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Textprobe:
Kapitel 3.1.1.3.2.4, Die Musik:
Für Hesse hängt das Glasperlenspiel sehr eng mit der Musik zusammen. Es muss zwischen dem Sinnlichen und dem Geist der abendländischen und chinesischen Musik unterschieden werden. Der Kastalier soll vom Sinnlichen, d.h. der Ideographie des Glasperlenspieles, ausgehend das Wesen und den Kern, d.h. die Musik, erfahren.
Das Wesen der abendländischen, klassischen Musik ist nach Hesse – er bezieht sich auf die Zeit vom 15. bis zum 18. Jahrhundert – die Bejahung der Tragik des Menschengeschicks sowie trotziger Wille und Todesmut.
Der Geist der chinesischen Musik verbindet das Glasperlenspiel mit dem Ursprünglichen und wurzelt in Tao. Die Musik soll den Gesetzen des Tao folgen und ein Ausdruck der Vollkommenheit sein. Dann ist die Harmonie von Natur, Kosmos und Mensch hergestellt. Nach Konfuzius dient die Musik der Erhaltung des Staates, der sozialen Moral und war die höchste Stufe der Sittlichkeit. Hesse zitiert im Traktat des Hauptteils des Romans aus dem von Wilhelm übersetzten Buch „Frühling und Herbst des Lü Bu We“ des chinesischen Politikers Lü Bu We, der im 3. Jahrhundert vor Christus lebte. Er postuliert, dass die vollkommene Musik den oberen Gesetzen des Tao folgen müsse: Wenn die Welt in Frieden ist, wenn alle Dinge in Ruhe sind, alle in ihren Wandlungen ihren Oberen folgen, dann lässt sich die Musik vollenden.
In der taoistischen Philosophie spiegelt die Musik die Seele des Volkes und den Zustand des Staates wider. Auch der Untergang der Kultur drückt sich musikalisch aus: Je rauschender die Musik, desto melancholischer werden die Menschen, desto gefährdeter wird das Land, desto tiefer sinkt der Fürst.
Wenn sich die Menschen mit berauschender, dem Tao widerstrebender Musik betäuben, leben sie entgegen der kosmischen Ordnung und sind entwurzelt. Gerade die unruhige, oberflächliche Epoche des feuilletonistischen Zeitalters, die sich durch Angst und Vereinsamung auszeichnet, zeigt dies deutlich. Die in Tao wurzelnde Musik soll sich durch ihre Heiterkeit, Gleichmäßigkeit und ihren ruhigen Fluss auszeichnen.
Die Musik als Ausdruck der Vollkommenheit ist der Kern des Spieles in Waldzell. Sie ist für Knecht, dem Idealtypos des Menschen, ein Instrument der Vervollkommnung. Er lebt aus dem Geist der Musik, strebt nach der Einheit von Idee und Erscheinung der Musik, indem er in sich selbst ihr Wesen entdeckt. Diese Thematik wird im Kapitel 4.1 ausführlicher erörtert.
In der zwei der Lebensbeschreibung des Magister Ludi folgenden Gedichten erläutert Hesse noch einmal das Wesen der Musik: in dem Gedicht „Zu einer Toccata von Bach“ sieht Hesse das Wesen der Musik in der Vereinigung aller Gegensätze. Trieb und Geist als Antagonismen werden in der Musik vereinigt. In dem Gedicht „Das Glasperlenspiel“ stellt der Schriftsteller den Bezug zwischen dem Mikrokosmos des formal – intellektuellen Spiels und dem Makrokosmos, der „Musik des Weltalls“, her.
Mittels synthetischen Zusammenführens zweier gegensätzlicher, scheinbar feindlicher Themen oder Thesen versuchen die Kastalier zum eigentlichen Geheimnis des Spiels vorzudringen. Der Kern entspricht der vollkommenen Musik, die in Tao wurzelt und ein Ausdruck der Universalität ist. Im folgenden Abschnitt soll der Weg zum Wesen des Spieles, d.h. die meditative Erfahrung des Seins, untersucht werden.
Die Meditation:
Hesses starkes Interesse an der Kontemplation hat fünf verschiedene Ursachen: sein Interesse an der östlichen Philosophie und Lebensweise, seiner Neigung zur Introversion, sein Verhältnis zur Psychoanalyse – er war bei C. G. Jung in Therapie -, sein Wissen um die Bedeutung der Meditation in der abendländischen Geistesgeschichte sowie seine kritische Einstellung zur oberflächlichen Lebensweise der Menschen in der Massengesellschaft.
Schon in dem 1936 vor der Veröffentlichung des Romans erschienenen Gedicht „Stunden im Garten“ betrachtet Hesse die Musik und die Meditation als die wichtigsten Komponenten des Spieles.
Die Aufnahme der Kontemplation in das Glasperlenspiel verdankt der Orden den Morgenlandfahrern, denen das Werk gewidmet ist. Der Bund der Morgenlandfahrer als Vorläufer Kastaliens war ebenfalls auf der Suche nach dem Ursprung allen Seins.
