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Das multikulturelle bauliche Erbe, Denkmalpflege und Wiederaufbau in Polen von 1944 bis 1956.

Die Beispiele Stettin und Lublin.

Das multikulturelle bauliche Erbe, Denkmalpflege und Wiederaufbau in Polen von 1944 bis 1956.
Über dieses Buch
  • Art: Magisterarbeit
  • Autor: Julia Roos
  • Abgabedatum: August 2009
  • Umfang: 136 Seiten
  • Dateigröße: 9,0 MB
  • Note: 1,0
  • Institution / Hochschule: Bayerische Hochschule Deutschland
  • Bibliografie: ca. 220
  • ISBN (eBook): 978-3-8366-4815-8
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Roos, Julia August 2009: Das multikulturelle bauliche Erbe, Denkmalpflege und Wiederaufbau in Polen von 1944 bis 1956., Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Nachkriegszeit, Denkmalpflege, Wiederaufbau, Stadtstruktur, Polen

Magisterarbeit von Julia Roos

Einleitung:

Seit der politischen Transformation in den Staaten des ehemaligen Ostblocks Ende der 1980er Jahre lässt sich dort ein Prozess beobachten, der in der Wissenschaft häufig mit Wiederentdeckung, Wiedergewinnung oder Rückkehr der Geschichte beziehungsweise der Erinnerung benannt wird. Die Veränderung des Geschichtsbewusstseins wird unter anderem an der Umbenennung von Straßen und Plätzen, dem Sturz und der Neuerrichtung von Denkmälern oder in den Rekonstruktionen alter Gebäude oder ganzer Stadtteile offensichtlich. Die einsetzende Rückgewinnung des lokalen historischen Erbes ist als Gegenbewegung zum kommunistischen Zentralismus und als Revision der Geschichtspropaganda zu verstehen, die die Vergangenheit politisch filterte. Der Historiker John Czaplicka betont, ‘Heritage is a question of choice’ und zeigt in seinen Untersuchungen, dass die postkommunistischen Staaten diese Wahl momentan neu treffen. So begann ein Hinterfragen der im Kommunismus propagierten nationalen Meistererzählungen, die über inszenierte Geschichtspolitik eine Stabilität des politischen Systems bewirken sollten. Dem im Sozialismus vorherrschenden ‘romantisch - symbolischen Kanon’ aus Schlagworten wie ‘Vaterland, Solidarität, Leiden, Freiheit, Opfer’ wird eine differenzierende und lokal divergierende Sicht auf die Geschichte einzelner Regionen entgegengesetzt. In Polen ging in Folge der Kriegswirrungen, durch Flucht, Vertreibung und Umsiedlung und dem starken Zentralismus des kommunistischen Systems ein regionales Bewusstsein verloren: Dialekte verschwanden, Geschichte wurde auf nationaler, nicht auf regionaler oder lokaler Ebene betrachtet. Die demokratische Wende fungierte als Öffnung einer Schleuse der Erinnerungen und führte zu einem Zusammenbruch festumrissener Geschichtsvorstellungen in der Wissenschaft, Gesellschaft und Politik. In Polen fand im Zuge dessen neben einer Regionalisierung der Erinnerung auch eine Rückbesinnung auf die multiethnische Tradition des Landes statt, auf die Geschichte Polens als Vielvölkerreich, die in der zentralistischen Volksrepublik verneint wurde. Durch die Dezentralisierung und einer eintretenden Entfremdung von Warschau, findet seit 1989 eine historische Spurensuche nach Identität und Vergangenheit auf persönlicher, lokaler sowie regionaler Ebene statt, bei der ganz bewusst nach der Prägung Polens durch nationale und religiöse Minderheiten geforscht wird.

