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Marca Lanzarote

Ansätze des Nachhaltigen Tourismus in Spanien am Beispiel Lanzarote

Marca Lanzarote
Über dieses Buch
  • Art: Diplomarbeit
  • Autor: Susanne Will
  • Abgabedatum: Februar 2000
  • Umfang: 87 Seiten
  • Dateigröße: 696,7 KB
  • Note: 1,3
  • Institution / Hochschule: Universität Passau Deutschland
  • ISBN (eBook): 978-3-8324-2600-2
  • ISBN (Paperback) :
    978-3-8324-2600-2 P
  • ISBN (CD) :978-3-8324-2600-2 CD
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Will, Susanne Februar 2000: Marca Lanzarote, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Tourismus, Lanzarote, Spanien

Diplomarbeit von Susanne Will

Einleitung:

Der Tourismus ist eines der wichtigsten wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Phänomene des 20. Jahrhunderts. Aus den Kultur-, Kavaliers- oder Bildungsreisen der wohlhabenden und gebildeten Oberschicht ist inzwischen eine Massenbewegung von über 600 Millionen Menschen jährlich geworden, die der Weltwirtschaft 1998 Einnahmen in Höhe von 445 Milliarden US $ bescherte und derzeit mehr als 200 Millionen Arbeitsplätze (also jeden neunten) bereitstellt. Mit diesen Werten ist der Fremdenverkehr heute neben der Erdöl- und Automobilindustrie der potenteste Wirtschaftsfaktor der Erde, der, würde es sich um ein Land handeln, das drittreichste der Welt wäre. Auch in Zukunft, so prognostiziert die Welttourismusorganisation (WTO), ist mit jährlichen Zuwachsraten von voraussichtlich 4,1-6,1 % zu rechnen, so dass im Jahr 2020 schätzungsweise anderthalb Milliarden Reisende mit mehr als zwei Billionen US $ zur globalen Bruttowertschöpfung beitragen werden.

Die Entwicklung des Tourismus vom Luxusbedürfnis zum Massenbedürfnis ist nicht nur auf die Zunahme der arbeitsfreien Zeit bei gleichzeitigem Anstieg der Löhne zurückzuführen. Eine elementare Rolle kommt der Verschiebung der Prioritäten vom Materiellen zum Immateriellen zu, die dazu geführt hat, dass Freizeit, Selbstverwirklichung und Prestige heute für viele Menschen genauso wichtig sind wie Arbeit und Geldverdienen. Tatsächlich ist der gesellschaftliche Stellenwert von Reiseaktivitäten in den vergangenen Jahrzehnten stark angestiegen. Aber auch die vermehrte Stressbelastung am Arbeitsplatz und im Alltag haben dazu beigetragen, dass zunehmend mehr Menschen nach dem Motto ‘Urlaub vom Ich’ immer öfter und weiter reisen möchten. Möglich geworden ist dies jedoch erst mit der intensiv voranschreitenden internationalen Vernetzung durch neue Transportmittel, die Distanzen dahinschmelzen und die Welt immer enger zusammenrücken lassen. All diesen Faktoren ist es zu verdanken, dass Menschen ihrem ureigenen Bedürfnis nach Abwechslung, Abenteuer und Veränderung nachgeben können und auf diese Weise das Reisen zu einem wichtigen Bestandteil des Lebens geworden ist.

Das Phänomen des Massentourismus ist wirtschaftlich, sozial und ökologisch von enormer Tragweite. Neue Arbeitsplätze entstehen, das Einkommen der Bevölkerung steigt an und damit die soziale Sicherheit. Räumliche Disparitäten können ausgeglichen und die Infrastrukturen bedeutend verbessert werden. Tourismus fördert den sozialen Aspekt des Kennenlernens, den Austausch zwischen den Kulturen und trägt möglicherweise zu einem toleranteren Verhalten gegenüber anderen Nationen bei.

