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Die kritische Periode beim Spracherwerb und beim Erwerb des Absoluten Gehörs

Die kritische Periode beim Spracherwerb und beim Erwerb des Absoluten Gehörs
Über dieses Buch
  • Art: Magisterarbeit
  • Autor: Hannah Habbig
  • Abgabedatum: April 2009
  • Umfang: 101 Seiten
  • Dateigröße: 529,3 KB
  • Note: 1,0
  • Institution / Hochschule: Universität Leipzig Deutschland
  • Bibliografie: ca. 104
  • ISBN (eBook): 978-3-8366-3818-0
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Habbig, Hannah April 2009: Die kritische Periode beim Spracherwerb und beim Erwerb des Absoluten Gehörs, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Musik, Genie, Zweitspracherwerb, kognitive Entwicklung, Lernbarkeitstheorie

Magisterarbeit von Hannah Habbig

Einleitung:

Das Konzept der kritischen Periode ist durchaus umstritten und im Spracherwerb viel diskutiert. Zudem gibt es eine Vielzahl von Annahmen anhand welcher unterschiedliche kritische Perioden begründet werden. Es gibt also nicht die eine kritische Periode.

Da bislang kaum Literatur zu einer kritischen Periode beim absoluten Gehör existiert, werde ich in Hinblick darauf, ob eine kritische Periode für das absolute Gehör angenommen werden kann, verschiedene Experimente auswerten und zusammentragen. Um die kritische Periode beim Spracherwerb zu untersuchen, werde ich aus der Fülle der Literatur die wichtigsten Experimente auswählen, um sie zur Auswertung heranzuziehen.

Es soll in meiner Arbeit nicht darum gehen zu entscheiden, ob es eine kritische Periode für den Spracherwerb und den Erwerb des absoluten Gehörs gibt oder nicht. Ich möchte vielmehr die unterschiedlichen Aspekte beleuchten, die für oder gegen die Annahme einer kritischen Periode sowohl beim Spracherwerb als auch beim absoluten Gehör sprechen und wie diese begründet werden können.

Im Anschluss daran möchte ich aufgrund meiner Ergebnisse das absolute Gehör und den Spracherwerb in Hinblick auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede bezüglich einer kritischen Periode vergleichen.

In meiner Arbeit beschränke ich mich auf die theoretische Auseinandersetzung mit dem Konzept der kritischen Periode. Diese Herangehensweise ermöglicht es mir eine Vielzahl an Experimenten zu untersuchen, diese in Hinblick auf meine Fragestellung auszuwerten und einen Überblick über den Forschungsstand, in Bezug auf die kritische Periode beim Spracherwerb und die kritische Periode beim Erwerb des absoluten Gehörs, zu geben.

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung 3
2. Die kritische Periode beim Spracherwerb 4
2.1 Was ist eine kritische oder sensible Periode? 4
2.2 Konzepte und Gründe für die kritische Periode beim Spracherwerb 5
2.3 Die kritische Periode beim Erstspracherwerb 9
2.3.1 Der Fall ‘Genie’ 9
2.3.2 Spracherwerb taub geborener Menschen 12
2.3.3 Die Rolle von Homesigns beim Spracherwerb taub geborener Menschen 18
2.3.4 Die kritische Periode beim Erstspracherwerb in Hinblick auf die sozial-kognitive Entwicklung 22
2.4 Erstspracherwerb vs. Zweitspracherwerb 24
2.5 Die kritische Periode beim Zweitspracherwerb 28
2.5.1 Grammatik 28
2.5.2 Phonologie und Phonetik 34
2.5.3 Gibt es eine kritische Periode für den Zweitspracherwerb? 39
2.5.4 Zusammenfassende Bemerkungen zur kritischen Periode beim Zweitspracherwerb 40
3. Die kritische Periode beim Erwerb des absoluten Gehörs 42
3.1 Was ist das absolute Gehör? 42
3.1.1 Messmethoden 42
3.1.2 Oktavfehler, Frequenzbereich, Tonstruktur 45
3.1.3 Ein implizites absolutes Gehör? 47
3.1.4 Absolutes Gehör oder absolute Gehöre? 50
3.2 Erwerb des absoluten Gehörs 50
3.2.1 Frühe Lernbarkeitstheorie 50
3.2.2 Verlernbarkeitstheorie 60
3.2.3 Wandel der kognitiven Verarbeitung 64
3.2.4 Unterschiedliche Wahrnehmungsformen beim Erwerb des absoluten Gehörs 67
3.2.5 Das absolute Gehör in Tonsprachen 71
3.2.6 Genetische Veranlagung oder Sozialisation? 77
3.3 Gibt es eine kritische Periode beim Erwerb des absoluten Gehörs? 80
4. Die kritische Periode beim Spracherwerb und beim Erwerb des absoluten Gehörs 84
4.1 Zusammenfassung der Ergebnisse 84
4.2 Gemeinsamkeiten und Unterschiede des Spracherwerbs und des Erwerbs des absoluten Gehörs in Hinblick auf eine kritische Periode 86
5. Abschließende Bemerkungen 90
Literaturverzeichnis 92
Abbildungsverzeichnis 01