Vor allem in Nord- und Westgebieten Polens entstehen zahlreiche Initiativen, die sich mit der multiethnischen und multikonfessionellen Geschichte ihrer Region beschäftigen und diese der einst oktroyierten Zentralität und Gleichheit Polens entgegensetzen. Aber auch die polnisch-jüdische Geschichte rückt verstärkt ins Blickfeld der Forschung;eine Initiative, die das Erbe der Lubliner Juden erforscht, wird im Laufe der Arbeit näher vorgestellt.

Damit Geschichte wiederentdeckt werden kann, muss sie zunächst verloren gehen, verdrängt, überbaut, vergessen oder verschleiert werden. Dieser Prozess der ‘Entfremdung von der eigenen Geschichte’fand in Polen während des Aufbaus des sozialistischen Systems in der Nachkriegszeit und verstärkt in Zeiten des Stalinismus statt, da die ‘Installierung der kommunistischen Ordnung (…) eben darin [bestand], die sozialen, kulturellen und politischen Kontinuitäten mit der Vergangenheit gänzlich zu unterbrechen’. Zwar knüpfte die nationale Sicht auf die polnische Geschichte an Traditionen aus dem 19. Jahrhundert an und wurde auch nach dem politischen Tauwetter von 1956 weiter praktiziert, de facto war jedoch der Zeitraum vom Kriegsende in Polen 1944 / 1945 bis 1956 die Epoche der größten ideologischen Uminterpretation und Neuschreibung der polnischen Geschichte. In diesen zwölf Jahren erfolgte zudem der Wiederaufbau des kriegszerstörten Polens – so dass während dieser Zeitspanne einschneidende Eingriffe in die historisch geprägte Stadtstruktur und den Denkmalbestand Polens vollzogen wurden. Zwar veränderte der Siedlungsbau in Wohnvierteln am Stadtrand in den 1970er und 1980er Jahre am nachhaltigsten den städtischen Charakter im sozialistischen Raum. Die Frage nach dem Umgang mit dem multikulturellen Erbe, das sich in den historischen Zentren der Städte befand, war aber während der Wiederaufbauphase am präsentesten. Die Schaffung neuer oder die Vereinnahmung von historischen Identitäten hatte dazu geführt, dass die gewachsene Strukturen der Städte überbaut oder unliebsame Bauten, die als politische Symbole galten, vernachlässigt worden waren.

Die vorliegende Ausarbeitung stellt diesen Prozess der Überformung von historischen Strukturen von 1944 bis 1956, das heißt während der Phase der Machtübernahme und der Zeit des Stalinismus, heraus. Dadurch wird nachgezeichnet, ob - beziehungsweise wie - die Erinnerung an die Geschichte Polens als Vielvölkerstaat verloren gehen konnte – so dass heute ein Prozess der Wiederentdeckung eben dieser Geschichte angestoßen werden kann. Dabei legt sie einen Schwerpunkt auf das jüdische und das deutsche bauliche Erbe.

Die Ausarbeitung gliedert sich in drei große Abschnitte: Der erste Teil setzt sich allgemein mit den Rahmenbedingungen des Untersuchungszeitraums 1944 bis 1956 auseinander und kennzeichnet Merkmale der damaligen Wiederaufbaukonzeptionen, polnischer Geschichtspolitik und Denkmalpflege. Der zweite Teil beschäftigt sich mit dem deutschen Erbe in den Nord- und Westgebieten Polens und veranschaulicht dieses am Beispiel der Stadt Stettin. Im dritten Abschnitt wird das jüdische Erbe in den Ostgebieten vorgestellt und anhand des Beispiels Lublins der Umgang damit in der Volksrepublik herausgearbeitet.

