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Einleitung:
Diese Arbeit beschäftigt sich mit dem KZ-Außenlager Genshagen auf dem Werksgelände der Daimler Benz GmbH Genshagen. Bei der Beantwortung der Frage nach der Struktur des Konzentrationslagers stellt sich zwangsläufig die Frage der Wahrnehmung des KZ durch die Belegschaft von Daimler Benz. Die Beantwortung dieser beiden Fragen bilden die Prämisse dieser Arbeit.
Die Entwicklung der KZ-Außenlager ist eng mit der Zwangsarbeit in der deutschen Rüstungsindustrie verbunden. So ist es nicht verwunderlich, dass die Frage, Primat der Ökonomie oder Primat der Ideologie, die wissenschaftliche Diskussion bis zu den letzten Veröffentlichungen prägte. Das heißt, ob wirtschaftliche Interessen der SS den ideologischen Zweck des KZ-Systems, die Bestrafung und Vernichtung von NS-Feinden, in den Hintergrund drängte.
Der Begriff der Ökonomie geht von einer produktiven Erwerbsarbeit aus, mit dem Ziel der Produktionssteigerung und des Gewinns. Dies erfordert unter anderem den Erhalt und die Steigerung der Arbeitskraft des Arbeiters, den Schutz der „Kapitalanlage Arbeiter“. Die Herausbildung einer solide ausgebildeten und im Interesse des Arbeitgebers, produktiv arbeitenden Belegschaft gehört zu einer Säule ökonomischen Handelns.
Die Loyalität des Arbeiters, die Bindung an das Unternehmen wird durch die angemessene Bezahlung, fachliche Ausbildung und Weiterbildung sowie menschwürdige Behandlung durch den Arbeitgeber erreicht. Der Arbeiter eines SS-Unternehmens war der KZ-Häftling. Eine Loyalität des KZ-Arbeiters gegenüber seinem Arbeitgeber SS war schon angesichts des Zustandekommens des “ Arbeitsverhältnisses“ undenkbar. Seit Gründung der KZ diente die Arbeit vor allem der Qual, Erniedrigung und Tötung der KZ-Insassen.
Die unzureichende Ernährung und die katastrophalen hygienischen Bedingungen unter denen der größte Teil der Häftlinge litt, waren ebenso Bestandteil des Terrors und standen im Widerspruch zu einem ökonomischen Handeln. Die Arbeitskraft des KZ-Arbeiters wurde permanent geschwächt, der Arbeiter letztendlich vernichtet. Betrachtet man zum Beispiel die Arbeit in der KZ-Gärtnerei, so wird deutlich, wie der quälerische Aspekt der Arbeit die Häftlinge in den Selbstmord trieb oder dazu diente einen Anlass zu provozieren, sie zu töten. Die entkräfteten Häftlinge in der KZ-Gärtnerei Buchenwald mussten die für sie zu schweren Düngekübeln tragen. Zwangsläufig stürzten sie und wurden von den Wachposten erschlagen. Das Produktionsergebnis rückte in den Hintergrund.
Der KZ-Häftling war primär bemüht am Leben zu bleiben. Er musste seine Ressourcen schonen. In allen Arbeitskommandos nutzten daher die unterernährten und ausgemergelten Häftlinge jede Chance nicht produktiv zu sein, um sich zu erholen. Die Arbeitskommandos in der Gärtnerei oder im Steinbruch hatten eine sehr hohe Sterberate. Um in ein Arbeitskommando mit einer größeren Überlebenschance zu gelangen, wie zum Beispiel eine Werkstatt, täuschten KZ-Häftlinge Spezialkenntnisse vor. So arbeitete zum Beispiel eine Dolmetscherin als Dreherin. Eine produktive und qualitative KZ-Arbeit war daher nicht zu erreichen. Die Entstehung der „Kapitalanlage Arbeiter“ schloss das KZ-System aus. Diese Tatsachen spiegelte sich in der Erfolglosigkeit Oswald Pohls wieder, ein SS-Wirtschaftsimperium aufzubauen.
Zur Beschreibung der Arbeit in den KZ bis zu der Entstehung von Außenlagern ist daher nicht der Begriff der Ökonomie zu verwenden, sondern der Begriff der Auspressung, die unökonomische Auspressung der Arbeitskraft des Häftlings bis zu dessen Tod. Diese Handlungsweise der SS spiegelte sich in der Aussage „Vernichtung durch Arbeit“ wieder.
