Die Subjekttheorie des Radikalen Konstruktivismus
- Art: Magisterarbeit
- Autor: Rolf-Dieter Dominicus
- Abgabedatum: Juni 2009
- Umfang: 73 Seiten
- Dateigröße: 436,3 KB
- Note: 1,0
- Institution / Hochschule: FernUniversität Hagen Deutschland
- Bibliografie: ca. 77
- ISBN (eBook): 978-3-8366-3457-1
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Dominicus, Rolf-Dieter Juni 2009: Die Subjekttheorie des Radikalen Konstruktivismus, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Subjekt, radikal, Konstruktivismus, Realismus, transzendental
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Magisterarbeit von Rolf-Dieter Dominicus
Einleitung:
Der Radikale Konstruktivismus ist eine anthropologische Wissenschaft, deren Wurzeln im metadisziplinären Bereich der Kybernetik, der Psychologie und der Neurobiologie liegen. Seine Autoren – Protagonisten sind Humberto R. Maturana, Ernst von Glasersfeld und Gerhard Roth – vertreten eine subjektivistische, antirealistische Wahrnehmungs- und Erkenntnistheorie. Die konstruktivistische Kognitionstheorie impliziert das Konzept der Autopoiese und des Beobachters. Leben wird als Autopoiese (Autonomie, zirkuläre Organisation, operationale Geschlossenheit) definiert, der Begriff des Subjekts mit dem des Beobachters gleichgesetzt. Aufgrund seiner informationellen Geschlossenheit hat der Beobachter keinen kognitiven Zugang zu seiner Umwelt. Somit ist eine postulierte vom Bewusstsein unabhängige Welt nicht erkennbar.
Bei der Bestimmung des Beobachterstatus gerät der Radikale Konstruktivismus in ein Dilemma insofern, als der sich selbst beobachtende Beobachter nicht gleichzeitig Subjekt und Objekt sein kann. Er sieht sich daher mit dem seit der Antike bekannten philosophischen Thema des Selbstbewusstseins konfrontiert, das mit den Problemen der Zirkularität und des infiniten Regresses behaftet ist. Äußerungen wie die über das Ich als einer geheimnisvollen Entität, die sich ihrer selbst bewusst ist, sind Konsequenzen eines offensichtlich ungelösten Problems und Ausdruck einer Aporie, in der sich Vertreter der konstruktivistischen Beobachtertheorie befinden.
Da eine zentrale Aufgabe der Philosophie darin besteht, Begriffsverwirrungen aufzulösen, soll in der vorliegenden Arbeit der äußerst problematische Subjektbegriff des Radikalen Konstruktivismus genauer bestimmt und die sich daraus ergebenden erkenntnistheoretischen Folgerungen diskutiert werden. Als methodischer Ansatzpunkt wird die von I. Kant in seiner Transzendentalphilosophie entwickelte Subjekttheorie gewählt, in der, ausgehend von der Analyse des Phänomens des Selbstbewusstseins, ein transzendentales von einem empirischen Subjekt unterschieden wird. Weiterhin wird auf eine in der transzendentalphilosophischen Tradition stehende immanenzphilosophische Theorie zurückgegriffen, in der der epistemologische und ontologische Status des Subjekts gegenüber der Realität abgegrenzt wird.
Das Konzept der Arbeit sieht vor, dass nach Darstellung der konstruktivistischen Erkenntnistheorie und ihrer Probleme, der Rekonstruktion der kantischen Lehre vom zweifachen Subjekt und der Erläuterung ihrer philosophiegeschichtlichen Weiterentwicklung bis zur Gegenwart vermittels der Explikation einer reformulierten subjektivistischen Erkenntnistheorie die Prüfung erfolgt, ob vom Standpunkt einer transzendentalphilosophischen und konszientialistischen Subjekttheorie durch Klärung der Begrifflichkeit des Radikalen Konstruktivismus ein Ausweg aus seinen aufgewiesenen Schwierigkeiten gewonnen werden kann.
Problemaufriss:
Im Radikalen Konstruktivismus als einer metadisziplinären Wissenschaft wird die These vertreten, dass die Wirklichkeit ein Konstrukt des menschlichen Gehirns ist. Aufgrund der verschiedenen Bereiche, aus denen die Beiträge zur Entwicklung der konstruktivistischen Theorie stammen, liegt keine einheitliche Wahrnehmungs- und Erkenntnistheorie vor. Einigkeit herrscht aber in der Auffassung, dass Wahrnehmung keine Abbildung einer bewusstseinsunabhängigen Außenwelt und Erkenntnis nicht Ergebnis der Repräsentation einer objektiven Realität im Bewusstsein sondern Konstruktion des Subjekts ist. Im Folgenden werden die Konzepte der Hauptvertreter des Radikalen Konstruktivismus und die Probleme ihrer Subjekttheorie dargestellt.