Im ersten, einführenden Abschnitt, der von Kapitel 2 bis 6 reicht, wird zunächst die Entwicklung Polens von einem Vielvölkerstaat zu einem homogenen Nationalstaat nachgezeichnet, um zu klären, wie und weshalb sich im Polen der Nachkriegszeit die Frage nach dem Umgang mit dem multikulturellen baulichen Erbe stellte. Anschließend werden die Charakteristika der Zeit der Machtübernahme durch die Sozialisten benannt, wobei der Schwerpunkt auf den Widerständen und Schwierigkeiten, auf die diese dabei stießen, liegt. Diese bewirkten eine Instabilität des sozialistischen Polens in der direkten Nachkriegszeit, welche wiederum maßgeblichen Einfluss auf die sozialistische Geschichtspolitik und Propaganda nahm, die anschließend näher beleuchtet wird. Inwiefern sich die sozialistische Geschichtsanschauung in der Denkmalpflege widerspiegelte und inwieweit diese das multikulturelle Erbe unter ihren Schutz stellte, wird im darauffolgenden Gliederungspunkt herausgearbeitet. Überleitend zum Umgang mit dem deutschen Erbe wird auf die städtebauliche Konzeption der sozialistischen Stadt und den Grundsatz des nationalen Bauens eingegangen.

Einleitend zum Beispiel Stettin wird der Umgang mit dem deutschen Kulturerbe im Allgemeinen skizziert sowie das Verhältnis Polens zu Deutschland grundlegend thematisiert, um die Baumaßnahmen in Stettin in einen weitergefassten Kontext einzubetten. Für Stettin werden einführend die Rahmenbedingungen herausgestellt, anschließend die Brüche in der Stadtplanung und die Verdrängung des Deutschen aus dem städtischen Raum beleuchtet. Kontrastierend wird nach möglichen Kontinuitäten hinsichtlich des deutschen Baubestands und der deutschen Vorkriegsplanungen gefragt – um diese im Fazit mit den Brüchen innerhalb der Stadtplanungen abzugleichen, um so zu einem abschließenden Urteil zu gelangen.

Darauffolgend wird der Komplex des jüdischen Erbes durch Fragen nach der Definition der Ostjuden als Nation, deren Vernichtung durch die Nationalsozialisten und einer Skizze zum polnisch-jüdischen Verhältnis eingeleitet. Zur Bearbeitung des Beispiels Lublins werden zunächst die dortigen Siedlungsstrukturen, Kriegszerstörungen und Rahmenbedingungen des Wiederaufbaus vorgestellt. Danach werden – analog zu den Untersuchungen zu Stettin – zunächst die Brüche, anschließend die Kontinuitäten herausgefiltert, um erneut im Fazit ein abschließendes Urteil zu ziehen. In den Schlussbetrachtungen werden die beiden Ergebnisse miteinander abgeglichen, aktuelle erinnerungskulturelle Entwicklungen aufgezeigt und weiterführende Fragestellungen hinsichtlich einer Vertiefung der Thematik dieser Ausarbeitung entwickelt.

Inhaltsverzeichnis:

