Der Amateur im Profi. Zur Nachwirkung des Amateurideals beim sportlichen Spitzenverdiener
Eine inhaltsanalytische Interpretation auf der Grundlage von Interviews und anderen Quellen im deutsch-amerikanischen Vergleich
- Art: Magisterarbeit
- Autor: Björn Günther
- Abgabedatum: September 2008
- Umfang: 161 Seiten
- Dateigröße: 660,2 KB
- Note: 1,7
- Institution / Hochschule: Johannes Gutenberg-Universität Mainz Deutschland
- Bibliografie: ca. 69
- ISBN (eBook): 978-3-8366-2981-2
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Günther, Björn September 2008: Der Amateur im Profi. Zur Nachwirkung des Amateurideals beim sportlichen Spitzenverdiener, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Amateur, Profisport, Sportsystem, Wertevergleich, Neid
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Magisterarbeit von Björn Günther
Einleitung:
Angenommen, ein Fußballverein steigt in die 1. Bundesliga auf und erreicht in der ersten Saison einen sensationellen sechsten Platz, dann kann dies nur zustande kommen mit einer hohen Qualität an fußballerischen Fähigkeiten seitens der Spieler. Die Stimmung der Fans ist blendend und die Mannschaft soll in der folgenden Spielzeit noch besser abschneiden. Doch es ist Mai – der wichtige Monat für Vertragsverhandlungen –, und plötzlich erhalten Verein und Fans die Kunde, dass drei ihrer wichtigsten Spieler zu finanziell deutlich verbesserten Bezügen den Klub in Richtung anderer Vereine verlassen werden, die demnächst in internationalen Wettbewerben mitspielen. Das Umfeld ist nicht nur enttäuscht sondern auch empört, beteuerten doch alle drei noch vor wenigen Tagen öffentlich, ‘dem Verein treu zu bleiben’ und sich ‘nicht vom großen Geld ködern zu lassen’. Nun führen diese Spieler als entscheidenden Grund für den Wechsel an, ‘die sportliche Perspektive sei ungemein reizvoll, eine Chance, die nicht ungenutzt bleiben darf’. Aus der Sicht der Fans sind aus den einstigen Identifikationsfiguren ‘Sport-Söldner’ geworden, gehasst für ihre angebliche Unehrlichkeit und Charakterschwäche.
Ein derartiges Szenario wiederholt sich, stellvertretend für die gesamten professionellen Mannschaftssportarten regelmäßig, insbesondere während der spielfreien Saisonpausen.
Hochleistungssport zu betreiben bedeutet nicht automatisch, seinen Sport professionell auszuüben. Was kennzeichnet einen Profi, und was unterscheidet ihn von einem Amateur? An welchem Punkt tritt eigentlich ein Spitzensportler in den Status eines Profisportlers über? Hier scheinen die inhaltlichen Grenzen zu verwischen, sodass klare Begriffsdefinitionen gefunden werden müssen.
Nutzen Profisportler – bewusst oder unbewusst – den ‘Deckmantel Amateurstatus’, um von ihren finanziellen Interessen abzulenken?
Ebenso wichtig ist die Beschäftigung mit dem Aspekt der Motivationsgrundlage von Profisportlern. Welche Gründe führen Profisportler an, mit denen sie ihren Sport betreiben? Sind Profisportler extrinsisch motiviert? Das bedeutet, sie üben ihren Sport aus Gründen des Geldverdienens aus, um beispielsweise sozial aufzusteigen, Wohlstand zu erreichen und finanziell abgesichert zu sein. Oder sind Profisportler intrinsisch motiviert? Dabei drehen sich ihre Aktivitäten zumeist um die vielzitierte ‘Liebe zum Sport’, ein Ausdruck, stellvertretend für die Freude am Wettkampf, die Siege und Emotionen, das Reisen und damit verbunden das Kennenlernen von Menschen und Kulturen oder die Chance, Freunde zu gewinnen.
