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Llega y pon oder Sal si puedes?

Havannas Slums zwischen Marginalität und Exklusion

Llega y pon oder Sal si puedes?
Über dieses Buch
  • Art: Magisterarbeit
  • Autor: Ines Thomssen
  • Abgabedatum: August 2008
  • Umfang: 108 Seiten
  • Dateigröße: 855,6 KB
  • Note: 1,0
  • Institution / Hochschule: Universität Kassel Deutschland
  • Bibliografie: ca. 136
  • ISBN (eBook): 978-3-8366-3530-1
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Thomssen, Ines August 2008: Llega y pon oder Sal si puedes?, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Kuba, soziale Ungleichheit, Marginalsiedlungen, Slums, interne Migration

Magisterarbeit von Ines Thomssen

Einleitung:

Am 1. Januar 2009 feiert die kubanische Revolution ihr fünfzigjähriges Bestehen. Das schon oft vorausgesagte und von der Exilgemeinde in Miami in enthusiastischer Vorfreude gefeierte Ende des Tropensozialismus lässt nach wie vor auf sich warten: Weder der Zerfall des Ostblocks, noch Erkrankung und Rücktritt des charismatischen máximo líder führten zu einem Zusammenbruch des Inselregimes. Jedoch stürzte das Ende des Kalten Krieges die Revolution in die schwerste Krise seit ihrem Bestehen und setzte einen Transformationsprozess in Gang, dessen Ausgang bisher unklar ist. Verschiedene Reformen zu Beginn der 1990er Jahre verhinderten zwar einen ökonomischen Kollaps des kubanischen Systems, führten aber zu einer dualen Wirtschaft, welche in zunehmendem Maße die sozialen Disparitäten in der ehemals sehr homogenen Gesellschaft anwachsen lässt. Die strukturelle Verfestigung von Ungleichheiten, die bestimmte Bevölkerungsgruppen dauerhaft benachteiligen, würde das Revolutionsprojekt einer egalitären Gesellschaft untergraben und damit langfristig nicht nur die Legitimation der Regierung, sondern auch die soziale Stabilität des Landes gefährden.

Durch den Wegfall der sozialistischen Bruderhilfe nach Auflösung des RGW brach die kubanische Wirtschaft völlig ein. Die Bevölkerung litt vor allem unter den Engpässen in der Lebensmittel- und Energieversorgung. Besonders die im Vergleich zu Havanna weniger entwickelten östlichen Provinzen Kubas wurden von der ‘Sonderperiode in Friedenszeiten’ (período especial en tiempos de paz) hart getroffen. Eine der Folgen war die zunehmende Landflucht in die Hauptstadt. Durch den eklatanten Wohnungsmangel in Havanna ließen sich viele der Migranten in provisorischen Behausungen auf ungenutzten Flächen nieder – es bildeten sich Squattersiedlungen. 1997 wurde die interne Migration per Dekret reguliert, was die Illegalisierung aller kubanischen Staatsbürger zufolge hatte, die nicht über einen offiziellen Wohnsitz in der Hauptstadt verfügen. Für die Bewohner der ‘Llega y pon’, wie die informellen Siedlungen genannt werden, bedeutete dies eine weitere Prekarisierung ihrer Lebensverhältnisse, da dieser illegale Status mit konkreten sozioökonomischen Benachteiligungen verbunden ist: Die Betroffenen haben de facto keine Möglichkeit, einer legalen Beschäftigung nachzugehen und erhalten keine Rationierungskarte (libreta), die zum Kauf von stark subventionierten Lebensmitteln berechtigt und über die in Kuba etwa die Hälfte des monatlichen Bedarfs an Grundnahrungsmitteln gedeckt wird. Hinzukommen repressive Maßnahmen der Regierung gegen die Illegalen, wie gelegentliche Räumungsaktionen in den barrios und Abschiebungen der Einwohner in ihre Heimatprovinzen.

Diese informellen Siedlungen in der Peripherie Havannas und ihre sozialen Implikationen sind der Forschungsgegenstand der vorliegenden Magisterarbeit. Es soll untersucht werden, ob die Llega y pon Räume darstellen, in denen die bereits bestehenden sozialen Disparitäten in Kuba besonders stark in Erscheinung treten: Da sich in diesen barrios mehrere benachteiligende, aus der Illegalität resultierende Faktoren bündeln, stellen sie einen möglichen Kristallisationspunkt für die strukturelle Verfestigung sozialer Ungleichheiten dar, welche zu einer verstärkten gesellschaftlichen Marginalisierung oder im Extremfall zu Prozessen sozialer Exklusion führen könnte. Somit lässt sich durch eine Analyse dieser Siedlungen exemplarisch erkennen, ob sich hier eine neue Qualität der sozialen Ungleichheit innerhalb der kubanischen Gesellschaft abzeichnet.

