Einfluss der strukturellen gesellschaftlichen Veränderungen und des Wertewandels auf den Sport und die zukunftsorientierte kommunale Sportentwicklungsplanung
- Art: Magisterarbeit
- Autor: Michael Schubart
- Abgabedatum: Juni 2007
- Umfang: 123 Seiten
- Dateigröße: 4,4 MB
- Note: 1,4
- Institution / Hochschule: Fachhochschule Kufstein Österreich
- Bibliografie: ca. 77
- ISBN (eBook): 978-3-8366-1104-6
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Schubart, Michael Juni 2007: Einfluss der strukturellen gesellschaftlichen Veränderungen und des Wertewandels auf den Sport und die zukunftsorientierte kommunale Sportentwicklungsplanung, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Sport, Gesellschaft, Sportstätte, Wertewandel, Sportentwicklungsplanung
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Magisterarbeit von Michael Schubart
Einleitung:
Der Sport als fester Bestandteil unserer Alltagskultur unterliegt einem kontinuierlichen Wandel. Dieser Wandel findet nicht autonom statt und kann somit auch nicht losgelöst von den gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen betrachtet werden. Individualisierungstendenzen führen daher immer häufiger zu einer Selbstorganisation im Sport. Der demographische Wandel sowie Zu- und Abwanderungstendenzen verändern die Sportnachfrage. Neue Motive des Sporttreibens wie Fitness- und Gesundheitsbewusstsein lösen zunehmend den wettkampforientierten Sport ab. Die rasante Zunahme von Trendsportarten sorgt zusätzlich für eine kaum überschaubare Vielfalt an neuartigen Bewegungs- und Sportaktivitäten, die ein darauf ausgerichtetes Sportangebot benötigen. Grundlage für die Ausübung der meisten Sportarten sind geeignete Sportstätten. Diese werden zum Großteil zu ca. 60 % von den Kommunen und zu ca. 30 % von den Vereinen und Verbänden betrieben. Durch die angespannte Haushaltslage einiger Kommunen, die eine genaue Planung und eine restriktive Sportförderung erforderlich macht, wird die Versorgung der Bevölkerung mit den relevanten Sportanlagen erschwert. Für die öffentliche Sportverwaltung, aber auch für die Sportvereine, die von den öffentlichen Zuwendungen profitieren, entstehen neue Rahmenbedingungen. Diese müssen aufgezeigt und beachtet werden, um die positiven Einflüsse des Sports auch in Zukunft optimal nutzen zu können.
Die positiven sozialen und gesundheitlichen Effekte des Sports, die auch dessen Förderwürdigkeit rechtfertigen, werden zwar weitestgehend anerkannt, jedoch findet die Thematik einer zukunftsorientierten Sportentwicklung innerhalb einer Gemeinde häufig aufgrund anderer scheinbar wichtigerer Probleme keine angemessene Beachtung. Aus diesem Grund fehlen noch heute in vielen Städten und Gemeinden geeignete Konzepte und Planungsinstrumentarien, um den neuen Anforderungen gerecht zu werden. Der Goldene Plan, ein Instrumentarium zum Wiederaufbau und zur Sicherung der Sportstätten von Städten und Gemeinden, wird noch immer häufig als einzige Grundlage für die Sportstättenentwicklungsplanung genutzt. Er basiert jedoch lediglich auf Verhältniszahlen aus Mindestsportfläche und Einwohnerzahl und reicht für die neuen Anforderungen nicht mehr aus. Es gilt die unterschiedlichen Formen, Häufigkeiten und Ausmaße des Sporttreibens der Bevölkerung zu ermitteln, um bedarfsgerecht auf die veränderte Sportnachfrage zu reagieren. Neue Steuerungsstrategien, die eine effektive und effiziente Sportstättenplanung und -nutzung ermöglichen, müssen implementiert werden, um auf die neuen Bedürfnisse der Bürger einzugehen. Die Bilanzierung einer bewerteten Sportinfrastruktur mit dem aktuellen Sportbedarf der Bevölkerung ist jedoch mit einem erheblichen Arbeits- und Finanzaufwand verbunden. Zudem müssten die daraus gewonnenen Erkenntnisse unter den sich verändernden Rahmenbedingungen wie demographischer Entwicklung, gesellschaftlichem Wandel, Veränderung des Sportsystems, finanzieller Situation und Zukunftsperspektiven einer Stadt oder Gemeinde betrachtet werden. Aus diesen Gründen scheuen viele Sportverwaltungen noch vor einer auf Sportverhaltensstudien basierten Entwicklungsplanung zurück und entscheiden sich abzuwarten, ob möglicherweise neue Ansätze einer Sportentwicklungsplanung gefunden werden können.