Sport hat in Deutschland einen hohen Stellenwert, und Sportler genießen hohes Ansehen in der Bevölkerung. Immer mehr Menschen besuchen Sportveranstaltungen, eine Multifunktionsarena nach der anderen sprießt aus dem Boden in denen die Mannschaften lautstark unterstützt werden, die Fanartikelindustrie erzielt hohe Umsätze, und deutsche Spitzensportler sind gefragte Personen des öffentlichen Lebens. Doch dieses positive Erscheinungsbild wird u. a. an einer Stelle getrübt: Scheinbar variiert die Wertschätzung für Spitzensportler in Deutschland je nach Blickwinkel. Der deutsche Sportfan – ebenso wie die interessierte Öffentlichkeit – erfreut sich an den Spitzenleistungen deutscher Sportler und den damit verbundenen Überraschungsmomenten, Titeln und Rekorden. Der Sportliebhaber gönnt den siegreichen Athleten Freude und partizipiert selbst an diesen Erfolgen, indem er die sportlichen Höhepunkte zelebriert, d. h. sich gut unterhalten fühlt, amüsiert und zerstreut – man denke nur an das massenwirksame ‘Public Viewing’ während der Fußball-Weltmeisterschaft 2006. Ebenso schätzt er den Prestigegewinn, den Deutschland durch sportliche Erfolge erhält.
Gleichzeitig scheint sich eine Mehrzahl der sportbegeisterten Deutschen jedoch über einige Begleiterscheinungen der Erfolge deutscher Sportler zu mokieren. Die deutsche Öffentlichkeit scheint kontinuierlich Kritikpunkte an ihren Sporthelden suchen zu wollen und auch zu finden. Beispielsweise findet sich das sprichwörtliche ‘Haar in der Suppe’, wenn ‘Kaiser’ Franz Beckenbauer in unzähligen Fernsehwerbespots nervt, die Stars des FC Bayern mal wieder in ihrer Lieblingsdiskothek fotografiert werden oder Boris Becker in kurzen Abständen eine neue Frau an seiner Seite präsentiert.
Bei derartigen Vorkommnissen handelt es sich vorzugsweise um die persönlichen Wertvorstellungen des einzelnen Betrachters. Sammelt man jedoch viele solcher Kritikpunkte, drängt sich die Vermutung auf, es entspräche der allgemeinen Ansicht, dass Spitzensportler zu viel Geld verdienen im Verhältnis zu ihren erbrachten Leistungen. Hier muss man nicht lange nach plakativen Äußerungen suchen, denn folgende ‘Stammtischparolen’ scheinen in Deutschland weit verbreitet, werden aber ebenfalls in seriösen Fernseh-, Hörfunk-, und Printmedien gepflegt, sodass der Schluss naheliegt, es handle sich um ein gesellschaftsübergreifendes Phänomen:
‘Diese Sportstars sind doch total überbezahlt, fahren ein wenig im Kreis herum (Formel 1) oder schwingen mal eine Stunde den Schläger (Tennis)’, ‘die haben ein so lockeres Leben, trainieren selten, jetten immer um den Globus und wandern dann auch noch aus, um ein bisschen Steuern zu sparen’.
Das ‘Geschrei’ in der deutschen Fußball-Öffentlichkeit war groß, als sich Michael Ballack im Sommer 2006 nach einem neuen Verein umschaute und dabei in den Medien v. a. sein zukünftiges Gehalt eine Rolle spielte:
‘Ballacks Vertrag in London soll über vier Jahre laufen – und pro Woche soll der 29-jährige sagenhafte 177 500 Euro verdienen, was einem Jahresgehalt von 9,23 Millionen Euro entspricht. […] Damit wäre er Spitzenverdiener in Chelseas Star-Ensemble – und zugleich, so die Zeitung [Daily Mail], der bestbezahlte Fußballer der Welt’.
Gleiches gilt für die kritische Sicht der Motorsportgemeinde Michael Schumacher gegenüber:
‘Michael Schumacher konnte sich am Ende des Jahres 2005 über Gesamteinnahmen von 58 Millionen Euro aus Gehaltsbezügen, Prämien und Werbeeinnahmen freuen’.
