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Spanglish - Spanisch-Englischer Sprachkontakt in den USA

Eine Studie am Beispiel zweier ausgewählter Sprechergruppen: Mexikaner und Puerto Ricaner

Spanglish - Spanisch-Englischer Sprachkontakt in den USA
Über dieses Buch
  • Art: Magisterarbeit
  • Autor: Kathleen Fritzsche
  • Abgabedatum: Januar 2009
  • Umfang: 130 Seiten
  • Dateigröße: 5,0 MB
  • Note: 2,0
  • Institution / Hochschule: Johannes Gutenberg-Universität Mainz Deutschland
  • Bibliografie: ca. 197
  • ISBN (eBook): 978-3-8366-3848-7
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Fritzsche, Kathleen Januar 2009: Spanglish - Spanisch-Englischer Sprachkontakt in den USA, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Spanglish, USA, Spanisch-Englisch, Mexikaner, Puerto Ricaner

Magisterarbeit von Kathleen Fritzsche

Einleitung:

Sprachkontakt ist seit jeher die Norm in der Koexistenz verschiedenster Sprachen und nicht die Ausnahme. Einer der ältesten historischen Beweise dafür ist der Stein von Rosetta aus dem Jahre 196 v. Chr., der 1799 von Soldaten Napoleons nahe der heutigen Stadt El-Rashid in Ägypten entdeckt wurde. Darauf befinden sich Inschriften zur Verehrung des ägyptischen Pharaos Ptolemaios V. in ägyptischen Hieroglyphen, demotischen ägyptischen Symbolen und in Altgriechisch. Dieser Stein trug als wichtiges kulturelles Erbe zur Entzifferung der Hieroglyphen bei und ist zugleich das sprachliche Zeugnis dreier Sprachen. Eine komplette Isolation einer Sprache ist vor allem in der heutigen Zeit der Globalisierung unrealistisch. Es findet immer ein Kontakt zu anderen Sprachen oder Varietäten statt. Li definiert Sprachkontakt folgendermaßen: ‘[P]eople speaking different languages coming into contact with one another.’ Sprache als System menschlicher Kommunikation ist aber nicht nur […] a collection of vocabulary, sounds, and grammatical rules divorced from the geographical, ethnic, racial, gender, and class identities of its speakers. Membership in one or more speech communities is reflected in our dialect(s), that is, in the specific configuration of vowels, consonants, intonation patterns, grammatical constituents, lexical items, and sentence structure shared with other community members, as well as in the rules for when, where, how to speak.

Die Dynamik der sprachlichen Systeme und der kontaktbedingte Sprachwandel (engl. contact-induced language change) entstehen durch die in Kontakt stehenden Sprecher und deren Interaktion. Strukturelle Veränderungen einer Sprache finden dabei nicht in einem ‘social or socio-political vacuum’ statt, sondern außersprachliche Faktoren spielen eine bedeutende Rolle. Dies muss bei der Untersuchung des Sprachkontakts beachtet werden. Sprachkontakt kann dabei überall auftreten: innerhalb der Gesellschaft eines Landes, in der mehrere Sprachen koexistieren, in einer kleineren Einheit wie der Familie und sogar in einem Individuum selbst.

Auch die USA sind keineswegs ein monolinguales Land, wie dies oft nach außen hin dargestellt wird. Vielmehr treten eine Vielzahl an Minderheitensprachen wie z.B. die Ureinwohnersprachen, Spanisch und Französisch – gesprochen von mono- und bilingualen Sprechern – in Kontakt mit Englisch, der Sprache der angloamerikanischen Mehrheit. Durch den starken Einfluss des Englischen auf das Spanische entsteht das Spanglish als eigene Sprachvarietät der spanischsprachigen Immigranten und deren Nachkommen in den USA. Die Kreation des Begriffes Spanglish für das Produkt des spanisch-englischen Sprachkontakts beansprucht der puertoricanische Journalist Salvador Tío für sich. Er verdammte Spanglish in seinen Artikeln in den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts als degenerierte Sprache und versuchte, dagegen anzukämpfen. Stößlein definiert Spanglish folgendermaßen:

[…] eine im Sprachkontakt des Spanischen mit dem amerikanischen Englisch resultierende Mischung beider Sprachsysteme. […] Sprachkontakt, -begegnung, -druck und Sprachverschiebung […].

