"Die Schuld ist immer zweifellos."
Das Rechtsritual in Franz Kafkas Erzählung "In der Strafkolonie" als kulturelles Phänomen
- Art: Magisterarbeit
- Autor: Andrea Barth
- Abgabedatum: September 2000
- Umfang: 120 Seiten
- Dateigröße: 697,5 KB
- Note: 1,0
- Institution / Hochschule: Ludwig-Maximilians-Universität München Deutschland
- ISBN (eBook): 978-3-8324-4264-4
-
ISBN (Paperback) :
978-3-8324-4264-4 P - ISBN (CD) :978-3-8324-4264-4 CD
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Barth, Andrea September 2000: "Die Schuld ist immer zweifellos.", Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Kafka, Kulturtheorie, Recht, Ritual, Strafkolonie
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Magisterarbeit von Andrea Barth
Problemstellung:
Franz Kafkas Erzählung In der Strafkolonie thematisiert einen kulturellen Umbruch: Eine mittelalterliche‚ barbarische Rechts- und Gesellschaftsordnung soll auf Betreiben eines neuen Machthabers, des neuen Kommandanten, durch eine moderne‚ zivilisierte Gesellschaftsordnung abgelöst werden. Anhand dieses Umbruchs werden zwei konkurrierende Ordnungsmuster diskutiert, die sich auf unterschiedliche Rechtsfindungsstrukturen stützen. Sie werden jeweils durch eine der Hauptfiguren repräsentiert: Der europäische Forschungsreisende vertritt die Prinzipien bürgerlicher Gerichtsbarkeit, die auf Diskursivität beruht (Rede und Gegenrede in der Gerichtsverhandlung) und sich Milde und Humanität auf ihre Fahnen schreibt. Der Offizier dagegen verkörpert ein Modell, das ohne jede Diskussion zur Urteilsfindung gelangt und auf einem analogen Übertragungsmechanismus basiert (der Folterapparat ‚schreibt‘ das Urteil direkt auf den Körper des Delinquenten).
Gang der Untersuchung:
Ziel dieser Arbeit ist es nun, zu zeigen, dass Kafka die auf den ersten Blick so offensichtlichen Differenzen zwischen beiden Rechtsmustern dekonstruiert und den archaischen Strafritus der Strafkolonie dazu benutzt, unreflektierte Voraussetzungen der eigenen (Rechts-)Kultur zu diagnostizieren.
Der erste Teil dieser Arbeit ist Kafkas Text selbst gewidmet. Hier soll die Erzählung anhand ihrer Entstehungsgeschichte, ihrer Quellen, einer Inhaltsangabe sowie eines Überblicks über die wichtigsten Forschungslinien beleuchtet werden.
Anschließend wird die Funktion des dargestellten Strafrituals innerhalb der Gesellschaftsordnung der Kolonie analysiert, wobei die Aspekte Bestrafung und Disziplinierung im Mittelpunkt stehen. In diesem Zusammenhang bietet es sich an, Michel Foucaults rechtsgeschichtliche Studie Überwachen und Strafen heranzuziehen und deren zentrale Aussagen für eine Interpretation der Strafkolonie nutzbar zu machen. Foucault kann als „Ethnograph der eigenen Gesellschaft“ bezeichnet werden, weil er bestimmte kulturelle Strukturen – wie das Rechtswesen – in den Blick nimmt. Für das Ende des 18. Jahrhunderts diagnostiziert er einen entscheidenden Wandel im „Straf-Stil“ (ÜS 14) des europäischen und des nordamerikanischen Rechtssystems: Die mittelalterlich-absolutistische Blutjustiz wird durch eine mildere Gerichtsbarkeit abgelöst, die nicht mehr auf Vernichtung, sondern auf Resozialisation setzt. Ich zeichne diese Entwicklung kurz nach und gehe dabei insbesondere auf das „Fest der Martern“ (ÜS 44) ein, das einige Parallelen zum Hinrichtungsritual der Strafkolonie aufweist. Übereinstimmungen ergeben sich aber auch mit den von Foucault beschriebenen Normalisierungsbestrebungen der modernen Disziplinargesellschaft, und zwar vor allem im metaphorischen Sinne: Zu nennen wäre hier neben der technischen Perfektion des kafkaschen „Apparats“ die Ein-Schreibung von Gesetzen bzw. Kulturmustern durch gesellschaftliche Institutionen (Apparate) sowie die Disziplinierung der Individuen durch die Schrift-Macht. Kafkas Folterapparat kann aus dieser Perspektive als Sozialisationsmaschine betrachtet werden.