II Abbildungsverzeichnis V
III Abkürzungsverzeichnis VI
1. Einleitung 1
1.1 Fragestellung der Ausarbeitung 2
1.2 Methodisches Vorgehen: Vergleich Stettin – Lublin 3
1.3 Definitionsbestimmung: Was ist ‚deutsches’, was ‚jüdisches’ Bauerbe? 5
1.4 Aktueller Forschungsstand, Literatur- und Quellenanalyse 5
1.4.1 Forschungstand bezüglich des deutschen Erbes 6
1.4.2 Forschungsstand bezüglich des jüdischen Erbes 7
1.5 Aufbau der Arbeit 8
1.6 Eingrenzung des Themas 9
1.7 Anmerkungen zur Verwendung polnischer Städtenamen und geographischer Bezeichnungen 9
2. Das multikulturelle Erbe Polens 10
2.1 Vor dem Zweiten Weltkrieg: Polen als Vielvölkerrepublik 10
2.2 Zäsur Zweiter Weltkrieg: Polens Weg zum homogenen Nationalstaat 11
2.2.1 Umbrüche in Polen 12
2.2.2 Entstehung von Zwischenräumen 13
2.3 Kriegszerstörungen und Migrationbewegungen in Polen 14
2.3.1 Kriegszerstörungen in Polen 14
2.3.2 Umsiedlungen, Flucht und Vertreibung 15
3. Wie Feuer und Wasser: Nationale Propaganda und Kommunismus 17
3.1 Die kommunistische Machtübernahme 17
3.1.1 Charakteristik der Zeit 17
3.1.2 Prozess der Machtübernahme 18
3.2 Hindernisse und Widerstände 19
3.2.1 Katholizismus und Traditionalismus 19
3.2.2 Nationaler und antirussischer Widerstand 20
3.3 ‚Kommunismus mit nationalem Gesicht’ 21
4. Geschichte im Dienst der Machtstabilisierung 23
4.1 Polens Flucht in die Geschichte 23
4.2 Kommunistische Geschichtspolitik 25
4.2.1 Hauptthemen der Nachkriegszeit 27
4.2.2 Geschichtssicht und Minderheiten: Vergessen als Element der kollektiven Erinnerung 27
5. Denkmalpflege und Wiederaufbau in Polen 30
5.1 Denkmalpflege vor dem Zweiten Weltkrieg 30
5.2 Denkmalpflege im Kommunismus 32
5.2.1 Rahmenbedingungen des Wiederaufbaus 32
5.2.2 Denkmalpflege als Politikum 34
5.2.3 Flucht vor dem sozialistischen Realismus 38
5.3 Vergleich zu den westlichen Staaten 39
5.4 Denkmalpflege und das multikulturelle Erbe 40
6. Wiederaufbau 42
6.1 Das Konzept der sozialistischen Stadt 43
6.2 ‚National im Inhalt’ 44
7. Das deutsche Erbe in den Nord- und Westgebieten 48
7.1 Integrierende Wirkung der Angst vor den Deutschen 48
7.2 Piastenpolitik: Legitimierung der Besiedlung der West- und Nordgebiete 51
7.3 Identifikations- und Sicherheitsangebot für die Umgesiedelten 53
7.4 Die oberflächliche Zerstörungen des Deutschen 54
8. Das Beispiel Stettin 56
8.1 Rahmenbedingungen des Wiederaufbaus 56
8.1.1 Akute Probleme des Wiederaufbaus 57
8.1.2 Kompetenz- und Finanzverteilung im Wiederaufbau 58
8.2 Der Bruch mit dem Deutschen im Wiederaufbau 59
9. Brüche in der Stadtplanung 61
9.1 Der Umgang mit Denkmälern 61
9.2 Denkmalschutz in Stettin 62
9.2.1 Konzentration auf Einzeldenkmale 62
9.2.2 Die Bedeutung des ‚Polnischen’ im Wiederaufbau: Das Stettiner Stadtschloss 63
9.2.3 Verbal-Radikalismus: Der Wiederaufbau des Schlosses in der medialen Darstellung 65
9.3 Brüche in der Stadtstruktur 66
9.3.1 Die Überformung der Altstadt 66
9.3.2 Eingriffe in die Stadtstruktur 67
10. Kontinuitäten zur deutschen Zeit 68
10.1 Der Umgang mit Denkmälern 68
10.2 Denkmalschutz und der Erhalt des deutschen Erbes 69
10.2.1 Hans Bernhard Reichow: Dekontextualisierung der Einzeldenkmale 72
10.2.2 Der Abriss des Langhans – Theaters 74
10.3 Kontinuitäten in der Stadtstruktur: Vergleich zu den Planungen aus deutscher Zeit 75
10.3.1 Umgang mit der Altstadt 75
10.3.2 Überbauung der Stadtstruktur 77
11. Fazit: Der Wiederaufbau Stettins zwischen Propaganda und Wirklichkeit 79
12. Das jüdische Erbe in den Ostgebieten 81
12.1 Jüdische Siedlungen in Polen: Ostjuden als Nation? 81
12.2 Die Vernichtung des jüdischen Lebens durch die Nationalsozialisten 82
12.3 Das Polnisch - Jüdische Verhältnis 83
12.3.1 Antisemitismus vor dem Zweiten Weltkrieg 84
12.3.2 Antisemitismus in der Volksrepublik Polen 85
12.3.3 Polnisch - jüdische Opferkonkurrenz 87
12.4 Das bauliche Erbe der Juden in Polen 88
12.4.1 Die zweite Zerstörungswelle jüdischer Bauten nach dem Zweiten Weltkrieg 88
12.4.2 Der Umgang mit erhalten gebliebenen Synagogen 89
13. Das Beispiel Lublin 92
13.1 Siedlungsstrukturen innerhalb der Stadt Lublin 92
13.2 Rahmenbedingungen des Wiederaufbaus 95
13.3 Kompetenz- und Finanzverteilung im Wiederaufbau 96
14. Brüche in der Stadtplanung 98
14.1 Überbauung der jüdischen Stadt 98
14.1.1 Umgestaltung des Stadtteils Podzamcze 100
14.1.2 Umgestaltung weiterer jüdischer Stadtteile 102
14.2 Betonung des Polnischen: Sorgfältige Sanierung der Altstadt 102
15. Frage nach Kontinuitäten 104
15.1 Erhaltene Zeugnisse jüdischer Kultur 104
15.2 Erinnerung an die jüdische Vergangenheit Lublins 106
16. Fazit 107
17. Schlussbetrachtung 110
17. 1 Zusammenfassung: Die Verdrängung des multikulturellen Erbes in Stettin und Lublin 110
17.2 Aktuelle Entwicklungen 111
17.2.1 Die Integration des deutschen Erbes 112
17.2.2 Die Wahrnehmung des jüdischen Erbes 112
17.2.3 Die Entdeckung des ukrainischen Erbes 113
18. Literaturverzeichnis 114
18.1 Quellen 114
18.2 Monographien 117
18.3 Aufsätze 120
18.4 Zeitungs- und Zeitschriftenartikel 131
18.5 Internetquellen 131