Die Betrachtung des Spanglish als Kontinuum und nicht als feststehende Einheit ist ausgesprochen wichtig. Morales beschreibt das Spanglish treffend als das ‘what we speak, but it is also who we Latinos are, and how we act, and how we perceive the world.’ Morales nennt hier einen Kernpunkt der Spanglish-Forschung, nämlich dass bestimmte soziokulturelle Umstände zum Entstehen des Spanglish in den USA beigetragen haben:

[…] Spanglish bezeichnet neben dem Lebensstil, dem Lebensgefühl […] amerikanischer Latinos, aus deskriptiver, normistisch-puristischer Sicht wie aus der Sicht sprachlicher Laien eine im Sprachkontakt des Spanischen mit dem amerikanischen Englischen resultierende Mischung beider Sprachen, wobei die Basissprache […] in der Regel Spanisch ist und der Prozess der Mischung nicht arbiträr verläuft […].

Spanglish als Sprachkontaktprodukt weist Einflüsse aus dem Englischen auf, wobei diese durch sprachliche Einschränkungen gelenkt werden. Hinzu kommt, dass die Kontaktvarietät des Spanglish vor allem bei spanischsprachigen Bilingualen der zweiten Generation zu beobachten ist. Weitere Bezeichnungen für das Spanglish sind u.a. el espanglés, el español bastardo (dt. ‚das entartete Spanisch’) oder inglañol sowie Tex-Mex. Nash verwendet die Bezeichnung Englañol für das Produkt des englisch-spanischen Sprachkontakts auf Puerto Rico, bei welchem das Englische stark durch das Spanische beeinflusst wird. Diese Varietät wird in der vorliegenden Arbeit nicht betrachtet.

Die vorliegende Arbeit setzt sich zum Ziel, zentrale Problemstellungen des spanisch-englischen Sprachkontakts zu erläutern. Folgende entscheidende Fragen stellen sich dabei: Welche inner- und außersprachlichen Faktoren wirken beim spanisch-englischen Sprachkontakt in den USA und führen zum Sprachwandel? Wie konstruieren sich die Identitäten der Latinos in den USA und welchen Einfluss hat ihre Sprache auf diese Identitäten? In welchem Verhältnis stehen dabei die Latinos und die angloamerikanische Mehrheitskultur? Welche sprachlichen Phänomene treten in der Sprache der Latinos auf? Ist das Spanglish wirklich eine ‘entartete’ Sprache? Welchen Status nimmt das Spanglish ein? Ist es ein Pidgin, ein Kreol, eine interlanguage, eine Mischsprache oder ein Dialekt? Die vorliegende Arbeit wird diesen Fragestellungen nachgehen. Dabei wird nicht eine bestimmte linguistische Theorie unterstützt, sondern verschiedene Theorien werden mit einbezogen. Die Situation in den USA und die für diese Arbeit zentralen Begriffe sollen an dieser Stelle einführend vorgestellt werden, um den Rahmen der Arbeit frühzeitig zu umreißen.