Es gibt vermutlich typische Situationen im Profisport, in denen Geld thematisiert wird. Sicherlich zählen hierzu: Vereinswechsel, Vertragsverhandlungen, Leistungskrisen von Sportlern oder finanzielle Probleme des Vereins.
Die Diskussionen drehen sich oft um das Phänomen der Ehre. Auffallend oft wird an das Ehrgefühl von Sportlern appelliert, wie es sonst vermutlich nur bei Künstlern der Fall ist.
Gilt es heutzutage als unehrenhaft zu behaupten, man sei in erster Linie durch das Geld zum Sport motiviert? Um diese Frage zu beantworten, ist zu klären, welche Rolle das Phänomen der Ehre in der heutigen Zeit spielt und inwiefern sich dessen inhaltliche Bedeutung innerhalb bestimmter Gesellschaften im Laufe der Zeit entwickelt bzw. modifiziert hat.
Anscheinend laufen Profisportler, wie auch professionelle Künstler, Gefahr, in der Öffentlichkeit als verdächtig zu gelten, wenn sie sich nicht umgehend gegen den Anreiz des Geldverdienens stellen. Ihnen wird weitläufig eine hohe finanzielle Entlohnung ihrer fachspezifischen Leistungen aufgrund moralischer Bedenken abgesprochen. Welche Argumentationslinie steckt dahinter, und weshalb kennzeichnen Sportler und Künstler ihre Leistungen nicht als Spitzenleistungen und fordern dafür eine hohe Bezahlung?
Während in jeder Berufssparte Einkommensdiskussionen genauso regelmäßig wie selbstverständlich geführt werden, scheint die Öffentlichkeit nicht bereit, diese Thematik zum Gegenstand im Sportsektor zu machen. Was ist demnach das Besondere am Sport in der öffentlichen Wahrnehmung?
Eine Reihe soziologischer Ansätze sollen beleuchtet werden, um diesem und anderen Phänomenen auf die Spur zu kommen. Die Berücksichtigung gesellschafts-kultureller Erkenntnisse hilft, die Menschen und ihr Verhalten besser zu verstehen.
Ebenso wie die Ehre spielt das Phänomen des Neids, mit dem sich z. B. der Soziologe Helmut Schoeck intensiv befasst hat, innerhalb von Gesellschaften eine wichtige Rolle.
Das Verhältnis von Leistung zu Lohn ist in Deutschland offenbar ein Reizthema, das sicherlich nicht nur das Feld des Sports betrifft. Hierfür ist die aktuelle Diskussion um Managergehälter in der Wirtschaft ein gutes Beispiel.
Die Begeisterungsfähigkeit der deutschen Sportanhänger gegenüber ihren Helden ist groß. Die Stars werden leidenschaftlich verehrt, jedoch reicht diese Bewunderung nicht bis zum Status einer Vergötterung, wie es beispielsweise im europäischen Mittelmeerraum und in Südamerika häufig der Fall ist. Für die Argentinier ist Diego Maradonna ein unantastbarer Sport-Gott. Kritik verbittet sich die Fangemeinde und trotz einer mit diversen negativen Schlagzeilen versehenen Vergangenheit (u. a. Drogen- und Fettsucht, Steuerhinterziehung, Verbindungen zur italienischen ‘Mafia’, freundschaftliche Beziehungen zum kubanischen Staatsoberhaupt Fidel Castro) liegt ein ganzes Land Maradonna zu Füßen – und das noch 22 Jahre nach dem argentinischen Fußball-Weltmeistertitel 1986.
Das Kritikpotenzial der Deutschen gegenüber den einheimischen Sportstars scheint dagegen mindestens so hoch zu sein wie deren Bewunderung.