Nachdem das Vorhaben Himmlers und Pohls gescheitert war, die deutschen Rüstungsbetriebe in das KZ-System einzugliedern, wurde die SS eine Art Verleihorganisation von Arbeitskräften. Das KZ-System in Form der Außenlager wurde in die freie Wirtschaft exportiert, das KZ in die Werksstruktur integriert. Die Einnahme der Verleihgebühr für die KZ-Häftlinge wurde für die SS ein lukratives Geschäft. Zur Steigerung der Einnahmen inhaftierte die SS immer mehr Menschen und brachte sie ins Konzentrationslager.
Das KZ-System nahm offenbar Einfluss auf das wirtschaftliche Umfeld und ließ in vielen Fällen die Belegschaft zu Trägern des Terrors und der Vernichtung werden. In dieser Arbeit soll die Frage beantwortet werden, wie das KZ-System und das wirtschaftliche Umfeld der Daimler Benz GmbH Genshagen einander beeinflussten. Von ökonomischen Handeln kann angesichts der Arbeitsverhältnisse in den Konzentrationslagern bis zum Einsatz der Häftlinge in der Kriegsproduktion nicht die Rede sein.
Es stellt sich daher die Frage, ob die Arbeit im Außenlager Genshagen mit dem Begriff der Ökonomie beschrieben werden kann? Welche Erwartungen hatte die Daimler Benz GmbH Genshagen vom Einsatz der Häftlinge? Konnten die durch die KZ-Arbeit produzierten Güter qualitativ und quantitativ überzeugen? Welchen Wert hatte die Arbeitskraft der Häftlinge für das Unternehmen?
Die Geschichtswissenschaft der DDR basierte auf der Geschichtstheorie des historischen Materialismus. Trotz diesem dogmatischen Hintergrund wurden einige bis heute relevante Darstellungen zur Wirtschaftspolitik und Zwangsarbeiterpolitik des Dritten Reiches geliefert. Eine Veröffentlichung, die sich direkt mit dem Daimler-Benz Werk beschäftigt, ist die Arbeit von Gerhard Birk. Das regionalgeschichtliche Thema der Arbeit lässt die historisch-materialistische Geschichtsauffassung des Autors in den Hintergrund treten und die Arbeit gibt somit mehrere informative Ansatzpunkte für die weitere Recherche.
Die Geschichtsschreibung der BRD über die Zwangsarbeit bei der Daimler Benz AG kann als Politikum bezeichnet werden. Sie muss im Kontext der Entschädigungsforderungen von ehemaligen Zwangsarbeitern an deutsche Unternehmen gesehen werden. Bis Anfang der achtziger Jahre war dieses Thema für die beteiligten Unternehmen ein moralisches und besonders finanzielles Problem, weshalb die Auseinandersetzung mit diesem Thema vermieden wurde. 1986 veröffentlichte Hans Pohl eine Dokumentation über die Daimler Benz AG von 1933-1945. Diese durch die Daimler Benz AG finanzierte Veröffentlichung der Zeitschrift für Unternehmensgeschichte erwähnte erstmals den Einsatz von KZ-Häftlingen, nachdem die Unternehmensführung noch 1969 dem Vorsitzenden des Auschwitz-Komitees, Hermann Langbein, mitgeteilt hatte, es haben keine KZ-Häftlinge für die Daimler Benz AG gearbeitet.
Problemstellung:
Diese Arbeit stellt die Struktur und die Organisation des Außenlagers Genshagen sowie die in diesem Zusammenhang handelnden Personen dar. Dazu gehört eine kurze Entwicklungsgeschichte der Daimler Benz GmbH Genshagen. Folgend wird auf die Problematik des Arbeitskräftemangels im Dritten Reich eingegangen, der zum Einsatz von KZ-Häftlingen in der Rüstungsindustrie führte. In diesem Zusammenhang erfolgt eine begriffliche Erklärung der KZ-Typen Außenlager und Außenkommando. Die geschichtliche Darstellung der Struktur und Organisation des KZ Genshagen beinhaltet eine soziostrukturelle Analyse über die Tätergruppe, das Wachkommando und die Gruppe der Aufseherinnen.
Die aufgeführten Punkte können unter dem Begriff der Makrogeschichte zusammengefasst werden, die Strukturen, kollektive Mechanismen und langfristige Entwicklungsprozesse berücksichtigt. Sie bilden jedoch nur die „halbe Wahrheit“ der Geschichte. Ebenso wichtig sind auch die Fragen nach mikrogeschichtlichen Aspekten, die eine differenzierte Betrachtung der vielfältigen Sichtweisen, Einstellungen und Handlungsmotive der einzelnen Personen erfordern. Die Beantwortung dieser Fragen begründet sich auf ereignisnahe, persönliche Aussagen, Tagebücher, Briefe, Postkarten der betreffenden Personen vor und während der NS-Zeit.