In unserer heutigen Zeit der Globalisierung gehört es immer mehr dazu, dass Menschen und Gemeinschaften mehr als eine Sprache fließend sprechen und im Alltag anwenden: so auch die Spanischsprecher in den USA. Diese sind meist Immigranten aus den spanischsprachigen Ländern Mittel- und Südamerikas, vorwiegend aber aus Mexiko, Puerto Rico und Kuba. Das amerikanische Englisch und das amerikanische Spanisch bilden die Grundlage für den in der vorliegenden Arbeit erläuterten Sprachkontakt in den USA. Das Englische wird heutzutage als Lingua Franca vor allem im internationalen Umfeld von Politik und Wirtschaft verwendet. Durch den steigenden Machteinfluss des Britischen Empires und der ab dem 16. Jahrhundert in Nordamerika gegründeten Kolonien begann die weltweite Verbreitung des Englischen. Nach dem Zweiten Weltkrieg trug der steigende kulturelle und wirtschaftliche Einfluss der USA dazu bei, das Englische weltweit noch weiter zu verbreiten. Mit etwa 215,4 Mio. englischen Muttersprachlern im Jahr 2000 stellen die USA das Land mit der größten nationalen Gemeinschaft auf der Welt dar, deren Erstsprache Englisch ist. Die USA haben keine in der Verfassung festgelegte offizielle Sprache. Englisch ist somit nur de facto offizielle Sprache, sie ist als solche aber nicht gesetzlich festgelegt. Nach Englisch ist Spanisch mit ca. 28,1 Mio. Sprechern über fünf Jahren (im Jahre 2000) die zweite Sprache der USA. Die US-Bundesstaaten mit der größten Spanischsprecherzahl im Vergleich zur Gesamteinwohnerzahl sind New Mexico, Kalifornien, Texas, Arizona und Colorado. Weitere wichtige Spanischsprecherkonzentrationen befinden sich in Florida, New York und New Jersey. Weltweit wird Spanisch von insgesamt ca. 400 Mio. Sprechern gesprochen, Muttersprachler und Zweitsprachler eingeschlossen. Verbreitet ist es in Spanien selbst sowie in den ehemaligen spanischen Kolonien. Insgesamt 26 Staaten oder staatsähnliche Konstrukte gehören zur spanischsprachigen Welt. Die wichtigsten sind neben Spanien Mexiko, Argentinien und Kolumbien. In den USA hat die spanische Sprache den Status einer Minderheitensprache und ist einem starken kulturellen und sprachlichen Druck durch das amerikanische Englisch ausgesetzt. Das amerikanische Englisch ist im US-amerikanischen Kontext die dominierende Sprache, das Spanische die dominierte.

Die allgemeine Bezeichnung Latino für alle spanischsprachigen Einwanderer und deren Nachkommen in den USA ist vielschichtig und kann kaum eindeutig definiert werden. Die Latinos als ethnische Gruppe definieren sich vor allem durch ihre Sprache, das amerikanische Spanisch und dessen Varietäten, obwohl die Sprache allein eigentlich nicht zur Definition einer ethnischen Gruppe genügt. Im Englischen wird anstatt Latino auch oft der Begriff Hispanic benutzt, der in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts von der US-Regierung geprägt wurde. Im Folgenden sollen einige Definitionsversuche beider Begriffe dargestellt werden.

Allatson definiert den Begriff Latino folgendermaßen:

Latino/a is the broad panethnic identity term that includes the Chicano/a and Puerto Rican historical minorities and any citizen or resident with Latin American heritage. Latino is the preferred term of many Latino/as when adopting a panethnic identification or speaking of self and community in national terms; it thus circulates as a self-adopted alternative of the government-imposed and media-preferred Hispanic.

Das Merriam-Webster’s Online Dictionary gibt für Latino als Substantiv folgende Definition an:

Etymology: American Spanish, probably short for latinoamericano Latin American.

Date: 1946.

1 : a native or inhabitant of Latin America.

2 : a person of Latin-American origin living in the United States.

Für hispanic als Adjektiv findet man darin folgendes:

Etymology: Latin hispanicus, from Hispania Iberian Peninsula, Spain.

Date: 1584.

1: of or relating to the people, speech, or culture of Spain or of Spain and Portugal.

2: of, relating to, or being a person of Latin American descent living in the United States; especially: one of Cuban, Mexican, or Puerto Rican origin.