Inhaltsverzeichnis:
| 1. | Einleitung | 3 |
| 2. | Problemaufriss | 4 |
| 2.1 | Wahrnehmungs- und Erkenntnistheorie des Radikalen Konstruktivismus | 5 |
| 2.2 | Aporie des Radikalen Konstruktivismus | 14 |
| 3. | Methodik | 19 |
| 3.1 | Transzendentalphilosophischer Lösungsansatz: Kants Theorie des zweifachen Ichs | 19 |
| 3.2 | Konszientialistischer Ansatz | 23 |
| 3.3 | Originäre Subjekttheorie | 27 |
| 4. | Anwendung und Ergebnis: Konszientialistische Theorie des Beobachters erster und zweiter Ordnung | 31 |
| 5. | Diskussion | 50 |
| 5.1 | Radikaler Konstruktivismus versus Realismus | 50 |
| 5.2 | Radikaler Konstruktivismus und die philosophy of mind | 58 |
| 6. | Fazit | 66 |
| Literaturverzeichnis | 68 |
Textprobe:
Kapitel 3.2, Konszientialistischer Ansatz:
Nach Kant fängt alle Erkenntnis mit der Erfahrung an. Letztere wird im empiristischen Sinne als Rezeptivität der Sinnlichkeit aufgefasst; in der sinnlichen Anschauung werden durch Affektion Empfindungen hervorgerufen. Das Affizierende ist nach Kant das Ding-an-sich, das allerdings kein Gegenstand der Erkenntnis sein kann, nur ein leerer Grenzbegriff ist.
Schon zeitgenössische Kritiker Kants wie F. H. Jacobi und K. L. Reinhold empfanden den Begriff des Ding-an-sich als problematisch, da er eine ontologische Interpretation als transzendente Entität zulasse und somit systematische Unbestimmtheiten geblieben seien. Der nachkantische Idealismus sah in dem Ding-an-sich einen Rest der alten Metaphysik. Auch Philosophen des Neukantianismus, insbesondere P. Natorp, kritisierten diesen Begriff und strebten eine Erneuerung der Transzendentalphilosophie mit Verzicht auf die Theorie des Ding-an-sich an. Diese Tendenz findet sich auch in der Immanenzphilosophie, einer Strömung zur Zeit des ausgehenden 19. Jahrhunderts, deren Vertreter den erkenntnistheoretischen Standpunkt vertraten, dass eine transzendente, bewusstseinsunabhängige Welt nicht existiert, die Wirklichkeit nur als Bewusstseinsinhalt aufzufassen ist.
Der Standpunkt der Immanenzphilosophie wird auch als Konszientialismus bezeichnet. Oswald Külpe subsumiert unter diesen Begriff philosophische Positionen der Bewusstseinsimmanenz als Ausdruck für die von ihm kritisierte Theorie, nach der eine vom erkennenden Bewusstsein unabhängig existierende Realität geleugnet wird, alle Wirklichkeit Bewusstseinswirklichkeit sei. Im Folgenden wird daher auch von einem konszientialistischen Ansatz gesprochen.
Wilhelm Schuppe lehrt einen Bewusstseinsmonismus, dem zufolge die Welt der Gegenstände, die Realität nur als Bewusstseinsgegebenes existiert. Ausgangspunkt der philosophischen Reflexion der Erkenntnis ist die Erfahrung, das unmittelbar Gegebene im Bewusstsein. Die Existenz des bewussten Ich wird als einzig mögliches Fundament der Realität betrachtet.
Auch Richard v. Schubert-Soldern vertritt einen bewusstseinsmonistischen Standpunkt. Er versucht zu zeigen, dass das Problem einer Transzendenz sich nicht stellt, wenn man bemüht ist, unmittelbar vom bewussten Erleben auszugehen. Im Hauptsatz seiner Philosophie wird ein grundsätzliches Nichtvorhandensein der außerbewussten, transzendenten Dinge behauptet. Bewusstsein ist demnach keine Eigenschaft oder Funktion, sondern Bewusstsein ist Sein. Bedeutsam ist für v. Schubert-Soldern die Unterscheidung von zwei Seinsarten: Gegenstände des Bewusstseins sind entweder unmittelbar gegeben oder erschlossen (Vorstellungen, Erinnerungen, Begriffe). Die Ontologie hat es demnach mit zwei Existenzarten (sinnlich Wahrgenommenem und begrifflich Vorgestelltem) zu tun. V. Schubert-Soldern nennt seine Philosophie erkenntnistheoretischen Solipsismus und unterscheidet ihn scharf vom praktischen Solipsismus, der nur das eigene Ich gelten lässt.
