Lebensstile der Armen
- Art: Magisterarbeit
- Autor: Karim Taibi
- Abgabedatum: Oktober 2009
- Umfang: 117 Seiten
- Dateigröße: 584,6 KB
- Note: 1,7
- Institution / Hochschule: Universität Duisburg-Essen, Standort Duisburg Deutschland
- Bibliografie: ca. 62
- ISBN (eBook): 978-3-8366-4027-5
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Taibi, Karim Oktober 2009: Lebensstile der Armen, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Lebensstil, Armut, Sozialstruktur, Exklusion, Milieu
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Magisterarbeit von Karim Taibi
Inhaltsangabe:
In den letzten 20 Jahren wurde innerhalb der soziologischen Forschung debattiert, mit welchen Konzepten soziale Ungleichheit am besten zu erfassen sei. Grob gesehen verlaufen die Diskussionsfronten zwischen Anhängern klassen- und schichttheoretischer Modelle sowie Befürwortern von Milieu- und Lebensstilkonzepten.
Den theoretischen Überbau für die Milieu- und Lebensstilforschung bildet Ulrich Becks Risikogesellschaft. Beck beschreibt den sozialen Wandel als ‘Fahrstuhl- Effekt’, welcher die gesamte Gesellschaft eine Etage höher gefahren hat. Materieller Wohlstand, Bildung, Freizeit, Konsum und sozialstaatliche Absicherung nahmen zu, und dies galt nicht für einige wenige, sondern für einen Großteil der Gesellschaft. Die vertikale Ungleichheitsforschung sei nicht mehr in der Lage soziale Ungleichheit adäquat zu erfassen, daher seien ‘[…] soziokulturelle Unterschiede als eigenständige Faktoren sozialer Ungleichheit zu thematisieren.’ Doch wenn dieser ‘Fahrsuhl- Effekt’ einen Großteil der Gesellschaft mehr Freizeit, Einkommen und Konsum zugesichert hat, was ist dann mit den Armen geschehen? Gibt es sie noch? Wie wird Armut in Wohlstandsgesellschaften überhaupt definiert? Und welche Rolle spielen die Armen in der Milieu- und Lebensstilforschung? Die zentrale Fragestellung dieser Magisterarbeit lautet: Haben Arme spezifische eigenständige Lebensstile, die sich von anderen Gesellschaftsgruppen unterscheiden?
In Kapitel 2 soll die gängige Klassen- und Schichtforschung dargestellt werden. Dies ist relevant, um einen Einblick in die gängigsten Konzepte der Ungleichheitsforschung zu erhalten und deren Probleme thematisieren zu können. Kapitel 3 hat dann die neueren Ansätze der Sozialstrukturanalyse zum Inhalt. Wichtig sind hier die Milieu- Studien von Vester, Sinus und Schulze. Ein Schwerpunkt bilden die Erlebnismilieus von Gerhard Schulze, die einen Schnittpunkt zwischen der Milieu- und Lebensstilforschung darstellen. In Kapitel 4 wird die Lebensstilforschung im speziellen thematisiert. Der Unterschied zwischen Entstrukturierungs- und Strukturansätzen soll dabei herausgearbeitet und der allgemeine Forschungsstand abgebildet werden. Kapitel 5 stellt die Armutsforschung dar, wichtig sind hier multidimensionale Ansätze und die ‘neue Armut’, hier insbesondere die Themen ‘Prekarisierung’ und ‘Exklusion’. Wie die Lebensstilforschung bisher das Thema Armut thematisiert hat, soll exemplarisch anhand von drei Studien in Kapitel 6 dargestellt werden.
Mit Kapitel 7 beginnt der empirische Teil der Arbeit. Mit dem multidimensionalen Armutskonzept von Amartya Sen als theoretische und der Machbarkeitsstudie Arndt et al. als empirische Grundlage, soll ein eigenes empirisches Konzept entwickelt werden, mit dem die Ausgangsfrage beantwortet werden soll. Die eigentliche empirische Untersuchung erfolgt in Kapitel 8. Hier soll untersucht werden, inwiefern bei Armen von eigenen Lebensstilen gesprochen werden kann. In Kapitel 9 erfolgt letztlich die abschließende Diskussion.
Empirisch beschränken sich die Untersuchungen ausschließlich auf die Bundesrepublik Deutschland, eine Differenzierung nach Ost- und Westdeutschland soll nicht vorgenommen werden.
