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Über das Mannwerden: Irrwege, Umwege, Auswege

Über das Mannwerden: Irrwege, Umwege, Auswege
Über dieses Buch
  • Art: Diplomarbeit
  • Autor: Lars Gossing
  • Abgabedatum: Januar 2001
  • Umfang: 128 Seiten
  • Dateigröße: 605,4 KB
  • Note: 1,0
  • Institution / Hochschule: Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst Hildesheim/Holzminden/Göttingen Deutschland
  • ISBN (eBook): 978-3-8324-4162-3
  • ISBN (Paperback) :
    978-3-8324-4162-3 P
  • ISBN (CD) :978-3-8324-4162-3 CD
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Gossing, Lars Januar 2001: Über das Mannwerden: Irrwege, Umwege, Auswege, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: männliche Sozialisation, Männerbewegung, Männlichkeit, Männerbilder, improvisierte Übergangsrituale

Diplomarbeit von Lars Gossing

Einleitung:

Den Ausgangspunkt meiner Diplomarbeit bilden verschiedene Fragen und daran anknüpfende Überlegungen und Hypothesen, die sich mir bei der Auseinandersetzung mit meinem Thema stellen. Der Titel meiner Arbeit „Über das Mannwerden – Irrwege, Umwege, Auswege“ greift einen ersten wichtigen Aspekt auf, der mich suggestiv in eine Richtung zu lenken scheint: Ein Mann ist nicht zwangsläufig, sondern er wird. Doch über welchen Zeitraum erstreckt sich dieses „Werden“? Unsere Sprache hält unterschiedliche Wörter für verschiedene Entwicklungszustände im Leben eines Mannes bereit, wie z.B. Junge, Knabe, Bursche, Jugendlicher, junger Mann, erwachsener Mann. Dementsprechend erstreckt sich das Mannwerden mit der Geburt über verschiedene aufeinander aufbauende Phasen bis zum Erwachsenenalter - mit dem Ziel, aus einem männlichen Kind einen Mann werden zu lassen.

Hieran schließt sich für mich sogleich die nächste Frage: Wie wird ein Junge zu einem Mann? Ich gehe davon aus, dass bestimmte Faktoren und Bedingungen für diese Entwicklung notwendig sind. In seinem Buch „Eisenhans“ gibt mir Robert Bly auf meine Fragen eine erste kleine Antwort, indem er feststellt, dass sich das Mannwerden tatsächlich nicht von alleine einstellt und auch nicht durch das bloße Essen vieler Haferflocken. Es muss also etwas geben, das einen Jungen zum Mann macht, denn zweifellos gibt es nun einmal Männer auf dieser Welt.

An dieser Stelle muss ich mich jedoch fragen, woran ich überhaupt erkenne, dass ein Mann ein Mann ist? Was genau zeichnet ihn aus? Als erstes äußeres Merkmal fallen mir die primären männliche Geschlechtsteile des Mannes ein, d.h. sein natürliches oder auch biologisches Geschlecht. Das scheint mich jedoch als Endergebnis nicht vollends zu überzeugen, denn wie ich bereits angedeutet habe, ist ein Mann nach seiner Geburt ein Junge und trotz seiner vorhandenen Geschlechtsmerkmale kein Mann. Es muss noch mehr geben, worüber sich ein Mann definieren lässt. Was für Eigenschaften ließen sich beispielsweise dem Begriff „Männlichkeit“ zuordnen?

Ich überlege, was Menschen aus meinem sozialen Umfeld hierauf antworten würden. Jemand behauptet vielleicht, dass Männer einfach nicht fähig sind, ihre Gefühle zu zeigen. Dass sie kalt wie Stein, egoistisch und verletzend sind. Eine Frau würde mir dagegen möglicherweise von ihrem Mann erzählen, der sich liebevoll um ihr gemeinsames Kind kümmert und nicht zuletzt durch seine Freude am Kochen für das Wohlergehen der ganzen Familie sorgt. Vielleicht wird sich aber auch ein befragter Mann durch seine Körperkraft hervortun und mir stolz erzählen, wieviel Liegestütze er schafft und wieviel Gewichte er im Fitnessstudio stemmt. Ein Profifußballer könnte mir seine Fußballerwaden zeigen, von seiner Treffsicherheit und Schnelligkeit erzählen und wie er in seiner Freizeit sein Auto selbst repariert und das Haus ausbaut.

