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Der Verlust des Absoluten. Existenzielle Identitätssuche in der europäischen Literatur um 1900

Am Beispiel von Joris-Karl Huysmans (A rebours), Lou Andreas-Salomé (Im Kampf um Gott) und Miguel de Unamuno (Niebla)

Der Verlust des Absoluten. Existenzielle Identitätssuche in der europäischen Literatur um 1900
Über dieses Buch
  • Art: Magisterarbeit
  • Autor: Anke Anni Ernst
  • Abgabedatum: Februar 2009
  • Umfang: 98 Seiten
  • Dateigröße: 662,6 KB
  • Note: 1,3
  • Institution / Hochschule: Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn Deutschland
  • Bibliografie: ca. 66
  • ISBN (eBook): 978-3-8366-3586-8
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Ernst, Anke Anni Februar 2009: Der Verlust des Absoluten. Existenzielle Identitätssuche in der europäischen Literatur um 1900, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Literatur, Identität, Europa, Frankreich, Spanien

Magisterarbeit von Anke Anni Ernst

Einleitung:

Im Gegensatz zu vormodernen Epochen wird die europäische Gesellschaft des 21. Jahrhunderts nicht mehr in erster Linie von einer kollektiven metaphysischen Struktur, d.h. einer Religion, zusammen-gehalten. Andere Faktoren wie Nationalität, politische Gesinnung und gesellschaftlicher Stand üben einen weitaus stärkeren Einfluss auf das Selbstverständnis des postmodernen Abendländers aus. Diesem stehen zahlreiche Möglichkeiten für den Aufbau einer Identität zur Verfügung. Jean-Paul Sartre beschreibt den daraus resultierenden Zwiespalt des postmodernen Menschen in besonders treffender Weise: ‘L’homme est condamné à être libre’. Die absolute Freiheit des Menschen impliziert also den Zwang zur individuellen Entscheidung für oder gegen identitätsstiftende Faktoren.

Der Blick auf die europäische Vergangenheit und die Tradition der westlichen Metaphysik zeigt, dass die katholische Kirche zum Teil noch bis ins späte 18. Jahrhundert, in Spanien sogar weit darüber hinaus, einen wesentlichen Teil der politischen und gesellschaftlichen Strukturen beeinflusst. In jenem Gefüge hat der Mensch seinen festen Platz, den er nicht hinterfragen muss, jedoch oft auch nicht hinterfragen darf. Der gravierende Unterschied zwischen der vormodernen und der modernen Gesellschaft führt zu der Frage, wie eine solche Veränderung stattfinden konnte. Aufgrund dessen ist es sinnvoll und notwendig, nach den Ursachen dieses Wandels von einer ‘gottgegebenen’ Gesellschaftsform zu derjenigen des 21. Jahrhunderts in der Zeit zwischen Aufklärung und Ausbruch des Ersten Weltkriegs zu fragen. Die Zeit um 1900 ist in diesem Zusammenhang besonders relevant, weil sie das Ende dieser Übergangszeit darstellt. Die Aufklärung hat fast ein Jahrhundert lang auf die Geisteshaltung des abendländischen Menschen gewirkt, Gesellschaftsstrukturen und Marktwirtschaft werden radikal durch Industrialisierung, Kommunikationsbeschleunigung, Nationalismus und Imperialismus verändert. Kunst und Literatur erlangen einen autonomen Status und der ‘Tod Gottes’ ist in Also sprach Zarathustra von Friedrich Nietzsche postuliert worden.

In der vorliegenden Arbeit wird der Frage nachgegangen, wie in der europäischen Literatur um 1900 der Verlust einer absoluten Instanz thematisiert und welche Form von Identität auf existenzieller Ebene neu formuliert wird. Inwieweit in diesem Zusammenhang von einer spezifisch ‘europäischen Entwicklung’ gesprochen werden kann und welche Konflikte und weltanschauliche Grundlagen sich um 1900 in Europa abzeichnen, wird in Kapitel 2 dargestellt.

Der zu behandelnde Aspekt der ‘existenziellen Identität’ ist in der einschlägigen Forschungsliteratur bisher nur unzureichend berücksichtigt worden. So bietet P.V. Zimas Theorie des Subjekts und die poetologische Vorlesungsreihe des mexikanischen Dichters Octavio Paz in Harvard, die 1974 unter dem Titel Los hijos del limo veröffentlicht wird, eine theoretische Grundlage (Kapitel 3). Zima formuliert hierbei die Abhängigkeiten zwischen philosophischen, soziologischen, kulturellen und sprachlichen Identitätsmodellen und zeigt auf, dass der Mensch ein Subjekt ist, das nicht objektiv urteilen kann, sondern immer in einen sozio-kulturellen Kontext eingebunden ist. Paz dagegen beschreibt, wie eine existenzielle Identität aufgebaut ist, ohne eine konkrete Definition zu liefern: Der Mensch stellt mittels der Sprache eine Analogie zum Universum auf, in deren Zentrum sich ein Absolutum befindet. Ausgehend von der hohen Bedeutung, die der Sprache bei der Beschreibung dieses Absoluten zukommt, liegt die Bearbeitung der Thematik auf literatur-wissenschaftlicher Ebene nahe.