Die vorliegende Arbeit gliedert sich in einen einführenden Teil, zwei Hauptkapitel und ein abschließendes Fazit:

Im einführenden Teil wird das methodische Vorgehen beschrieben und die theoretischen Grundlagen der Arbeit sowie die Auswahl der verwendeten Dimensionen von sozialer Ungleichheit und Marginalität im kubanischen Kontext begründet und operationalisiert.

Im ersten Hauptkapitel, der Länderstudie, wird das sozioökonomische Panorama Kubas unter dem Fokus verschiedener Dimensionen sozialer Ungleichheit beschrieben. Ziel dieses Kapitels ist, den Analyserahmen für eine Untersuchung der wachsenden Disparitäten im Land zu liefern. Somit dient das Kapitel als Bestandsaufnahme der Entwicklung sozialer Ungleichheiten in Kuba, um das Phänomen der Llega y pon im gesamtgesellschaftlichen Kontext einordnen zu können.

Das Kapitel ist chronologisch in drei Perioden gegliedert:

Die Zeit der Republik bis zum Triumph der Revolution (1902-1959), die Konsolidierungsphase 1959-1989, sowie die Krise der 1990er Jahre nach dem Zusammenbruch des Ostblocks bis heute.

Die Einteilung in diese Perioden begründet sich damit, dass sowohl der Sieg der Revolution als auch der Beginn der período especial nach Ende des Kalten Krieges Schlüsselmomente des Umbruchs in der kubanischen Gesellschaft darstellen, in denen sich jeweils auch die Entwicklung der sozialen Ungleichheiten änderte, auf die hier Bezug genommen wird.

Die Periode vor der Revolution wird nur vergleichsweise knapp umrissen, da hier nicht die historische Entwicklung Kubas sondern vornehmlich der sozioökonomische Hintergrund dieser Zeit dargestellt werden soll, um die wirtschaftlichen, sozialen und politischen Entwicklungen nach 1959 bis heute einordnen und vergleichen zu können.

Die Periode der Konsolidierungsphase der Revolution beschreibt den Wandel von einem System des abhängigen Kapitalismus mit ausgeprägten sozialen Disparitäten zu einer relativ homogenen Gesellschaft. Wichtig in diesem Kontext sind beispielsweise die Beschreibung und kritische Analyse der Entwicklungsstrategie und Sozialpolitik der Castro-Regierung als zentrale Punkte beim Abbau bestehender Ungleichheiten.

Der Fokus der Periode seit 1990 ist auf die wirtschaftlichen Reformen in den ersten Jahren der Krise und ihre Auswirkungen auf die Sozialstruktur des Landes gerichtet. Zu diesen Auswirkungen zählen insbesondere die zunehmende Heterogenisierung der Gesellschaft durch Veränderungen in der Einkommens- und Beschäftigungsstruktur, die gestiegene Armut, aber auch die zunehmende Binnenmigration nach Havanna.

Um in das zweite Kapitel, den empirischen Teil der Arbeit, einzuführen, wird durch die kurze Darstellung der Entwicklung räumlicher Disparitäten innerhalb Havannas, der Probleme im Wohnsektor und der Geschichte kubanischer Marginalsiedlungen zum Forschungsgegenstand hingeführt und dieser dann ausführlich beschrieben. Hierbei wird versucht, ein möglichst umfassendes Bild der Llega y pon zu vermitteln, der Fokus liegt dabei auf der Analyse der möglichen Auswirkungen von Marginalität und Illegalität auf sich abzeichnende neue Ungleichheitsstrukturen.

Das Fazit beleuchtet den Grad der Marginalität (vgl. unten) der Llega y pon und analysiert, ob, ‘wo’ (in welchen Dimensionen) und wie sich in diesen barrios neue Ungleichheitsstrukturen herausbilden. Abschließend wird ein vorsichtiger Ausblick auf die möglichen sozioökonomischen Zunkunftsszenarien für die kubanischen Marginalsiedlungen und ihre Bewohner gewagt.