Mir wird klar, ein Mann lässt sich neben seinem natürlichen Geschlecht durch eine Vielzahl von zugewiesenen Eigenschaften definieren. Aber wer legt überhaupt fest, dass diese Eigenschaften wirklich männlich sind? Sicher können die oben genannten Eigenschaften auch auf Frauen zutreffen! Oder nicht? Hierauf eröffnet sich für mich eine weitere Überlegung: Gibt es typische Eigenschaften, die nur für Männer zutreffend sind und für Frauen nicht? Ist ein Mann ein Mann, weil er keine Frau ist? Lassen Männer sich auch aus dem Gegensatz zur Frau definieren und welche Gegensätze wären das?

Gang der Untersuchung:

Den ersten Teil meiner Arbeit werde ich nutzen, um Antworten auf meine bisher gestellten Fragen und Überlegungen zu finden. Ausgehend von unserer modernen, industriellen Gegenwartsgesellschaft werde ich aufzeigen, welche Möglichkeiten es gibt, einen Mann zu definieren. Dafür gehe ich auf die bereits angedeuteten Ebenen ein: das biologische Geschlecht, die Zuschreibungen aus der Gesellschaft und den Gegensatz zum weiblichen Geschlecht. In diesem Zusammenhang führe ich verschiedene Aspekte an, die verdeutlichen, dass das bloße primäre Geschlecht nicht ausreicht, um einen Mann in unserer Gesellschaft vollständig zu charakterisieren.

Im zweiten Teil stelle ich die verschiedenen Phasen (namentlich die Säuglings- und die Jungenphase) dar, die das Mannwerden bedingen. Außerdem beschäftigen mich die Fragen, welche Bedeutung die Eltern sowie die Freunde und Kameraden des Mannes für dessen Entwicklung haben und in welcher Intensität diese Personen seine Männlichkeit beeinflussen. In diesem Zusammenhang werde ich ebenfalls ansprechen, wie sich ein übermäßiges Fehlen oder eine intensive Beeinflussung durch die genannten Personen auf die Persönlichkeit des Mannes auswirken.

Im dritten Teil meiner Diplomarbeit beschreibe ich einleitend die Konstruktion der Männlichkeit in unserer modernen Gesellschaft allgemein. Anschließend leite ich in eine detaillierte Beschreibung ihrer Charakteristik über. Damit verbunden betrachte ich den Einfluss der Männlichkeit auf und ihrer Bedeutung für die Gesellschaft und den Mann selbst. Hierauf folgt ein geschichtlicher Abriss, ausgehend vom 17. bis hinein ins 20. Jahrhundert über Männer und ihren Umgang mit Männlichkeit. Es wird sich herausstellen, dass die geschichtliche Entwicklung der Männlichkeit Schwankungen bzw. Veränderungen unterworfen ist, dass es aber auch Konstanten gibt. Besonderem Interesse gilt mir hierbei, wie sich die Veränderungen im 20. Jahrhundert auf das Bild der Männlichkeit auswirken und wie sie das Verhalten und das öffentliche und private Auftreten der Männer in dieser Zeit färben.

Weiterhin will ich herausfinden, inwieweit der Grundtenor stimmt, den ich während meiner Literaturrecherche vernommen habe: „Das Mannwerden ist zur Qual geworden - da die alten Bilder der Männlichkeit keine Gültigkeit mehr haben, sind sie orientierungslos in ihre Suche nach einer neuen Bestätigung ihrer Männlichkeit verstrickt“.

Das Buch „Vom Mannwerden - Übergangsrituale im westlichen Kulturkreis“ von Ray Raphael gab mir den Anstoß zu den abschließenden Ausführungen meines dritten Teils. Raphael bezieht sich hier auf die Übergangsrituale naturnaher Kulturen, die dazu dienen, die Jungen in die Lebensphase des Mannes zu initiieren. Ausgehend von dem Sachverhalt, dass Frauen durch ihre Menstruation auf natürlichem Weg eine Einweihung ins Frausein erhalten, kommt in naturnahen Kulturen der „künstlichen“, männlichen Initiation eine viel größere Bedeutung zu, da Männern diese natürliche Fähigkeit nicht gegeben ist (vgl. Raphael 1993, S. 8). Anhand von Raphaels Beispielen möchte ich belegen, dass auch in unserer modernen Gegenwartsgesellschaft unter Männern der Drang besteht, durch Einweihungsrituale ihre Männlichkeit zu bestätigen. Diese modernen Einweihungen haben in Anlehnung an die ursprünglichen Übergangsrituale dabei lediglich die äußere Form übernommen. Ich werde daher näher beleuchten, wie sich das Fehlen der eigentlichen Bedeutung dieser modernen Einweihungen auf den Menschen auswirkt.