Im Zentrum des dritten Teils stehen vier weitere Aspekte der Hinrichtungszeremonie, die für das Rechtsritual der Strafkolonie ebenfalls zentral sind: Schrift, Technik, Medien und Kunst. Alle vier Bereiche weisen einen besonderen Bezug zu Kafkas Biographie auf, der jeweils kurz erläutert wird. Zudem prägen sie die spezifische Erscheinungsform einer Kultur in entscheidendem Maße. Die vier Dimensionen werden daher nicht nur in Bezug auf das Hinrichtungsritual, sondern auch im Hinblick auf ihren spezifischen Beitrag zum Funktionieren einer Kultur analysiert.
Im vierten Teil steht der Aspekt der Kulturdiagnose im Vordergrund, die Kafka mit der Erzählung gibt. Das Rechtssystem der Strafkolonie wird hier als Teilsystem der fremden Kultur begriffen. Zunächst ist zu zeigen, wie Kafka das archaische Modell der Kolonie dazu nutzt, die Codes der eigenen, abendländischen Kultur transparent zu machen. Beispielsweise inszeniert der Text mehrere Leseszenen, die – wie auch die Kommunikation zwischen den einzelnen Figuren – allesamt scheitern, weil die kulturellen der Codes Beteiligten nicht kompatibel sind. Für den Schriftsteller bietet die Inszenierung des fremden Blicks eine Möglichkeit, die scheinbaren Differenzen zwischen beiden Kulturen zu dekonstruieren und einen Einblick in das Funktionieren von Kultur überhaupt zu gewähren.
Um die Prämisse dieser Arbeit zu untermauern, Recht als Teil von Kultur zu betrachten, beziehe ich zusätzlich die Theorie Pierre Legendres mit ein. Der Rechtshistoriker und Psychoanalytiker geht davon aus, dass sich alle Reden einer Kultur (und zwar jeder Kultur) auf eine absolute Referenz berufen, die als Garant der Rede fungiert. Diese absolute Referenz, die selbst konstitutiv abwesend ist, wird in aller Regel durch eine Vaterfigur (z.B. Gott) repräsentiert. Legendre spricht auch von der Vorstellung des „mythischen Vaters“ (L133). Nur wenn der allgegenwärtige Bezug auf die absolute Referenz bewusst bleibe und akzeptiert werde, sei eine Kultur vor Entgleisungen – wie z.B. dem „Hitlerismus“ – sicher. Im Rahmen dieser Arbeit geht es darum zu untersuchen, inwieweit sich Legendres Ansatz auf die Strafkolonie aber auch auf Kafkas Schreiben übertragen lässt. Dabei stellt sich heraus, dass Kafka die absolute Referenz zwar grundsätzlich anerkennt, generell aber ausgesprochen kritisch mit Strukturen umgeht, die Im-Namen-von funktionieren, und zudem einen anderen Schwerpunkt als Legendre setzt: Während es letzterem vor allem um Legitimation und Ursprung kultureller Reden geht, analysiert Kafka die disziplinierenden Auswirkungen hierarchischer Strukturen auf das Subjekt und denunziert die Scheinheiligkeit, mit der sich die Akteure gesellschaftlicher ‚Apparate‘ und Institutionen zumeist auf höhere Instanzen berufen. Seine Haltung ist somit hochgradig ambivalent und widerstrebt dem Ansatz Legendres in erheblichem Maße. Auch wenn seine Figuren aus den gegebenen Strukturen nicht herauskommen, deutet sich doch in manchen Texten eine Art utopischer Fluchtraum an, in dem das Wirken der absoluten Referenz außer Kraft gesetzt ist (vgl. z.B. Die Sorge des Hausvaters).