Die millionenfache Mobilität der Menschen und der Reiseverkehrsmittel hat jedoch auch viele Schattenseiten, die mit dem Ansteigen des Touristenstroms weltweit immer gravierender und alarmierender werden. Tourismus schafft zwar Arbeit, zerstört jedoch gleichzeitig die Natur vor allem durch den enormen Flächenbedarf (Hotels, Restaurants, Flughäfen, Straßen, Badebuchten, Wanderwege usw.) und die hohen Emissionen, die durch Flugzeuge, Fahrzeuge oder Schiffe entstehen und zur Zerstörung der Ozonschicht beitragen. Hinzu kommen Umweltprobleme in Form von Erosion, Lärm, Müllberge, die Überlastung der natürlichen Ressourcen Wasser, Energie und Boden und des gesamten Ökosystems etc. Tourismus bringt erhöhten Wohlstand und soziale Absicherung, kostet die Bereisten aber im Gegenzug oft das Selbstwertgefühl, die kulturelle Identität und vor allem die wirtschaftliche Unabhängigkeit. Dies geht so weit, dass ein Einbruch in der touristischen Entwicklung für einige Urlaubsgebiete und Entwicklungsländer den wirtschaftlichen Kollaps bedeuten würde, da traditionelle Berufe durch den Fremdenverkehr vollkommen verdrängt worden sind. Auch der Aspekt der Völkerverständigung ist zweischneidig, zumal gleichzeitig oftmals eine Polarisierung zwischen den Reisenden und den Bereisten entsteht und auf diese Weise Vorurteile eher vertieft denn abgebaut werden. Häufig ist heute die Rede von der Ausbeutung der Urlaubsländer, gerade der ärmeren. Sextourismus und Kinderarbeit sind nur zwei ihrer Ausprägungsformen.

Die Kosten dieser Negativfolgen und Fehlentwicklungen für die Umwelt, das Sozialgefüge und die Wirtschaft können nicht quantifiziert werden, sie sind jedoch enorm und drohen, den Fremdenverkehr seiner eigenen Grundlagen (landschaftliche Schönheit, Andersartigkeit der Kulturen, ungefährliches Sonnenbaden u.ä.) zu berauben.

Die international führenden Fremdenverkehrsorganisationen wie die WTO oder der World Travel & Tourism Council (WTTC) haben dies erkannt und erklärt, das Tourismus im herkömmlichen Sinne nicht mehr länger haltbar ist. „What is needed is a formula to protect the environment, ensuring that tourism benefits the local population and helps preserve the cultural heritage of destination countries.“ Die Ausrichtung des Reiseverkehrs an den Kriterien der sogenannten Nachhaltigkeit gilt als die große Herausforderung für die Tourismusbranche im neuen Jahrtausend.

Die Idee der Nachhaltigkeit bzw. sustainability, auf die Kapitel II der Arbeit ausführlicher eingehen wird, besagt, dass „to be sustainable, development must improve economic efficiency, protect and restore ecological systems, and enhance the well-being of all peoples.“ Übertragen auf den Fremdenverkehrssektor bedeutet dies, dass Reisen künftig ökologisch tragbar, sozial gerecht, kulturell rücksichtsvoll und wirtschaftlich rentabel sein soll, um gleichermaßen den Bedürfnissen der gegenwärtigen als auch der zukünftigen Generationen von Reisenden und Bereisten gerecht zu werden. Nachhaltigkeit im Fremdenverkehr impliziert folglich, dass die durch Tourismus entstandenen Schäden behoben werden und ein Richtungswechsel im Denken und Handeln der Verantwortlichen stattfinden muss, um die beschriebenen Negativeffekte fortan von vornherein zu vermeiden.

Auch Spanien, das zu den meistbesuchten Ländern der Erde zählt, will sich dieser neuen Herausforderung stellen. „One of the major challenges now confronting the Spanish economy is to successfully apply sustainability criteria and introduce the necessary changes, without damaging the tourist industry as a whole“, ist in der neuesten Publikation der spanischen Regierung unter dem Titel ‘España: un turismo sostenible - Spain: A Sustainable Tourism’ zu lesen. Tatsächlich hat die öffentliche Verwaltung des Landes bereits auf verschiedenen Ebenen Maßnahmen ergriffen und Projekte ins Leben gerufen, die auf mehr Nachhaltigkeit im spanischen Reisesektor abzielen. Welche grundliegenden Ansätze für Nachhaltigen Tourismus in der Fremdenverkehrspolitik des Landes in jüngerer Zeit erkennbar sind und wie staatlich initiierte Nachhaltigkeitsprojekte in Spanien aussehen können, wird in knapper Form in Kapitel III dieser Arbeit dargestellt.