In Kastalien ist die Meditation ein wesentlicher Bestandteil des alltäglichen Lebens. Sie fungiert als Erziehungsmittel. Es besteht im Orden die Gefahr, dass das Spiel nur noch als formale Kunstfertigkeit, als ästhetischer Genuss und geistige Spielerei angesehen wird. Um zu vermeiden, dass die Kastalier ein rein intellektuelles Spiel betreiben, werden sie zu der Meditation angehalten. Diese Selbstversenkung dient als Brücke, Weg und Verbindung zwischen dem rein formalen Spiel der intellektuellen Synthetisierung von Gegensätzen und dem Geist der vollkommenen Musik. Wie Hesse schreibt, „wurden die Hieroglyphen des Spiels davor bewahrt, zu blossen Buchstaben zu entarten“. Der Autor unterscheidet die formale von der psychologischen Spielmethode. Der psychologische oder auch pädagogische Spieltyp dient der Erfahrbarkeit der formal und intellektuell konstruierten vollkommenen Harmonie und Einheit.
Die Meditation über das Zeichen, seinen Gehalt, seine Herkunft und seinen Sinn ist eine buddhistische Praktik aus Indien. Die Ordensmitglieder machen Yogaübungen. Eine bestimmte Körperhaltung sowie Atemübungen sind notwendig, um ihre Sinne von der Außenwelt abzuwenden, um ihre Leidenschaften, Affekte und Begierden zu beherrschen und um sich nach Innen zu öffnen. Die Spieler müssen sich sodann auf ein Thema konzentrieren und sich dem inneren Strom der Bilder hingeben. Der Meditierende wartet auf die Stimmen aus der Tiefe und sucht bewusst die mystische Erfahrung des Tao.
Die Urpolarität, die vollkommene Musik bzw. das Tao, kann nicht gelehrt werden. Die Wahrheit wird mittels der Meditation erfahren. Ziel der Versenkungsübungen ist das Erlebnis des Einswerdens mit dem All. Diesen mit dem All eins gewordenen Zustand der inneren Ruhe und Ordnung in der Meditation bezeichnet Hesse als Glück. Dieser Einklang mit dem Sein ist nicht mit dem logischen Denken zu begreifen, sondern nur mit intuitivem Denken, d.h. der inneren Stimme, meditativ erfahrbar. Hesse spricht von der „Wendung gegen [in Richtung auf] das Religiöse“, die sich mit der Meditation vollzieht.
Zunächst ist das Meditieren eine rein private Übung der einzelnen Repetenten. Später finden öffentliche Jahresspiele statt. Das Versenken wird ein kollektives Erlebnis. Das Fasten und die Meditationsübungen werden unabdingbare Voraussetzung für das gemeinsame Spielen unter dem Aspekt des Wettbewerbs.
Die Bedeutung der Meditation wird auch dadurch betont, dass Knecht seinen ersten Schritt der Berufung von Seiten der Musik und der Meditation erfährt. In Zeiten der inneren Krise sammelt sich Knecht und meditiert.
Zusammenfassung:
Aus der Perspektive des 25. Jahrhunderts berichtet ein Chronist über das feuilletonistische Zeitalter, das unserer jetzigen Epoche entspricht. In den ersten drei Fassungen des Traktates stellt Hesse noch zahlreiche politische Bezüge zum Nationalsozialismus her, verzichtet jedoch auf eine Publikation dieser Versionen, da er ein Druckverbot befürchtet.
Die Menschen im feuilletonistischen Zeitalter verdrängen ihre Ängste vor dem Tod und den Wirren des Krieges, in dem sie sich oberflächlichen, geistigen Zerstreuungen hingeben. Ein Hauptcharakterzug dieser Zeit ist die Schnelllebigkeit und Oberflächlichkeit. Bildung ist zur Massenware verkommen; sie wird konsumiert, ohne die dem Geist gemäße Stellung, nämlich den Dienst an der Wahrheit, zu beachten. Auch Dichter, Gelehrte und Professoren haben nur noch materielle Interessen und machen die bindungslosen Menschen, die mit ihrer neu erkämpften Freiheit und Unabhängigkeit von der autoritären Kirche nicht umgehen können, nicht auf die Verdrängung ihrer Ängste aufmerksam. Forscher haben ihre Tätigkeit in den Dienst der Herrschenden gestellt und beteiligen sich an der Militarisierung der Wissenschaften. Der Verfall der Kultur während des feuilletonistischen Zeitalters, das während der Reformation begann, ist nicht mehr aufzuhalten.
Als Reaktion auf den Untergang der Kultur entsteht eine Gegenbewegung, die den Geist in den Dienst an der Wahrheit stellen will. Die Ordensmitglieder in Kastalien wollen sich von den Machtinteressen lösen. Der Orden soll Lehrer an öffentliche Schulen schicken, damit der Welt ihr geistiges Fundament bewahrt bleibt. Das Interesse der Kastalier ist die Überwindung der Grenzen der einzelnen Wissenschaften. Sie haben die geistigen Inhalte und Werte aller Kulturen aller Epochen in einem Archiv bewahrt und verzichten auf neue Schöpfungen, auf Produktivität und Kreativität.
