Sich eine Identität erschreiben - zum Werk von Barbara Honigmann und Esther Dischereit
- Art: Magisterarbeit
- Autor: Kerstin Billen
- Abgabedatum: März 2006
- Umfang: 72 Seiten
- Dateigröße: 417,5 KB
- Note: 1,0
- Institution / Hochschule: Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen (RWTH) Deutschland
- ISBN (eBook): 978-3-8324-9607-4
-
ISBN (Paperback) :
978-3-8324-9607-4 P - ISBN (CD) :978-3-8324-9607-4 CD
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Billen, Kerstin März 2006: Sich eine Identität erschreiben - zum Werk von Barbara Honigmann und Esther Dischereit, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: deutsch-jüdisch, Literatur, Identität, Juden, jüdisch
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Magisterarbeit von Kerstin Billen
Einleitung:
Die vorliegende Arbeit widmet sich der Frage, wie die Lebensentwürfe der Figuren bei Esther Dischereit und Barbara Honigmann aussehen und aus welchen Elementen jüdische Identität in ihren Texten konstruiert wird.
Ausgangspunkt ist ein Blick auf das autobiographische Schreiben, das sich wie ein roter Faden durch die Werke beider Autorinnen zieht, sowie auf den Begriff der deutsch-jüdischen Literatur der zweiten Generation.
Die Autoren sind auf der Suche nach einer jüdisch geprägten Identität, die sich auf eine jüdische Kultur bezieht, welche in Deutschland als Folge der Assimilation und der systematischen Verfolgung der Juden während des Nationalsozialismus kaum noch existent ist. Sie entwickeln Antworten darauf, wie sich ein Rückbezug auf diese Traditionen, die vor dem ‚Bruch in der Geschichte’ gelebt wurden, gestalten kann. Ihre Texte kreisen um die Schwierigkeiten der Gestaltung eines jüdischen Lebens inmitten der Täter und deren Kindern.
Der Schwerpunkt der Analyse wird auf Esther Dischereits Geschichte Joëmis Tisch und den Erzählungen von Barbara Honigmann, die in den Bänden Roman von einem Kinde und Damals, dann und danach erschienen sind, liegen. Roman von einem Kinde und Joëmis Tisch sind die ersten literarische Werke der Autorinnen, zudem sind sie nahezu zur gleichen Zeit entstanden.
Wie es bei ersten Texten häufig der Fall ist, sind diese Werke sehr von der Autobiographie der Autorinnen geprägt. Wo es für die Analyse hilfreich ist, werden auch Einzelaspekte aus weiteren Werken der Autorinnen betrachtet. Im Einzelnen sind dies Honigmanns Soharas Reise und Eine Liebe aus nichts und Dischereits Essaysammlungen Übungen jüdisch zu sein sowie Mit Eichmann an der Börse.
Der Hauptteil dieser Arbeit beschäftigt sich mit einer vergleichenden Analyse der wichtigsten Motive der Schriftstellerinnen.
In Kapitel 3 werden zunächst die einzelnen Aspekte der deutsch-jüdischen Identität der jeweiligen Protagonistinnen untersucht. Das Kapitel ist unterteilt in die Abschnitte Geschichte und eigene Erfahrungen, Judentum und Religion, Jüdischsein und Erfahrung der Fremdheit sowie Leben in Deutschland oder Emigration. Im Vordergrund wird hier die reine Textarbeit stehen.
Eine Interpretation in Hinblick auf die Biographie der Autorinnen erfolgt nur punktuell. An dieser Stelle wird aus den festgestellten, die Identität der Protagonistinnen prägenden, Einzelelementen noch kein Gesamtbild der jeweiligen Identität erzeugt. Hier werden lediglich die Vorgehensweisen und die Sprache der Schriftstellerinnen analysiert und einander gegenübergestellt.
In Kapitel 4 werden diese einzelnen Identitätsbausteine dann in ihrer Gesamtheit betrachtet, es wird der Prozess der Identitätsfindung der Hauptfiguren beider Autorinnen nachvollzogen und analysiert, ob diese Identitätsfindungen gelungen sind. Als Basis dient hierbei das theoretische Modell der Identität von Jürgen Habermas, das von einer Konstruktion der Identität als einem aktiven, kontinuierlich stattfindenden Prozess ausgeht.
