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Hexenglauben, Hexenverfolgung, Hexenwahn im Deutschland der Frühen Neuzeit

Ansatz einer soziologischen Analyse

Hexenglauben, Hexenverfolgung, Hexenwahn im Deutschland der Frühen Neuzeit
Über dieses Buch
  • Art: Magisterarbeit
  • Autor: Heike Albrecht
  • Abgabedatum: September 2001
  • Umfang: 117 Seiten
  • Dateigröße: 2,5 MB
  • Note: 2,0
  • Institution / Hochschule: Universität Kassel Deutschland
  • ISBN (eBook): 978-3-8324-5556-9
  • ISBN (Paperback) :
    978-3-8324-5556-9 P
  • ISBN (CD) :978-3-8324-5556-9 CD
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Albrecht, Heike September 2001: Hexenglauben, Hexenverfolgung, Hexenwahn im Deutschland der Frühen Neuzeit, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Teufel, Inquisition, Magie, Folter, Aufklärung

Magisterarbeit von Heike Albrecht

Einleitung:

Der Hexenwahn im Deutschland der Frühen Neuzeit ist eine historisch einmalige Erscheinung. Obwohl es auch heute noch weltweit Hexenverfolgungen gibt und immer wieder Menschen als Hexen bezeichnet werden, ist im christlichen Hexenglauben die Verknüpfung von Magie und Ketzerei zu einem crimen exeptum, zu einem Kapitalverbrechen, eine Besonderheit.

Im ausgehenden Mittelalter und in der Frühen Neuzeit setzten kirchliche, gesetzliche, gesellschaftliche und wissenschaftliche Entwicklungen ein, die zu einer großen Anzahl Gerichtsprozessen während des Hexenwahns führten. Spätere Entwicklungen in diesen Bereichen führten zur Beendigung der Verfolgungen. Nach der Zivilisationstheorie von Norbert Elias handelt es sich im Falle des Hexenwahns um einen gesellschaftlichen Prozeß zur Bewältigung von Ängsten vor dem Übernatürlichen. Im Rahmen seiner Theorie von der Formung der individuellen Affekte durch gesellschaftliche Entwicklungen läßt sich am Beispiel des Umgangs mit der Hexe darstellen, wie gesellschaftliche Institutionalisierung und über sie die wachsende Steuerung der Ängste funktioniert. Der Hexe wurden all die Eigenschaften zugeschrieben, die ein im Eliasschen Sinne zivilisierter Mensch weder an sich selbst wahrnehmen noch in seiner Umgebung haben wollte. Sie, die Auszugrenzende, war somit ein Werkzeug der Gesellschaft, mit dessen Hilfe exemplarisch gelernt wurde, mit Gefühlen wie Schuld, Angst, Aggression umzugehen. Die Metamorphose der Hexe von der Zauberin über verschiedene Zwischenstufen bis hin zur Märchengestalt zeigt die Wandlung auf, die das Böse in den Augen und im Glauben der Menschen bis heute durchgemacht hat. Wie dieser geschichtliche Wandel im gesellschaftlichen Affekthaushalt im Falle der Hexenverfolgungen vonstatten ging, erläutert die vorliegende Arbeit in sechs Kapiteln:

Die Einleitung gibt eine Einführung in das Thema und diskutiert den Wahrheitsgehalt einiger populärer Mythen: z. B. die Theorie, dass Millionen Hexen verbrannt worden seien. Die gegenwärtige Hexenforschung geht für das Gebiet des heutigen Deutschlands von ca. 25.000 Hinrichtungen aus. Eine andere Theorie, die immer wieder vertreten wird, ist die von der zielgerichteten Vernichtung der weisen Frauen. Dem widersprechen die mittlerweile in Mengen vorhandenen Regionalstudien, aus denen ersichtlich ist, dass erstens das Verfolgungsbegehren meist von der Bevölkerung ausging und nicht von Geistlichkeit und Obrigkeit initiiert wurde, dass zweitens die heilkundigen Personen in den Dörfern eine wichtige Rolle im sozialen Leben spielten und eher auf der Seite der Hexengegner bzw. -opfer standen und dass drittens, regional unterschiedlich gewichtet, auch Männer verdächtigt wurden. Gegen Ende der Hexenverfolgungen standen auch zunehmend Kinder auf Opfer- und Täterseite. In der Hexenforschung gilt als sichere Erkenntnis, dass europaweit 80% Frauen und 20% Männer Opfer der Verfolgungen wurden.

Als relevante Ansätze der Deutung des Hexenwahns gelten Angsttheorien, soziale Konflikttheorien oder Sozialdisziplinierungs- und Krisentheorien.

