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Original - Kopie - Adaption

Die TV-Serie im Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit

Original - Kopie - Adaption
Über dieses Buch
  • Art: Magisterarbeit
  • Autor: Michael Scheyer
  • Abgabedatum: Februar 2009
  • Umfang: 75 Seiten
  • Dateigröße: 2,3 MB
  • Note: 1,5
  • Institution / Hochschule: Universität zu Köln Deutschland
  • Bibliografie: ca. 49
  • ISBN (eBook): 978-3-8366-2606-4
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Scheyer, Michael Februar 2009: Original - Kopie - Adaption, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Medienkonsum, TV-Serie, Adaption, reproduzierbar, Synchronisation

Magisterarbeit von Michael Scheyer

Einleitung:

Zum Zeitpunkt dieser Arbeit ist es schon über 70 Jahre her, dass Walter Benjamin seinen Aufsatz „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ veröffentlichte. In dieser Zeit wurde das Werk vielfach besprochen und ihm folgte eine große Menge an medien- und kunstwissenschaftlicher Literatur. Es ist nicht das Motiv dieser Arbeit, diese Menge zu ergänzen. Der Text Benjamins wurde deshalb als thematischer Ausgangspunkt gewählt, weil er zu einer Zeit verfasst wurde, in der, sehr ähnlich der Gegenwart, ein durch technologischen Fortschritt ausgelöster Wandel statt fand. Im Gegensatz zu Benjamin richtet diese Arbeit den Schwerpunkt jedoch nicht auf die unmittelbare Wahrnehmung von Kunstwerken, sondern auf die Nutzung von Reproduktionstechnologien, die in einer Veränderung der Wahrnehmung resultieren kann. Dazu sollen zwei Leitgedanken aus dem Aufsatz Benjamins heraus gefiltert und als roter Faden dieser Arbeit nutzbar gemacht werden.

Im Rückblick wirkt der Aufsatz Benjamins eher wie ein Versuch die klassischen „physischen“ Künste vor dem überrollenden Erfolg der damals neuen visuellen Projektionsmedien, Photographie und Film, in Schutz zu nehmen. Die Photographie und der Film haben sich jedoch im Verlauf der Moderne zu eigenen Kunstformen entwickelt und sich neben den klassischen Kunstformen in einem Ausdifferenzierungsprozess etabliert. Diese Entwicklung folgte ganz dem Rieplschen Gesetz, das besagt, dass neu auftretende Medien die bereits bestehenden nicht ablösen, sondern sowohl die neuen als auch die alten sich nebeneinander neu ordnen.

Dieser Prozess wurde auch von Clement Greenberg am Rande beschrieben, als er die Malerei der Moderne von den realistisch abbildenden Kunstformen durch ihre selbstreferentielle Flächigkeit abgrenzte. Weil sie ihre Hauptfunktion als Abbildungspraxis an die Photographie verloren hatte, war sie dazu gezwungen, sich in einem Prozess der Selbstreflexion neu auszurichten. Es hätte also eigentlich gar keinen Grund für Benjamin geben müssen, die Photographie und den Film als Konkurrenz zur klassischen Kunst zu betrachten, aber so lässt sich aus dem Blick der Geschichte leicht argumentieren.

Vom heutigen Stand der Medienwissenschaft aus gesehen, ist Benjamins Aufsatz überholt. Doch auch wenn sich Benjamins Befürchtungen nicht bewahrheiteten, haftet dem Aufsatz auch heute noch eine intuitive Richtigkeit, eine unterschwellige Gültigkeit an. Vermutlich ist diese unbewusste Zustimmung ein Ausdruck der Sehnsucht nach etwas Originalem, Individuellen, in einer Zeit, in der sich die Reproduktionspraxis in jedem Bereich des Lebens etabliert hat. Alles ist reproduzierbar geworden. Kunst, Musik, Bilder, Texte, Gedanken, Ideen und sogar der Mensch selbst ist theoretisch reproduzierbar geworden, in dem das menschliche Genom entschlüsselt wurde.

