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Frauenbilder und Rollenverhalten in der Mädchenbildung und Erziehung der HJ-Generation - Zwischen Tradition und Emanzipation

Studie am Beispiel ausgewählter biographischer Interviews

Frauenbilder und Rollenverhalten in der Mädchenbildung und Erziehung der HJ-Generation - Zwischen Tradition und Emanzipation
Über dieses Buch
  • Art: Magisterarbeit
  • Autor: Anna Schlünzen
  • Abgabedatum: Januar 2008
  • Umfang: 180 Seiten
  • Dateigröße: 611,5 KB
  • Note: 1,1
  • Institution / Hochschule: Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg Deutschland
  • Bibliografie: ca. 52
  • ISBN (eBook): 978-3-8366-2941-6
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Schlünzen, Anna Januar 2008: Frauenbilder und Rollenverhalten in der Mädchenbildung und Erziehung der HJ-Generation - Zwischen Tradition und Emanzipation, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: BDM, Frauenbilder, Rollenbilder, Emanzipation, Oral History

Magisterarbeit von Anna Schlünzen

Einleitung:

Der ursprüngliche Antrieb, die vorliegende Untersuchung durchzuführen, bestand in dem Interesse, verstehen zu wollen, warum Frauen sich nach dem Zweiten Weltkrieg bzw. nach der Heimkehr der Männer aus der Kriegsgefangenschaft freiwillig aus dem Arbeitsmarkt an den ‘heimischen Herd’ zurückgezogen, ihre Selbständigkeit aufgegeben und die Verantwortung für nahezu sämtliche Lebensbereiche an das andere Geschlecht gewissermaßen zurückgegeben haben. Hinter dem wahrgenommenen Phänomen vermutete ich die Auswirkungen einer spezifisch weiblichen Form der Erziehung, die Frauen gewissermaßen zu ‘Gehilfinnen’ des Mannes machte und so meiner Meinung nach Eigenständigkeit und Selbstverantwortung zu verhindern schien. Meine Vorstellung der weiblichen Sphäre war geprägt von medialen Darstellungen von Weiblichkeit der 1950er Jahre, insbesondere von Reklame- und Fernseh- bzw. Kinofilmen, aber auch von Erzählungen und Wahrnehmungen über und von meinen eigenen Großmüttern. Um das wahrgenommene Phänomen zu untersuchen, beschloss ich, Befragungen mit Frauen aus der entsprechenden Altersgruppe durchzuführen.

Diese Befragungen sollten entsprechend der Herkunft meiner Großmütter im ländlichen Raum stattfinden. Im Verlauf der Studie kristallisierte sich jedoch zunehmend heraus, dass der Großteil der von mir interviewten Frauen sich keineswegs aus dem Arbeitsleben zurückgezogen hatte, so dass sich meine ursprüngliche Annahme zumindest in dem Raum, in dem ich die Befragungen durchführte, als hinfällig erwies. Es stellte sich mir nach der Durchsicht der Interviewmitschriften nun vielmehr die Frage, in welchem Rahmen die von mir befragten Frauen berufstätig gewesen sind und von welcher Qualität diese Tätigkeiten waren. Bei der Formulierung von Ergebnissen sollte das zeitgenössische Frauenbild ebenso Berücksichtigung finden wie auch Einflüsse der schulischen und außerschulischen Erziehung.

Aus diesem Grund stelle ich in Kapitel 3 dar, welche Faktoren der Mädchenerziehung auf die interviewten Frauen einwirkten und welche Frauenbilder das Ergebnis dieser Erziehung in verschiedenen Zeitabschnitten waren. Die im dritten Kapitel skizzierten theoretischen Annahmen sollen im vierten Kapitel anhand des Interviewmaterials in einer umfangreichen Analyse überprüft und verglichen werden. Aufgrund der geringen Anzahl geführter Interviews ist jedoch nicht beabsichtigt, allgemeingültige Regelmäßigkeiten nachzuweisen. Dennoch soll im fünften Kapitel ein Vergleich mit Frauen aus städtischem Umfeld gezogen werden, um den spezifischen Charakter der befragten Gruppe weiter herauszuarbeiten. Zu diesem Zweck wurde auf weiteres Interviewmaterial zurückgegriffen, in das ich in der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg Einsicht nehmen durfte. Im Rahmen des Projektes ‘Hamburger Lebensläufe – Werkstatt der Erinnerung’ wurde dort umfangreiches Datenmaterial zu verschiedenen Bereichen des täglichen Lebens, so bspw. Kindheit und Jugend, Kriegserlebnisse, Berufsleben u. v. m., gesammelt. Diese Quellen haben sich als überaus hilfreich und aufschlussreich im Hinblick auf den Vergleich erwiesen.