Im Mittelpunkt der anschließenden Ausführungen wird das konkrete Beispiel der kanarischen Urlaubsinsel Lanzarote stehen, die im Bereich des Nachhaltigen Tourismus nach Aussage der Landesregierung, der WTO und anderer Organisationen sowohl auf nationaler als auch auf internationaler Ebene eine Sonderstellung einnimmt: „El modelo de desarrollo turístico seguido en la isla de Lanzarote posee notas singulares, que lo hacen distinto y merecedor del reconocimiento internacional.“ Nicht nur in der Fachliteratur, sondern ebenso in Reiseführern, Tageszeitungen oder dem Internet finden sich deutliche Hinweise auf einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen der MARCA LANZAROTE (dem ‘Markenimage’ der Insel) und der sostenibilidad (‘Nachhaltigkeit’). Dies bestätigt die lange Reihe von Auszeichnungen und Titeln, auf die Lanzarote verweisen kann. Wie Kapitel IV zeigen wird, sind sie der Insel innerhalb der vergangenen zwei Jahrzehnte in Anerkennung ihrer Bemühungen um eine andersartige Form der touristischen Erschließung verliehen worden. Genannt seien nur einige: im Jahr 1991 der Drago de Oro von der WTO, der OECD und der Kanarischen Regierung; 1993 die Ernennung zum Biosphärenreservat der UNESCO; 1994 der Titel ‘experiencia piloto de desarorollo sostenible’ von Seiten der Unión Mundial para la Naturaleza und schließlich 1996 im Rahmen der UNO-Ausschreibung Habitat II die Einstufung Lanzarotes als ‘buena práctica’ im Bereich Raumnutzung und Urbanisierung.

Die Fragen, die sich daraus ableiten lassen und die in Kapitel IV und V dieser Arbeit aufgegriffen und beantwortet werden, sind folgende:

- Wie ist die touristische Erschließung Lanzarotes tatsächlich verlaufen?

- Wie ist das Markenimage der Insel entstanden, und wie sehen die Ansätze des Nachhaltigen Tourismus dort im einzelnen aus?

- Wie ist Lanzarote in den gesamtspanischen Kontext einzuordnen (welche Gemeinsamkeiten mit anderen spanischen Urlaubsinseln gibt es, wo liegen die Besonderheiten)?

- Ist Lanzarote tatsächlich ein Vorbild für Nachhaltigen Tourismus im spanischen und internationalen Fremdenverkehr?

Im Rahmen der letzten Frage werden die Ergebnisse der Interviews miteinbezogen, die ich im Mai 1999 auf Lanzarote mit Vertretern der öffentlichen Verwaltung und verschiedenen NGOs geführt habe. Ein Ausblick auf die Zukunft Lanzarotes schließt die Ausführungen ab.

Ziel der Arbeit ist es folglich, die Idee des Nachhaltigen Tourismus in ihren Grundzügen vorzustellen und zu beschreiben, inwieweit Ansätze hierfür in Spanien allgemein und auf der Kanareninsel Lanzarote im besonderen vorhanden sind. Dabei soll auch auf die jeweilige Kritik an den Maßnahmen eingegangen und eine Kontrastierung zwischen Theorie und Praxis vorgenommen werden, sofern dies möglich ist. Für das bessere Verständnis der Arbeit sei darauf hingewiesen, dass das verwendete Zahlenmaterial eher als Richtwert denn als konkrete Größe zu verstehen ist, da die Angaben in der verwendeten Literatur entweder erheblich differieren, sich widersprechen oder unvollständig sind.