Hierbei lässt sich ein klarer Unterschied in der Konnotation beider Bezeichnungen erkennen. Morales fasst beide Konzepte treffend zusammen:

Hispanic–a term invented by the Nixon administration […]–was designed to allow the lighter-skinned to claim a European heritage. Latino–derived from Latin America, originally coined by Napoleon-era France as a public relations ploy to explain why a French emperor was installed in Mexico City–was a mid-‘70s incarnation of the term meant to allude to a separate identity from Spain. […] Although Latino importantly alludes to an allegiance to, or at least a sympathy with, Latin America […], its most significant implication is that Latinos are not just Spaniards, but a mixture of Spaniards, Africans, and indigenous people.

Der Begriff Hispanic ist eher unklar definiert, indem er ‘all persons of Mexican, Puerto Rican, Cuban, Central or South American, or other Spanish culture or origin, regardless of race’ bezeichnet. Zudem weckt er bezüglich der Spanischsprecher in den USA falsche Assoziationen. Er impliziert die hispanische, d.h. iberische, Herkunft der Sprecher. Dies ist aber irreführend, da der größte Teil der Spanischsprecher aus Lateinamerika in die USA einwandert. Die Bezeichnung Hispanic wird zudem vorwiegend von der US-amerikanischen Regierung verwendet, wohingegen Latino der bevorzugte Begriff der nach einer eigenen Identität strebenden Immigranten und deren Nachkommen selbst ist. Beide Bezeichnungen beschreiben die Minderheit aufgrund ihres sprachlichen und kulturellen Erbes, beziehen die Rasse aber nicht als Unterscheidungsmerkmal mit ein. Dennoch werden die Termini Latino und Hispanic fälschlicherweise von vielen, u.a. von den US-amerikanischen Medien, in Verbindung mit Rasse gebracht. Im Folgenden wird der Begriff Latino zur Bezeichnung aller spanischsprachiger Immigranten und deren Nachkommen in den USA verwendet, da der Begriff von den Betroffenen selbst am häufigsten verwendet wird.

In der vorliegenden Arbeit wird ein besonderes Augenmerk auf die Spanglish-Varietäten der mexikanischen und puertoricanischen Einwanderer und deren Nachkommen in den USA gelegt. Die mexikanischstämmigen Latinos stellen die größte Gruppe der Spanischsprecher in den USA dar, gefolgt von den puertoricanischen. Beide Gemeinschaften weisen grundlegende historische, kulturelle und sprachliche Unterschiede auf. So wurde die mexikanische Kultur bedeutend von indigenen Elementen beeinflusst, wohingegen die puertoricanische entscheidende Elemente aus den afrikanischen Kulturen übernommen hat. Seit der Besiedlung durch spanische Siedler im 16. Jahrhundert steht Mexiko durch die gemeinsame Grenze in engem Kontakt mit den heutigen USA, auf kultureller, wirtschaftlicher und auf sprachlicher Ebene. Auch die heutigen US-Bundesstaaten Arizona, Kalifornien, New Mexico, Texas und Teile Colorados gehörten zeitweise zu Mexiko. Das koloniale Verhältnis Puerto Ricos zu den USA unterscheidet dessen Geschichte grundlegend von der Mexikos. Puerto Rico ist seit dem Vertrag von Paris 1898 zwischen den USA und Spanien ein Teil der USA. Die Puerto Ricaner haben zudem seit 1917 auch automatisch die US-Staatsbürgerschaft. Beide Gemeinschaften haben aber auch Gemeinsamkeiten. Die spanische Sprache verbindet sie, auch wenn in beiden Ländern unterschiedliche Varietäten gesprochen werden. Zudem bestehen sowohl die mexikanischen als auch die puertoricanischen Gemeinschaften in den USA aus gerade eingewanderten und langfristig sesshaften Immigranten und deren Nachkommen, die mit der amerikanischen Mehrheitskultur konfrontiert werden.