Inhaltsverzeichnis:
| 1. | Einleitung | 4 |
| 2. | Hintergrund | 7 |
| 2.1 | Autorinnen der zweiten Generation | 7 |
| 2.2 | Autobiographisches Schreiben | 9 |
| 3. | Aspekte der deutsch-jüdischen Identitätsbildung | 11 |
| 3.1 | Geschichte und eigene Erfahrungen | 11 |
| 3.1.1 | Shoah | 13 |
| 3.1.2 | Erzählen um zu erinnern | 22 |
| 3.1.3 | Motiv des Friedhofs | 23 |
| 3.2 | Judentum und Religion | 25 |
| 3.3 | Jüdischsein und Erfahrung der Fremdheit | 32 |
| 3.4 | Leben in Deutschland oder Emigration | 35 |
| 3.4.1 | Israel | 39 |
| 4. | Sich eine Identität erschreiben | 41 |
| 4.1 | Sprache und Struktur | 48 |
| 4.2 | Wirklichkeitsstatus der Texte | 53 |
| 5. | Resümee | 55 |
| Literaturverzeichnis | 57 |
38 Zum einen wird hier der Auftritt einer beeindruckenden Person geschildert, die fast an eine göttliche Erscheinung erinnert; sie ist „strahlend, groß, schön“. Die hier erwähnte Prinzessin Sabbath ist vermutlich eine Anspielung auf das gleichnamige Gedicht von Heinrich Heine.67 Zugleich ist diese Person aber vertraut, sie ist eine Schulkameradin, die die Hauptfigur bewundert hatte, aber damals nicht näher kennenlernte. Dieses Kennenlernen findet nun statt und es stellt sich bald Vertrautheit ein: Daisy „blieb den ganzen Abend neben mir sitzen, und wir schwatzten unaufhörlich“ (ebd.). Das Gefühl von Fremdheit und gleichzeitiger Vertrautheit bestimmt auch das Ende dieses ersten Abends in der jüdischen Gemeinde. Hier erzählt die Ich-Erzählerin von ihrem Traum von Auschwitz.68 „Und in dem Traum dachte ich: Endlich habe ich meinen Platz im Leben gefunden. Aber jetzt dachte ich an den schwachen Stern und an die rostige Himmelsleiter.“ (RK S. 28) Die negative Identifikation mit den Opfern der Shoah, wie sie im Traum stattfand, tritt, zumindest für den Augenblick, in den Hintergrund. Sie macht Platz für die gerade so positiv erfahrene jüdische Gemeinschaft und vermutlich auch für die neu entdeckte Religion, die durch den „Stern Davids“ hier symbolisiert ist. Doch nicht nur der Abend im jüdischen Gemeindehaus, sondern bereits der Weg dorthin über den Alexanderplatz, hat eine besondere Bedeutung. Sonst fiel es der Ich-Erzählerin oft schwer, diesen Platz zu überqueren, doch in der Gruppe der anderen Juden „[...] da wurde mir dieser Platz so leicht, sogar lächerlich, denn wir mußten gar nicht hindurch durch ihn, er öffnete sich vor uns wie das Rote Meer, und die ewig graue, verdunkelnde Wolkensäule schüttete ihren Regen aus, und als wir uns umsahen, da stürmte es und tobte es, und der Alexanderplatz blieb hinter uns und holte uns nicht mehr ein und versank in Nebel und Regen wie Pharaos Heer.“ (RK S. 25) Diese Szene erinnert an ein biblisches Ereignis, den Auszug der Juden aus Ägypten. Die Rückkehr der Juden in das ‚Gelobte Land’ scheint gelungen, die Ich-Erzählerin ist nach Hause zurückgekehrt.69 Die religiöse Gemeinschaft, als deren Teil sie sich begreift, darauf weist auch das verwendete ‚wir’ bzw. ‚uns’ hin, gibt ihr Unterstützung. [...]