Für die Studie wurden 13 Frauen interviewt, die zwischen 1923 und 1938 geboren wurden. Für die Befragung wurden narrative Interviewtechniken angewandt, die entsprechend dem Zweck der Befragung am sinnvollsten erschienen. Die verschiedenen Methoden und die von mir vorgenommene Adaption und Integration derselben stelle ich in Kapitel 2 vor.

Aus den aktuellen gesellschaftlichen und politischen Diskussionen wird deutlich, dass das Thema Frauenarbeit auch heute noch nicht frei von Problemen ist. Nach wie vor wird die Mehrheit der (schlechter bezahlten und weniger hohe Qualifikationen erfordernden) Teilzeitarbeitsplätze von Frauen eingenommen, Frauen haben noch immer schlechtere Aufstiegsmöglichkeiten als ihre männlichen Kollegen, und wenn ein deutscher Ministerpräsident verlauten lässt, dass es unter seiner Regierung keine Förderung von Frauenarbeitsplätzen gäbe, weil zunächst arbeitslose Männer mit Arbeit versorgt werden müssten, dann stellt sich die Frage, wie viel sich tatsächlich in den vergangenen 50 Jahren verändert hat.

Inhaltsverzeichnis:

Tabellenverzeichnis III
1. Einleitung 1
Teil A: Theoretische Grundlagen 3
2. Methodische Grundlagen 3
2.1 Das narrative Interview 5
2.2. Das problemzentrierte Interview 8
2.3 Halboffene Interviewtechnik als Integration von Merkmalen des narrativen und des problemzentrierten Interviews 11
3. Rahmenbedingungen der Sozialisation 14
3.1 Private und öffentliche Erziehung 15
3.1.1 Kaiserzeit und Weimarer Republik 15
3.1.2 Zeit des Nationalsozialismus 19
3.1.3 Wiederaufbau und Reformbestrebungen seit 1945 23
3.2 Berufsausbildung und Berufstätigkeit 25
3.2.1 Kaiserzeit und Weimarer Republik 25
3.2.2 Zeit des Nationalsozialismus 29
3.2.3 Wiederaufbau und Reformbestrebungen seit 1945 33
3.3 Frauenbilder 37
3.3.1 Kaiserzeit und Weimarer Republik 37
3.3.2 Zeit des Nationalsozialismus 40
3.3.3 Entwicklung des Frauenbildes in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts 41
Teil B: Die Studie 44
4. Frauenbilder und Rollenverhalten in der Mädchenbildung und Erziehung der HJ-Generation 44
4.1 Die untersuchte Gruppe 44
4.2 Vorstellungen der weiblichen Rolle 50
4.2.1 Kindheit, Jugend und frühes Erwachsenenalter 50
4.2.2 Familie und Partnerschaft 58
4.2.3 Gesellschaftliche Normen und Erwartungen 65
4.3 Zwischen Tradition und Emanzipation 69
4.3.1 Weibliche Berufstätigkeit 69
4.3.2 Reproduktionsarbeit 79
4.4 Zusammenfassung und Schlussfolgerungen 85
5. Vergleich der Rollenvorstellungen zwischen Stadt und Land 87
6. Schlussfolgerungen 97
Literatur- und Quellenverzeichnis 101
Anhang 106

Textprobe:

Kapitel 3.3.2, Zeit des Nationalsozialismus:

Während das Idealbild der Frau als Mutter und Hausfrau schon im Kaiserreich und in der Weimarer Republik überaus populär gewesen war, erfuhr die Rolle der ‘Frau als Mutter’ im Nationalsozialismus eine noch größere Bedeutung.