Aufbauend auf den vorangegangenen werde ich im vierten Teil Möglichkeiten aufzeigen, um die Veränderungen im Männerbild voranzutreiben und gleichzeitig Alternativen für ein neues Selbstverständnis der Männer vorstellen; für einen gesunden Umgang mit ihrer Männlichkeit, der sich im positiven Sinne auf die Träger und ihre soziale Gemeinschaft auswirkt. Als eine Alternative werde ich die Übergangsrituale naturnaher Kulturen beschreiben, da ich es für sinnvoll erachte, auf vorhandene Möglichkeiten zurückzugreifen und zu überprüfen, welche sinnvollen Lehren sich aus ihnen ziehen lassen und in welchem Zusammenhang wir sie in unsere heutigen Lebensumstände integrieren können.

Im fünften und letzten Teil meiner Diplomarbeit zeige ich - anlehnend an die Jungenarbeit - Perspektiven für ein geschlechtspezifisches pädagogisches Handeln auf. Ich beschreibe, wie Jungen auf ihrem Weg des Mannwerdens begleitet und unterstützt werden können, um ein gesundes Selbstbewusstsein und eine gestärkte männliche Identität im Einklang mit ihrer Umwelt zu entwickeln.

Als Anmerkung ist es mir wichtig noch zu erwähnen, dass ich das Thema meiner Diplomarbeit auf heterosexuell orientierte Männer beziehe, die den größten Teil der Männer unserer Gesellschaft repräsentieren. Spezifische Aspekte, die bei Minderheiten, wie z.B. der Gruppe der homosexuell orientierten Männer oder der Hermaphroditen, eine zusätzliche Rolle spielen, klammere ich aus meinen.

Betrachtungen aus, da viele dieser Gruppierungen eine eigene Subkultur entwickelt haben, die einer gesonderten Betrachtung bedarf. Trotzdem kann meine Arbeit dazu dienen, allen Männern jeglicher sexueller Orientierung und Gruppenzugehörigkeit einen Anstoß zu geben, sich mit ihrer eigenen Männlichkeit auseinanderzusetzen und Einblicke in die Zusammenhänge zu geben, welche das Mannwerden bedingen und beeinflussen.

Inhaltsverzeichnis:

Einleitung 1
1. Wie sich ein Mann in unserer modernen Gesellschaft definieren lässt 6
1.1 Das biologische Geschlecht 6
1.2 „Gender“ - Die Konstruktion eines sozialen Geschlechts 10
1.3 Der Geschlechterdualismus zwischen Mann und Frau 14
2. „Irren ist männlich“ - Jungen auf dem Weg, Männer zu werden 18
2.1 Die Bedeutung der Eltern für die Entwicklung des Sohnes 18
2.1.1 Die Mutter-Sohn-Beziehung 21
2.1.2 Die Vater-Sohn-Beziehung 29
2.2 Die Bedeutung der Peergruppe 37
3. „Komm, wir bauen uns einen Mann“ - Männer und ihre Männlichkeit in der modernen Gesellschaft 40
3.1 Die männliche Hegemonie 43
3.2 Das männliche Geschlechtsbild und -stereotyp 45
3.3 „Die Krisen der Männlichkeit“ - Männer im Umbruch 50
3.3.1 Die Veränderungen im 17. und 18. Jahrhundert 51
3.3.2 Die Veränderungen um die Wende des 19. zum 20. Jahrhundert 53
3.3.3 Die Entwicklung und der Zerfall des männlichen Prinzips 56
3.4 „Nichts bleibt wie es war“ - Die Suche nach Männlichkeit in der modernen Gesellschaft 62
3.5 Improvisierte Übergänge als Einweihung zum Mann 68
4. „Neue Männer braucht das Land“ - Möglichkeiten für ein neues Männerbild in der modernen Gesellschaft 81
4.1 Männer in Bewegung 82
4.2 Neue alte Schritte zur Männlichkeit 86
4.3 Das Erlangen der Männlichkeit am Beispiel eines Übergangsrituals naturnaher Kulturen 94
4.3.1 Die Lehren aus den Übergangsritualen für unser heutiges Handeln 98
4.3.2 Die Visionssuche als Beispiel für ein sinnvolles Übergangsritual in unserem Lebenszusammenhang 101
5. Sozialpädagogische Konsequenzen 106
5.1 Die Jungenarbeit in der Jugendpädagogik 107
Schlussbemerkung 112