Inhaltsverzeichnis:
| 1. | Einleitung | 5 |
| Theoretischer Teil | 7 | |
| 2. | Das Schicht- und Klassenkonzept in der Sozialstrukturanalyse | 7 |
| 2.1 | Einleitung | 7 |
| 2.2 | Klassen- und Schichtmodelle | 8 |
| 2.2.1 | Klasse und Stand | 8 |
| 2.2.2 | Das Konzept der nivellierten Mittelstandsgesellschaft | 10 |
| 2.2.3 | Weitere Schichtmodelle | 10 |
| 2.3 | Zusammenfassung und Kritik an den Modellen | 12 |
| 3. | Neue Ansätze in der Sozialstrukturanalyse | 14 |
| 3.1 | Einleitung | 14 |
| 3.2 | Die Vester-. Sinus- und Schulze- Milieus | 15 |
| 3.2.1 | Die sozialen Milieus bei Vester | 15 |
| 3.2.2 | Die Sinus- Milieus | 16 |
| 3.2.3 | Die Erlebnismilieus bei Schulze | 18 |
| 3.2.3.1 | Strukturelle Basis der Erlebnisgesellschaft | 18 |
| 3.2.3.2 | Von der Außen- zur Innenorientierung | 19 |
| 3.2.3.3 | Die Dynamik der Erlebnisgesellschaft | 20 |
| 3.3 | Zusammenfassung | 22 |
| 4. | Das Lebensstilkonzept | 23 |
| 4.1 | Einleitung | 23 |
| 4.2 | Verschiedene Ansätze in der Lebensstilforschung | 25 |
| 4.2.1 | Entstrukturierungsansatz: Ansatz nach Lüdtke | 25 |
| 4.2.2 | Strukturansatz: Ansatz nach Spellerberg | 27 |
| 4.3 | Zusammenfassung | 32 |
| 4.4 | Kritik und Forschungsstand | 33 |
| 4.4.1 | Kritische Auseinandersetzung mit der Lebensstilforschung | 33 |
| 4.4.2 | Künftige Ausrichtung der Lebensstilforschung | 37 |
| 4.4.3 | Zusammenfassung | 40 |
| 5. | Armut | 41 |
| 5.1 | Einleitung | 41 |
| 5.2 | Armutsdefinitionen | 41 |
| 5.2.1 | Absolute und relative Armut | 41 |
| 5.2.2 | Der Ressourcenansatz | 43 |
| 5.2.3 | Das Armutskonzept von Amartya Sen | 45 |
| 5.2.4 | Der Lebenslagenansatz | 46 |
| 5.2.5 | Unterschiede und Gemeinsamkeiten der beiden Konzepte | 46 |
| 5.3 | Neue Armut | 48 |
| 5.3.1 | Prekarität | 48 |
| 5.3.2 | Exklusion | 52 |
| 5.3.3 | Prekariat, Exklusion und Sozialstruktur | 55 |
| 5.3.4 | Zusammenfassung | 57 |
| 5.4 | Armut oder Exklusion | 58 |
| 6. | Lebensstile und Armut | 60 |
| 6.1 | Einleitung | 60 |
| 6.2 | Kultur der Armut | 62 |
| 6.2.1 | Spellerberg | 62 |
| 6.2.2 | Schulze | 63 |
| 6.2.3 | Georg | 64 |
| 6.2.4 | Zusammenfassung | 64 |
| Empirischer Teil | 66 | |
| 7. | Empirische Armutsforschung | 66 |
| 7.1 | Messbarkeit relativer Armutsdimensionen | 66 |
| 7.2 | Operationalisierung von Armut | 68 |
| 7.2.1 | Individuelle Potenziale | 68 |
| 7.2.1.1 | Einkommen | 68 |
| 7.2.1.2 | Gesundheit und Behinderung | 68 |
| 7.2.1.3 | Bildung | 69 |
| 7.2.2 | Instrumentelle Freiheiten | 70 |
| 7.2.2.1 | Politische Chancen | 70 |
| 7.2.2.2 | Ökonomische Chancen | 71 |
| 7.2.2.3 | Soziale Chancen | 72 |
| 7.2.2.4 | Sozialer Schutz | 74 |
| 7.3 | Operationalisierung von Lebensstilen | 75 |
| 8. | Empirische Untersuchung | 77 |
| 8.1 | Datenbasis | 77 |
| 8.2 | Auswahl der Variablen | 78 |
| 8.2.1 | Individuelle Potenziale | 78 |
| 8.2.2 | Instrumentelle Freiheiten | 79 |
| 8.2.3 | Lebensstile | 80 |
| 8.3 | Deskriptive Statistiken | 81 |
| 8.4 | Definition der zu vergleichenden Gruppen | 85 |
| 8.5 | Datenreduktion | 88 |
| 8.6 | Einfaktorielle Varianzanalysen (ANOVA) | 92 |
| 8.6.1 | Lebensstile der Einkommensarmen | 92 |
| 8.6.2 | Lebensstile der Armen | 94 |
| 8.7 | Zusammenfassung der empirischen Ergebnisse | 96 |
| 9. | Abschließende Diskussion | 98 |
| Literaturverzeichnis | 101 | |
| Anhang 1: Tabellen zur Faktorenanalyse | 106 | |
| Anhang 2: Tabellen zur Varianzanalyse | 109 |
Textprobe:
Kapitel 2.2.1, Klasse und Stand:
Karl Marx und Max Weber sind die beiden Klassiker der Theorie der sozialen Ungleichheit. Marx begriff die Geschichte menschlicher Gesellschaften als ‘Geschichte von Klassenkämpfen’, wobei Klassen Ausdruck von Produktionsverhältnissen sind und die Klassenzugehörigkeit der einzelnen Gesellschaftsmitglieder durch ihre Stellung zu den Produktionsmitteln widerspiegeln. Die ökonomische Lage ist so eindeutig bestimmt. In kapitalistischen Gesellschaften steht den Grund- und Kapitaleigentümern die Klasse der Lohnabhängigen gegenüber. Diese Gegensätze sind objektiv gegeben, unabhängig von der subjektiven Betrachtungsweise der Gesellschaftsmitglieder.