Auf der Grundlage drei europäischer Romane der Jahrhunder-twende,A rebours von Joris-Karl Huysmans (1848-1907), Im Kampf um Gott von Lou Andreas-Salomé (1861-1937) und Niebla von Miguel de Unamuno (1864-1936), sollen in der Reihenfolge ihres Erscheinungs-datums mögliche Auswirkungen des sozio-kulturellen und existenziellen Verlustes aufgezeigt werden. Die Hauptfiguren des jeweiligen Romans stehen hierbei stellvertretend für den modernen europäischen Menschen. Von besonderer Bedeutung ist die Frage, wie die ‘existenzielle Identität’ neu formuliert wird, nachdem der Einfluss der Religion nachlässt. Zwar können die Romane aufgrund ihrer unterschiedlichen Genres nicht nach der gleichen Vorgehensweise interpretiert werden, jedoch lassen sich durchaus Gemeinsamkeiten eines modernen Bewusstseins ausmachen (Kapitel 7). Trotz der unterschiedlichen Hintergründe, vor denen die Romane entstanden sind, zeichnen sich ähnliche Herangehensweisen und Entwicklungen bezüglich existenzieller Identitätssuche ab:

Huysmans’ Roman A rebours (Kapitel 4) gilt als die ‘Bibel der Décadence’, da er alle Motive dieser bedeutenden französischen Strömung in sich vereint. Die Hauptfigur des Esseintes versucht, ein völlig neues Lebensmodell auf der Basis des Ästhetisch-Künstlichen aufzu-bauen und sich selbst zum Schöpfer seiner individuellen Welt zu erheben.

Das Erstwerk Im Kampf um Gott (Kapitel 5) der deutsch-russischen Andreas-Salomé kann keiner zeitgenössischen literarischen Strömung zugeordnet werden. Er kommt dem Genre des psychologischen Romans am nächsten. Der Priestersohn Kuno verliert in seiner Kindheit den Glauben an Gott und muss von diesem Zeitpunkt an sein Leben lang um einen neuen Glauben kämpfen. Obwohl Im Kampf um Gott der erste von Nietzsches Philosophie inspirierte Roman ist, mangelt es bislang an einer fundierten literaturtheoretischen Analyse.

Der spanische Roman Niebla (Kapitel 6) von Unamuno ist eine phantastische Tragikomödie, in der die Hauptfigur Augusto Pérez auf ihren Schöpfer, Unamuno selbst, trifft. Das Erscheinungsjahr des Romans markiert nicht nur den Ausbruch des Ersten Weltkriegs, sondern auch das Ende des 19. Jahrhunderts und ist sowohl als bezeichnender Abschluss der Epoche als auch als repräsentativer Ausblick auf die anschließende Postmoderne zu betrachten.

Die vorliegende Arbeit ist in vielerlei Hinsicht als Pionierleistung zu betrachten, weil der Aspekt der ‘existenziellen Identität’ in der vorge-stellten Form noch keinen Eingang in die Literaturanalyse gefunden hat. Zudem ist weder Andreas-Salomés Roman einer ausführlichen Interpretation unterzogen, noch sind die interpretierten Romane unter dem Aspekt der existenziellen Identität zu einem Vergleich herangezogen worden. Somit leistet diese Arbeit einen wichtigen Beitrag zum vorgestellten Forschungsdesiderat.

Inhaltsverzeichnis:

1. Einführung in die Thematik 1
2. Das moderne Subjekt im europäischen Kontext 5
2.1 Der Ursprung europäischer Wertvorstellungen 5
2.1.1 Sprache, Literatur, Recht: Die griechisch-römische Antike und das Christentum 5
2.1.2 Gesellschaftsbildung: Religion als Fundamentkollektiver Identität 6
2.1.3 Geschichts- und Zeitverständnis 7
2.2 Europa um 1900: Weltanschauliche Grundlagen 9
2.2.1 Zwischen Fortschritt und Verfall: Das Zeitalter der Dekadenz 9
2.2.2 Auswirkung der gesellschaftlichen Umbrüche auf Religion und Philosophie 11
2.2.3 La estética de la sorpresa: Die allgemeine Relativierung 13
3. Eine moderne Identitätstheorie 15
3.1 Möglichkeiten zur Analyse von Identität 15
3.2 Individuum, Subjekt und Identität 16
3.3 Identitätskonstruktion zwischen Autonomie und Determinierung 17
3.3.1 Erfahrung und Erinnerung 18
3.3.2 Sprachliche Determinanten 19
3.3.3 Die Freiheit des Subjekts bei Krise und Verlust 21
3.4 Existenzielle Identität 22
4. Joris-Karl Huysmans (1884): A rebours 26
4.1 Die Strömung der Décadence 26
4.2 Analyse des Romans 28
4.2.1 Des Esseintes' Abkehr von der Welt 28
4.2.2 Aufbau eines Lebensmodells in Isolation: Die Ich-Suche 31
4.2.3 Individueller Ästhetizismus: Der ‘Ichkult’ 36
4.2.4 Des Esseintes' Scheitern 40
4.3 Putrefaction und Alterität 41
5. Lou Andreas-Salomé (1885): Im Kampf um Gott 44
5.1 Der Freigeist Lou Andreas-Salomé 44
5.2 Philosophie und Psychologie: Nietzsche und die Umkehr ins Innere 46
5.3 Analyse des Romans 48
5.3.1 Aufbau, Sprache und Inhalt 48
5.3.2 Kunos Verlust des Absoluten 49
5.3.2.1 Die Institution Kirche im gesellschaftlichen Kontext 49
5.3.2.2 Kunos innerer Kampf 51
5.3.3 Kunos Erkenntnis: Das Gedicht: ‘Es war ein Gott’ 55
5.3.4 Die Konsequenz des neuen Lebenskonzeptes 57
5.4 Kunos Lebenskampf: ‘Von Gott zu Gott’ 58
6. Miguel de Unamuno (1914): Niebla 60
6.1 Die ‘Generación del '98’ und Niebla 60
6.2 Analyse des Romans 62
6.2.1 Die nivola als moderne novela 62
6.2.1.1 Abgrenzung zum traditionellen spanischen Roman 62
6.2.1.2 Die Sprache 66
6.2.2 Die Metapher des Nebels 67
6.2.3 Unamunos metaphysisches Konzept 71
6.2.4 Die Analogie Leben/ nivola 73
7. Kontrastiver Vergleich der analysierten Romane 76
7.1 Europäische Romane der Alterität 76
7.2 Grundlagen der Identitätssuche: Gesellschaft und Religion 79
7.3 Unmittelbares, subjektives Erleben 81
7.4 Individuelle Interpretationen existenzieller Identität 84
8. Conclusio 87
9. Verwendete Literatur 90
10. Anhang: ‘Es war ein Gott’ 95

Textprobe:

Kapitel 6.2.4, Die Analogie Leben/ nivola:

In Niebla werden das poetologische Problem der ‘creación artística’, bei der der Autor eine individuelle Welt erschafft, jedoch die logische Kontrolle über seine Figur verliert und ihr gerecht werden muss, und das der Identitätsfindung auf ontologischer Ebene behandelt. Darauf aufbauend lässt sich die Analogie Leben/ nivola nachvollziehen. Augustos Begegnung mit Unamuno kann analog als eine Begegnung des Menschen mit dem Schöpfergott gesehen werden. Diese Analogie deutet Unamuno bereits bei seinem ersten Eingreifen in die nivola an: ‘Y yo soy el Dios de estos dos pobres diablos nivolescos’. Die nivola ist – wie das Leben – von Zufall geprägt, sie folgt keiner Logik, die Stufen zwischen Traum, Realität und Fiktion verschwimmen. Gott erschafft uns mit Worten – ebenso handelt der Autor in Bezug auf seine Figuren. Der Gottautor und die menschliche Romanfigur hängen von einander ab: Gott kann nicht aufhören uns zu träumen, weil er seine Existenz sonst vor niemandem manifestieren kann und sie daher nichtig werden würde. Indem der Mensch selbst als Schöpfer auftritt, entsteht eine Hierarchie von Fiktion und Realität, deren Stufen ineinander übergehen. Der Mensch braucht Gott und Gott braucht den Menschen. Entfällt eine Komponente, bleibt das Nichts bzw. der Nebel oder der Tod. Auf diese Weise wird es möglich, dass ein ursprünglich abhängiges Geschöpf sich von seinem Schöpfer selbst-ständig machen kann, da die Verhältnisse nicht einseitig sind: Schöpfer und Geschöpf bedingen und halten sich gegenseitig, um nicht in den leeren Abgrund zu fallen. Sie schreiben weiter an der sie tragenden intrahistoria.