An dieser Stelle ergibt sich die Frage, welche Gründe für diese Annahme in Erwägung gezogen werden. Ist es nur die vielzitierte deutsche ‘Neidgesellschaft’, eine Kultur der Missgunst, falls diese überhaupt existiert, oder finden sich noch andere Aspekte, die als Erklärung dieses Phänomens dienen können?
Bewunderung erfahren Superstars der Sportszene für ihre außergewöhnlichen Fähigkeiten, geneidet wird ihnen zumeist ihr Lebensstandard. Hier gilt es herauszufinden, welcher Stellenwert dem Sport in Deutschland zukommt, welche gesellschaftliche Funktion er erfüllt und welche Rolle die Spitzensportler dabei spielen?
Wird die sportliche Betätigung innerhalb der deutschen Gesellschaft als rein ideeller Wert angesehen, bei der ausschließlich nicht-monetäre Motive gepflegt werden? Sollte dem so sein, dann ist Geld, als Inbegriff des Materiellen und Triebfeder jedes Profisportlers, mit dieser Sportauffassung nicht in Einklang zu bringen. Dazu muss geklärt werden, welche Ideen gesellschaftlich tradiert und in der deutschen Kultur verwurzelt sind?
Es stellt sich auch die Frage, ob diese Beobachtung ein typisch deutsches Phänomen ist oder ebenso in anderen Gesellschaften angetroffen werden kann? Bei diesem kulturellen Vergleich lässt sich mit einem Blick nach Nordamerika erahnen, dass dort professionell betriebener Sport mit anderen Augen gesehen wird als in Deutschland – von Sportlern selbst wie auch von den Zuschauern.
Bei der Siegerehrung der ‘US-Open’ (Tennis) im August 2007 wurde dem Gewinner der Männerkonkurrenz, Roger Federer, ein Scheck über die Rekordsumme von 1,4 Millionen US-Dollar überreicht. Anstatt dies, wie es in Deutschland üblich ist, mit höflichem Beifall zu bedenken, brandete ein begeisternder Jubel im ‘Arthur-Ashe-Stadion’ auf (Übertragung der Siegerehrung im Anschluss an das Einzelfinale der Männer auf EUROSPORT am 09.08.2007).
Scheinbar ist der öffentliche Umgang mit dem Phänomen Geld in Amerika ein anderer als in Deutschland. Welche Hinweise finden sich dafür? Täuscht die Annahme, dass Amerika, als eine der größten Sportnationen, anders mit Sportstars umgeht, als es in Deutschland der Fall ist?
Zumindest in einem Punkt ist der Unterschied zwischen Deutschland und Amerika eine Tatsache: Die reinen Spitzengehälter, ganz abgesehen von den Werbeeinnahmen, liegen im amerikanischen Profisport auf einem deutlich höheren Niveau. Einer der besten Basketballspieler Amerikas, Kevin Garnett, verdiente nach seinem Wechsel 23.750.000 US-Dollar pro Jahr und ist damit der zurzeit höchstbezahlte Spieler in der NBA.
Der mit 31 Jahren bereits heute zur Legende des Golfsports gewordene Amerikaner ‘Tiger’ Woods verdiente im Jahr 2005 mit Golfspielen sowie durch Werbeeinnahmen 77 Millionen Euro. Woods belegte damit den ersten Platz in der Geldrangliste der Sportler weltweit – noch vor dem deutschen Formel-1-Piloten Michael Schumacher Ein vielversprechender Ansatz zur Erhellung der Frage nach den kontinentalen Differenzen ist die Beschäftigung mit dem jeweiligen kulturellen Wertekanon beider Länder. Kann wirklich eine markante Verschiedenartigkeit der Normen- und Moralvorstellungen beobachtet werden und wenn ja, üben die gesellschaftlichen Werte tatsächlich einen Einfluss auf das Verhältnis von Sportfan und Profisportler aus?
Die vom Soziologen Max Weber in ihrer Urfassung von 1904 verfasste Schrift ‘Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus’ befasst sich mit dem Zusammenhang zwischen der Entwicklung des Kapitalismus und dem Moralbegriff der calvinisch-geprägten puritanischen Einwanderer nach Amerika einerseits und der überwiegend katholisch geprägten Gesellschaft Mittel-, West- und Südeuropas andererseits.