Automatisiert erstellter Textauszug:

Mittlerweile gehen mehr als die Hälfte aller deutschen Frauen einem Beruf außerhalb ihrer Haushaltstätigkeit nach. Ihr Lebenslauf hat sich insofern verändert, daß sie zunächst meist ihrer Berufsausbildung nachgehen und im Verhältnis zu früheren Zeiten später heiraten. Die Familien haben sich im allgemeinen verkleinert, und die Geburtenraten sind deutlich zurückgegangen. Für Frauen ist die Kindererziehung kein Hindernis mehr für die Ausübung einer beruflichen Tätigkeit. Männer erhalten damit auf dem Arbeitsmarkt verstärkt Konkurrenz vom weiblichen Geschlecht. Das traditionelle Bild des Mannes als Beherrscher der Außenwelt und Haupternährer der Familie läßt sich nicht mehr aufrechterhalten. Männer müssen sich vermehrt mit häuslichen Pflichten und der Kindererziehung auseinandersetzen. „Eigenschaften, die noch vor kurzer Zeit als typisch männlich und typisch weiblich festgelegt waren, verschieben sich: Männer nehmen – bis hin zu Veränderungen im Körperbau – weibliche Züge an und Frauen männliche“ (Hollstein 1988, S. 20). [...]

Die größte Notwendigkeit während der Urgeschichte lag in der Erhaltung der menschlichen Art, die ständig durch Krankheiten, Seuchen und fehlende medizinische Versorgung gefährdet war. Aufgrund dieser Notwendigkeit erhielt die Frau ihre enorme Bedeutung und Achtung, da sie die Fähigkeit besitzt Kinder zu gebären. Als jedoch die sozialen Kosten für den Erhalt des Lebens stiegen – aufgrund der wachsenden Anzahl von Menschen – rückte die Bedeutsamkeit der Frau, Kinder zu gebären, in den Hintergrund. Dafür nahm die Nahrungsbeschaffung durch die Männer und der später folgende Landbau einen immer größeren Stellenwert in der Gemeinschaft ein. Mit dieser Entwicklung begann die Vormachtstellung der Männer, die aber nicht mit einer patriarchalen Unterdrückung gleichgesetzt werden konnte. Im Gegenteil, die Zeit war von einem demokratischen Verhältnis der Geschlechter geprägt. Der Aufbau eines Patriarchats erfolgte erst im mittleren Neolithikum31 und verfestigte sich in der griechischen Antike und im römischen Reich. Der Höhepunkt männlicher Hegemonie stellte sich um die Wende des 16./17. Jahrhunderts ein. Während dieser Zeit löste der Kapitalismus32 die [...]

Zu dieser Zeit trat ein neuer Typus Frau ins öffentliche Geschehen. Mittlerweile waren die Universitäten für Frauen zugänglich. Sie besaßen somit die Möglichkeit zu einer Ausbildung, womit sie ehemals den Männern vorbehaltene Berufe ausüben konnten, wie z.B. Professor, Anwalt, Journalist usw. Gleichzeitig forderten sie ihre vollen Bürgerrechte ein und verlangten gleichen Lohn für gleiche Arbeit. Da die Frauen nun in der Lage waren, ihren Lebensunterhalt außerhalb des Hauses zu verdienen, bedrohte die neue Emanzipationsbewegung Abgrenzung. Die Männer standen dieser Frauenbewegung zumeist feindselig gegenüber. Sie fühlten sich durch die Konkurrenzfähigkeit der Frauen bedroht und befürchteten vor allem die Ähnlichkeit der Geschlechter. Ihnen drängte sich die Frage auf, „ob sie verpflichtet sein werden, weibliche Aufgaben zu erfüllen, [...]“ (Anneliese Maugue zit.n. Badinter 1993, S. 28; Ausl.: L.G.). Nicht nur der traditionelle zunehmend die aufgezwungene sexuelle [...]

Arbeit zitieren:
Gossing, Lars Januar 2001: Über das Mannwerden: Irrwege, Umwege, Auswege, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
männliche Sozialisation, Männerbewegung, Männlichkeit, Männerbilder, improvisierte Übergangsrituale

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