Inhaltsverzeichnis:

Abkürzungsverzeichnis VI
Abbildungsverzeichnis VII
I. Zielsetzung der Arbeit 1
II. Das Konzept des Nachhaltigen Tourismus 5
1. Nachhaltiger Tourismus: Erläuterung der Begriffskomponenten 5
1.1 Der Begriff des Tourismus 5
1.2 Der Begriff der Nachhaltigen Entwicklung 6
2. Das Konzept des Nachhaltigen Tourismus in der ‘Carta del Turismo Sostenible de Lanzarote’ von 1995 7
3. Nachhaltiger Tourismus und Alternativtourismus: inhaltliche Abgrenzung 9
III. Ansätze des Nachhaltigen Tourismus in Spanien 10
1. Wichtige Entwicklungen in der spanischen Tourismus- und Umweltpolitik seit 1975 12
1.1 Spanische Tourismuspolitik 12
1.2 Spanische Umweltpolitik 15
2. Überblick über aktuelle Nachhaltigkeitsprojekte im spanischen Tourismus 16
2.1 Projekte auf nationaler Ebene 17
2.2 Projekte der Autonomen Regionen 17
2.3 Lokale Projekte 18
2.4 Initiativen staatlicher Unternehmen und Organisationen 18
3. Schwächen der Nachhaltigkeitspolitik im spanischen Tourismus 19
IV. Ansätze des Nachhaltigen Tourismus auf Lanzarote 20
1. Lanzarote und ihre touristische Entwicklung 20
1.1 Beschreibung der Insel 20
1.2 Die touristische Entwicklung zwischen 1967 und 1998 23
1.2.1 Entwicklung der Besucherzahlen 23
1.2.2 Zuwachs der Bevölkerung 24
1.2.3 Ausbau der Hotellerie 25
1.2.4 Verschiebung der sektoralen Struktur 26
1.2.5 Aktuelle statistische Charakteristika der Tourismusbranche auf Lanzarote 27
2. Die Entstehung des Konzepts des Nachhaltigen Tourismus auf Lanzarote 28
2.1 Der Einfluß César Manriques 30
2.1.1 Manriques sozio-ökologisches Engagement 32
2.1.2 Manriques Naturkunstwerke 33
2.1.3 Manriques Konzept idealtypischer Touristendörfer 34
2.1.4 Manriques Bedeutung für Lanzarote 37
2.2 Der Raumordnungsplan von 1991 (PIOT) 37
2.2.1 Die Ausgangssituation für die Erarbeitung des PIOT 38
2.2.2 Spezifische Problemstellungen bei der Erarbeitung des PIOT 39
2.2.3 Zielsetzungen des PIOT 41
2.2.4 Gesetzliche Bestimmungen des PIOT und inhaltliche Mängel 41
2.2.5 Die Beurteilung des PIOT durch die Welttourismusorganisation 45
2.2.6 Der PIOT in der politischen Praxis 46
2.3 Die Biosphärenstrategie Lanzarotes (E.L.+B) 48
2.3.1 Lanzarote als Biosphärenreservat der zweiten Generation 48
2.3.2 Entstehungsphasen der E.L.+B 49
2.3.3 Inhalte der E.L.+B 50
2.3.4 Die Revision des PIOT im Zentrum der Biosphärenstrategie 55
2.3.5 Stärken und Schwächen der E.L.+B 57
V. Die Insel Lanzarote im gesamtspanischen Zusammenhang 61
1. Die Merkmale Lanzarotes als typisch spanische Urlaubsinsel 61
2. Die Besonderheiten Lanzarotes im spanischen Fremdenverkehr 63
3. Lanzarote - ein internationales Vorbild des Nachhaltigen Tourismus? Auswertung der Interviews und persönliche Stellungnahme 64
4. Ein Blick in die Zukunft 66
VI. Quellenverzeichnis 68
VII. Textanhang 75
Eidesstattliche Erklärung 79

Automatisiert erstellter Textauszug:

40 Manrique prangerte in seiner ‘Anklage vor der öffentlichen Meinung’ (wie er sein Manifest nannte) ebenso harsch die Gier der Gemeinden Lanzarotes an, besonders Tías und Teguise, die durch die Genehmigung von Baulizenzen ihrerseits aus der rasanten Entwicklung des Fremdenverkehrs Profit schlugen. Damit schnitt Manrique ein Thema an, das bis heute eines der Kernprobleme des Nachhaltigen Tourismus auf Lanzarote ist und die Durchführung Nachhaltiger Konzepte behindert. Tatsächlich war das Verhalten der Gemeinden juristisch nicht anfechtbar, sprach ihnen doch der Inselplan (‘Plan Insular’) von 1973 die Bau- und Planungsrechte zu und erlaubte eine Gesamtkapazität von 450.000 Gästebetten auf der Insel. Einen Mechanismus zur Koordinierung der Einzelpläne der Gemeinden (‘planes parciales’) gab es nicht, so daß die sieben Munizipien unabhängig voneinander Baugenehmigungen erteilten, auch wenn die notwendigen komplementären Einrichtungen und Infastrukturen für die Deckung des Urlauberbedarfs nicht bereitgestellt werden konnten. Das Ergebnis war eine improvisierte, defizitäre, unausgewogene Territorialstruktur, die nicht den Gegebenheiten der Insel Rechnung trug und das ökologische Gleichgewicht gefährdete.130 Ein Jahr nach Manriques öffentlichem Protestschrei erließ das Kanarische Parlament ein Gesetz, das sogenannte Ley de Planes Insulares de Ordenación, welches die Regierungen der einzelnen Kanareninseln ermächtigte, regionale Flächennutzungspläne rechtsverbindlich aufzustellen. Im selben Jahr noch begann eine Kommission, zu der auch Manrique gehörte, mit der Erarbeitung des Raumordnungsplanes für Lanzarote, der den Gemeinden konkrete Vorgaben hinsichtlich der Flächen- und Raumnutzung ihres Verwaltungsgebietes macht. 2.1.4. Manriques Bedeutung für Lanzarote César Manriques Werk ist auf Lanzarote trotz der Entstellungen, die es ertragen mußte, unvergessen geblieben. Viele Inselbewohner sind der Meinung: „A él le debemos todo.“ 131 Tatsächlich hat der Künstler Lanzarote geprägt wie kein anderer und entscheidend Einfluß genommen auf die architektonische und landschaftliche Gestaltungspolitik seiner Heimatinsel. Er hat Lanzarote zu einer Insel der weißen Architektur gemacht. Die Ideen und Ansätze, die er auf seiner Heimatinsel verfolgte, decken sich weitgehend mit den Kriterien des Nachhaltigen Tourismus in seiner heutigen Form sowohl in soziokultureller, ökologischer als auch ökonomischer Hinsicht. Denn er setzte sich für die Diversifizierung der Einkommensbasis der Insel ein, für einen schonenden Umgang mit den natürlichen Ressourcen, den Erhalt der kulturellen Eigenheiten und eine vorausschauende [...]

39 Der Künstler ließ zunächst die Infrastruktur mustergültig anlegen: kleine, ruhige Nebenstraßen, wenige Hauptverkehrsknotenpunkte, eine Meerwasserentsalzungsanlage zur Gewinnung von Trinkwasser, eine Kläranlage und unterirdisch verlegte Strom- und Telephonleitungen. Es folgte der Bau des ersten Dorfes und Kernstücks der neuen Siedlung, das den Namen Pueblo Marinero erhielt. Es handelt sich dabei um eine zweistöckige Anlage aus Hohlblocksteinen, die zwei kleine Plätze umschließt und im traditionellen Weiß-Grün der Insel angestrichen ist. Das neugebaute Dorf, als Prototyp gedacht, ist bis heute das einzige seiner Art geblieben, da der Konzern Río Tinto in finanzielle Engpässe geriet, und nachdem Calvo Sotelo das Unternehmen verlassen hatte, mußten die guten Vorsätze hinter den wirtschaftlichen Interessen des Konzerns zurücktreten. So entstand entgegen der Absprachen am Meer ein mehrstöckiger Hotelriese, und nicht nur um das Pueblo Marinero herum schossen weitere Ferienanlagen und dilettantisch angelegte Dorf-Imitationen aus dem Boden, die die Notwendigkeit großzügiger Abstände ignorierten und die Küstengebiete Lanzarotes hemmungslos bebauten. Der Schandfleck der Insel ist bis heute jedoch das achtstöckige Hochhaus, das direkt am Strand von Arrecife hochgezogen wurde, als sich Manrique zeitweise nicht auf der Insel befand.128 Mitte der 80er Jahre war es nicht mehr zu übersehen, daß Manrique an Einfluß auf Lanzarote verloren hatte. Die bis dahin weitgehend vorbildlich verlaufene touristische Erschließung war durch die Interessen korrupter Lokalpolitiker und Grundstücksspekulanten immer mehr zum Erliegen gekommen und durch den touristischen Ausverkauf der Insel ersetzt worden. Angesichts dieser Fehlentwicklung reiste Manrique 1986 voller Empörung nach Madrid und Wien, um dort vor der internationalen Presse auf die Mißstände auf seiner Heimatinsel aufmerksam zu machen. Weißt Du, Lanzarote, was Dein Tod bedeuten kann? Wenn Du stirbst, wird es für immer sein, ohne daß Du wieder zum Leben erweckt werden kannst. (...) Plötzlich finden wir uns ohne vorherige Ankündigung vor dem Panorama eines überbordenden, zerstörerischen, raubvogelhaft über der Insel kreisenden Egoismus stupider und brutaler Spekulanten und dem irrwitzigen Eifer von Unternehmen, die - wie die Unión de Explosivos de Río Tinto und ihr Präsident José María Escondrillas - (...) ein Werk mit Füßen treten und verderben, das Erbe aller Spanier ist - nur um das eigene Unternehmen zu sanieren, koste es, was es wolle (...).129 [...]