Obwohl die Kastalier von materiellen und finanziellen Zuwendungen der Menschen des Landes abhängig sind, haben sie die Tendenz, sich zu isolieren und sich gegenüber der Welt, die für sie Trieb, Gier, Macht und Brutalität bedeutet, ablehnend zu verhalten. Die Repetenten fassen das Glasperlenspiel, das Zentrum des Ordens, als intellektuelle Spielerei auf. Sie erfassen nur die ästhetische, nicht jedoch die ethische Seite des Spiels. Es ist für die Kastalier reiner Selbstzweck. Ihre eigentliche Aufgabe, den zerrissenen Menschen die Wahrheit zu lehren, vernachlässigen sie. Sie idealisieren den Geist, die vita contemplativa, und verneinen die Welt, die Triebe, die vita activa.
Waldzell ähnelt sowohl einem abendländischen, mittelalterlichen Mönchsorden, da die Mitglieder in Ehe- und Besitzlosigkeit sowie Askese leben, als auch einem konfuzianischem Staatsverband, denn die Kastalier lehnen Ruhm, Macht und Geld ab und entsagen den Abhängigkeiten, die die taoistischen Philosophen Liä Dsi und Yang Dschu genau beschrieben haben.
Das Herz des Ordens ist das Glasperlenspiel, was die Kastalier als rein formal – intellektuelles Spiel des Gegenüberstellens und Zusammenführens zweier gegensätzlicher Themen oder Thesen aus unterschiedlichen Disziplinen der Wissenschaften und Künste betreiben. Ziel ist das Rückführen sämtlicher äußerlicher Gegensätze auf den Urgegensatz, die Polarität, das Tao.
Das formale Glasperlenspiel ist mit der chinesischen Ideographie verwandt. Die zentrale Prägnanz eines Begriffes, eines Zeichens, gestattet eine Vielzahl von Bezugsmöglichkeiten. Ein Zeichen kann Substantiv, Adjektiv, Adverb oder Verb sein. Starre grammatische Grenzen sind aufgehoben. Auch im formalen Glasperlenspiel werden die geistigen Begriffe und Werte auf ein gemeinsames Maß gebracht.
In der chinesischen Schreibkunst können die Zeichen mit der persönlichen Handschrift variiert werden. Auch die Kastalier beeinflussen die Symbole mit der persönlichen Phantasie.
Während in der chinesischen Sprache mit vier bzw. sechs Regeln neue Ideogramme geschaffen werden können, verzichtet der Orden auf Neuschöpfungen geistiger Wertinhalte und beschränkt sich ausschließlich auf das Bewahren.
Die Vielfalt der gegensätzlichen Themen der einzelnen Disziplinen wird nach dem dialektischen Prinzip synthetisch auf eine Einheit, auf die Urpolarität, zurückgeführt. Das Glasperlenspiel als säkularisierter Religionsersatz ohne Bezugnahme auf einen konkreten und personalen Gott hat taoistische Grundlagen. Auch im Taoismus des Lao Tse ist die Wahrheit nur erfahrbar und keine Lehre. Der Mensch ist immer unterwegs und muss nach der Vollkommenheit streben. Das Wu Wei, die innere Passivität und der innere Seelenstrom, der das Handeln des Menschen bestimmen soll, lässt sich mittels der Meditation, die die Repetenten praktizieren müssen, erreichen.
Das Tao, die Ureinheit, die alle Erscheinungen der Welt und des Lebens Te bestimmt und wandelt, entspricht dem Geist der Musik. Während die abendländische Musik die Tragik des Menschengeschicks ausdrückt, wurzelt die chinesische Musik im Tao und spiegelt als Ausdruck der Vollkommenheit die Seele des Volkes und den Zustand des Staates wider.
Die Meditation, d.h. die indischen Yogaübungen, als psychologische Spielmethode ist die Brücke, der Weg, von dem formal – intellektuellen Spielen zum Geist der Musik, dem Tao, welches dann erfahrbar und erlebbar wird.
Das Glasperlenspiel ist eine Synthese der indischen, chinesischen und abendländischen Kultur.
Die Kastalier haben trotz der meditativen Erfahrung der ursprünglichen Polarität allen Seins die Tendenz, ihren Orden als Pol des Geistes von der Welt, dem Gegenpol der Triebe, zu isolieren. Sie verabsolutieren das Glasperlenspiel, welches die Idee an sich nur repräsentiert und nicht mit ihr gleichzusetzen ist.
Im folgenden Kapitel soll die Idee an sich zum Unterschied der Idee der coincidentia oppositorum74 als Erscheinung in Waldzell herausgearbeitet werden.
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