Aus den beschriebenen Problemen und der derzeitigen Situation des Sports, leiten sich zentrale Fragen ab, die in dieser Arbeit näher untersucht werden. Vor allem wird auf die gesellschaftlichen Entwicklungen, der Bedeutung und Interpretation des Mediums Sport, der Sportpolitik der Gemeinden sowie neuer Konzepte und Perspektiven in der Sportentwicklungsplanung eingegangen.
Konkretisiert lauten diese Fragen: Gibt es strukturelle gesellschaftliche Veränderungen auf die der Sport reagieren muss? Welche Bedeutung und Möglichkeiten hat der Sport für eine Gemeinde? Sind die Methoden der Sportverwaltungen zur Sportstättenentwicklungsplanung noch zeitgemäß oder bedarf es neuer Planungs- und Steuerungsinstrumentarien? Lösungsansatz „Offene familienfreundliche Sportstätte“ – Welche Veränderung und Wirkung kann sie mit sich bringen? Was kann eine Gemeinde für eine zukunftsorientierte Sportpolitik tun?
Ob diese Fragen endgültig beantwortet werden können, muss abgewartet werden. So sehen auch Rittner, Fuhrmann und Förg die Sportverwaltungen und Sportorganisationen nicht ausreichend auf die aktuelle Situation vorbereitet, die gerade durch die Dynamik im Sport und die Interdisziplinarität der Probleme noch komplexer wird. Sie sind außerdem der Meinung, dass bisher allenfalls erste Anstöße zur Lösung dieser Probleme gegeben worden sind und weitere Konzepte und Instrumente ausgearbeitet werden müssen. Diese gegenwärtigen Entwicklungsgänge sollen in dieser Diplomarbeit näher untersucht und speziell für die Stadt Rosenheim aufbereitet werden. Der Stadt Rosenheim liegt außerdem ein Konzept für ein offenes familienfreundliches Sportangebot vor, das im Rosenheimer Westen auf dem Gelände des Eisenbahner Sportvereins (ESV) verwirklicht werden soll. Mit diesem Konzept versuchen die Beteiligten auf die veränderte Sportnachfrage zu reagieren und verfolgen das Ziel, die Vereinstätigkeit zu stärken und die Bürger aller Altersgruppen zum Sport zu bewegen. Da dieses Konzept jedoch noch umgesetzt wird, ohne eine Sportverhaltensstudie angefertigt zu haben und somit keine Bedarfszahlen vorliegen, bleibt vorerst die Frage nach dem Umfang und der Art der Verwirklichung. Die Arbeit soll hier weitere Erkenntnisse fördern, die in Folge zur besseren Umsetzung des Projektes dienen. Dazu ist die vorliegende Arbeit in fünf Bereiche gegliedert.
Gang der Untersuchung:
Zu Beginn wird in Kapitel 2 auf die Wechselbeziehung zwischen Gesellschaft und Sport eingegangen. Es werden erst die Auswirkungen gesamtgesellschaftlicher Veränderungen auf den Sport, insbesondere auf die Ausdifferenzierung des Sportsystems und die Sportnachfrage beschrieben. Danach wird untersucht, wie der Sport auf die Gesellschaft wirkt, d.h. welche positiven und negativen Eigenschaften ihm wirklich zuzuschreiben sind und welche Funktionen der Sport auch in Zukunft übernehmen kann.
Im darauffolgenden Kapitel 3 werden neue Methoden für eine zukunftsorientierte Sportentwicklungsplanung vorgestellt und erläutert, welche Vor- und Nachteile diese, gegenüber dem alten richtwertbasierten Verfahren aufweisen. Darunter befindet sich mit der problemorientierten Sportentwicklungsplanung auch das Verfahren, an der sich die Arbeitsweise in Kapitel 4 orientiert. Zusätzlich wird das Konzept des familienfreundlichen Sportplatzes als konkreter Lösungsvorschlag für die Umgestaltung einer Sportstätte vorgeschlagen.