38 Als gelungenstes Naturkunstwerk der Insel gilt bei vielen Gästen und in der Fachwelt das Aussichtsrestaurant Mirador del Río, welches sich oberhalb des Kanals befindet, der Lanzarote von La Graciosa trennt. Das Gebäude schmiegt sich geradezu unsichtbar in die Felskuppe und ermöglicht durch die breiten, facettierten Panoramascheiben einen bezaubernden Ausblick auf die kleinere Nachbarinsel und das Marinereservat. Die überwiegende Mehrheit der Besucher und Fachleute ist begeistert von dem, was Manrique an diesen fünf Orten mit Etats, die geradezu lächerlich gewesen sein müssen, erschaffen hat.125 Es gibt jedoch auch kritische Stimmen, die seine Eingriffe für übertrieben oder sogar unangebracht halten: Die Natur und ihre Schönheit wirke hier nicht mehr aus sich heraus, sondern künstlerisch stilisiert und verfremdet.126 Ein Kritikpunkt jedoch, der unabhängig ist vom persönlichen Geschmack des Betrachters, wird zu Recht von den Umweltorganisationen vorgebracht: Sie bemängeln die großen Entfernungen, die die Besucher überwinden müssen, um von einem Zentrum zum anderen zu gelangen. Hierin dürfte der Grund für den hohen Anteil an Mietautos auf der Insel liegen, die durch Abgase, Lärm und Erschütterungen die Umwelt beeinträchtigen und schädigen. 2.1.3. Manriques Konzept idealtypischer Touristendörfer Da im Süden der Hauptstadt bereits vor Manriques Rückkehr einige mehrstöckige, unschöne Hotelanlagen entstanden waren, konzentrierte der Künstler seine Bemühungen um einen vorbildlichen Ausbau der Urlauberunterkünfte folglich auf die nördlichen Küstenpartien. Seine große Hoffnung war der Konzern Unión de Explosivos de Río Tinto, mit dessen finanzieller Unterstützung er Anfang der 70er Jahre verschiedene Objekte auf Lanzarote restaurieren konnte und mit dessen Präsidenten Calvo Sotelo er befreundet war. Auf Manriques Initiative hin erwarb das Unternehmen ein 11 km2 großes, weit ins Land reichendes Terrain an der nordöstlich gelegenen Costa Teguise. Der Künstler hatte die Konzernleitung überzeugen können, daß die Insel eine hervorragende Geldanlage im Fremdenverkehr wäre, und wurde als künstlerischer Berater für die touristischen Ausbaupläne des Konzerns engagiert. Manriques wollte ein idealtypisches Feriengebiet mit kleinen Dörfer und großzügigen räumlichen Abständen anlegen. Von besonderer Bedeutung war für Manrique das „architektonisch einheitliche, möglichst inseltypische Bild dieser Häusergruppen“127, die sich in die umgebende Landschaft harmonisch einfügen sollten. [...]

Arbeit zitieren:
Will, Susanne Februar 2000: Marca Lanzarote, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Tourismus, Lanzarote, Spanien

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