Benjamin sah die Gefahr jedoch weniger in der Reproduktion selber, sondern viel mehr in der Wahrnehmung der reproduzierten Gegenstände. Von besonderem Wert bei der Kunstrezeption war ihm der nachhaltige Effekt auf den Einzelnen. Kunstrezeption habe den Sinn, dem Menschen als eine Vorstufe zum Glück zu dienen. Dazu sei jedoch die unmittelbare Auseinandersetzung mit dem real im Raum präsenten Kunstwerk notwendig. Das In-Bezug-Setzen zum Werk, zum Rest der Welt und das Wissen um dessen Originalität, seien die Grundlagen für einen assoziativen Raum, der die Kontemplation des Betrachters fördere und ihm so als Schritt zum Glück dienen könne. Allein die Aura des Originals sei in der Lage dazu, diesen Raum für den Menschen zu erschaffen.

Die durch die Photographie und den Film entwickelte Reproduktionstechnologie kann Benjamin zufolge die Aura des Originals jedoch nicht mehr mit übertragen. Durch den Reproduktionsprozess geht die Aura verloren, weil die Photographie und der Film eine Sicht auf die Welt ermöglichen, die den assoziativen Raum zerstört. Diese Sicht entsteht durch die Schnitttechniken des Films, durch Einstellungsgrößen, Beschleunigungen und Verlangsamungen, welche die Wirklichkeit förmlich sezieren. Der Verlust dieses assoziativen Raumes ist für Benjamin ein Verlust, der sich auf die Wahrnehmungsgewohnheiten auswirkt und folglich auf die der gesamten Gesellschaft.

An dieser Stelle ist eine gewisse Vorsicht mit der Verwendung der Begriffe Verlust und Wirklichkeit notwendig, denn der Gebrauch verwischt deren Aussagekraft. Denn je höher der Grad an wirklichkeitsgetreuer Abbildung, desto größer der Verlust des Assoziativen und desto größer der Verlust der Wirklichkeit bzw. der sich in der unmittelbaren Realität des Originals ereignenden Kunstrezeption. Die Photographie und der Film sind dazu imstande, die Wirklichkeit (nahezu) verlustfrei wiederzugeben. Daher kommen der Photographie und dem Film nach Benjamin auch nur eine „Vermittlerrolle“ zu.

Doch Benjamin selber soll nicht zum Untersuchungsobjekt dieser Arbeit gemacht werden. Sein Aufsatz wurde gewählt, weil seit der allgemeinen Nutzung von digitalen Technologien ein gesellschaftlicher Wandel beobachtbar ist, der sich ähnlich jenem zu Benjamins Zeit verhält: Mit dem Ende des vergangenen Jahrhunderts tauchte mit dem Internet ein neuartiges, im Vergleich zum Film und zur Photographie sehr junges Reproduktionsmedium auf, das zu einer folgenreichen Veränderung der Mediennutzung der Menschen führte, die sich zwar jetzt schon beschreiben, aber noch lange nicht in ihrer Auswirkung sicher prognostizieren lässt.

Benjamins Aufsatz ist für diese Untersuchung deshalb von Vorteil, weil die Geschichte zeigt, dass der Untersuchungsschwerpunkt für eine Auseinandersetzung mit den Reproduktionstechnologien der heutigen Zeit ein anderer sein muss als derjenige Benjamins. Er konzentrierte sich auf die Art und Weise wie sich die individuelle Rezeption der neuen Medien im Verhältnis zu den alten Medien verhielt. Dies allerdings aus der Perspektive eines Rezipienten, der den Umgang mit den neuen Medien kaum gewohnt war und deren Verwendung nicht ein allgemeiner Bestandteil der Medienrezeption darstellte. Sämtliche Generationen nach ihm, die mit den Medien Film und Photographie aufwuchsen, hatten ein völlig anderes Verständnis zu deren Verwendung und Wahrnehmung. Ein ähnliches Gefälle wird es zwischen der Generation geben, die nicht mit den digitalen Reproduktionsmedien und dem Internet aufwuchs, und derjenigen Generation, für welche die Computer- und Internettechnologie eine Selbstverständlichkeit darstellt.

Die Wahrnehmung von Medien folgt der Nutzung der Medien. Und deshalb sollte der Untersuchungsschwerpunkt der modernen Reproduktionstechnologien auf den Nutzungsgewohnheiten und nicht auf den Wahrnehmungsgewohnheiten liegen.

Der für diese Arbeit maßgebliche Leitgedanke Benjamins ist also zunächst einmal die Feststellung, dass gegenwärtig ein Wandel aufgrund einer neuen Art von Reproduktionstechnologie erfolgt. Anknüpfend ist es notwendig zu überprüfen, auf welche Art und Weise die Reproduktionstechnologien derzeit genutzt werden. Die Mediennutzung wird dabei anhand eines Medienprodukts untersucht, das ebenfalls aufgrund der neuen Technologien einen Wandel erlebte: die TV-Serie.