Den Schwerpunkt bildet Kapitel 4 mit der Untersuchung zur Umgestaltung des ESV-Sportgeländes zu einer offenen familienfreundlichen Sportstätte in der Stadt Rosenheim. Hierzu wird zuerst das Konzept des Projektes und die Ziele vorgestellt. Danach werden gesamtgesellschaftliche Entwicklungen interpretiert, sowie die Rahmenbedingungen in der Stadt Rosenheim und im nahen Einzugsgebiet des Sportgeländes analysiert. In einem nächsten Schritt werden zusätzlich die Rahmendaten des ESV Rosenheim untersucht. Abschließend gibt eine Vergleichsanalyse mit Orten, in denen ein solches Projekt bereits durchgeführt wurde, Aufschluss über die möglichen Auswirkungen für das ESV-Sportgelände.
Kapitel 5 führt die wesentlichen Untersuchungsergebnisse der Arbeit auf, ehe in Kapitel 6 der Stadt Rosenheim Handlungsempfehlungen für eine zukunftsgerichtete Sportentwicklungsplanung sowie Empfehlungen zur weiteren Vorgehensweise beim ESV-Projekt, geboten werden. Abschließend fasst Kapitel 7 die Arbeit zusammen, beschreibt Forschungsdefizite und gibt einen Ausblick in die zukünftige Sportentwicklungsplanung.
Inhaltsverzeichnis:
| Abkürzungsverzeichnis | V | |
| Abbildungsverzeichnis | VI | |
| Tabellenverzeichnis | VIII | |
| Zitat | IX | |
| 1. | EINLEITUNG | 1 |
| 2. | SPORT IN DER MODERNEN GESELLSCHAFT - EINEWECHSELBEZIEHUNG | 5 |
| 2.1 | GESELLSCHAFTLICHE VERÄNDERUNGEN UND DER WANDEL DES SPORTS IN DEUTSCHLAND | 6 |
| 2.1.1 | Die demographische Entwicklung | 8 |
| 2.1.2 | Wohlstand und soziale Ungleichheit | 12 |
| 2.1.3 | Gesundheitswert | 14 |
| 2.1.4 | Freizeitwert | 16 |
| 2.1.5 | Individualisierung | 18 |
| 2.2 | AUSDIFFERENZIERUNG DES SPORTMODELLS | 19 |
| 2.3 | POSITIVE ASPEKTE DES SPORTS | 22 |
| 2.3.1 | Bildung, Erziehung und Identität | 23 |
| 2.3.2 | Soziale Integration | 25 |
| 2.3.3 | Gesundheitserziehung | 26 |
| 2.4 | NEGATIVE ASPEKTE DES SPORTS | 28 |
| 3. | AUSGEWÄHLTE ASPEKTE EINER ZUKUNFTSORIENTIERTEN KOMMUNALEN SPORTENTWICKLUNGSPLANUNG | 31 |
| 3.1 | AUSWIRKUNGEN DER STRUKTURELLEN UND RÄUMLICHEN NACHFRAGEVERÄNDERUNGEN IM SPORT | 31 |
| 3.2 | GRUNDLAGEN DER VERHALTENSORIENTIERTEN SPORTSTÄTTENENTWICKLUNGSPLANUNG | 33 |
| 3.3 | KOOPERATIVE PLANUNG ZUR KOMMUNALEN SPORTSTÄTTENENTWICKLUNGSPLANUNG | 38 |
| 3.4 | INTEGRIERTE SPORTENTWICKLUNGSPLANUNG | 40 |
| 3.5 | PROBLEMORIENTIERTE SPORTENTWICKLUNGSPLANUNG | 43 |
| 3.6 | LÖSUNGSMODELL „FAMILIENFREUNDLICHER SPORTPLATZ“ | 46 |
| 4. | KONZEPT EINER OFFENEN FAMILIENFREUNDLICHENSPORTSTÄTTE IN DER STADT ROSENHEIM | 48 |
| 4.1 | AUSGANGSITUATION, ENTWICKLUNGSSTAND UND KONZEPT DES ESV PROJEKTES | 48 |
| 4.2 | RAHMENDATEN DER STADT ROSENHEIM UND DES QUARTIERS ENDORFER AU/FINSTERWALDERSTRAßE | 49 |
| 4.2.1 | Bevölkerungsentwicklung | 49 |
| 4.2.2 | Soziale Aspekte | 56 |
| 4.3 | RAHMENBEDINGUNG DES ESV ROSENHEIM | 60 |
| 4.3.3 | Flächenangaben und Entwicklungsvorhaben | 60 |
| 4.3.4 | Mitgliederstruktur und ihre Entwicklung | 62 |
| 4.4 | VERGLEICHSANALYSE MIT DEN ORTEN HAGENBACH, SCHWENDI UND SCHWALLDORF | 66 |
| 4.4.5 | Evaluierung des Planungsprozesses | 67 |