Nachdem in der Weimarer Republik im Hinblick auf die Rechte der Frau relative Fortschritte erzielt worden waren, wurden diese vom nationalsozialistischen Regime erneut weitreichend beschnitten. In diesem Zusammenhang bin ich auf die Durchsetzung von Berufsverboten und -beschränkungen bereits im Abschnitt 3.2.2 eingegangen. Die NSDAP als ausgesprochene ‘Männerpartei’ hob zudem das passive Wahlrecht für Frauen wieder auf. Gleichzeitig erfuhr die Rolle der Frau insofern eine Aufwertung, als dass beabsichtigt war, Mädchen zu ‘tapferen und starken Frauen’ zu erziehen, die ihren Männern gute Kameradinnen sein sollten und die im Kriegsfall an seiner Seite das Deutsche Reich verteidigten. Daneben wurde die Frau als Mutter als Trägerin und Bewahrerin der Familie verstanden, die durch Pflichterfüllung und ‘Selbstzucht’ die Volksgemeinschaft erhalten und stärken sollte. Im Zusammenhang mit der Besiedlung der Ostgebiete und der Erhaltung der arischen Rasse als Dienst am Volk wurde von ‘guten deutschen Frauen’ erwartet, dass sie möglichst viele Kinder zur Welt brachten. So wurde als Anreiz ab 1938 das Mutterkreuz verliehen, das es in den Ausführungen Bronze für die Geburt von vier Kindern, Silber für sechs Kinder sowie Gold für acht Kinder gab. Die Mutterschaft galt als wesentlicher Bestandteil im Leben einer Frau; konnte sie diese Funktion nicht als biologische Mutter erfüllen, so blieb ihr als Ausweg wie schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Form der ‘geistigen Mutterschaft’, die sie z. B. in der Kinder- und Armenpflege oder als Krankenschwester ausüben konnte.

Neben dem Muttertum erfuhr die Betonung der Jugend und körperlichen Fitness Geltung als Leitbild im Nationalsozialismus. Großer Wert wurde auf sportliche Betätigung auch der Frauen und Mädchen gelegt, denn nur in einem gesunden Körper können sich ein gesunder Geist und eine gesunde Seele entfalten. Dabei war ‘Geist’ nicht als theoretische Bildung zu verstehen, sondern als ‘gesunder Menschenverstand’ mit einer praktischen Ausrichtung der Ausbildung und Erziehung, damit auch Frauen ihre Fähigkeiten für Volk und Staat sinnvoll einsetzen können. Als weibliche Tugenden wurden nach wie vor Fleiß, Sparsamkeit, ‘Tüchtigkeit’, Sorgfalt und Reinlichkeit erachtet.

Während Frauen aus wohlhabenden Familien sich dem Muttertum voll und ganz hingeben konnten (als bestes Beispiel kann hierfür wohl Magda Goebbels als ‘deutsche Übermutter’ herangezogen werden), waren Frauen aus der Arbeiterschicht und dem unteren und gehobenen Bürgertum nicht in der Lage, ausschließlich Mutter zu sein. Da die weibliche Arbeitskraft zudem zunehmend gebraucht und bspw. von der Textilindustrie ausdrücklich erwünscht wurde, ließ sich die Idealvorstellung der Partei nicht vollständig durchsetzen, sodass die Forderungen nach grundsätzlicher Abschaffung weiblicher Erwerbsarbeit spätestens mit der Steigerung der Rüstungsproduktion verstummten. Dennoch wurde, wie bereits oben ausgeführt, versucht, die weibliche Erwerbstätigkeit zugunsten der Land- und Hauswirtschaft umzuschichten.

Entwicklung des Frauenbildes in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts:

Nach ihrer Kriegsarbeit wurden Frauen mit der Begründung des ‘Helfens und Dienens im edelsten Sinne, die des Heim-Schaffens in Familie und Gemeinde und Volk [.]’ wieder in die häusliche Sphäre verwiesen. Das weibliche Rollenbild, das von Politikern, Kirchen, Wissenschaftlern und Verbänden propagiert wurde, war das der Hausfrau und Mutter, und ein deutlicher Trend zur Wiederherstellung traditioneller Lebensweise und Rollenverteilung innerhalb von Familien war zu beobachten. Zur unangefochtenen gesellschaftlichen Norm wurde die Familie mit zwei bis drei Kindern, in der der Ehemann und Vater für den Unterhalt sorgte und die Ehefrau und Mutter sich um Haushalt und Kindererziehung kümmerte, einem Leitbild, dem die meisten Frauen auch Anfang der 1960er Jahre noch folgten, um die gesellschaftlichen Konventionen zu bedienen. Frauen, die freiwillig oder gezwungenermaßen ledig und kinderlos blieben und für ihren eigenen Unterhalt sorgten, wurden bedauert und bemitleidet, da ihnen die ‘wahre Erfüllung’ verweigert blieb. Gleichzeitig erfuhr die ‘weibliche Sphäre’ eine Aufwertung, denn nach den Kriegswirren wandten sich sowohl Frauen als auch Männer mit ihrer gesamten Energie der Familie als ‘Fluchtburg’ zu, in der sie sozialen und psychischen Halt suchten. Mit dieser Entwicklung ging einher, dass sich zunehmend das partnerschaftliche Eheideal durchsetzte, in dem beide Ehepartner grundsätzlich gleichrangig sind. Die weiblichen Aufbauleistungen der Kriegs- und Nachkriegszeit waren anerkannt worden, und auch den Ehemännern schien bewusst zu werden, dass sie sich, wenn es darauf ankam, auf eine starke Partnerin an ihrer Seite verlassen konnten.