Zunächst erfolgt in der vorliegenden Arbeit eine Betrachtung der allgemeinen Aspekte des Bilingualismus und des Sprachkontakts, wobei auch auf die ethnische Identität, den Bikulturalismus sowie die sprachlichen Strategien bilingualer Sprecher und auf die Ergebnisse des Sprachkontakts eingegangen wird. Weiterhin werden der kontaktbedingte Sprachwandel und dessen Merkmale erläutert. Danach wird auf die Sprachgeschichte und sprachliche Besonderheiten des amerikanischen Spanisch eingegangen, wobei dem mexikanischen und puertoricanischen Spanisch besondere Beachtung geschenkt wird. Hinzu kommt ein kurzer Abriss der Geschichte des Spanischen und der Latino-Immigranten sowie der bilingualen Erziehung in den USA. Zudem werden die Varietäten des Spanglish und die Identitäten der Latinos in den USA näher betrachtet. Abschließend erfolgt eine Analyse ausgewählter sprachlicher Phänomene der mexikanisch- und puertoricanischstämmigen Spanglishsprecher in den USA sowie eine Erläuterung der Diskussion zum Status des Spanglish.

Inhaltsverzeichnis:

0. Abbildungs- und Tabellenverzeichnis iii
1. Einleitung 1
2. Allgemeine Aspekte des Bilingualismus und Sprachkontakts 8
2.1 Definitionen des Bilingualismus und Sprachkontakts 8
2.2 Arten des Bilingualismus 12
2.2.1 Individueller Bilingualismus 12
2.2.2 Sozialer Bilingualismus 14
2.3 Sprachwahl 16
2.4 Ethnische Identität 17
2.5 Bikulturalismus 19
2.6 Ergebnisse des Sprachkontakts 20
2.6.1 Pidgin-, Kreol- und Mischsprachen 20
2.6.2 Spracherhalt, Sprachverschiebung und Sprachverlust 22
2.6.3 Einfluss der Eltern auf Spracherhalt und -verschiebung ihrer Kinder 26
3. Kontaktbedingter Sprachwandel 28
3.1 Interferenz 28
3.2 Strategien bilingualer Sprecher 34
3.3 Code-Switching als Sonderform der Interferenz 35
4. Das amerikanische Spanisch als Grundlage des Spanglish unter besonderer Beachtung der mexikanischen und puertoricanischen Varietäten 41
4.1 Der Ursprung der spanischen Sprache 41
4.2 Die Herausbildung des amerikanischen Spanisch 42
4.3 Sprachliche Besonderheiten des amerikanischen Spanisch 46
4.3.1 Phonologie 47
4.3.2 Morphosyntax 49
4.3.3 Lexik und Semantik 50
4.3.4 Der Einfluss des Englischen auf das mexikanische und puertoricanische Spanisch 52
5. Kurzer Abriss über die Geschichte des Spanischen und der Latino-Immigranten in den USA 54
5.1 Die spanische Kolonialmacht auf dem nordamerikanischen Kontinent 54
5.2 Die Verbindung Mexikos zu den USA 54
5.3 Puerto Rico als Teil der USA 56
5.4 Die Latino-Immigranten in den USA 56
5.5 Bilinguale Erziehung in den USA 60
6. Die Varietäten des Spanglish und die Identitäten der Latinos in den USA 65
6.1 Die Varietäten des Spanglish in den USA 65
6.2 Spanglish als Mittel zum Ausdruck der Identitäten der Latinos in den USA 67
6.2.1 Die Identitäten der Latinos 67
6.2.2 Die generationsbedingte Sprachverschiebung und deren Auswirkungen auf die Identitäten der Latinos 70
6.2.3 Einfluss der Rasse und des sozialen Status auf die Identitäten der Latinos 74
6.2.4 Spanglish und die öffentlichen Institutionen 75
6.2.5 Kulturelle Konfrontation der Latinos mit der Mehrheitskultur 78
7. Ausgesuchte sprachliche Phänomene des Spanglish in den USA 80
7.1 Die mexikanische Varietät des Spanglish 81
7.1.1 Hintergrundinformationen zu Silva-Corvaláns Studie 81
7.1.2 Sprachliche Phänomene 82
7.2. Die puertoricanische Varietät des Spanglish 91
7.2.1 Hintergrundinformationen zu Zentellas Studie 91
7.2.2 Sprachliche Phänomene 97
7.3 Der Status des Spanglish 105
8. Schlusswort 108
9. Literaturverzeichnis 110
10. Anhang 118