Textprobe:

Kapitel 4.2.2, Denkmalpflege als Politikum:

Im Grunde war die Diskussion um den Wiederaufbau in Polen ein Widerstreit zwischen den in sich uneinigen Denkmalpflegern auf der einen und den in sich intern uneinigen Architekten auf der anderen Seite. Dieser Diskurs wurde von den politischen Instanzen ‚moderiert’. Sie lenkten den Entscheidungsprozess durch eigene Vorstellung vom sozialistisch gestalteten Raum. Politische Vorgaben prägten die endgültige Entscheidung für oder gegen ein Objekt mindestens ebenso stark wie die massive Begrenzung der ökonomischen Mittel.

Auch die Theorie der Denkmalpflege in der Nachkriegszeit ist als Kompromiss aus dem Ausmaß der Kriegszerstörungen und den Grundsätzen der Denkmalpflege zu sehen – wie aus den Aussagen Jan Zachwatowicz ablesbar ist. Dieser wurde 1951 zum Hauptkonservator Polens berufen. In seiner Denkmalkonzeption findet man – unter anderem aufgrund der massiven Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs – eine endgültige Abkehr von der Tradition Dehios und Riegls. So plädiert er für die Rekonstruktion der Denkmale, die für die polnische Kultur unabdingbar schienen: ‘Mit einem Abriss der Kulturdenkmale können wir nicht einverstanden sein, deshalb werden wir sie rekonstruieren, um den zukünftigen Generationen zwar leider nicht die authentische, aber wenigstens die exakte Form dieser in unserem Gedächtnis lebendigen Denkmäler zu zeigen’.