| 4.4.6 | Evaluierung des Umsetzungsprozesses | 69 |
| 4.4.7 | Nutzung der Anlagen | 70 |
| 5. | ZUSAMMENFASSUNG DER UNTERSUCHUNGSERGEBNISSE | 77 |
| 5.1 | GESAMTGESELLSCHAFTLICHE ERGEBNISSE FÜR DEUTSCHLAND | 77 |
| 5.2 | ERGEBNISSE ZUR KOMMUNALEN SPORTENTWICKLUNGSPLANUNG | 81 |
| 5.3 | ERGEBNISSE ZUR UMGESTALTUNG DES ESV-GELÄNDES IN DER STADT ROSENHEIM | 83 |
| 6. | HANDLUNGSEMPFEHLUNGEN | 87 |
| 6.1 | ESV-PROJEKT | 87 |
| 6.2 | SPORTENTWICKLUNGSPLANUNG DER STADT ROSENHEIM | 89 |
| 7. | ZUSAMMENFASSUNG UND AUSBLICK | 92 |
| Quellenverzeichnis | 95 | |
| ANHANG: | 102 |
Textprobe:
Kapitel 3.5, Problemorientierte Sportentwicklungsplanung:
Wopp kritisiert die bisherigen Ansätze als abstrakt und befürchtet, dass die Kommunen auch in Zukunft an den Bedürfnissen vieler Menschen vorbeiplanen. Er selbst schlägt eine problemorientierte SEP vor, die in einem strukturierten Verfahren kreative Lösungsvorschläge erarbeitet, um auf identifizierte Probleme unter Berücksichtigung der kommunalen Finanzsituation einzugehen. Die Strategie beruht darauf, Problemanalysen und -lösungen auf kleinräumiger Ebene miteinander zu verbinden. Auf diese Weise wird laut Wopp zur Sicherung und qualitativen Verbesserung der Sportinfrastruktur beigetragen. Die Durchführung der problemorientierten SEP kann von jeder Kommune selbst erfolgen. Dies stellt einen wesentlichen Unterschied zu den anderen vorgestellten Konzepten dar, die meist ohne externe Experten nicht vorgenommen werden können. Die problemorientierte SEP kann objektbezogen, für spezielle soziale Angelegenheiten oder für die gesamte Sportentwicklung einer Kommune erfolgen. Der Schwerpunkt der Analyse liegt auf den gegenwärtigen Bedingungen und absehbaren Entwicklungen in den Bereichen: Bevölkerung, Wohnumfeld, Stadtbezirke, Gesamtstadt, Region.
In jedem dieser Bereiche gibt es spezifische Probleme und Entwicklungen, die geklärt werden müssen, um zukunftsweisende Entscheidungen in der Sportentwicklung treffen zu können.
Bevölkerung: Vor dem Hintergrund der gesamtdeutschen Bevölkerungsentwicklung, wie sie in Kapitel 2 beschrieben wurde, müssen zusätzlich lokale Daten der jeweiligen Kommune herangezogen werden.
Relevante Daten sind: (1) die Bevölkerungsstruktur (Einwohnerzahl, Geschlechter-, Alters-, Sozialstruktur, Ausländeranteil, Bildungsstand, Einkommen), (2) die Bevölkerungsentwicklung, (3) das Sportengagement in der Bevölkerung, (4) Prognosen zum zukünftigen Sportengagement.
Die Daten zur Bevölkerungsstruktur und Bevölkerungsentwicklung sind meist bei statistischen Ämtern verfügbar. Um das Sportengagement der Bevölkerung zu erfassen, können Daten der Sportanbieter (Vereine, Schulen, gewerblichen Anbietern, Volkshochschulen, Krankenkassen usw.) ausgewertet werden. Zusätzlich müssten Stichproben an bekannten Sportgelegenheiten gemacht werden, um die nicht organisierten Sporttreibenden zu berücksichtigen. Als zentrales Problem im Bereich der Bevölkerung kann die Prognose zum Sportengagement unter Berücksichtigung der demographischen Entwicklung genannt werden.