Erst mit der zunehmenden Bedeutung auch der weiblichen Arbeitskraft weichte das ‘Hausfrau-und-Mutter’-Bild zwar auf, blieb aber weiterhin diejenige Lebensform, die dem ‘Wesen der Frau als Bewahrende, Hegende, Pflegende, unlogisch zwar aber intuitiv, passiv, anpassungsfähig, schutzbedürftig[.], nicht so intelligent, dafür aber fleißig, auf den Mann hin entworfen [.]’ entsprach. Im Gegensatz zu dieser konservativen Vorstellung entstand das Bild des ‘Fräuleinwunders’, der jungen, berufstätigen, konsumorientierten, fortschrittlichen Frau, die sich nicht um jeden Preis heiraten ließ. In der öffentlichen Darstellung war dies Bild allerdings nicht zwangsläufig positiv besetzt. Vielmehr galten die ‘Fräulein’ als Konsumopfer und als Produkt eines gesellschaftlichen Verfalls, da sie entgegen aller Konventionen bspw. rauchten, sich schminkten und sich dem (selbstverdienten!) Luxus hingaben.

Dennoch blieb die ‘Hausfrauenehe’ die erwünschte Norm und wurde 1957 rechtlich fixiert. Zwar wurde Ehefrauen eine Erwerbstätigkeit zugestanden, allerdings galt diese ‘Erlaubnis’ nur, soweit die häuslichen Pflichten nicht davon beeinträchtigt würden. Primär blieben Frauen also für Haushalt, Familie und Kinder zuständig, während die männliche Rolle unverändert die des Ernährers war. Dies bedeutete gleichzeitig, dass Frauen weniger qualifizierte Arbeit zugewiesen wurde und sie als ‘Zuverdiener’ niedrigere Löhne erhielten.

Erst im Nachhall der Studentenbewegung Ende der 1960er Jahre geriet das konservative Frauenbild ernsthaft ins Wanken. Als Teil der 68er Bewegung stellten Frauen allgemeingültige traditionelle Vorstellungen von Gesellschaft, Normen und Konventionen in Frage. Jedoch fühlten sich Frauen paradoxerweise selbst im Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) der männlichen Dominanz unterworfen. So prangerte Helke Sander 1968 als selbsternannte Sprecherin des ‘Aktionsrates zur Befreiung der Frauen’ die Unterdrückung weiblicher Mitglieder des SDS an. Diese Rede wurde später immer wieder als Geburtsstunde der neuen Frauenbewegung bezeichnet. Als eigenständige Bewegung traten Frauen jedoch erst Anfang der 1970er Jahre in Erscheinung, so erstmals im Sommer 1971 mit der ‘Kampagne 218’ gegen die geltende Gesetzgebung zur Abtreibung. Frauen forderten in jeder Hinsicht Selbstbestimmung und Gleichberechtigung und die Transformation der gesellschaftlichen Verhältnisse zugunsten aller Menschen. Antiautorität stand und steht dabei im Vordergrund.

Inwieweit diese Ziele erreicht wurden, bleibt fraglich und soll im Rahmen dieser Studie nicht untersucht werden. Noch immer wird jedoch m. E. in einigen gesellschaftlichen Kreisen davon ausgegangen, dass Frauen grundsätzlich heiraten, Mutter werden und den Beruf und eigene Wünsche und Lebensvorstellungen diesen ‘Zwangsentwicklungen’ unterordnen. Auch heute noch wird von Frauen erwartet, dass sie Familie und Karriere entweder von vornherein trennen, d. h. sich für eines von beiden entscheiden, oder beides ‘irgendwie’ unter einen Hut bringen und die Doppelbelastung in Kauf nehmen. Zwar haben Frauen erreicht, dass sich Bildungs- und Ausbildungschancen auf dem gleichen Niveau bewegen wie die der Männer, allerdings stellt sich die Frage, ob und inwieweit diese auch genutzt werden (können). Während Frauen in ehemals ‘männliche’ Lebensbereiche eingedrungen sind, bleibt der häusliche Bereich auch heute noch weiblich konnotiert.

Arbeit zitieren:
Schlünzen, Anna Januar 2008: Frauenbilder und Rollenverhalten in der Mädchenbildung und Erziehung der HJ-Generation - Zwischen Tradition und Emanzipation, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
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