In diesen denkmalpflegerischen Prinzipien zeigt sich der Schock, ausgelöst durch die Kriegszerstörungen, sowie das ausgeprägte Geschichtsbewusstsein der polnischen Nation, verstärkt durch die Flucht in die Geschichte, die die Etablierung des sozialistischen Systems mit sich brachte. Sie stellten zwar keine theoretische Doktrin dar, wurden aber zur gängigen Praxis innerhalb der Denkmalpflege bis 1956. Durch die Prinzipien vom Jan Zachwatowicz wurde die ‚Polnische Schule der Denkmalpflege’ begründet, deren Ausrichtung sich an den bekannten Beispielen der konsequenten Umsetzung der Ideen des Generalkonservators zeigt: den rekonstruierten Altstädten in Warschau, Danzig, Posen und Breslau, deren Wiederaufbau von Jan Zachwatowicz koordiniert wurde.

Außerdem nutzte die kommunistische Regierung, wie unter Gliederungspunkt 2 aufgezeigt, die Interpretation und Darstellung der polnischen Geschichte zum Zweck ihrer Propaganda. Dabei griff sie immer wieder massiv in denkmalpflegerische Projekte ein: Es kam zur Korrekturen von Plänen, Bewilligungen bestimmter Projekte auf Sitzungen des Politbüros beziehungsweise zu Ortsterminen, auf denen Parteifunktionäre verbindliche Beschlüsse zu denkmalpflegerischen Vorgehensweisen fasste. Wie wenig diese konservatorisch beziehungsweise kunsthistorisch fundiert waren, zeigen folgende Zitate aus einer Diskussion des Politbüros: ‘Der hauptsächliche Fehler der Denkmalpfleger ist die Tatsache, dass sie die Gewohnheiten des Kopierens, von dem, was war, noch nicht überwunden haben.’ Propagandistisch sinnvoller erschien nicht das Kopieren, sondern das freie Erfinden: ‘die Wand ist finster, man muss sie schmücken – vielleicht ein Erker? Vielleicht ein großes Fenster mit verziertem Gitter?’ sind Aussagen, die belegen, dass bei Rekonstruktionsprojekten weniger die Kopie dessen, was historisch belegbar war, wichtig war, sondern vielmehr Fragen nach Ästhetik und politischem Nutzen im Vordergrund standen.

Es kam zu politisch motivierten Fälschungen wie etwa der Präparierung von Karten, die die Zerstörungen der Städte durch den Krieg, etwa von Warschau und Stettin, zeigen sollten. Diese Karten wiesen eine Steigerung der Schadensdatierung um 10% auf und untermauerten die deutschfeindliche Stimmung. Zudem wurde manch ein Gebäude von Ideologen als ‚unrichtige Erzeugnisse’ bürgerlicher Kultur und folglich für nicht aufbauwürdig eingestuft – eine Entscheidung, die bei den Denkmalpflegern hätte liegen müssen. Die zweite Phase der massiven politischen und propagandistischen Vereinnahmung der Denkmalpflege endete in den Jahren des Tauwetters. Von 1955 bis 1956 kam es bereits innerhalb des Parteiapparats und der polnischen Schule der Denkmalpflege zu Kritik an den bisherigen Projekten. Eine Diskussion über die seit Kriegsende erfolgten Verluste an Bausubstanz brach auf. In der Vorbereitung eines neuen Gesetzentwurfs zum Denkmalschutz hieß es 1955: ‘Die Zerstörung der historischen Architektur von den unverantwortlichen Kräften und Behörden war ein Ausdruck des falsch verstandenen Kampfes gegen die Überbleibsel des Feudalismus und Klerikalismus’.

In dem 1962 erlassenen Gesetz fand eine Erweiterung des Denkmalverständnisses vom Verweis auf das ‚nationale Erbe’ hin zu dem weitergefassten Begriff der ‚Kulturgüter’ statt. Hierdurch wurde die politische Vereinnahmung der Denkmalpflege zurückgenommen und der Schutz des multikulturellen Erbes zumindest theoretisch möglich.