Wohnumfeld: Im Bereich Wohnumfeld geht es darum, die Qualität der einzelnen Sportstätten zu analysieren und zu bewerten. Daten, die hierfür Aufschluss geben können, sind: architektonische Qualität, Nutzungsqualität, Belegung und Auslastung, Raum- und Geräteausstattung.
Darüber hinaus können Daten über den Sportboden, die Raumakustik, den Energieverbrauch, die Beleuchtung, die Heizung, Lüftung und Wasser ermittelt werden. Schließlich wird eine Übersicht der Sportanlagen und Sportgelegenheiten angefertigt, die Information über Handlungsbedarfe und ihre Priorität enthält. Die Bewertungsergebnisse können mit „gebrauchsfähiger Zustand“, „Anlage mit deutlichen Mängeln“, „Anlage mit schwerwiegenden Mängeln“ oder „Anlage ist unbrauchbar“, abgestuft werden. Untersucht werden die Sportanlagen von allen bereits genannten möglichen Sportanbietern, einschließlich der Sportgelegenheiten. Das zentrale Problem im Wohnumfeld stellt die abnehmende Kongruenz zwischen Sportnachfrage und Sportangebot dar.
Stadtbezirke: Unter den Stadtbezirken gibt es sozialselektive Wanderungsbewegungen, die verschiedene Ursachen haben. Die Suburbanisierung (Einwohner ziehen von den Kernstädten ins Umland), die arbeitsplatzorientierte Fernwanderung und eine neue Urbanisierung (bestimmte Bevölkerungsschichten ziehen in die Kernstädte) führen zu strukturell sich stark unterscheidende Stadtbezirke, die verstärkt sozial gespalten sind. Die Situation von Stadtteilen, die sozial gesehen eher problematisch sind, wird durch Benachteiligung weiter verschlechtert und hat sozial ausgegrenzte Orte zur Folge. Für den Bereich Stadtbezirk müssen Daten wie (1) stadtteilbezogene Einwohnerentwicklung und Altersstruktur, (2) Flächen und Baugebiete, (3) Sozialbezüge, (4) Ausländeranteil, (5) Sportangebote und Sportanbieter, (6) sowie Sportanlagenversorgung ermittelt werden. Mit ihrer Hilfe können soziale Brennpunkte in der Stadt ausgemacht werden, um eine Versorgung mit qualitativ hochwertigen Sportstätten sicherzustellen. Im Bereich Stadtbezirke kann somit das Feststellen von sozialselektiven Wanderungen innerhalb einer Stadt und das Bekämpfen der negativen Folgen, die daraus entstehen, als zentrales Problem genannt werden.
Gesamtstadt: Eine gute Sportinfrastruktur sorgt nicht nur für eine höhere Lebensqualität, sie ermöglicht auch eine Identifikation der Einwohner mit ihrer Stadt. Sportliche Großevents und Spitzenmannschaften fördern die Identifikation zusätzlich. Das Image einer Stadt wird durch regionale, wirtschaftliche, demographische und soziale Faktoren bestimmt. Die Sportentwicklung muss sich in Zukunft als Teil der gesamten Stadtentwicklung verstehen, um Beiträge zu leisten, die die kommunale Wirtschaftskraft stärken und zu einer Zuwanderung von Arbeitskräften führen. Dies erhöht die Chancen, im Wettbewerb unter den Städten und Gemeinden zu bestehen, die zunehmend Leitbilder entwickeln und an ihrer Profilbildung arbeiten. Das zentrale Problem auf gesamtstädtischer Ebene ist das Versäumnis, den Sport zu nutzen, um zur Profilbildung beizutragen.
Region: Die Sportentwicklung ist auch von den Wechselwirkungen, die es zwischen den Kommunen und ihren Regionen gibt, betroffen. So gehen Wanderungsbewegungen ebenso über kommunale Grenzen hinaus und das Pendeln in die Arbeit oder zu Freizeit- und Sporteinrichtungen nimmt zu. Die kommunale Sportentwicklung sollte mit der regionalen Sportentwicklung abgestimmt sein, um Fehlplanungen zu vermeiden. Die fehlende Zusammenarbeit stellt das zentrale Problem des Bereichs Region in der problemorientierten Sportentwicklung dar.