Ein zweiter Gedanke, der aus Benjamins Arbeit extrahiert werden soll, ist das Verhältnis zwischen einem Original und seiner Kopie. Denn entgegen Benjamins Befürchtung, den Bezug zu der Originalität eines Werks würde der Rezipient spätestens dann verlieren, wenn die Reproduktionstechnologie dazu imstande wäre, ein Gemälde verlustfrei zu reproduzieren, macht sich ein zunehmendes Interesse am Original bemerkbar. Dieses Interesse kommt in einer gesteigerten Mystifizierung von traditionellen Analogmedien zur Geltung. Röhrenverstärker, 35mm Photographie und Super 8 Projektoren werden aus Kellern und Speichern ausgegraben und reaktiviert. Obwohl seit vielen Jahren keine Super 8 Kameras mehr hergestellt werden, hält sich (vor allem dank des Internets) eine kleine, emsige Gemeinde an 8mm Amateurfilmern, welche nicht daran denkt, die analoge Filmerei aufzugeben. Genauso wenig ist die Langspielplatte gewillt auszusterben. Noch nie zuvor wurden so viele Langspielplatten und Plattenspieler verkauft wie im vergangenen Jahrzehnt.

Ob dieser Trend aber nostalgischen, mystifizierenden oder distinguierenden Motiven folgt, ist hier erst einmal sekundär. Jede Spielart dieses Interesses folgt einem einfachen Prinzip, das nahezu an Ideologie grenzt: Je schwieriger es ist, ein Original zu reproduzieren, desto mehr steigert sich dessen Wert. Das zeigen schon die Preise von Kunstmärkten, wo Gemälde im Vergleich höhere Werte erzielen als Photographien. Gerade der Wert von Kunstwerken hängt mit deren Originalität zusammen. Je mehr Kopien (oder Duplikate) eines Kunstwerks herstellbar sind, desto geringer fällt in der Regel der Wert eines Kunstwerks aus.

Von diesem rein technischen oder materiellen Trend abgesehen, erreicht die Mystifizierung des Originals eine ganz andere, nicht-materielle Ebene: die sprachliche. Die Reproduktionstechnologie sorgt für eine allgegenwärtige Präsenz und Verfügbarkeit fremdsprachiger Kulturgüter. Diese Präsenz ruft ein Interesse an originalsprachigen Fassungen von Kulturgütern hervor, das sich auf die breite Massen an Rezipienten überträgt; besonders englischsprachige Fassungen stehen dabei im Vordergrund. Dieses Interesse, das in fremdsprachig versierten Konsumentenkreisen schon immer existierte, bekommt durch den technologischen Fortschritt und den gesellschaftlichen Wandel einen Auftrieb und ist aus der gegenwärtigen Medienrezeption nicht mehr wegzudenken. Doch der mit der Mystifizierung des Originals verbundene Konsum entsteht aus dem Glauben heraus, einen mit der Übersetzung unumgänglichen „Verlustfaktor“ umgehen zu können.

Das Problem dabei ist, dass die Rezeption von originalsprachigen Kulturgütern bei mangelhaften Kulturkenntissen meist mit einem Bedeutungsverlust verbunden ist, weil die Einbindung des Werks in die Bedeutungszusammenhänge der eigenen Kultur des Rezipienten ohne Übersetzung verloren geht.

Die TV-Serie stellt für diese Untersuchung ein sehr gut geeignetes Medienprodukt dar, weil sich die Mediennutzung der Konsumenten leicht beobachten lässt und weil sie sich durch viele Nutzungs- und Rezeptionstechnologien erstreckt. Natürlich gelten viele Beobachtungen nicht allein für die TV-Serie, sondern oft auch analog für Spielfilme und andere Medienprodukte. Doch es haben sich auf dem Feld der TV-Serienproduktion und -rezeption enorme Veränderungen ergeben, welche dazu führen, dass die TV-Serie seit 2006 das am meisten konsumierte Medienprodukt in den meisten Ländern der Welt ist. Dieser Siegeszug hat natürlich mehrere Ursachen.