Ebenso differenziert verhält es sich vermutlich mit der Mentalität, bedingt durch eine unterschiedliche gesellschaftsgeschichtliche Entwicklung. Es ist in diesem Zusammenhang sehr hilfreich zu erfahren, welche Ursachen für diese soziokulturellen Unterschiede ausschlaggebend sind. Die gefilterten Gründe liefern die Vorlage für ein Verständnis der ebenfalls abweichenden Entwicklungen im Sport.
Jede Gesellschaft zeichnet eine individuelle (Sport-)Berichterstattung in den Medien aus. Welche Rolle spielen hierbei die gesellschaftlichen Wertvorstellungen und wie gestaltet sich auf dieser Basis eine mediale Inszenierung von Sportveranstaltungen?
Eine weitere interessante Frage: Gibt es heutzutage noch aktive deutsche Sportstars von internationalem Format, wie es z. B. Boris Becker, Steffi Graf, Michael Schumacher oder Oliver Kahn bis vor nicht allzu langer Zeit waren?
Erst eine Beschäftigung mit diesen Fragestellungen ermöglicht den Einblick in die Art und Weise der medialen Fremd- und Selbstdarstellung von Sportlern und lässt deren Handlungsweise sowie die der Medienmacher verständlich werden.
Inhaltsverzeichnis:
| 1. | Einleitung | 1 |
| 2. | Methodik | 9 |
| 3. | Quellenanalyse: Interpretation, Typologisierung und Auswertung | 14 |
| 4. | Diskussion | 72 |
| 4.1 | Die ‘Sportbewegung’ | 72 |
| 4.1.1 | Die Entwicklung des modernen Sports - Amateursport, Professionalisierung und Kommerzialisierung | 73 |
| 4.1.2 | Die Amateurregelung - Auslegung nach Coubertin und kontinuierliche Modifikation | 81 |
| 4.1.3 | Neuorientierung oder Rückbesinnung? - Das Berufsbild des Profisportlers vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Erwartungen | 87 |
| 4.2 | Deutschland und Amerika im kulturellen Wertevergleich | 98 |
| 4.2.1 | Max Weber: Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus | 98 |
| 4.2.2 | Der amerikanische Sport im Fokus oder: Was ist amerikanisch? | 109 |
| 4.3 | Die Sportsysteme von Deutschland und Amerika im Vergleich | 115 |
| 4.4 | Der Neid | 132 |
| 4.5 | Das Phänomen der Ehre in der modernen Gesellschaft | 139 |
| 5. | Schlussbetrachtung | 148 |
| Literatur- und Quellenverzeichnis | 152 | |
| Schaubild: Erwartetes Antwortschema | 160 |
Textprobe:
Kapitel 4.2, Der amerikanische Sport im Fokus oder: Was ist amerikanisch?
Die Idee des modernen Sports immigrierte zusammen mit den europäischen Siedlern – insbesondere den Engländern – nach Amerika.
Wie in allen industriellen Ländern so war auch in den USA die Sechs-Tage-Woche allgegenwärtig, und die Menschen hatten nur Sonntags Gelegenheit zu Zerstreuung. Die Puritaner, die weite Teile der amerikanischen Ostküste als erste homogene Gruppe besiedelten und damit ihren religiösen Einfluss auf dieses Gebiet auch entscheidend geltend machten, richteten sich strikt gegen freizeitliche Aktivitäten (u. a. Sport) an Sonntagen. Für sie entsprachen solche Betätigungen nicht der kirchlichen Lehre und wurden nicht selten aktiv zu vereiteln versucht. ‘Games and sports were a temptation that was the handiwork of Satan’, lässt uns SAGE wissen. Dem schließt sich GUTTMANN an: ‘We quite properly think of the English and American Puritans as among the most Protestants of Protestants and we know that the Puritans were bitterly hostile to sports’.