Textprobe:

Kapitel 5.5, Bilinguale Erziehung in den USA:

In der Zeit nach der Unabhängigkeit der USA und vor dem Zweiten Weltkrieg waren es zum größten Teil private Schulen, die die Minderheitensprachen der zahlreichen Einwanderer unterstützten. Nach der Depression in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts und dem Zweiten Weltkrieg wurde es aber zunehmend schwieriger den Unterricht in Minderheitensprachen abzuhalten. Die meisten Schulen gingen dazu über, Englisch als Unterrichtssprache zu verwenden, sodass die Sprachen der Immigranten in den Hintergrund traten. Viele US-Bundesstaaten erließen im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert Gesetze, die den Gebrauch von Englisch als Unterrichtssprache sogar obligatorisch machten, sowohl in privaten als auch in öffentlichen Schulen.

Heute wird der Bilingualismus in Europa positiv bewertet, wohingegen in den USA oftmals noch immer negative Meinungen darüber vorherrschen, ‘da Bilingualismus nach Ansicht vieler Amerikaner ein Hindernis für eine rasche Assimilation an die amerikanische Mehrheitskultur darstellt […].’ Das Ideal des melting-pot und mangelndes Verständnis von Sprache als Identitätsbasis eines Individuums hat in den USA Forderungen nach Monolingualismus bewahrt. Von Individuen oder ethnischen Gruppen einer Minderheitensprache wird erwartet, dass sie ihre Herkunftssprache schnellstmöglich aufgeben und sich an die angloamerikanische monolinguale Mehrheit anpassen. Zudem herrschte bis in die sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts unter Wissenschaftlern die Meinung vor, dass Bilingualismus negativen Einfluss auf die sprachlichen Fähigkeiten von Kindern hat. Diese Meinung wird fälschlicherweise weiter dahingehend von der US-amerikanischen Gesellschaft vertreten, dass Bilingualismus oftmals für den Misserfolg von Kindern einer Minderheit in der Schule verantwortlich gemacht wird.