Was diese Arbeit aber verdeutlichen soll, ist, dass die digitale Reproduktionstechnologie die ausschlaggebende Ursache für die Veränderung der Mediennutzung und -rezeption ist. Der Untersuchungsschwerpunkt dieser Arbeit liegt also auf den modernen Reproduktionstechnologien, auf deren Anwendung und auf dem durch sie verursachten Wandel. Und anschließend darauf, was dieser Wandel für die heutige Übersetzungspraxis zu bedeuten hat.

Inhaltsverzeichnis:

I. DER WANDEL DER TV-SERIE 1
I.1 EINLEITUNG: DAS KUNSTWERK IM ZEITALTER SEINER TECHNISCHEN REPRODUZIERBARKEIT 1
I.2 DER SIEGESZUG DER TV-SERIE 5
I.2.1 PAY TV UND ERSTVERWERTUNG 5
I.2.2 ZWEITVERWERTUNG 7
I.3 RESONANZFAKTOREN 10
I.3.1 PRINTMEDIEN 10
I.3.2 INTERNET 12
I.4 DIE TV-SERIE ALS SEISMOGRAPH DER MEDIENNUTZUNG 13
I.5 DIE NEUE ART DER TV-SERIE 14
II. TECHNOLOGISCHER WANDEL 16
II.1 DIGITALE REPRODUKTION 16
II.2 DIE LEGALE KOPIE 19
II.2.1 PHYSISCHE REPRODUKTION 20
II.2.2 VIRTUELLE REPRODUKTION 21
II.2.2.1 Programmimplementierter Handel 22
II.2.2.2 Programmunabhängige Internethandelsplattformen 24
II.2.2.3 Restriktionen 26
II.3 DIE ILLEGALE KOPIE 28
II.3.1 DAS CD/DVD LAUFWERK ALS SCHNITTSTELLE 28
II.3.2 DAS FILESHARING 29
II.3.3 MOTIV-DIFFERENZIERUNG DER ILLEGALEN DOWNLOADPRAXIS 32
II.3.3.1 Downloadmotiv aus Kostengründen 32
II.3.3.2 Downloadmotiv aufgrund fehlender Alternative 33
II.3.3.3 Aktualitätsdruck 35
II.3.3.4 Wachsendes Interesse an der Originalfassung 36
II.3.4 DIE ULTIMATIVE KONSEQUENZ 37
III. GESELLSCHAFTLICHER WANDEL 38
III.1 GLOBALISIERUNG 39
III.1.1 DIE VERNETZUNG DER WELT 39
III.1.2 TRANSKULTURALITÄT 40
III.1.3 ANGLISIERUNG 41
III.2 GLEICHSCHALTUNG 43
III.2.1 DEZENTRALISIERUNG DES INFORMATIONSFLUSSES 44
III.2.2 VERGLEICHBARKEIT 46
IV. ADAPTION 50
IV.1 REPRODUKTION UND ÜBERSETZUNG 50
IV.1.1 ÜBERTRAGUNG IM KONTEXT EINER REPRO-KULTUR 53
IV.1.2 KULTURELLE IDENTITÄT 54
IV.1.2 DEKONSTRUKTION 59
IV.2 ADAPTIONSKONZEPT 61
IV.2.1 TRUGSCHLUSS ÄQUIVALENZ 61
IV.2.2 DER BEGRIFF ÜBERSETZUNG 61
V. SCHLUSSFOLGERUNGEN 63
V.1 DIE TV-SERIE ALS GESELLSCHAFTLICHER EINFLUSSFAKTOR 63
V.2 TRANSKULTURELLES POTENZIAL VON INTERNATIONALEN ZIELGRUPPEN 64
LITERATURVERZEICHNIS 65
ZEITUNGSARTIKEL / INTERNETQUELLEN 68
ANHÄNGE 69

Textprobe:

Kapitel II.1, Digitale Reproduktion: Unter all den Errungenschaften, welche die digitale Technologie dem Menschen schenkte, ist vor allem eine für den Markt für audiovisuelle Medien von besonderer Bedeutung: die der praktisch verlustfreien Reproduktion.

Durch die Zerlegung und Zuordnung jeglicher Art von Information (ob visueller oder akustischer) in binäre Einzelteile, kann jede Information beliebig oft reproduziert werden. Und da die Erstellung eines digitalen Duplikats durch entsprechende Programm-Algorithmen immer auch einem Prozess der Fehlerkorrektur unterworfen ist, kann man davon ausgehen, dass die digitale Reproduktion praktisch vollkommen verlustfrei ist.