Angesichts der immensen Deutungsflut, der Kafkas Texte seit den fünfziger Jahren unterworfen sind, möchte ich betonen, dass eine kulturtheoretische Lesart – wie jede Interpretation literarischer Texte – auch wieder nur eine Dimension der Erzählung erfassen kann. Denn Interpretieren heißt nach Michel Foucault, „sich eines Systems von Regeln, das in sich keine wesenhafte Bedeutung besitzt, gewaltsam oder listig zu bemächtigen, um ihm eine Richtung aufzuzwingen, es einem neuen Willen gefügig zu machen, es in einem anderen Spiel auftreten zu lassen und es anderen Regeln zu unterwerfen.“ Das gilt für Kafkas Texte in besonderem Maße:
Kafkas Schreiben gehorcht einem Gesetz, das man als Entzug der Referenz begreifen muss. Der Text macht sich einen Spaß daraus (der zugleich Verzweiflung ist), einen von den Buchstaben evozierten Gegenstand nicht etwa darzustellen, sondern im Fortschreiten der Sätze zu demontieren.
Da die kulturdiagnostische Bedeutung kafkascher Texte bislang von der Forschung aber kaum berücksichtigt worden ist, widmet die vorliegende Arbeit diesem Aspekt besondere Aufmerksamkeit.
Inhaltsverzeichnis:
| 1. | EINLEITUNG | 4 |
| 2. | DAS HINRICHTUNGSRITUAL DER STRAFKOLONIE ALS KULTURELLES PHÄNOMEN | 8 |
| 2.1 | Franz Kafkas Erzählung In der Strafkolonie | 8 |
| 2.1.1 | Entstehung | 8 |
| 2.1.2 | Inhalt | 10 |
| 2.1.3 | Kafkas Quellen | 14 |
| 2.1.4 | Forschungsüberblick | 20 |
| 2.1.4.1 | Walter Müller-Seidel | 20 |
| 2.1.4.2 | Wolf Kittler | 22 |
| 2.1.4.3 | Susanne Feldmann | 25 |
| 2.2 | Die Strafkolonie im Spiegel der Rechtsgeschichte | 27 |
| 2.2.1 | Michel Foucaults Überwachen und Strafen | 27 |
| 2.2.1.1 | Vom Schauprozess zur Resozialisation | 27 |
| 2.2.1.2 | Das „Fest der Martern“ | 29 |
| 2.2.2 | Die Strafpraxis der Strafkolonie - ein Vergleich mit Foucaults Analyse | 32 |
| 2.2.2.1 | Aspekte der Marter | 32 |
| 2.2.2.2 | Aspekte der Disziplinierung | 39 |
| 2.3 | Dimensionen des Hinrichtungsrituals | 44 |
| 2.3.1 | Die Dimension der Schrift | 44 |
| 2.3.1.1 | Leben und Schreiben | 44 |
| 2.3.1.2 | Schrift und Körper | 46 |
| 2.3.1.3 | Die Ambivalenz der Sprache | 48 |
| 2.3.1.4 | Der „Apparat“ als Sozialisationsmaschine | 50 |
| 2.3.2 | Die Dimension der Technik | 53 |
| 2.3.2.1 | Schreib-Technik und Technikbeschreibung | 53 |
| 2.3.2.2 | Der „Apparat“ der Strafkolonie | 54 |
| 2.3.2.3 | Die Ästhetik des Ekels als Kehrseite der technischen Perfektion | 58 |
| 2.3.3 | Die Dimension der Medien | 62 |
| 2.3.3.1 | Medien-Welt | 62 |
| 2.3.3.2 | Kafkas Medienphantasien | 64 |
| 2.3.3.3 | Der „Apparat“ - ein Parlograph? | 67 |
| 2.3.4 | Die Dimension der Kunst | 70 |
| 2.3.4.1 | Literatur als Ausweg | 70 |
| 2.3.4.2 | Der „Apparat“ - ein Modell der künstlerischen Produktion? | 73 |
| 2.4 | Die Strafkolonie als kulturelle Diagnose | 75 |
| 2.4.1 | Literaturwissenschaft als Kulturwissenschaft | 75 |
| 2.4.2 | Die Konfrontation von Kulturmustern | 76 |
| 2.4.2.1 | Die Inszenierung des fremden Blicks | 77 |
| 2.4.2.2 | Die Differenz der Codes | 81 |
| 2.4.2.2.1 | Rechtsnormen | 81 |
| 2.4.2.2.2 | Lesen und Verstehen | 83 |
| 2.4.3 | Die „absolute Referenz“ als universales Kulturprinzip | 89 |
| 2.4.3.2 | Die Ritualität des Rechts | 89 |
| 2.4.3.3 | Kafkas Umgang mit der absoluten Referenz | 95 |
| 2.5 | Zusammenfassung | 102 |
| 3. | SCHLUSS | 105 |
| Literaturverzeichnis | 108 | |
| Erklärung | 117 |
Langsam hob sich der Deckel des Zeichners und klappte dann vollständig auf. Die Zacken eines Zahnrades zeigten und hoben sich, bald erschien das ganze Rad, es war, als presse irgendeine große Macht den Zeichner zusammen, so daß für dieses Rad kein Platz mehr übrig blieb, das Rad drehte sich bis zum Rand des Zeichners, fiel hinunter, kollerte aufrecht ein Stück im Sand und blieb dann liegen. Aber schon stieg oben ein anderes auf, ihm folgten viele, große, kleine und kaum zu unterscheidende, mit allen geschah dasselbe, immer glaubte man, nun müsse der Zeichner jedenfalls schon entleert sein, da erschien eine neue, besonders zahlreiche Gruppe, stieg auf, fiel hinunter, kollerte im Sand und legte sich. (SK 192) [...]
