorie die marokkanische Diaspora in Deutschland nur wenig behandelt wurde, enthält der Hauptteil dieser Arbeit eine empirische Erhebung, die mithilfe eines Fragebogens durchgeführt wurde. Geprüft werden sollen hier die eher allgemein gehaltenen theoretischen Vorüberlegungen hinsichtlich ihrer Übertragbarkeit auf die marokkanische Diaspora. Neben der Grundauswertung liegt ein besonderes Augenmerk liegt auf dem Vergleich zwischen den Ergebnissen der Untersuchung und den theoretischen Vorüberlegungen sowie der Gegenüberstellung der Migrantengenerationen. Abschließend soll in einem Resümee das Erarbeitete zusammengefasst werden.
Ziel dieser Arbeit ist es im Rahmen der empirischen Erhebung, unter Bezugnahme der theoretischen Überlegungen zu prüfen, ob ein Spannungsfeld von Integration und Tradition der marokkanischen Diaspora in Deutschland besteht und wenn ja, welche Bereiche dieses betrifft. Als Methode der empirischen Erhebung soll ein Fragebogen anhand der theoretischen Vorüberlegungen entwickelt und ausgewertet werden.
Inhaltsverzeichnis:
| 1. | Einleitung | 3 |
| 2. | Sozialdemografische Daten | 5 |
| 3. | Migration | 8 |
| 3.1 | Phasen der Migration | 9 |
| 3.2 | Formen der Migration | 11 |
| 3.2.1 | Fluchtmigration | 11 |
| 3.2.2 | Arbeitsmigration | 12 |
| 3.2.3 | Heiratsmigration | 13 |
| 3.2.4 | Bildungsmigration | 13 |
| 3.2.5 | Familiennachzug | 15 |
| 4. | Integration | 16 |
| 4.1 | Die vier Hauptdimensionen von Integration | 17 |
| 4.2 | Das deutsche Zuwanderungsgesetz (2005) | 18 |
| 4.3 | Das Modell der intergenerationalen Integration nach Esser | 20 |
| 4.4 | Islam und Moderne – ein Antagonismus? | 24 |
| 5. | Kultur | 26 |
| 5.1 | Eine Definition | 26 |
| 5.2 | Das Eisbergmodell von Kultur | 27 |
| 5.3 | Der Kulturschock | 28 |
| 5.4 | Die drei Dimensionen der Kultur | 30 |
| 5.5 | Religion als kulturelles System | 32 |
| 6. | Tradition in Marokko | 34 |
| 6.1 | Eine allgemeine Definition von Tradition | 34 |
| 6.2 | Marokko – eine Vorstellung von Land und Leuten | 35 |
| 6.3 | Traditionelle Mythen in der Aufnahmegesellschaft | 40 |
| 6.3.1 | Marokkanische Muslime trinken keinen Alkohol | 40 |
| 6.3.2 | Ehrenmorde sind islamische Tradition | 41 |
| 6.3.3 | Das Tragen des Kopftuchs ist ein Zeichen der religiösen Unterdrückung muslimischer Frauen | 43 |
| 6.3.4 | Alle marokkanischen Muslime halten Ramadan | 44 |
| 6.3.5 | Marokkanische Muslime essen kein Schweinefleisch | 46 |
| 7. | Die empirische Untersuchung | 47 |
| 7.1 | Der Fragebogen als empirisches Erhebungsinstrument | 48 |
| 7.2 | Durchführung der Untersuchung | 50 |
| 7.3 | Grundauswertung der Befragungsergebnisse | 53 |
| 7.4 | Vergleich der Untersuchungsergebnisse mit den theoretischen Vorüberlegungen | 65 |
| 7.5 | Vergleich der ersten, mit der zweiten und dritten Migrantengeneration | 77 |
| 8. | Fazit | 84 |
| I | Literaturverzeichnis | 88 |
| II | Abbildungsverzeichnis | 93 |
| III | Anhang | 94 |
| 1. | Das Anschreiben | 94 |
| 2. | Der Fragebogen | 94 |
| 3. | Die Grundauswertung | 103 |
Textprobe:
Kapitel 6.3, Traditionelle Mythen in der Aufnahmegesellschaft:
Durch die vorigen Aufzeichnungen wurde dargelegt, dass immer mehr Muslime, vor allem marokkanische Muslime, nach Deutschland immigrieren. Die deutsche Bevölkerung, welche mit 63,4% mehrheitlich dem Christentum angehört, sieht sich spätestens seit Ende der 90er Jahre, als Deutschland sich offiziell zum Einwanderungsland bekannt hat, mit einer Fülle neuer Kulturen, Traditionen und Religionen konfrontiert. Daher sollen im Folgenden, weit in der deutschen Gesellschaft verbreitete traditionelle Mythen gegenüber dem Islam aufgegriffen und näher beleuchtet werden.