Durch die Zerlegung in einzelne und beliebig oft reproduzierbare Teile ist es darüber hinaus möglich, die Reproduktion von Informationen von ihren bisherigen Abhängigkeiten von physisch unmittelbarer und zeitlich kontinuierlicher Übertragung herauszulösen. Waren früher also immer zwei direkt miteinander verbundene Datenträger, die simultan laufen mussten, für einen Reproduktionsprozess notwendig, um eine ununterbrochene Kopie herzustellen, so sind die Reproduktionsprozesse heute zeitlich und räumlich „unterbrechbar“, ohne Zäsuren oder qualitative Verluste zu erleiden.

Wollte man in der Zeit vor den digitalen Möglichkeiten als Privatkonsument zum Beispiel eine auf VHS aufgezeichnete Folge einer TV-Serie kopieren, so brauchte man zunächst die VHS-Kassette mit der aufgezeichneten Sendung, eine zweite bespielbare (leere oder überspielbare) Kassette, ein VHS-Abspielgerät und ein VHS-Aufnahmegerät. Die Kopie verlor bei diesem Reproduktionsprozess bereits zum zweiten Mal an Qualität (das erste Mal bereits bei der Aufzeichnung der TV-Ausstrahlung). Wurde der Reproduktionsvorgang einmal unterbrochen, befand sich an dieser Stelle zwangsläufig eine Zäsur, egal wie präzise man später ansetzte. Mit jeder weiteren Kopiegeneration wurde die Bild- und / oder Tonqualität schlechter, so dass allein aus qualitativer Sicht die Reproduktionskette irgendwann abbrechen musste, weil die Kopien unbrauchbar (unrezipierbar) wurden.

Außerdem musste der Übertragungskanal die gleiche Menge an Daten zur gleichen Zeit übertragen können wie die Datenträger übermittelten (Datenrate). Wurde der Kanal kleiner, wurde die Qualität automatisch schlechter. Eine VHS-Kopie, die mittels einem Basisband-Koaxialkabels übertragen wurde, war zum Beispiel schlechter als eine Kopie, die per Breitband S-Video Kabel übertragen wurde.

Heutzutage braucht man für die Reproduktion einer in digitaler Form vorliegenden Episode einer beliebigen TV-Serie nur noch einen Prozessor, der die Reproduktion durchführt. Theoretisch kann man so auf ein und demselben Datenträger beliebig viele Kopien von derselben Folge erstellen (bis der Datenträger voll ist), ohne einen zweiten Datenträger zusätzlich zu benötigen und ohne auch nur den geringsten Qualitätsverlust zu erleiden. Der Reproduktionsvorgang kann zudem (mit entsprechender Software) an beliebiger Stelle abgebrochen und fortgeführt werden, ohne dass man später einen Unterschied bemerken könnte (über Download-Management-Software werden auf diese Weise schließlich fast alle Downloads durchgeführt). Mit der Zerlegung ist es auch nicht mehr notwendig, die gleiche Datenmenge synchron zu übertragen, weshalb auch Übertragungswege mit geringen Übertragungsraten für große Datenmengen genutzt werden können. So wäre es mit genügend Zeit theoretisch möglich, auch über einen sehr langsamen Internetanschluss einen Kinospielfilm in High-Definition-Qualität zu senden.

Kurz: Sämtliche an analoge Reproduktionstechnologien gebundene Einschränkungen, die dazu führten, dass die Qualität von Kopien bei dem Übertragungsprozess abnahm, wurden von der digitalen Technologie aufgehoben.

Doch nur weil mittlerweile eine verlustfreie Reproduktion möglich ist, bedeutet dies nicht automatisch, dass diese auch angewendet wird. Wie immer gibt es einen Unterschied zwischen Theorie und Praxis. Denn um Übertragungszeit oder Bandbreite zu sparen, wenden viele Nutzer Komprimierungstechnologien an. Bei einer solchen Komprimierung wird entweder an der Auflösung oder an der Darstellungsgröße gespart. Dies führt im Vergleich mit der Originaldatei zu einem messbaren Qualitätsverlust. Dies ist vor allem dann der Fall, wenn Nutzer schlechte Komprimierungstechnologien verwenden oder nur wenig Erfahrung mit Komprimierungstechnologien haben und deshalb schlechte Komprimierungen herstellen. Welche Art der Komprimierung gewählt wird und welcher Verlust dabei hingenommen werden muss, hängt in der Regel davon ab, wofür oder womit die Datei genutzt werden soll.