Textprobe:

Kapitel 3, Die kritische Periode beim Erwerb des absoluten Gehörs:

3.1 Was ist das absolute Gehör?

‚Absolute pitch (AP) is the ability to identify the pitch of a musical tone or to produce a musical tone at a given pitch without the use of an external reference pitch.’ (Takeuchi & Hulse) Menschen, die das absolute Gehör besitzen, benennen Töne mit einer Sicherheit und Schnelligkeit wie andere Farben. Nur etwa .01% der europäischen bzw. amerikanischen Bevölkerung besitzt das absolute Gehör. Unter dieser verschwindend geringen Gruppe aber befinden sich viele berühmte Komponisten und Musiker, aus welchem Grund es auch heute noch als geniehafte Gabe gilt.

Ob das absolute Gehör jedoch tatsächlich von Vorteil ist, bleibt umstritten. Miyazaki geht davon aus, dass das absolute Gehör teilweise auch behindert, da Absoluthörer sich zeitlebens auf ihr absolutes Gehör verlassen und somit eventuell ihr relatives Gehör nicht voll entwickeln. Auch Christina Chin nimmt an, dass das absolute Gehör, je nach Kontext, helfen oder aber auch behindern kann.

Das absolute Gehör wird heute zumeist unterschieden in aktives und passives absolutes Gehör. Ein aktives absolutes Gehör bezeichnet die Fähigkeit einen bestimmten Ton ohne Zuhilfenahme eines Referenztons benennen und produzieren zu können. Ein passives absolutes Gehör bezeichnet die Fähigkeit einen bestimmten gespielten Ton ohne Zuhilfenahme eines Referenztons zu benennen.

Aber wie wird das absolute Gehör überhaupt gemessen?

3.1.1 Messmethoden:

Nur durch Messung kann entschieden werden, ob jemand als Absoluthörer gilt oder sich vielleicht nur selber dafür hält. Da diese Arbeit nicht genügend Raum bietet, alle Messmethoden des absoluten Gehörs detailliert zu diskutieren, verweise ich auf den Artikel von Takeuchi und Hulse. Dort werden alle Vor- und Nachteile der einzelnen Ansätze ausführlich aufgezeigt. Ich beschränke mich in meiner Arbeit auf die Präsentation der wichtigsten Methoden.

(a) Tonhöhenidentifikationsaufgaben:

Diese Messmethode wird am häufigsten genutzt um herauszufinden, ob jemand ein absolutes Gehör besitzt. Dabei werden der jeweiligen Person Töne vorgespielt, die sie mit Notenname und Oktave benennen soll. Je nach Anzahl der korrekten Antworten wird dann entschieden, ob die Versuchsperson als Absoluthörer eingestuft wird oder nicht. Dabei entscheidet zumeist der Prozentsatz der richtigen Antworten darüber, wie eine Versuchsperson eingestuft wird. Störgeräusche oder Störtöne zwischen den Tönen sollen dabei vermeiden, dass sich die Versuchsperson neue Töne durch vorangegangene Töne, die bereits benannt und z.B. bestätigt wurden, erschließen kann.

Diese Methode ist unter normalen Umständen sehr zuverlässig und wird sehr häufig genutzt um herauszufinden, ob jemand ein absolutes Gehör besitzt oder nicht. Die genaue Klassifizierung fällt dabei meistens etwas unterschiedlich aus. Um eine von diesen zu nennen, sei hier Chin zitiert. Sie klassifiziert z.B. als Absoluthörer Personen, die über 90% isolierter Töne richtig benennen können. Als ungenaue Absoluthörer bezeichnet sie diejenigen, die zwischen 50% und 90% der Töne korrekt benennen können.

(b) Tonhöhenproduktionsaufgaben:

Bei dieser Messmethode wird die Versuchsperson gebeten, einen bestimmten Ton auf einem gegebenen Hilfsmittel (‘usually by adjusting an oscillator or other pitch variator’, Takeuchi & Hulse) oder auch über die Singstimme wiederzugeben. Es geht darum, dass die Versuchsperson den angegebenen Ton möglichst genau trifft bzw. wiedergibt. Ähnlich wie bei den Identifikationsaufgaben besteht auch hier die Möglichkeit, dass eine Versuchsperson eine andere Stimmung als A4 440 Herz gewöhnt ist.