Gang der Untersuchung:

Das erste Kapitel der Arbeit skizziert den für das Thema maßgeblichen geschichtlichen Hintergrund und die wirtschaftlichen, politischen und gesetzlichen Veränderungen. Auch die Situation der Frauen in der Gesellschaft, speziell ihre wirtschaftlichen Verhältnisse, wird beschrieben. Ebenfalls wird das Thema Alter und Armut erörtert, das ja, wie die Problematik Geschlecht, in einem engen Zusammenhang mit den Hexenverfolgungen zu sehen ist. Eine große Rolle für das Zustandekommen von Verfolgungen spielte die Mentalität der frühneuzeitlichen Menschen, die nach Elias von „Grobianismus“, hoher Emotionalität und ständiger Rivalität geprägt war.

Im zweiten Kapitel der Arbeit wird der Anteil der Kirche und der Gelehrten am Hexenwahn untersucht. Die Kirche war zunächst bestrebt, den volkstümlichen Glauben an Magie, Dämonen und deren angeblichen Fähigkeiten zu unterdrücken. Im Rahmen der Ketzerverfolgungen wandelte sich diese Einstellung. Die kath. Kirche entdeckte die sog. Hexensekte. Dämonologen entwickelten die Lehre von Hexensabbat, Teufelspakt und Hexenflug. Diese Lehre wurde innerhalb der röm.-kath. Kirche zum Dogma erhoben. Die Vorstellung von regelmäßigen Treffen der Hexen zum Hexen-Sabbat führte zu den sogenannten Besagungen, die oft zu Massenverbrennungen führten. Nach der Reformation übernahmen auch die Protestanten diese Vorstellungen, allerdings nicht die magischen Abwehrmittel der kath. Kirche, was die Furcht der protestantischen Bevölkerung vor der Hexe eher verstärkte. Durch den Mangel an Abwehrmitteln kam es in protestantischen Gebieten oftmals schneller zu Hexenprozessen als in den katholischen Territorien.

Das dritte Kapitel behandelt die Rolle der Magie in der Frühen Neuzeit. Innerhalb des Weltbildes der Bevölkerung bildete das magische Denken ein Deutungssystem unter vielen. Magie für sich genommen unterlag keiner Wertung. Der Umgang mit Magie gehörte zum täglichen Leben. Schädigungen wurden als von Hexen ausgeführten Milch-, Krankheits- und anderen Schadenzauber gedeutet. Besonders der Verdacht des immer mehreren Hexen unterstellten Wetterzaubers führte zu wütenden Verfolgungsbegehren bei den zuständigen Obrigkeiten. In die magische Alltagspraxis waren auch Berufe wie der Henker oder Abdecker involviert. Sie konnten angeblich Hexerei erkennen. Hier wurde durch die Art der Tätigkeit magische Kenntnisse vorausgesetzt. Kräuterweiber, Wicker oder weise Frauen kannten Abwehrzauber, Bannsprüche und konnten den/die Schuldige/n finden oder andere Dienstleistungen erbringen. Die kath. Kirche stellte ihre eigene Form von Magie zur Verfügung, es bildete sich ein Amalgam aus traditioneller und kirchlicher Magie. Zwischen Hexendogma und volkstümlichen Hexenvorstellungen kam es nicht zu einer solchen Vermischung. Die eher dörfliche Vorstellung vom Hexensabbat erinnert eher an eine Bauernhochzeit als an eine teuflische Orgie, ebenso ist das kirchliche Bild des Teufels hier nicht zu finden. Den Hexen wurde wie traditionell der „Zauberschen“ ein zänkisches und mißgünstiges Wesen nachgesagt.

Dass die Schadenzauberei Frauen zugeschrieben wurde, lag unter anderem, neben der herrschenden Misogynie, daran, dass die Schäden hauptsächlich in weiblichen Arbeitsgebieten wie der Milchwirtschaft, der Nahrungszubereitung oder der Krankenpflege auftraten. Diese Thematik wird im vierten Kapitel vertieft. Außerdem wird die historische Praxis im Umgang mit den Hebammen untersucht. Auch wird erwähnt, dass es seit dem 12. Jhd. in der kath. Kirche die Heilige als Pendant zur Hexe gab. Statt Schadenzauber bewirkte eine Heilige Strafwunder, sie vermählte sich mit Christus statt mit Satan zu buhlen, sie hungerte statt der Völlerei zu frönen. Auch ihr gesellschaftliches Umfeld war dem der Hexe entgegengesetzt. Die Heilige kam meistens aus gehobeneren sozialen Schichten und war von einer Gruppe von Fürsprechern umgeben. Allerdings wurde sie seitens der Inquisition genauso harten körperlichen und geistigen Prüfungen unterzogen wie eine angebliche Hexe.