Bis zum Wendepunkt 1956 war die Denkmalpflege stark politisch und propagandistisch instrumentalisiert: Selbst die Entscheidung für den Wiederaufbau Warschaus unter Rekonstruktion der Altstadt fiel per Parteibeschluss. Sie war Teil der Legitimierung der neuen, sozialistischen Macht – mit dem Hintergrund, dass Warschau als eine uneingeschränkt polnische Stadt angesehen wurde. Die Regierung konnte sich mit deren Rekonstruktion als Repräsentanten nationaler Interessen positionieren. Durch den Wiederaufbau wurden Kontinuitäten zur eigenen Vergangenheit gezogen.

Die Rekonstruktion Warschaus stellte nicht nur eine grundsätzliche Weichenstellung für die polnische Denkmalpflege dar, sondern wurde aufgrund von Vorgaben zu Wohnungsnormen und Sonneneinstrahlung, was eine neue Raumgliederung hinter rekonstruierten Fassaden erforderte, zu einer ‘Quadratur des Kreises’. Der propagandistische Effekt der Rekonstruktionsmaßnahme kann jedoch kaum überschätzt werden. Andrzej Tomaszewski resümiert: ‘Der gesellschaftliche Widerhall des Beschlusses des Wiederaufbaus der Altstadt war so groß, dass das kommunistische Regime, um die Gunst der Bevölkerung zu gewinnen, aus dem Wiederaufbau der Denkmäler ein festes Element der Parteipolitik und Propaganda machte’.

Durch finanzielle Beschränkungen sowie wegen der Schwierigkeit der zumindest halbwegs originalgetreuen Rekonstruktionen verliefen die Auswahl und Art der historisiert wiederaufgebauten Objekte trotz deren propagandistischer Wirkung äußert selektiv: Von der Rekonstruktion grundsätzlich ausgeschlossen wurden später hinzugefügte, unliebsame Elemente, vor allem des Historismus und des Jugendstils – das heißt sämtlicher Bauelemente des 19. und 20. Jahrhunderts. Bei Superposition, das heißt bei Schichten unterschiedlicher Zeitstufen an einem Gebäude, fiel die Wahl grundsätzlich auf die archäologische, das heißt die älteste Schicht – nach dem Motto: ‘Je älter eine Bauphase ist, desto wertvoller’. Außerdem scheute man nicht vor ‚Korrekturen’ zurück, falls ein Gebäude nicht als wiederaufbauwürdig empfunden, eine Baulücke jedoch nicht akzeptabel war: Hier schuf man imaginäre, aber scheinbar ‚passende’ Bauten. Olgierd Czerner zählt beispielsweise für Breslau die wenigen originalgetreu rekonstruierten Häuser auf und betont, der Rest sei erfunden. Durch diese städtebaulichen ‚Schönheitsoperationen’ wurden die rekonstruierten Stadtteile zu ‘Attrappen der früheren Altstädte’. Auf eine Einhaltung der historischen Grundrisse wurde verzichtet, man schuf ahistorische Häuserzeilen und Stadtstrukturen. Die Restaurierung eines Objekts erfolgte unabhängig vom Grad seiner Zerstörung, lediglich bedingt durch seinen politischen und sozialen Nutzwert. Die Wiederherstellung eines völlig zerstörten Objekts war durchwegs Praxis, wenn dieses für Nationalgeschichte von Bedeutung war.

Aufgrund der geänderten politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen wurden unzähligen Gebäuden neue Nutzungen zugeordnet. Funktionale und ästhetische Fragen dominierten das Bestreben nach dem Erhalt der authentischen Denkmalsubstanz. Häufig wurden lediglich die Fassaden rekonstruiert, während die Innenräume ihrer neuen Nutzung angepasst wurden. Die Altstädte wurden von Handels- und Geschäftszentren in reine Wohnviertel umgewandelt. All dies führte dazu, dass ein Rekonstruktionsprojekt aus volkspolnischer Zeit heute als ‘ein Gebilde seiner Zeit’, jedoch nicht als Denkmal aus der rekonstruierten Epoche, eingestuft werden.