Marokkanische Muslime trinken keinen Alkohol:
„In Marokko fragte mich der Mechaniker, der mein Auto abschleppte, 20 Minuten lang aus, welches Bier ich trinke und mit welchem Schnaps man es kombinieren sollte, um die beste Wirkung zu erzielen – ein Gespräch unter Fachleuten […]. Dass mein Auto hinten auf der Ladefläche besorgniserregend hin und her wackelte, kümmerte den jungen Mechaniker wenig“.
Ein weitverbreitetes Vorurteil unter den Deutschen ist, dass Muslime keinen Alkohol trinken.
Generell findet man im Koran keinen Vers, der den Muslimen den Genuss von Alkohol ausdrücklich verbietet. Eher das Gegenteil ist der Fall, wie folgende Zitate belegen. „Das Bild des Paradieses, das den Gottesfürchtigen verheißen ist, (ist so): In ihm fließen Ströme von Wasser, das nicht verdirbt, und Ströme von Milch, deren Geschmack sich nicht ändert, und Ströme von Wein, köstlich für die Trinkenden, und Ströme von geklärten Honig […].“.
In Sure 16, 67 heißt es sogar: „Und an den Früchten der Palmen und Rebstöcke, von denen ihr berauschende Getränke und gesunde Speisen bekommt. Seht, darin ist wahrlich ein Zeichen für einsichtige Leute“.
Zurückzuführen ist dieses Verbot auf die islamischen Rechtsgelehrten, von denen sich im Laufe der Zeit immer mehr für ein Verbot des Alkoholgenusses ausgesprochen haben.
Die Gründe hierfür liegen einerseits in der Auslegung der Hadithen, in denen negativ über den Alkoholkonsum berichtet wird, andererseits in der Abgrenzung anderen Religionen gegenüber, die den Alkoholkonsum billigen.
In Marokko, wo der Genuss von Alkohol nicht per Gesetz verboten ist, wird besonders vor hohen religiösen Feiertagen, also Tagen der Abstinenz und an denen der Konsum besonders sündhaft ist, Alkohol konsumiert. Laut der Weltgesundheitsorganisation liegt der Konsum reinen Alkohols pro Kopf und Jahr in Marokko bei einem Liter. Zum Vergleich wurden in Deutschland 2003 10,2 Liter reiner Alkohol pro Kopf getrunken. Letztlich stellt sich die Frage nach der Dunkelziffer des Konsums in Marokko, die wohl weitaus höher liegen dürfte, als die Schätzung der WHO. Im Rahmend der empirischen Erhebung soll das Konsumverhalten in Deutschland lebender Marokkaner näher beleuchtet werden. Nähere Ausführungen hierzu können Kapitel Sieben entnommen werden.
Ehrenmorde sind islamische Tradition:
Laut der Internetseite http://www.ehrenmord.de (Stand: 16.05.2010) wurden bisher im Jahr 2010 bereits sechs Ehrenmorde in Deutschland begangen.
Vor 30 bis 40 Jahren kannte man noch nicht die Kategorie „Muslim“, wie sie heutzutage gebraucht wird. Türken waren Türken und Marokkaner waren Marokkaner. Zusammen nannte man diese Gruppe von Menschen „Gastarbeiter“. „Statt Religionszugehörigkeit als Unterscheidungskriterium gab es kulinarische Kategorien. Die Italiener aßen Spaghetti, die Spanier Paella und Lammkoteletts, beide tranken Rotwein dazu. Die Türken oder Marokkaner machte man daran fest, was sie nicht aßen und tranken, nämlich Schweinefleisch und Alkohol“.
Diese Neugruppierung vom Marokkaner oder Türken zu der einheitlichen Bezeichnung Muslim findet ihren traurigen Höhepunkt bei den sogenannten Ehrenmorden.