Das fünfte Kapitel erörtert den Verlauf von Hexereiverdächtigungen. Sie begannen i. d. R. im dörflichen Bereich. Die Verdächtigte hatte hier durch eine sogenannte Beschickung oder andere dorf-interne Prozeduren die Möglichkeit, sich zu ent-schuldigen, also Schuldlosigkeit zu beweisen. Dazu gehörten auch verschiedene Proben, wie die Wasser- oder Schwemmprobe. Einige Dörfer bildeten sog. Hexenausschüsse, um den eigentlichen Prozess vorzubereiten. Kam es durch Eingaben der Dorfbewohner zur Anklage, war die weltliche Obrigkeit gefragt. Unter Einwirkung der Folter und eindringlicher Befragung gab fast jede/r ein Geständnis zu Protokoll. Beim aus dem Mittelalter stammenden öffentlichen Rechtstag wurde das Geständnis verlesen, das Urteil verkündet und meistens auch sofort vollstreckt. Die kirchliche Inquisition spielte bei den Hexenprozessen in Deutschland nur bezüglich der Art des Verfahrens eine Rolle, sie hatte es entwickelt; an den Prozessen direkt beteiligt war sie in der Frühen Neuzeit nicht mehr. Die Eskalationen in Würzburg, Trier, Köln u. a. mit bis zu 900 Hexenbränden in jeweils wenigen Jahren lassen sich auf den Einfluss von ideologischen Eiferern zurückführen. Die Opfer entsprachen hier nicht mehr dem üblichen Hexenstereotyp: auch Geistliche oder Adelige wurden verurteilt. Solche exzessiven Prozesse fanden vor allem in kleinen Territorien mit nicht klar strukturiertem Rechtswesen statt. Starke Regierungen gingen Hexenprozessen schon aus Gründen der Staatsräson aus dem Weg. Unter der Einwirkung der Diskussion der universitären Gelehrten nahm die Häufigkeit der Prozesse ab, bis zur Streichung der Hexereigesetze Mitte des 18. Jhds. Mit den Schriften von J. Weyer begann der gelehrte Widerstand gegen die Praxis der Prozesse. Dem Leipziger Juristen Thomasius wird die Beendigung der Verfolgungen zugeschrieben.

Im sechsten Kapitel schließlich werden die regionale Ausbreitung der Verfolgungen und weitere das Geschehen begünstigende Einflußfaktoren dargestellt. Die Hexenprozesse in Deutschland begannen erst nach der Reformation. Vorher gab es zwar auch schon einzelne Verfolgungen, aber der eigentliche Hexenwahn setzte erst 1560 ein, als Jesuiten von der Hexengefahr predigten. Zwischen 1560 und 1660 kam es zu einem absoluten Höhepunkt mit drei großen Prozess-Wellen. In diese Zeit fielen die „Agrarkrisenjahre“, die sog. „kleine Eiszeit“. Die ausbrechenden sozialen Spannungen schürten die Hexereiverdächtigungen. Das Hexenbild wurde durch Predigten und durch den „Endlichen Rechtstag“ verbreitet. In „Zeytungen“ wurden Berichte von Prozessen und Bilder von den Machenschaften der Hexen publiziert so dass sie dazu beitrugen, das Hexenstereotyp zu tradieren. Die Verfolgungen endeten aufgrund von Ordnungsprinzipien der sich entwickelnden neuen Staats- und Wirtschaftsformen. Jetzt wurde magischen Handlungen die Wirksamkeit abgesprochen, nicht aber der bösen Intention und der hervorgerufenen Unordnung. Die Hexe war nun Sache von Polizei und Medizin.

Der Hexenglaube allerdings ist bis heute nicht verschwunden. Nach Umfragen, die zwischen 1973 und 1991 durchgeführt wurden, z. B. vom Institut für Demoskopie in Allensbach, bilden die Hexengläubigen in der deutschen Bevölkerung mit 10-15% eine stabile Minderheit.