Die Marx’sche Theorie bezieht sich somit nur auf eine Dimension der sozialen Ungleichheit, im Gegensatz zu den Konzepten der sozialen Schicht, in denen von verschiedenen Dimensionen der sozialen Ungleichheit die Rede ist. Der ökonomische Status fällt mit dem Status in anderen Ungleichheitsdimensionen zusammen.
Max Weber hingegen wendet sich gegen diese Eindimensionalität des Marx’schen Klassenkonzeptes und gilt als Urheber der Mehrdimensionalität sozialer Ungleichheit. Für Weber galt es zwischen ökonomischer, sozialer und politischer Ungleichheit zu unterscheiden, allerdings steht ‘Macht’ für Weber nicht gleichberechtigt neben ‘Klasse’ und ‘Stand’, sondern ist der Oberbegriff. Weber verwendet den Begriff ‘Klasse’ auf Grundlage des Begriffes ‘Vergesellschaftung’, der auf einem rational motiviertem Interessenausgleich beruht. Nach Weber können die Klasse der Besitzenden und auch die Klasse der Besitzlosen weiter ausdifferenziert werden.
Allerdings werden die Unterschiede der Marx’schen und Weber’schen Klassentheorie jedoch erst im Hinblick auf die Bestimmung von Klasseninteressen deutlich. Für Marx ist das Klasseninteresse eindeutig aus ökonomischen Situation einer Klasse, unabhängig vom subjektiven Klasseninteresse der Betroffenen, ableitbar. Weber hingegen bestimmt das Klasseninteresse empirisch, in dem er das durchschnittliche Klasseninteresse misst, welches letztlich nicht eindeutig aus einer ökonomischen Klassenlage ableitbar ist.
Das Klasseninteresse der ‘modernen Proletariats’ zum Beispiel, hat nach Weber wenig mit der revolutionären Politisierung, wie Marx sie versteht, zu tun. Für Weber sind Klassenverhältnisse Marktverhältnisse und die Arbeiter verhalten sich marktgerecht und nicht revolutionär, da sie die Spielregeln des freien Marktes anerkennen und durch marktgerechtes Verhalten ihre Chancen wahrnehmen. Marx hingegen geht davon aus, dass die Arbeiterklasse diese Regeln mit revolutionären Mitteln aufheben will.
Für Weber bedeutet Markt- Rationalität also kein ‘Ausgeliefertsein gegenüber den Mächten des Marktes, sondern […] begründet Klassenlagen und Klasseninteressen, das ist die Weber’sche Sicht.’ Gesellschaft ist für Weber aber nicht ausschließlich Vergesellschaftung, sondern auch Vergemeinschaftung. Soziale Ungleichheit lässt sich also nicht nur auf Marktungleichgewichte zurückführen; das Prinzip der ständischen Ordnung wirkt sich hemmend auf die ‘freie Entfaltung des Markts- und somit auch des Klassenprinzips’ aus. Stände sind im Gegensatz zu Klassen, Gemeinschaften, die sich im Gegensatz zur rein ökonomisch bestimmten Klassenlage, durch Komponenten des Lebensschicksals unterscheiden. Diese Komponenten sind Geburt, akademischer Grad, Gewerbe usw. und erzeugen ein Wir- Gefühl, welches Diskriminierungen gegen Ausgeschlossene zur Folge haben kann. Um die Zugehörigkeit, bzw. den Ausschluss von bestimmten Verkehrskreisen aufrechtzuerhalten, gibt es die standesgemäße Partnerwahl. Neben dem Heirats- und Beziehungsmarkt verzerrt die ständische Ordnung aber auch alle anderen Märkte. So werden so genannte ‘Emporkömmlinge’ und ‘Neureiche’ von den alten Eliten mit Misstrauen beäugt und damit ‘ökonomische Realitäten’ geleugnet.
Letzten Endes ergibt sich daraus eine Zweidimensionalität sozialer Ungleichheit, zum einen das auf Privateigentum basierende Marktprinzip und zum anderen, das auf sozialer Distanzierung und Ausschluss operierende ständische Prinzip. Die Marx’sche Konzeption steht mit dem absoluten Vorrang gegenüber dem Marktprinzip der Weber’schen Konzeption gegenüber, welche das ständische Prinzip als Gegengewicht versteht.
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