Die Vorstellung einer perfekt funktionierenden Maschine wird jedoch vom Text konsequent unterlaufen, bis die„Täuschung“ (SK 192) schließlich nicht mehr zu leugnen ist. Schon ganz zu Anfang weist der Offizier auf mögliche, wenn auch „nur ganz kleine“ „Störungen“ des Exekutionsablaufs hin, die „sofort behoben sein“ (SK 162) würden. Im Laufe seiner monologischen Präsentation der Maschine kommt er wiederholt auf ihre technischen Mängel zurück.219 Während sie bei den Exekutionen „in früherer Zeit“ (SK 177) jeweils mit neuen „Ersatzstücken“ (SK 178) versehen wurde und „frisch geputzt“ glänzte (SK 178), wird sie heute „verunreinigt wie ein Stall“ (SK 176). Die Tatsache, daß sie „so sehr beschmutzt wird“, läßt der Offizier als ihren „einzigen Fehler“ (SK 169) gelten. Da nicht mehr er selbst, sondern der neue Kommandant die „Maschinenkassa“ (SK 175) verwaltet, seien „Ersatzteile [...] schwer zu beschaffen“ (SK 164). Die „bereits etwas beschädigte Maschine“ (SK 180) sei daher insgesamt „sehr zusammengesetzt“, so daß „hie und da etwas reißen oder brechen“ (SK 174) müsse. Man dürfe sich dadurch aber nicht „im Gesamturteil [...] beirren [...]
die Maschine vor allem durch eine Vielzahl moderner technischer Details aus: Da ist z.B. von „Schrauben“ (SK 163), einer „Kurbel“ (SK 191), einer „Kurbelstange“ (SK 193) und einem „Räderwerk“ (SK 188) mit „Zahnrädern“ (SK 192) die Rede; von einem „Stahlseil“, das sich bei richtiger Einstellung zur „Stange“ (SK 170) strafft, von einer „Egge aus Glas“ (SK 170), von „Sticheln“ (SK 169) bzw. „zweierlei Nadeln in vielfacher Anordnung“, wobei „die lange schreibt“ und „die kurze Wasser aus[spritzt]“ (SK 170), sowie von einem „Abflußrohr“ (SK 170), „elektrischen Batterien“ (SK 165) und einem „elektrisch geheizten Napf“ (SK 173). Die ausgeklügelte Technik der Tötungsmaschine, die nach Betätigung der Kurbel „ganz allein“ (SK 162) arbeitet, macht die Arbeit eines Henkers überflüssig. Vorausgesetzt, daß alles funktioniert, verkörpert der Apparat ein Meisterstück technischer Perfektion: So ist zu Beginn der Exekution des Offiziers nicht einmal „das geringste Surren“ (SK 191) zu hören. „Durch diese stille Arbeit entschwand die Maschine förmlich der Aufmerksamkeit“ (SK 191). [...]
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Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783832442644
Arbeit zitieren:
Barth, Andrea September 2000: "Die Schuld ist immer zweifellos.", Hamburg: Diplomica Verlag
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Kafka, Kulturtheorie, Recht, Ritual, Strafkolonie