Inhaltsverzeichnis:

Einleitung 4
Geschichtlicher Hintergrund 9
Allgemeine Entwicklungen 9
Frauen in der frühen Neuzeit 14
Alter und Armut 16
Mentalität der frühneuzeitlichen Menschen 18
Die Gelehrten, die Kirche und die Hexerei 20
Die Kirchen 20
Das gelehrte Hexenbild 25
Ausgewählte Vertreter des gelehrten Hexenbildes 26
Teufel und Teufelsbuhlschaft 28
Hexenflug, Hexentanz und Hexensabbat 30
Ausgewählte Gegner der Hexenverfolgungen 34
Magische Welt 38
Magisches Weltbild und magischer Alltag 38
Zauberei im Alltag und magische Berufe 40
Volkstümliches Bild von der Hexe 43
Magie und Hexerei 45
Beispiel Milchzauber 46
Beispiel Sexualität und Fruchtbarkeit 47
Beispiel Krankheit 48
Beispiel Wetterzauber 51
Hexen, Hebammen und Heilige 51
Wie die Frau zur Hexe wurde 51
Hebammen, weise Frauen und Ärzte 55
Die Heilige, das kirchliche Pendant zur Hexe 58
Der Prozeß 62
Das Delikt und die Strafe 62
Verdächtigungen innerhalb der Gemeinde 64
Die Obrigkeit und die Hexen 68
Die kirchliche Inquisition 70
Die weltliche Obrigkeit 71
Indizien, Folter und Besagung 75
Opfer der Hexenverfolgungen 77
Verlauf und Verbreitung der Hexenverfolgungen 79
Regionale und zeitliche Ausbreitung der Verfolgungen 80
Klimatische Bedingungen und die Auswirkungen 83
Verbreitung des Hexenbildes 87
Ende der Hexenverfolgungen 90
Zusammenfassung und Ansatz einer soziologischen Analyse 94
Literaturverzeichnis 106
Anhang: Zeittafel

Automatisiert erstellter Textauszug:

Wetterzaubereien gehörten zum magischen Repertoire der Menschen in der frühen Neuzeit und wurden nicht nur den Hexen zugeschrieben. Auch die Kirche hatte sich diesen Glauben zu eigen gemacht und versuchte, mit Hilfe von Hagelfeiern337 und Wetterläuten, das Wetter zu beeinflussen. Bereits im 16. Jahrhundert verboten die protestantischen Kirchen diese Praxis, und auch die katholische Kirche lehnte Rituale dieser Art im Zuge der Gegenreformation als abergläubisch ab. Teilweise hielt sich der Brauch des Wetterläutens in manchen Gegenden Deutschlands bis in das 19. Jahrhundert.338 Der Wetterzauber galt als Gruppendelikt, da beim Wettermachen mehrere Hexen gemeinsam agieren mußten.339 Wetterhexen galten als besonders gefährlich, denn durch Unwetter konnten ganze Landstriche verwüstet und dadurch wiederum ganze Gemeinden an den Bettelstab gebracht werden. Dementsprechend kam es in Zeiten wirtschaftlicher Notlagen, verursacht durch mehrere schlechte Ernten, gehäuft zu Hexenprozessen, die auf Grund von Anklagen wegen Wetterzauberei angestrengt wurden.340 Die Gelehrten gingen von der Realität dieser Zauberpraktiken aus. „Sie sahen in den Hexen Frauen, die von ihrer Zauberkraft überzeugt waren und Rituale in schädigender Absicht ausübten. Für diese Absicht [allein] sollten sie bestraft werden, so wie andere Straftäter auch, die vor Ausübung ihrer Tat gefaßt wurden.“341 Aus der gelehrten Weltsicht heraus bewirkte nicht die Hexe mit ihrem Ritual das Wetter, sondern der Teufel. Weil der Teufel angeblich wußte, wann ein Wetter heraufzog, brachte er die Hexen beizeiten dazu, ihr Ritual durchzuführen, damit sie glauben sollten, sie hätten das Wetter bewirkt.342 [...]