Die Diskriminierung sprachlicher Minoritäten ist immer noch ein großes Problem in den USA. Sie wird neben dem meist schlechten sozioökonomischen Status auch durch den starken Akzent der Sprecher im Englischen und die andere Hautfarbe der Minderheiten bedingt. Die Latinos wurden bis in die sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts wegen ihrer Sprache und ethnischen Herkunft besonders stark diskriminiert. Mit dem Beginn des Black Civil Rights Movement kam es jedoch nach und nach zu Veränderungen. Die Afro-Amerikaner und andere Minoritäten verlangten Respekt für ihre Kultur und Sprache und danach, ihre ethnische Identität frei ausdrücken zu dürfen. Dadurch erwachte auch das ethnische Bewusstsein der Latinos. Mit der Chicanismo-Bewegung seit den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts forderten besonders die mexikanischstämmigen Latinos ihr Recht auf kulturelle und sprachliche Identität innerhalb der USA ein. Schließlich kamen auch Bildungsinstitutionen zu der Erkenntnis, dass die angloamerikanischen Schulen nicht auf die Bedürfnisse der Immigrantenkinder eingingen, sodass diese meist von Anfang an benachteiligt waren. 1971 beendeten beispielsweise 40% der mexikanischstämmigen Einwandererkinder, die in die erste Klasse kamen, nie die High School. Zudem wurden Kinder mexikanischstämmiger Immigranten oft in Klassen für zurückgebliebene Kinder geschickt. 1963 wurde dann in Florida das erste bilinguale Schulprogramm für Kinder von Exilkubanern ins Leben gerufen. Mit dem Bilingual Education Act im Jahre 1968 kam es erstmals zu einer direkten Förderung bilingualer Erziehung. Diese bestand aber vorerst aus der finanziellen Förderung von Modellprogrammen zur Entwicklung von Curricula und der Ausbildung von Lehrern, um die Bundesstaaten zur Nachahmung zu inspirieren. 1971 war Massachusetts mit dem Transitional Bilingual Education Act der erste Bundesstaat, der die bilinguale Erziehung forcierte. Dieses Gesetz besagte klar, dass der Bilingualismus nur vorübergehend sein und nach drei Jahren zur vollen Kompetenz im Englischen führen sollte. Mit den Gesetzesänderungen 1974 und 1978 zum Bilingual Education Act erweiterten die USA die Förderung bilingualer Erziehung. Spanisch war dabei mit 80% der Programme die am meisten geförderte Minderheitensprache. Es existieren zwar in den USA bestimmte bilinguale Schulprogramme, diese sind aber meist nur dazu gedacht, dass die Immigranten schneller das Englische erlernen und sich an die Mehrheitskultur anpassen. So entsteht ein vorübergehender Bilingualismus (engl. transitional bilingualism). Bei Programmen des transitional bzw. assimilationist model wird die L1 vor allem in den ersten Schuljahren verwendet, um die Kluft zwischen Heim- und Schulsprache zu überbrücken. Dabei wird die Minderheitensprache nur benutzt, um die Kinder an die Anforderungen der Schule zu gewöhnen. Die bilingualen Schulprogramme unterstreichen damit den starken Druck der Mehrheitskultur. In submersion-Programmen werden die Kinder der Minderheit komplett in der Mehrheitssprache unterrichtet, ohne dass ihnen bilinguale Lehrer oder andere Hilfsmittel zur Verfügung stehen. Diese Programme führen meist zu großen Sprach- und Identitätsproblemen bei den Betroffenen, da die Minderheitensprache komplett unterdrückt wird und nicht auf die Bedürfnisse der Kinder eingegangen wird. Das pluralistic bzw. maintenance model hingegen zielt darauf ab, während der gesamten Schulzeit die Minderheitensprache und Englisch nebeneinander als Unterrichtsmedien zu verwenden. Diese Programme bilden immer noch die Ausnahme. Inzwischen findet jedoch ein Umdenken statt, da viele Minoritäten danach verlangen, dass die Programme pluralistischer werden und den Kindern mehr über ihre Kultur und Herkunftssprache vermitteln sollen. Die English Plus-Bewegung unterstützt diese Programme und die Entwicklung der sprachlichen Vielfalt in den USA, da sie der Meinung ist, dass diese Vielfalt eine wichtige Bereicherung für die USA darstellt.