Doch da Speicherkapazitäten, Rechenleistungen und Übertragungsraten sich permanent steigern, wird der Faktor Sparsamkeit (zeitlich und räumlich) mit ziemlicher Sicherheit irgendwann obsolet werden. Spätestens dann nämlich, wenn eine Nutbarkeitsgrenze überschritten wird und beliebig große Daten in Echtzeit übertragbar werden. Zum jetzigen Zeitpunkt ist dies jedoch sprichwörtlich Zukunftsmusik. Aber dass eine Grenze der Nutzbarkeit erkennbar ist, zeigt die Verwendung von auditiven Daten und der Umgang mit der MP3-Technologie. Die realistische Nutzbarkeit von Speicherkapazitäten ist längst überschritten und wird nur noch mit absurden Rechenbeispielen der Konsumgüter-Industrie künstlich erzeugt:

Ein MP3-Player mit 120 GB Speicherkapazität kann wahlweise im Schnitt mit 2.400 unkomprimierten oder mit 40.000 durch MP3-Technologie komprimierten Musiktiteln bestückt werden. Ob man also 12.000 oder 80.000 Musikstunden mit sich führt, ist angesichts der wenigen Zeit, die man tatsächlich zum Musikhören verwenden kann, keine Frage der realistischen, sondern der potenziellen Nutzbarkeit. Es geht nicht mehr um wirkliches Musikhören, sondern darum, zu jeder Zeit die Möglichkeit des Musikhörens zu haben. Die Technologie schränkt heute also nicht mehr die tatsächliche, sondern nur noch die potenzielle Nutzung ein.

Ein qualitativer Verlust bei der Verwendung von auditiven Daten wäre also angesichts der technologischen Gegebenheiten umgänglich. Aber es scheint, als läge den Konsumenten mehr an der Verfügbarkeit von Musiktiteln als an einer qualitativ hochwertigen Musikrezeption. Trotzdem kann man davon ausgehen, dass in absehbarer Zeit der qualitative Verlust wegfallen wird, vor allem auch deshalb, weil sich die Komprimierungstechnologien letztlich ebenfalls verbessern.

Mit der digitalen Reproduktionstechnologie kam eine Reduktion des für Reproduktionspraktiken unvermeidlichen Kostenaufwandes. Die für die digitale Reproduktion notwendigen Datenträger und Geräte sind wesentlich kostengünstiger als diejenigen für die analoge Reproduktion. Die Kostenreduktion ist der wahrscheinlich wichtigste Grund dafür, dass die Reproduktionspraxis mit der digitalen Technologie explosionsartig zunahm und die Reproduktionskette sich beträchtlich verlängerte. Das Ende einer Reproduktionskette hängt nun nicht mehr von einem qualitativen Verlust oder einer finanziellen Einschränkung ab, sondern nur noch von der Entscheidung eines Individuums. Sozusagen von einem Mausklick.

Kapitel II.2, Die legale Kopie: Nun ist Reproduktion nicht gleich Reproduktion. Denn nur weil etwas machbar ist, ist es noch lange nicht erlaubt. So kann auch die Herstellung einer Kopie erlaubt oder verboten sein. Das Urheber- und das Lizenzrecht schränken bekanntlich die Form und die Menge einer Reproduktion in vielen Aspekten ein. Hier soll jedoch allein aus deskriptiven Zwecken in die Kategorien legal und illegal getrennt werden. Ein moralischer oder juristischer Exkurs soll bewusst vermieden werden, weil es für das Thema nicht relevant ist, ob eine Reproduktion juristisch oder moralisch richtig oder falsch ist. Relevant ist nur, ob es getan wird oder ob nicht.

Dabei ist zuerst die legale Kopie von Interesse, denn diese betrifft glücklicherweise den größeren Teil der Gesellschaft. Die legale Kopie ermöglichte nämlich die Loslösung der TV-Serie aus ihrem klassischen Hauptwiedergabemedium (dem Fernsehen) und eröffnete den Produzenten und Vertreibern ungeahnte und immense Absatzmärkte. Die legale Reproduktion lässt sich ihrerseits wieder in zwei weitere Kategorien teilen, und zwar in die legale physische und in die legale virtuelle Reproduktion.