Was heißt aber wiederum Genauigkeit bei Produktionsaufgaben? Bachem berichtet, dass Absoluthörer bis zu 0.1 Halbton genau Töne wiedergeben können. Rakowski und van Krevelen geben an, dass die Abweichung, der am besten abschneidenden Absoluthörer bei etwa 0.2 Halbton liegt.

Es zeigt sich, dass nicht alle Menschen, die bei Identifikationsaufgaben als Absoluthörer eingestuft werden, auch bei Produktionsaufgaben gut abschneiden. Takeuchi und Hulse zitieren ein Experiment von Weinert, bei dem nur 14 von 21 Absoluthörern auch genannte Töne produzieren konnten. Warum Menschen mit passivem absoluten Gehör nicht dazu in der Lage sind angegebene Töne zu produzieren, konnte bislang nicht geklärt werden.

(c ) Erinnerungsaufgaben:

Eine weitere Methode, Absoluthörer von Nicht-Absoluthörern zu unterscheiden, erfolgt durch die Erinnerung von Tönen. Hierbei zeigen Absoluthörer, dass sie Töne über einen wesentlich längeren Zeitraum erinnern können als Nicht-Absoluthörer.

Eine Möglichkeit besteht darin, der Versuchsperson zwei gleiche bzw. zwei unterschiedliche Töne, unterbrochen von einer bestimmten Zeitspanne, vorzuspielen und diese entscheiden zu lassen, ob die gehörten Töne gleich oder nicht gleich sind. Hierbei variiert die Zeitspanne, die die Unterbrechung darstellt, von 5 Sekunden über einen Tag oder sogar hin bis zu einer Woche.

Eine weitere Möglichkeit ist, die Versuchsperson einen gehörten Ton nach einer bestimmten Zeitspanne (eine Sekunde bis zu einem Tag) reproduzieren zu lassen.

Beide Testmethoden zeigen sehr ähnliche Ergebnisse: Wenn die Zeitspanne zwischen den beiden Tönen weniger als eine Minute beträgt, dann erinnern sowohl Absoluthörer als auch Nicht-Absoluthörer den zuerst gehörten Ton sehr gut. Bei längeren Zeiträumen ist jedoch der Absoluthörer klar im Vorteil, da er auch hier kaum Vergessen zeigt, die Nicht-Absoluthörer sich hingegen kaum erinnern können und auf Zufallsniveau liegen. Takeuchi und Hulse gehen davon aus, dass bei einer kurzen zeitlichen Unterbrechung beide Hörer das echoische Gedächtnis, also das auditive Gedächtnis, benutzen und so den gehörten Ton für diese Zeit behalten. Bei längeren Unterbrechungen kann das echoische Gedächtnis jedoch nicht genutzt werden bzw. es reicht für die Zeitspanne nicht aus. Da Absoluthörer sich jedoch an den Namen des gehörten Tones erinnern können, können sie später den wiedergehörten Ton mit dem gemerkten Namen abgleichen. Für Nicht-Absoluthörer besteht diese Möglichkeit nicht, da sie den zuvor gehörten Ton nicht benennen können.

Wenn die Möglichkeit den Tonnamen zu erinnern nicht besteht, schneiden sowohl Absoluthörer als auch normale Hörer gleich ab. Die Fähigkeit von Absoluthörern Töne zu benennen, kann bei sehr hohen Tönen und bei Tönen, die keinem bestimmten Ton auf der Tonleiter entsprechen, nicht genutzt werden. Dass Absoluthörer nur über die vorangehende Benennung einen späteren Ton identifizieren können, zeigte sich bei einem Experiment von Rakowski, der Töne wiedererkennen lies, die nicht einem Ton der Tonleiter entsprachen, sondern dazwischen lagen. Dies war sowohl Absoluthörern als auch Nicht- Absoluthörern nicht möglich. Dieses Ergebnis spricht wiederum gegen eine genetische Determination des absoluten Gehörs, da nur Töne erkannt wurden, die im europäischen Tonsystem konventionalisiert sind, also erlernt wurden. Bei einer genetischen Veranlagung müssten alle Tonhöhen auf irgendeine Weise erkannt werden können.

(d) Befragungen:

Besonders schwierig wird der Fall, wenn sich auf die Selbstauskunft von Versuchspersonen verlassen wird. Hier kann man von keinen Fakten ausgehen, da jeder sich unterschiedlich einschätzt und unterschiedliche Maßstäbe ansetzt. Zudem ist bei einer Fähigkeit wie dem absoluten Gehör, welche nach wie vor als eine geniehafte Eigenschaft angesehen wird, davon auszugehen, dass der eine oder andere sich etwas mehr Fähigkeit dazu dichtet als eigentlich vorhanden.

Arbeit zitieren:
Habbig, Hannah April 2009: Die kritische Periode beim Spracherwerb und beim Erwerb des Absoluten Gehörs, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Musik, Genie, Zweitspracherwerb, kognitive Entwicklung, Lernbarkeitstheorie

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