Die Ergebnisse der Analysen in diesen fünf Bereichen bieten eine Grundlage um Diskussionen zur SEP zu führen und abschließend einen Masterplan für die Sportentwicklung anzufertigen. An diesem Diskussionsprozess sollten Vertreter der Kommunalverwaltung und –politik, der öffentlichen Institutionen wie Schulen und Jugendzentren und außerdem der organisierte und gewerbliche Sport teilnehmen. Es bieten sich abgegrenzte Diskussionsrunden mit den Schwerpunkten Schulsport, Sportangebote, Sportveranstaltungen, Sportentwicklungsprojekte und Stadtbezirke an. Die problemorientierte SEP trägt so zur qualitativen Verbesserung des Sportanlagenbestandes, des Wohnumfeldes und der Profilbildung der Kommunen bei.
Lösungsmodell „Familienfreundlicher Sportplatz“:
Während die kommunale Sportpolitik vielerorts verharrt und sich nur langsam auf die neuen Konzepte einstellt, steigt die Inkongruenz zwischen veränderten Sportbedürfnissen und traditionellen Sportstätten weiter an. Die klassischen Sportplätze, mit ihren geradlinigen, rechteckigen und größtenteils einfallslosen Freiflächen sowie räumlich abgegrenzt hinter Zäunen, sind bildhaft für ein veraltetes Design. Befragungen belegen, dass sich der Großteil der Sporttreibenden mehr Sportgelegenheiten, die offen zugänglich und vielfältig nutzbar sind, wünscht. Die Möglichkeit Sportarten unabhängig und spielerisch auszuprobieren, hat gerade bei den Menschen mittleren Alters Priorität. Ebenso wollen sich viele Jugendliche nicht mehr nur an eine Sportart mit Wettkampfcharakter binden, sondern bevorzugen mehrere Sportarten gleichzeitig, die sie ungebunden ausüben können. Das Ziel des familienfreundlichen Sportplatzes ist es daher, einen Raum zu schaffen, der die freie und natürliche Bewegungsausübung ermöglicht. Dies müssen innovative, an den Bedürfnissen der Bevölkerung orientierte Sportplätze sein, deren Außenbereiche zielgruppenspezifisch gestaltet werden und so für Kinder, Jugendliche, Frauen und Männer, Familien, ältere Menschen und Behinderte gleichermaßen ein attraktives Angebot bieten. Um dies zu erreichen, muss der Sportplatz multifunktionale Einrichtungen besitzen, die die Ausübung möglichst vieler Sportarten ermöglichen. Der familienfreundliche Sportplatz soll eine kommunikative und spielerische Ausrichtung besitzen, um den Anspruch einer Begegnungsstätte zu erfüllen.
Für die Gestaltung sollten Kriterien wie offen, veränderbar, naturnah, vielfältig, vernetzt und erreichbar, erlebnisintensiv, einfach und generationsübergreifend berücksichtigt werden. Es muss allerdings darauf geachtet werden, dass es nicht den einen familienfreundlichen Sportplatz als Prototyp gibt, sondern dass es in verschiedenen Kommunen zu ganz unterschiedlichen Ausprägungen kommen kann. Für jeden familienfreundlichen Sportplatz gilt jedoch, dass die Nutzung durch verschiedene Alters- und Interessensgruppen auf einer optisch ansprechenden Anlage störungsfrei möglich ist. Dazu muss die Anlage in kleinere Bewegungsräume und größere Aktionsflächen gegliedert werden. Neben den Spiel- und Bewegungsräumen sollte außerdem noch Platz für Kommunikations- und Ruhezonen bestehen. Auf die nähere Ausgestaltung von Wegen und Verkehrsflächen, Sport- und Spieleinrichtungen sowie Ruhezonen kann im Rahmen dieser Arbeit jedoch nicht näher eingegangen werden. Das nächste Kapitel beschreibt, unter welchen Rahmenbedingungen im Westen der Stadt Rosenheim eine offene familienfreundliche Sportstätte entstehen soll.
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Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783836611046
Arbeit zitieren:
Schubart, Michael Juni 2007: Einfluss der strukturellen gesellschaftlichen Veränderungen und des Wertewandels auf den Sport und die zukunftsorientierte kommunale Sportentwicklungsplanung, Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Sport, Gesellschaft, Sportstätte, Wertewandel, Sportentwicklungsplanung