Somit ist das Streben nach Leistung sicherlich eine Tugend des Amerikaners (Sportlers), die er den protestantischen Religionsgemeinschaften entnommen hat, jedoch keinesfalls deren feindliche Einstellung gegenüber einer Körper- und Bewegungskultur.
Die wesentlichen Einflussfaktoren auf die Entwicklung des amerikanischen Sports stellt SAGE zusammen:
‘Contemporary sport in the United States owes its structure and functions to the past. The major historical forces which have molded American sport are the religious influence of the colonial Puritans, industrialization and urbanization in the nineteenth century, the growth and development of universal public education, and the emergence of mass media during this century’.
Damit einhergehende Faktoren waren eine Verkürzung der Arbeitsstunden und infolge dessen mehr freie Zeit, eine städtische Kommunenbildung mit dazugehörigem Gemeinschaftsgefühl, die Entstehung einer neuen gesellschaftlichen Schicht der Mittelklasse, eine stetige Immigration und nationale Migration, die Gründung national und international operierender Großverbände sowie die Verbreitung von Radio, Fernsehen und Printmedien.
Einem anderen Ansatz geht GUTTMANN nach und setzt damit einen neuen Schwerpunkt:
‘The emergence of modern sports represents neither the triumph of capitalism nor the rise of Protestantism but rather the slow development of an empirical, experimental, mathematical Weltanschauung’.
Demnach ist der moderne Sport kein Produkt des Kapitalismus, geschweige denn einer religiösen Glaubensrichtung, jedoch wurde er selbstverständlich in seiner Ausformung von ihnen beeinflusst. Vielmehr ist die Triebfeder des modernen Sports im menschlichen Glauben an die stetig mögliche Verbesserung der Leistungsfähigkeit des Menschen zu sehen. Ein Streben, das sich insbesondere auf dem Gebiet der Naturwissenschaften entwickelte und hier – mit seiner empirisch-experimentellen Art – gut mit dem Sport harmonierte, wobei die (physiologische) Leistungsfähigkeit dank dieser wissenschaftlichen Unterstützung seit jeher gesteigert wird.
GUTTMANN verfolgt diesen Gedanken weiter und zieht die Theorie WEBERS hinzu:
‘One great advantage of the Weberian model is that it enables one to see in the microcosm (modern sports) the characteristics of the macrocosm (modern society) – secularism, equality, specialization, rationalism, bureaucratic organization, and quantification. These six characteristics, plus the quest for records which appears even more strikingly on sports than in the rest of the social order, are independent, systematically related elements of the ideal type of a modern society’.
In den USA sind diese Faktoren im Sport vergleichsweise stark ausgeprägt, z. B. ist der hohe Professionalisierungsgrad im Sport Ausdruck einer lange anhaltenden Spezialisierungstendenz und die auffällig rationale Vorgehensweise vom pragmatischen Denken beeinflusst.
Das besondere Kennzeichen des modernen Sports ist die Aufzeichnung von Bestleistungen und das Wetteifern um deren Verbesserung. In den USA ist diese Leidenschaft besonders stark ausgeprägt. Gerade in den ‘Major Sports’ spielen Statistiken – und die damit möglichen Rekorde – eine sehr wichtige Rolle für diese zahlenverrückte Nation.
Der sportliche Rekordgedanke entwickelte sich im England des 15. Jahrhunderts, in dem sich v. a. im Boxen, Fechten und Ringen zwei Streiter im ‘Duell’ gegenüberstanden. Während sich diese individualistische Wettkampfform in den USA bis heute großer Beliebtheit erfreut, sind in Deutschland überwiegend Mannschaftssportarten verbreitet. Hier wird der Mannschaftsgedanke groß geschrieben, was sich in einem hohen Verbreitungsgrad von Mannschaftssportarten wie z. B. Fußball, Handball, Volleyball oder Hockey zeigt.