Dieser typisch moderne Gedanke manifestiert sich nicht nur durch die Sprache, sondern diese ist auch das Mittel der Autonomie der Schöpfungen. Im Diskurs löst sich der moderne Mensch von Traditionen, hinterfragt sie kritisch und konstruiert individuelle Sinnschemata, die seine Existenz erklären. In Worten überleben diese die individuelle menschliche Existenz. Das Leben kann mit der nivola oder der dem Wortlaut ähnlichen niebla (‘navilo… nebulo, no, no, nivola, eso es, ¡nivola!’) verglichen werden. Alles liegt im Nebel, bis konkrete emotionale Erfahrungen diesen lichten. Die Beteiligten, Gott, Mensch und Romanfiguren, sind letztendlich alle entes de ficción. Dominiert werden sie vom Zufall, der sich kein konstruiertes System aufzwingen lässt. Aus dem Nebel entstehen mit Worten Identitäten, seien sie geschaffen durch Kultur, Religion, kritischen Diskurs, konkrete existenzielle Erlebnisse und/ oder innerhalb eines poetologischen Konzeptes wie das des Romans oder der nivola. Die entes de ficción bilden sich aus dem Traum des Schöpfers, im ‘sueño creador del arte’ heraus.

Mit dem Aufstellen der Analogie Leben/ nivola und dem Einbeziehen des rezeptiven Vorgangs des Lesers in die nivola stellt Unamuno eine Verbindung zwischen Niebla und der Welt des Lesers her. Die existenzielle Identitätssuche Augustos regt den Leser dazu an, über sein Leben als Schöpfung einer höheren Macht, aber auch über seine Autonomie dieser gegenüber nachzudenken. Die Möglichkeit des Dialogs und der Emanzipation ihr gegenüber zeigen, dass der Mensch zwar bezüglich seiner Umwelt und seines Gottesbildes determiniert ist, er jedoch einen wesentlichen Beitrag zur Konzeption seiner Identität leisten kann. Die Entscheidung, was real und was fiktiv ist und welche Handlung bedeutsam ist, bleibt jedem selbst überlassen: Der Leser kann individuell entscheiden, ob Augusto sich selbst tötet, oder ob sein Schöpfer es soweit kommen lässt.

Kapitel 7, Kontrastiver Vergleich der analysierten Romane:

Obwohl die Romane A rebours, Im Kampf um Gott und Niebla jeweils ein charakteristisches Beispiel für die zeitgenössische Literaturlandschaft ihres Landes geben, erscheint es schwierig, anhand von nur drei Romanen eine Entwicklungslinie von 1884 bis 1914 zu ziehen oder von einem Roman auf die gesamte Nation zu schließen. Um eine fundierte Analyse aufzustellen, bedarf es mehrerer Romane unterschiedlicher Strömungen und Genres des jeweiligen Jahres bzw. Landes. Daher wird im Folgenden nur ein auf die Thematik der Arbeit bezogener Vergleich aufgestellt, ohne dass ein Anspruch auf Allgemeingültigkeit erhoben wird. Obwohl die Romane jeweils unterschiedlichen Genres angehören, lassen sich interessante Parallelen in Bezug auf die Thematik der existenziellen Identitätssuche ziehen.

Kapitel 7.1, Europäische Romane der Alterität:

Die drei analysierten Romane erfahren zum Zeitpunkt ihrer Publikation geringe Resonanz und werden nur von einem kleinen Leserkreis rezipiert. Huysmans’ A rebours richtet sich an das Publikum der Décadence, er versucht sogar bewusst, sein Publikum auf die Décadents einzugrenzen. Ebensolches gilt für Unamuno, dessen Roman vom zeitgenössischen Spanien vielmehr in die Sparte ‘difícil clasificación’ eingeordnet wird. Andreas-Salomés Roman ist ebenfalls nicht in erster Linie für eine weite Verbreitung bestimmt. Obwohl er in die Tradition des psychologischen Romans eingereiht werden kann, wird davon ausgegangen, dass die Autorin Im Kampf um Gott nicht bewusst als solchen verfasst. Vermutlich steht vielmehr die Veröffentlichung zum Zwecke der Aufenthaltserlaubnis sowie die persönliche Verarbeitung ihres Gottesverlustes und der Gespräche mit Nietzsche im Vordergrund. Der Roman verhilft ihr vor allem zu einem Leben als Freigeist, unabhängig von (...)

Arbeit zitieren:
Ernst, Anke Anni Februar 2009: Der Verlust des Absoluten. Existenzielle Identitätssuche in der europäischen Literatur um 1900, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Literatur, Identität, Europa, Frankreich, Spanien

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