Kapitel II.2.1, Physische Reproduktion: Das erste massentaugliche, digitale Produkt audiovisueller Medien war die DVD. Audiovisuelle Medien waren nun nicht mehr an sperrige und teuer herzustellende Videokassetten gebunden, sondern konnten über flache, mit enormer Kapazität ausgestattete DVDs (oder CDs) vertrieben werden. Damit war es zum ersten Mal möglich, ganze Staffeln von TV-Serien in handlichen und kostengünstigen DVD-Sets anzubieten, die im Vergleich zu den VHS-Sets wesentlich kompakter waren. Die erste Staffel von Sex and the City benötigt zum Beispiel drei VHS Kassetten. Jeder, der sich noch an die Dimension einer VHS-Kassette erinnert, kann sich vorstellen, wie viel Platz diese Box im Regal einnahm, verglichen mit dem wenigen Platzbedarf einer Dreifach-DVD-Box.

Nun ist allerdings nicht allein der Platz im Regal der Verbraucher entscheidend. Entscheidend wird der Platz im Regal des Handels. Dazu ein einfaches Rechenbeispiel: Eine DVD Hülle, die drei DVDs aufnehmen kann, ist 2 cm breit. 3 VHS-Kassetten dagegen sind 9 cm breit. Das ist also ein Faktor von 1:4,5. Mit der Umstellung auf DVD hatte der Handel auf einmal praktisch das Vierfache an Lagerkapazitäten übrig, die darüber hinaus keine zusätzlichen Kosten verursachen. Und da auch die Herstellungskosten einer DVD bei weitem unter den Herstellungskosten einer VHS-Kassette liegen, war es möglich, ja geradezu unumgänglich, die Palette von multimedialen Produkten zu erweitern. Auffällig hohe Absätze erzielten plötzlich vor allem TV-Serien und dabei nicht nur die zeitgenössischen. Gerade klassische Serien erlebten eine Renaissance durch den DVD-Handel. Da es im Fernsehen für klassische Serien nicht ausreichend Sendeplätze gibt und der Handel sich vorher nicht rentierte, füllte die DVD letztlich nur eine klaffende Marktlücke.

Da jedoch auch der Handel in der Regel nur auf Nachfragen reagiert, muss man auch fragen, warum die Nachfrage an TV-Serien vorher so gering war? Der Platzvorteil ist ein Grund, aber er allein scheint mir nicht ausreichend. Der Vorteil einer DVD gegenüber einer VHS-Kassette, was Meinungsumfragen auch bestätigten, ist deren ausgiebiges Bonusmaterial. Während eine VHS-Kassette üblicherweise nur den Spielfilm enthält (und diverse Werbetrailer zu Beginn), beinhaltet eine DVD sehr häufig entfallene Szenen, Kommentare, Making-Ofs, „Hinter-den-Kulissen“- Dokumentationen, etc. Eine DVD bietet nicht nur den „Hauptfilm“, sondern auch darüber hinaus gehende Unterhaltung, die man bei der TV-Ausstrahlung nicht hat.

Obligatorisch ist mittlerweile die sprachliche Originalfassung. Zwar gab es auch vor der Einführung der DVD VHS-Angebote mit einem Zweikanalton, doch war dieser immer mit einer qualitativ schlechteren Mono-Tonwiedergabe verbunden. Auch war nicht jeder VHS-Player oder Fernseher früher in der Lage, den Ton zu trennen. Ohne diese Trennung war der Konsum einer VHS-Kassette dieser Art sinnlos. Bei einer DVD kann jedoch jede Tonspur im Raumklang-Verfahren angeboten und von jedem Player abgespielt werden.

Neben den Zusatzangeboten gibt es natürlich noch andere Gründe, warum Konsumenten bestimmte Produkte kaufen, etwa die emotionale Bindung an eine TV-Serie oder deren Figuren, allerdings ist die Kaufmotivation der Konsumenten für diese Arbeit weniger von Bedeutung, sondern vielmehr die Tatsache, dass mit der Reproduktionstechnologie der DVD nun nicht mehr allein die deutschsprachigen Synchronfassungen von TV-Serien in den Regalen der Zuschauer stehen, sondern in den allermeisten Fällen gleichzeitig auch die originalsprachigen Fassungen von TV-Serien.

Arbeit zitieren:
Scheyer, Michael Februar 2009: Original - Kopie - Adaption, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Medienkonsum, TV-Serie, Adaption, reproduzierbar, Synchronisation

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