Eine andere Variante des konszientialistischen Standpunktes ist der Immanenzpositivismus, so die Bezeichnung von M. Schlick für eine insbesondere von E. Mach vertretene philosophische Richtung des älteren Positivismus. A. Comte, Begründer des Positivismus, lässt das unmittelbar Gegebene, Gesetzte, Positive als alleinige epistemologische und ontologische Tatsache gelten. Hatte Kant der dogmatischen eine transzendentale Metaphysik entgegengesetzt, so wendet sich Comte mit seinem Dreistadiengesetz gegen eine erstarkte Metaphysik. Dieser Metaphysikkritik stimmt auch E. Mach zu. Er kritisiert einen erkenntnistheoretischen Welt-Dualismus, eine Zwei-Welten-Lehre, nach der eine Welt des bewussten unmittelbar Gegebenen und eine Welt außerbewusster Gegenstände behauptet wird, und vollzieht einen entscheidenden Schritt zum Erkenntnismonismus und damit zur Immanenzlehre.
Als ein weiteres Beispiel des Konszientialismus ist der transzendentale Idealismus des österreichischen Philosophen Robert Reininger anzuführen, der vom Standpunkt eines methodischen Solipsismus eine kritisch-idealistische Wissenschaft aufzubauen beabsichtigt. Nach Reiniger haben wir es ‘nie mit Dingen an sich, sondern nur mit Vorstellungen (Erscheinungen) zu tun’, und es bestehe keine Berechtigung, ‘hinter den Dingen noch eigentliche Dinge an sich anzunehmen’. Wenn hier vom Solipsismus die Rede ist, so ist dieser als methodischer – dies ist die Interpretation von Reiniger selbst – scharf vom ontologischen zu trennen, der absurderweise die alleinige Existenz des Ichs behauptet. Auch die Philosophie Reininger ist streng subjektivistisch.
Einer Erwähnung wert ist die Psychobiologie des Mediziners und Philosophen Hans Lungwitz, der unter Berücksichtigung sowohl des biologischen als auch des philosophischen Aspektes eine metaphysikkritische Theorie des Leib-Seele-Problems vorlegt und in diesem Rahmen den konszientialistischen Standpunkt vertritt, dass die Objekte der Wahrnehmung nur als Bewusstseinsinhalte existieren.
Originalität und Stärke der konszientialistischen Position liegen zweifellos in der Vermeidung der Verdoppelung der Welt in Urbilder und Abbilder und in der Differenzierung von unmittelbar gegebenen Gegenständen einerseits und erschlossenen Gegenständen andererseits. Ob allerdings der Konszientialismus das kantische Problem des Ding-an-sich löst, muss fraglich bleiben. Denn es handelt sich nach G. Prauss um einen vieldeutigen und oft falsch interpretierten Begriff, der schon die zeitgenössischen Philosophen in Verlegenheit stürzte. Seit Jacobi wird von Kant-Kritikern das Ding-an-sich als eine bewusstseinstranszendente Entität, als ein Rest des zu überwindenden Realismus interpretiert. Aber eine differenziertere Betrachtung ist geboten. Nach Prauss liegt ein fundamentales Missverständnis der Interpreten seit den Tagen des deutschen Idealismus bis heute vor, Kant auf einen transzendent-metaphysischen Sinn des Ding-an-sich festzulegen. Dieser Ausdruck muss nach Kant zwei verschiedenen Betrachtungsweisen unterworfen werden. Ding-an-sich heißt also nichts anderes als die Dinge nicht als Erscheinungen zu betrachten. Allerdings blieb auch die Zwei-Perspektiven-Theorie von Prauss nicht unwidersprochen. Für unsere Zwecke reicht es, von der Diskussion um den Begriff des Ding-an-sich abzusehen und die Gegensätzlichkeit von Transzendenz und Immanenz in den Vordergrund zu stellen, die der Konszientialismus durch die Betonung eines bewusstseinsmonistischen Standpunktes aufzulösen beabsichtigt. Dies ist der Vorteil, der in der weiteren Diskussion des Subjektbegriffs des Radikalen Konstruktivismus genutzt werden soll.
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Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783836634571
Arbeit zitieren:
Dominicus, Rolf-Dieter Juni 2009: Die Subjekttheorie des Radikalen Konstruktivismus, Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Subjekt, radikal, Konstruktivismus, Realismus, transzendental