Ein interessantes Phänomen – und als Beleg für die zuvor angesprochene Entwicklung – stellt hierbei die Tatsache dar, dass die Spielregeln im Basketball in Amerika (NBA) und in der übrigen Welt (FIBA) variieren. Das Spiel in der NBA ist auf Eins-gegen-Eins-Situationen angelegt – Zonenverteidigung ist nur eingeschränkt und auch erst seit einigen Jahren erlaubt. Damit soll der Show-Charakter des Spiels, das Spektakel des Kampfs der besten Spieler untereinander, gefördert werden. Es entsteht ein Personenkult um die Starspieler, die nicht nur die Spiele gewinnen sollen, sondern auch möglichst in vielen Statistiken der Liga ganz oben auftauchen sollen. Der NBA-Liebhaber – so wird unterstellt – sieht lieber einen Spieler einmal 50 Punkte erzielen, als fünfmal zehn Punkte.
Philosophische Überzeugungen sind Grundlage jedes Nationalcharakters, und in dieser Hinsicht laufen die Ansichten amerikanischer und deutscher Denker an einer entscheidenden Stelle auseinander:
Die Amerikaner favorisieren den ‘Empirismus’, eine auf Erfahrungen gestützte Konstruktion der Realität, der durch einen handelnden Pragmatismus zur Erfassung der Welt gekennzeichnet ist. Der in Deutschland populäre ‘Idealismus’ verfolgt einen anderen Ansatz. Er setzt die Realität durch die Betonung der Vernunft und versucht, mithilfe theoretischer Konstrukte – einem System versteherischen Denkens – die Welt begreiflich zu machen.
Damit stehen sich zwei Überzeugungen scheinbar unvereinbar gegenüber: Einerseits die in deutschen Augen oft als eher ‘plump’ angesehene Kultur des ‘Ausprobierens’, und andererseits eine für Amerikaner unverständliche, da auf den ersten Blick oft hilflos wirkende, statisch-unproduktiv anmutende Herangehensweise an ein Problem.
Obwohl diese These sicherlich nicht für sämtliche Bevölkerungsteile, z. B. für die Gruppe der Spitzensportler, auf beiden Seiten zutrifft, sind Grundformen auch im Sport zu beobachten. Vermutlich repräsentativ – zumindest auffällig – erweisen sich die unterschiedlichen Spielphilosophien amerikanischer und deutscher Sportmannschaften. Während bei amerikanischen Teams primär ein spektakulärer Spielstil gepflegt wird und nicht selten ein Hang zum Über-Aktionismus auszumachen ist, gilt für deutsche Mannschaften überwiegend das Gebot der Fehlervermeidung. Spielauffassungen, die – wenn auch nicht die Spielqualität betreffend – ihre Ursprünge in verschiedenen gesellschaftlichen Verhaltensmustern haben.
‘Was ist amerikanisch?’, fragt MARCUSE und kommt auf den ‘Materialismus’ zu sprechen. ‘Denkende Amerikaner leugnen ihren ‘Materialismus’ nicht’, jedoch gibt MARCUSE zu bedenken, das Amerikaner hier differenzieren. Ihnen werde irrtümlicherweise ausschließlich ein Materialismusbegriff zugeschrieben, der sich darauf reduziere, für Geld alles kaufen zu können. Wirklichkeitsnäher sei allerdings ‘die spezifischere amerikanische Praxis, die in der Wendung ‘Generöser Materialismus’ recht gut wiedergegeben [sei]’, zudem ‘diesem das Element des Geizes [fehle]’. Erläuternd fügt er an, der Amerikaner wolle Dollars verdienen, ‘für sich, für andere, für die sogenannten materiellen Dinge, für Schulen, Bibliotheken und Studenten-Stipendien’, wobei ihm wichtig ist zu erwähnen, ‘daß das Kommerzielle [demnach] ebenso im Dienste der Kultur stehen’ kann.
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Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783836629812
Arbeit zitieren:
Günther, Björn September 2008: Der Amateur im Profi. Zur Nachwirkung des Amateurideals beim sportlichen Spitzenverdiener, Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
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