das „auf die Wortverkündigung zentrierte Luthertum“ 328 durch. In anderen Gebieten oder in anderen Zusammenhängen „blieb der populare Glaube eher am Sakrament des Abendmahls hängen“.329 „Zeichen“ beim Abendmahl wurden zur Zukunftsschau genutzt. Erlosch z. B. eine Kerze, würde der Geistliche demnächst sterben.330 Auch auf andere Weise wurde die kirchliche Magie genutzt: „Erde von der Kirchentür, die an den Schuhen hängen blieb, [sollte] gegen Zahnschmerzen helfe[n].“331 Die Kirchenschlüssel halfen angeblich gegen den Biß von tollwütigen Hunden oder Vieh wurde damit auf symbolische Art aufgeschlossen, damit es wieder fraß.332 Die katholischen Sakramente sollten gegen Verwundungen helfen, und ein Gebet auf der Kanzel half zu bewirken, daß eine Melancholie vorüberging.333 Die magische Volkstradition assimilierte die ihr nützlichen magischen Hilfsmittel der Kirche und nutzte sie auf althergebrachte Weise. Rublak schreibt zur Situation im fränkischen Raum: Die magische Tradition des Volkes sah im Sakrament das wirksamere Sakrale. Die Überzeugungskraft der lutherischen Konfessionalisierung brach sich auf der Schwelle zur bäuerlichen Lebenswelt. Adaptiert wurde die protestantische Begründung von der Kraft der Predigt, in eigensinniger Umdeutung, um sich der traditionalen heiligen Formeln als guter Worte magisch bedienen zu können. So wurde Tradition selektiert. Auch konfessionelle Grenzen und solche zu einer anderen Religion wurden dann überschritten, wenn Hilfe nottat.334 Stand die Ursache einer Erkrankung nicht fest, war also ein Schadenzauber nicht auszuschließen, wurde Magie gleichzeitig zur Bannung von Dämonen und zur Neutralisierung eines Zaubers eingesetzt.335 Hexen konnten durch diese magischen Formeln und Rituale dazu gezwungen werden, Krankheiten wieder „abzutun“. Man setzte gleichermaßen christliche Segenssprüche und ältere magische Beschwörungsformeln gegen Hexerei ein. Magie wurde neben christlichen Praktiken verwendet. Es war schwer, eine genaue Trennung zwischen beiden Vorstellungen zu treffen. Sie waren ein gebräuchliches Mittel im Umgang mit Krankheit und anderen Bedrohungen. Die Menschen wendeten sie ohne Unterschied zum Schutz und zur Existenzsicherung an, je nachdem, ob bezüglich der jeweiligen Problemstellung der traditionellen oder der kirchlichen Magie mehr Wirkung zugetraut wurde.336 [...]

könne.322 Aufgrund dessen konnte es auch üble Folgen haben, ein Geschenk von einer Hexe anzunehmen, denn sie konnte es mit einem bösen Wunsch vergiftet haben.323 Schaden oder Krankheit mußten allerdings das übliche Maß übersteigen, um Zauberei zu vermuten. Der Zaubereiverdacht war davon abhängig, welcher Art die Krankheit war und unter welchen Umständen sie ausbrach.324 Krankheit war in der Welt der frühen Neuzeit so oder so eine Bedrohung, egal auf welche Weise sie zustande kam. Sie störte den normalen Lebensrhythmus des Betroffenen und beeinträchtigte durch den Ausfall seiner Arbeitskraft das dörfliche Zusammenleben. Das soziale Überleben war abhängig von Möglichkeiten der Diagnose und Heilung von Krankheiten. Fast alle Spekulationen über Ursachen und Gründe jener ernstzunehmenden, rätselhaften Beeinträchtigungen mündeten dementsprechend in die Annahme einer geheimnisvollen Beziehung zwischen ihren Ursprüngen und der ebenso unergründlichen Welt übernatürlicher Kräfte und Wesen. Das zusätzliche Fehlen von Kenntnissen körpereigener Vorgänge förderte den Glauben an von außen einwirkende überirdische oder mit dem Überirdischen in Verbindung stehende Krankheitsbringer. (...) Es ging also nicht um eine Heilung im medizinischen Sinne, sondern um eine Vertreibung von Krankheitsdämonen oder die Neutralisierung von Hexen- und Zauberkünsten. Dabei umfaßte nun das volksmagische Repertoire Formen des christlich-religiös geprägten Heilzaubers, etwa die Segnerei, und andere, die sich auf magisch-kultische oder magisch-natürliche Zusammenhänge stützten.325 Bei den Sprüchen, die eigentlich immer begleitend, z. B. bei der Einnahme einer Medizin, aufgesagt werden mußten, zeigt sich die Vermischung eines alten volkstümlichen Magieglaubens mit den Lehren der christlichen Kirche. Die christlichen Heiligen, die Mutter Gottes und Christus wurden durch die volkstümliche Magie genauso vereinnahmt wie vorher die regional üblichen Götter und andere magische Wesen. Es kam sozusagen zu einer Kreolisierung326 von kirchlicher und volkstümlicher Magie. In dieser Vermischung von traditionellen Zaubersprüchen mit Worten des Christentums327 scheint [...]

Arbeit zitieren:
Albrecht, Heike September 2001: Hexenglauben, Hexenverfolgung, Hexenwahn im Deutschland der Frühen Neuzeit, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Teufel, Inquisition, Magie, Folter, Aufklärung

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