Ereignisnahe Aussagen der Personen sind aus den bereits angeführten methodischen Problem von höchstem Wert, jedoch nur splitterweise in den Quellen zu finden. Relativ ereignisnahe Zeugenberichte der Opfer und Täter vor Gericht sind in den Aussagen der Schiedsspruchverfahren der Gerichte in den ersten Nachkriegsjahren zu finden. Es besteht der Nachteil, dass diese Aussagen juristischen Fragestellungen zu Grunde liegen und die Verteidiger bzw. Opferperspektive der Zeugen implizieren. Vernehmungssausagen und Interviews, die erst Jahrzehnte nach dem Ereignis durchgeführt wurden, sind abwägend zu betrachten. Wegen der problematischen Quellenlage können daher nur sehr eingeschränkt geltende Antworten gegeben werden.
Die Frage nach der Wahrnehmung von KZ-Zwangsarbeit betrifft makro- bzw. mikrogeschichtliche Aspekte. So muss gefragt werden, wie die KZ-Arbeit in den strukturenbildenden Institutionen des NS-Regimes gesehen wurde, wie die Wirtschafts- und Terrorpolitik im NS-Regime die KZ-Arbeit steuerte. Weiter interessieren die Handlungen der Genshagener Betriebsführung. Wie wurde die KZ-Arbeit im Produktionsprozess integriert? Welche Institutionen regelten den KZ-Betrieb. Wie war die Aufgabenverteilung zwischen der SS und der Daimler Benz GmbH Genshagen? Institutionalisierten sich Schnittstellen zwischen dem KZ-System und Daimler Benz GmbH Genshagen? Ebenso stellt sich die Frage, wie die SS und die deutsche Belegschaft den Einsatz von KZ-Häftlingen am Arbeitsplatz wahrnahm und umgekehrt. Welche Einstellungen und Handlungsmotive lagen den betreffenden Personen zu Grunde?
Bei der Archivrecherche zu Informationen über das Außenlager Genshagen wurde daher nach zwei Aspekten recherchiert. Der erste Aspekt betrifft die makrogeschichtliche Ebene. Darunter fallen die Quellen, die die Wirtschafts- und Terrorpolitik des Dritten Reiches auf ministerieller und gleichwertiger Ebene dokumentieren.
Dazu gehören die Bestände des Reichsministerium für Rüstung und Kriegsproduktion (R3), SS-Wirtschafts-Verwaltungshauptamt (NS), Reichssicherheitshauptamt (R58) und der Konzentrationslager (NS4) im Bundesarchiv und in Publikationen des Bundesarchivs, Splitterbestände in den Gedenkstätten Sachsenhausen und Ravensbrück sowie die Bestände im Unternehmensarchiv Daimler Benz AG in Untertürkheim.
Die Akten der Verwaltung der Konzentrationslager wurden größtenteils am Ende des Krieges durch die SS vernichtet. Daher sind die Bestände der Gedenkstätten Sachsenhausen und Ravensbrück vor allem durch Sammlungen nach dem Krieg entstanden. Die wichtigsten Bestandteile dieser Archive sind die schriftlich festgehaltenen Aussagen von ehemaligen KZ-Häftlingen. Ebenso konnten wichtige Dokumente während der NS-Herrschaft durch die Widerstandsgruppen innerhalb der KZ für die Nachwelt gesichert werden.
Für die sozialstrukturelle Studie sind die Personalakten der SS im ehemaligen Berlin Document Center (BDC) im Bundesarchiv relevant. Weiterhin bilden die Untersuchungsakten der ermittelnden westdeutschen Staatsanwaltschaften eine wichtige Quelle. Diese lagern in der Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen in Ludwigsburg (ZStL). Die Akten der in NS-Sachen ermittelnden ostdeutschen Justiz lagern in den Beständen des Ministeriums des Innern (DO1) sowie der Generalstaatsanwaltschaft der DDR (DP3) im Bundesarchiv.
Aus der mikrogeschichtlichen Perspektive sind die Personalakten der SS im BDC sowie die Aussagen der Häftlinge relevant. Im Bestand des BDC finden sich Splitter persönlicher Aussagen, Lebensläufe, dienstliche und private Briefe, Zeugenaussagen zu Straftaten während der SS-Mitgliedschaft oder andere zufällig überlieferte persönliche Quellen. Des weiteren existiert ein Personalaktenbestand der Daimler Benz GmbH in Genshagen im Brandenburgischen Landesarchiv (RP75), aus dem sich die Reflektion der Wahrnehmung der KZ-Arbeit im Werk der deutschen Belegschaft ableiten lässt. Auch liegt ein Bestand von Interviews mit ehemaligen Zwangsarbeitern darunter KZ-Häftlingen im Unternehmensarchiv der Daimler Benz AG sowie in Publikationen vor.
Inhaltsverzeichnis:
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