Ein weitverbreiteter Irrglaube in der deutschen Aufnahmegesellschaft, muslimische Männer töten ihre Frauen im Namen Allahs, da sie so die Ehre der Familie wieder herstellen, hält sich hartnäckig in den Köpfen der Menschen. Vor diesem Hintergrund ist die Unterscheidung des Wortes „Ehre“ wichtig. „Das leicht altertümlich klingende deutsche Wort drückt ein besonders positives, vornehmes, erhebendes Gefühl aus.“ In der Regel verdient man sich die Ehre durch positive Taten. Hier liegt der Unterschied zur islamischen Kultur. In dieser wird die Ehre (namus) nicht verdient, sondern verteidigt. Seyran Ateş, eine türkischstämmige Frauenrechtlerin, weist auf die völlig unterschiedlichen Bedeutungen hin: in islamischen Kulturkreisen assoziiert der überwiegende Teil mit dem Wort Ehre eine „[…] Last, etwas, was es zu behüten gilt und wofür man bereit ist, sein Leben zu geben, etwas, was man ganz schnell verlieren kann und damit dann auch seine Existenzberechtigung.“ Denn wer seine Ehre nicht verteidigt, wird zum „namussuz adam, zum ehrlosen Mann.“ Als Symbol für die Ehre des Mannes beziehungsweise der Familie gilt die Frau. Die Ehre besteht in ihrer sexuellen Enthaltsamkeit – sprich sie muss als Jungfrau in die Ehe gehen und in der Ehe treu sein. Der Begriff „Treue“ liefert ein weites Auslegungsspektrum, angefangen bei einem harmlosen Blick, der einem anderen Mann galt, bis zum tatsächlichen Akt des Beischlafs mit einem anderen Mann. Die Frau wird nicht als eigenständiges Wesen betrachtet, denn ihre alleinige Aufgabe ist die Ehre der gesamten Familie zu tragen. Daher nehmen sich Familienangehörige das Recht, sich im Namen der Ehrverteidigung in das Leben der Frau einzumischen. „So wird die Ehre zu einem Instrument der totalen Kontrolle. Sie fördert Überwachung und Denunziation“.
Das Bundeskriminalamt definiert einen Mord im Namen der Ehre folgendermaßen: „Bei Ehrenmorden handelt es sich um Tötungsdelikte, die aus vermeintlich kultureller Verpflichtung heraus innerhalb des eigenen Familienverbandes verübt werden, um der Familienehre gerecht zu werden“.
Auch wenn sich in der deutschen Gesellschaft, teilweise durch die Medien geschürt, hartnäckig der Irrglaube hält, die Gründe für Morde im Namen der Ehre seien islamischen Ursprungs, verweist das Bundeskriminalamt auf ein anderes Motiv: „Der Focus der Diskussion über die Motive und kulturelle Hintergründe richtete sich teilweise sehr vordergründig auf den Islam […].Bei genauerer Analyse der gesicherten polizeilichen Daten ist allerdings erkennbar, dass wohl eher die auch nach der Migration andauernde starre Verwurzelung in vormodernen agrarischen Wirtschafts- und Sozialstrukturen und damit verbunden ein extrem patriarchalisches Familienverständnis die durchgängige Ursache für das Phänomen der sog. Ehrenmorde darstellen“.
Zudem findet sich weder im Koran noch in den Hadithen eine Textstelle, die Ehrenmorde rechtfertigt. Mohammed Hussein Fadlallah, ein shiitischer Geistlicher libanesischen Ursprungs, nahm Stellung zu den vermehrten Morden im Namen der Ehre: „Ehrenmorde sind Verbrechen wie alle anderen Morde und verdienen keine mildernden Umstände.“ 2007 veröffentliche er aufgrund der zunehmenden Fälle eine Fatwa gegen Ehrenmorde.
Die Untersuchungsergebnisse bezüglich in Deutschland lebender marokkanischer Muslime und dem Thema Ehrenmord können der Auswertung der empirischen Erhebung im Hauptteil dieser Arbeit entnommen werden.
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Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783842800069
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Kiepke, Anna Juni 2010: Marokkanische Migranten in Deutschland im Spannungsfeld von Integration und Tradition, Hamburg: Diplomica Verlag
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Marokko, Migration, Integration, Tradition, Fragebogen