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis 3
1. Einführung 4
1.1 Einleitung 4
1.2 Zur Existenz und Verlässlichkeit kubanischer Daten 7
1.3 Methodisches Vorgehen und Auswahl des Untersuchungsgegenstandes 8
1.4 Theoretische Vorüberlegungen 10
1.4.1 Relevante Dimensionen sozialer Ungleichheit im kubanischen Kontext 11
1.4.2 Urbane Marginalität 14
1.5 Operationalisierung. 16
2. Ungleichheit – Gleich(heit) – Ungleichheit? Sozioökonomische Entwicklung Kubas im letzten Jahrhundert 22
2.1 Abhängige Unabhängigkeit: Die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts 22
2.2 Auf dem Weg zur klassenlosen Gesellschaft: Die ‘Periode der Entstratifizierung’ 1959 – 1989 26
2.3 Die Rückkehr der Ungleichheit: Reform und soziale Restratifikation seit 1990 33
2.4 Zwischenfazit: Duale Wirtschaft = Duale Gesellschaft? 51
3. ‘Llega y Pon” oder ‘Sal si puedes”? Barrios ilegales in Havanna 53
3.1 Havanna: Stadt des Lichtes – Stadt des Schattens. Soziale Disparitäten innerhalb der Hauptstadt 53
3.2 Der Llega y pon 59
3.2.1 Sie kamen und bauten: Historische Genese der barrios 59
3.2.2 Materielle Marginalität: Bausubstanz und Infrastruktur 60
3.2.3 Soziodemografische Struktur des Mirador 64
3.2.4 CDR im Llega y pon: kontrollierte Partizipation in der Illegalität 69
3.2.5 Konsequenzen der Illegalität 71
3.2.5.1 Ökonomische Marginalität I: Erwerbstätigkeit ……………….… 72
3.2.5.2 Ökonomische Marginalität II: Einkommenshöhe und libreta… 74
3.2.5.3 Insecure residential status I: Geldstrafen und Abschiebungen… 77
3.2.5.4 Die Universalität sozialer Güter: Zugang zum Gesundheits- und Bildungssystem 79
3.2.5.5 Insecure residential status II und unverfasste Partizipation: Räumungsaktionen und Widerstand im Namen der Revolution 81
3.2.6 Horizontale Ungleichheiten innerhalb der Llega y pon 84
3.2.6.1 Gender 84
3.2.6.2 Ethnizität 86
4. Fazit – Vom Rand auf dem Weg nach draußen? 87
5. Literaturverzeichnis 96
6. Abkürzungsverzeichnis 105
Anhang 106
Glossar der in der Arbeit verwendeten spanischen Begriffe 106
Liste der geführten Interviews 107
Textprobe:

Textprobe:

Kapitel 3.2, Der Llega y pon Die heute existierenden illegalen Siedlungen in Havanna, die aufgrund ihres improvisierten Charakters umgangssprachlich als ‘Llega y pon’ bekannt sind, was in etwa mit ‘Komm und bau’ oder treffender im Englischen mit ‘Arrive and put (your house)’ übersetzt werden kann, sind Gegenstand der folgenden Analyse.

Es soll untersucht werden, ob diese Llega y pon Räume darstellen, in denen sich erste Ansätze für eine Verhärtung sozialer Ungleichheitsstrukturen erkennen lassen, bzw., um es etwas überspitzt zu formulieren, ob die Gefahr besteht, dass sich die oben erwähnte ‘integrierende Marginalisierung’ der Bewohner erneut in die offene Exklusion vorrevolutionärer Zeiten verwandelt.

Untersuchungsgegenstand der Fallstudie von Pablo Rodríguez ist die Siedlung ‘Alturas del Mirador’ (Mirador). Sie liegt im Munizip San Miguel del Padrón undbesteht aus gut 200 Häusern mit insgesamt etwa 650 Einwohnern. Der barrio liegt an einem Hügel zwischen einem legalen Stadtteil und einem von einer Kooperative bewirtschafteten Feld. Das Stadtzentrum ist mit öffentlichen Verkehrmitteln etwa innerhalb einer Stunde zu erreichen.

Im Gegensatz zum Mirador und den meisten der informellen Siedlungen in Havanna ist das eigene Fallbeispiel, der Llega y pon de Casablanca (Casablanca), verhältnismäßig zentral gelegen. Eine Hauptstraße mit regelmäßiger Busanbindung in die Altstadt (ca 15 Minuten Fahrzeit) befindet sich etwa einen Kilometer entfernt, ebenso wie ein Krankenhaus und eine Sekundarschule. Der barrio umfasst 298 Wohneinheiten auf einer Fläche von etwa 3ha und hat rund 1000 Bewohner.

Arbeit zitieren:
Thomssen, Ines August 2008: Llega y pon oder Sal si puedes?, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Kuba, soziale Ungleichheit, Marginalsiedlungen, Slums, interne Migration

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