Gegen die sprachlichen Pluralismusbewegungen hat sich jedoch in den achtziger und neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts die English Only-Bewegung in den USA herausgebildet. Diese schaffte es, Englisch in mehr als 20 US-Bundesstaaten als offizielle Sprache zu etablieren, obwohl es auf nationaler Ebene keine offizielle Sprache gibt. Die Vertreter der Bewegung haben sich zum Ziel gesetzt, die amerikanische Identität zu retten und Englisch zur offiziellen Sprache der USA zu machen. Sie wenden sich in diesem Zuge auch gegen bilingualen Schulunterricht. Die Befürworter von English Only sind der Meinung, dass sich Kinder von Minderheiten nur durch komplette schulische Erziehung in Englisch wirklich in die US-amerikanische Mehrheitskultur eingliedern können. Außerdem befürchten sie, dass sowohl die englische Sprache in ihrer Vormachtstellung in den USA wie auch die nationale Einheit durch die Herkunftssprachen der Einwanderer gefährdet sind. Weiterhin glauben sie, dass ‘English has been the language used by most Americans but that today’s immigrants ‘refuse to learn English.’ Dies ist ein Trugschluss, der durch den permanenten Zustrom spanischsprachiger Immigranten entsteht. Die Latino-Gemeinschaften erwecken dadurch nach außen hin den Eindruck, dass ihre Mitglieder nicht Englisch lernen. Auf individueller Ebene tun sie das aber. Englisch ist somit keinesfalls in seiner Stellung als dominante und de facto Nationalsprache der USA gefährdet. Vor allem die verstärkte Immigration aus spanischsprachigen Ländern in den letzten Jahrzehnten führt aber zu einem Gefühl der Bedrohung bei der angloamerikanischen Mehrheit. Viele Mitglieder der Mehrheitskultur haben Angst davor, dass sich die sozialen Machtverhältnisse durch bilinguale Erziehung verschieben könnten, denn richtige bilinguale Erziehung bzw. gute Bildung allgemein führt meist zu einem wirtschaftlichen und sozialen Aufstieg der Minderheiten. Meinungsumfragen zeigen, dass der Vorschlag, Englisch als offizielle Sprache der USA zu etablieren, immer mehr Unterstützung durch die US-amerikanischen Bevölkerung erfährt.

Die English Only-Diskussion veranschaulicht auch den immer stärker ausgeprägten Nationalismus der US-Amerikaner, d.h. das ‘desire to promote the strength and ambitions of that nation of which one is a member […]’ und das Verlangen, Unterschiede zu anderen Nationen und Volksgruppen zu konstruieren und übermäßig zu betonen. Da Sprache und Nationalismus eng miteinander verbunden sind, kommt der Nationalismus in den USA durch die Sprachenfrage zum Vorschein und zeigt die sozialen Unterschiede auf, die zwischen US-Amerikanern und Immigranten bestehen:

For many Americans, there is a conviction that national identity and speaking accentless English are inseparable. Lacking a unified culture, many Americans believe that English is one of the few values that holds Americans together.

Der Druck, sich an die angloamerikanische Mehrheitskultur zu assimilieren führt zu einem paradoxen Phänomen:

[M]ost Americans, many of whose families are originally of a foreign language background, prove to be extremely incompetent in learning and speaking foreign languages.

Zudem wird hinsichtlich des Bilingualismus in den USA mit zweierlei Maß gemessen, denn die bilinguale Kompetenz eines Sprechers wird als Zeichen von Intelligenz und Fleiß angesehen, solange die Muttersprache des Sprechers Englisch ist. Nach Grosjean könnten sich die USA einen Teil der hohen finanziellen Aufwendungen für Fremdsprachenerziehung sparen, wenn sie besser auf die sprachlichen Fahigkeiten der Minderheiten eingehen würden. Die Krise der USA in der Fremdsprachenfrage ist nicht zu übersehen und trotzdem werden weiterhin Minderheitensprachen unterdrückt:

The logic here is that we first ensure that schools eradicate students’ native ‘foreign’ language skills and then spend significant amounts of money trying to teach these same ‘foreign’ language skills using traditional non-bilingual methods that have been demonstrated to be ineffective except for a small elite of students.

Die staatlichen Institutionen sorgen dafür, dass vorwiegend bilinguale Programme gefördert werden, die keine Gefahr für die soziale Machtverteilung darstellen. Die Frage der Identität der Immigranten wird dabei kaum einbezogen. Das Thema der vielfältigen Identitäten der Latinos in den USA soll im nächsten Kapitel näher betrachtet werden.

Arbeit zitieren:
Fritzsche, Kathleen Januar 2009: Spanglish - Spanisch-Englischer Sprachkontakt in den USA, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Spanglish, USA, Spanisch-Englisch, Mexikaner, Puerto Ricaner

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