Die zeitgenössische Wahrnehmung sah die Bedeutung des polnischen Willens zum Wiederaufbau und wertete diesen positiv. Aus heutiger Sicht werden die Rekonstruktionen der polnischen Nachkriegszeit kritischer beurteilt: Jacek Friedrich erkennt den Aufbau der Altstadt Warschaus nicht als Rekonstruktion an, sondern als Produkt der schöpferischen Denkmalpflege. Tadeusz J. Zuchowski geht in seiner Bewertung noch darüber hinaus, indem er schreibt, dass die polnische Denkmalpflegeschule der Nachkriegszeit nicht mit den allgemeinen Grundsätzen der Denkmalpflege vereinbar wäre, sondern eine ‘spezifische Form der sozialistischen Architektur’ darstelle, da sich die ‘Denkmalpflegeschule (…) in ihren Grundsätzen den politischen Forderungen der Nachkriegswirklichkeit deutlich unter[ordnete]’.

Wie unter Gliederungspunkt 2.3 bereits skizziert, ist der Prozess in Polen nach 1945 vergleichbar mit dem in der Sowjetunion der 1920er und 1930er Jahre, als es unter Stalin zu einer systematischen Inbesitznahme des historischen Erbes durch kommunistische Ideologen gekommen ist – um die neue Macht dadurch zu legitimieren, dass historische Kontinuitäten aufgezeigt wurden. Dies lässt sich nicht nur anhand des Verhältnisses zu den Kunst- und Architekturdenkmalen aufzeigen, sondern ist auch in der kunstgeschichtlicher Methodologie erkennbar: Es kam zu einer regelrechten Aneignung beziehungsweise Ausbeutung der ideologisch eigentlich verpönten polnisch-bürgerlichen Kultur. Dies bringt Tadeusz J Zuchowski wie folgt zum Ausdruck: ‘das nationale Erbe als Legitimation für die historische Überlieferung sollte mit einem neuen Inhalt, mit einer neuen Ideologie angefüllt werden. Die alte Kultur, die Architekturdenkmäler mit eingeschlossen, sollte rekonstruiert werden. Dabei sollte ‚das Gleiche, aber nicht Dasselbe’ entstehen’.

Dabei ging es um eine Unterwanderung der Kunstgeschichte mit der sozialistischen Methodologie bei der Fragen nach dem Polnischen in der Kunst und den negativen Prägungen durch das Deutschtum aufgeworfen wurden. Künstler, mit deutsch-polnischer Biographie und Wirkungsgeschichte wie Andreas Schlüter, wurden nicht nur in Polen, sondern auch in der BRD einseitig wahrgenommen. Forschungsgremien in Stettin, Kattowitz und Breslau versuchten, eine negative Bewertung der Kunst des 19. Jahrhunderts wissenschaftlich zu belegen. Tadeusz Chrzanowski urteilt über den Fall Schlesiens an Preußen ‘Diese unfruchtbarste Zeitspanne in der Geschichte der Kunst, eingeleitet in Schlesien durch den Klassizismus Berliner Prägung, hielt hier bis zum Jahr 1945 an.’ Eine Wende setzte in den 1960er Jahren ein: Tabuthemen wurden gebrochen, die Kunstgeschichte wurde entpolitisiert, eine Rücknahme von deutschfeindlichen Tendenzen fand statt.

Arbeit zitieren:
Roos, Julia August 2009: Das multikulturelle bauliche Erbe, Denkmalpflege und Wiederaufbau in Polen von 1944 bis 1956., Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Nachkriegszeit, Denkmalpflege, Wiederaufbau, Stadtstruktur, Polen

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