36 verleugnen kann, und daß es von der Geschichte und nicht vom Glauben bestimmt ist.“65 Gilt dies auch für Hannahs Tochter? Ihre Rückkehr in die jüdische Gemeinde scheint nicht auf eine ausgeprägte Religiosität zurückführbar, sondern es scheint eher ein für die IchErzählerin zwingend notwendiger Schritt zu sein, der sich aus der Akzeptanz ihrer jüdischen Herkunft ergibt. Es ist ein klares Bekenntnis zu ihrer jüdischen Identität, das noch weiter unterstrichen wird durch die Schlusspassage der Geschichte. Man kann hier die Zugehörigkeit zur Gemeinde nicht automatisch mit dem Glauben an Gott gleichsetzen. In Joëmis Tisch wird eher ein Bild des Zweifelns an Gott evoziert, wie es in der oben zitierten Passage besonders deutlich wird, aber auch in anderen Textstellen zu finden ist.66 [...]
35 Erinnerung. Diese schönen Kindheitserlebnisse weisen indirekt auf einen positiven Anfang der (Lebens-)Geschichte hin. „’Meine Mame läßt schön fragen, ob ich die Mazzes kaufen kann.’ Mame fragt nicht selbst. Sie hat die Kinder taufen lassen, ihnen für allezeit einen zweiten Ariernamen ausgesucht. Das weiß der Mann, der das runde, spröde Brot an die Gemeinde weitergibt.“ In dieser Szene werden zwei wichtige Punkte angesprochen, zum einen die Taufe, die allgemein bekannt war, zum anderen die Tatsache, dass es Elemente jüdischen Lebens in der Kindheit der Ich-Erzählerin gab: die Mazzes, die üblicherweise zum Pessachfest gegessen werden und auch die Teilnahme am oben beschriebenen Purimspiel. Hannahs Tochter wurde getauft. Vermutlich wollte Hannah sie auf diese Weise schützen, aus Angst, dass sich das Geschehene, die Verfolgung der Juden, wiederholen könnte. Helene Schruff schreibt, dass Hannahs Tochter in einem christlichen Umfeld aufgewachsen sei.64 Es gibt, abgesehen von der christlichen Taufe, jedoch nur sehr wenige Hinweise im Text, die diese These unterstützen. Die christliche Prägung, die eng mit dem Vater verbunden ist, scheint nicht entscheidend zu sein, wenn man die sehr kleine Rolle des Vaters in der Erzählung als Maßstab zugrunde legt. Um sich ihrer jüdischen Identität bewusst zu werden und diese Identität anzunehmen, muss sich die Ich-Erzählerin jedoch noch weiter von ihrem Vater und dem Christentum distanzieren. Durch das Motiv des Purim-Feiertags wird eine Brücke zwischen Anfang und Ende, Kindheit und Erwachsensein gebaut, denn der letzte Absatz der Geschichte erzählt davon, wie Hannahs Tochter versucht, für ihre eigene Tochter Haman-Taschen zu kaufen: „Dann würden sie sehr viele davon essen.“ Haman-Taschen werden traditionellerweise an Purim gegessen und diese Tradition möchte sie ganz offensichtlich auch ihrer Tochter vermitteln. So hat die Erzählung ein versöhnliches Ende, obwohl der letzte Satz im Konjunktiv steht und somit anzeigt, dass die Suche der Protagonistin noch nicht zu Ende ist. Zumindest ist es aber ein vorsichtiger, vielleicht auch skeptischer Neuanfang eines Lebens, in dem jüdische Kultur und vielleicht auch jüdische Religion eine Rolle spielen. Zur Hauptfigur in Dischereits Hörspiel Ich ziehe mir die Farben aus der Haut bemerkt Shedletzky: „Entscheidend ist die Erkenntnis der Frau, daß sie ihr Judesein nicht mehr [...]
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Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783832496074
Arbeit zitieren:
Billen, Kerstin März 2006: Sich eine Identität erschreiben - zum Werk von Barbara Honigmann und Esther Dischereit, Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
deutsch-jüdisch, Literatur, Identität, Juden, jüdisch



