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Märchen in der psychotherapeutischen Behandlung von Kindern

Märchen in der psychotherapeutischen Behandlung von Kindern
Über dieses Buch
  • Art: Staatsexamensarbeit
  • Autor: Daniela Verbüchel, geb. Kallen
  • Abgabedatum: Dezember 1999
  • Umfang: 147 Seiten
  • Dateigröße: 1,1 MB
  • Note: 1,0
  • Institution / Hochschule: Universität zu Köln Deutschland
  • ISBN (eBook): 978-3-8428-0705-1
  • ISBN (Paperback) :
    978-3-8428-0705-1 P
  • ISBN (CD) :978-3-8428-0705-1 CD
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Verbüchel, geb. Kallen, Daniela Dezember 1999: Märchen in der psychotherapeutischen Behandlung von Kindern, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Kinderpsychotherapie, Märchen, Kinderpsychiatrie, Märchentherapie

Staatsexamensarbeit von Daniela Verbüchel, geb. Kallen

Einleitung:

Die vorliegende Arbeit untersucht das Märchen auf seine Bezüge zur psychotherapeutischen Behandlung von Kindern.

Terminologischen und etymologischen Aspekten der Märchenforschungen, die auf seine mittelhochdeutsche Abstammung zu dem Wort ‘die Märe’ verweisen, folgen die Erkenntnisse LÜTHIs, dessen Darstellungen die fünf gattungsspezifischen Merkmale des Märchens erfassen. Kreisen die Themen im Märchen um allgemein menschliche Problematiken, deren umfassende Wiedergabe sich durch die dem Märchen eigentümliche sublimierende Kraft ergibt, so zeigen die tiefenpsychologischen Beiträge das Märchen nicht nur als archetypisches Volksgut, sondern verweisen auch auf seine Repräsentanz in Träumen und Wunschvorstellungen von psychisch devianten Patienten.

Während dann die Einwände der historischen Pädagogik das Märchen zunächst als nicht kindgemäße Lektüre erscheinen lassen, so überzeugen jedoch die gewonnenen entwicklungspsychologischen Erkenntnisse für die Verwendbarkeit des Märchens in der psychotherapeutischen Praxis mit Kindern. Sie vermuten im Handlungsschema des Märchens die Ausgestaltung kindlicher Lebensstrukturen und zeigen, daß das Kind infolge seines magischen, symbolischen oder phantastischen Denkvermögens einen direkten Zugang zum Märchen finden kann. Als "Schlüssel zur Welt" sind Märchen eine echte Lebenshilfe für das Kind und bieten Lösungsmöglichkeiten nicht nur zur Angstbewältigung, sondern für jegliche psychische Störungen, deren Vielzahl sich in den präsentierten Ätiologiekonzepten dokumentiert. Auf die spezifisch entwicklungspsychologischen Konstitutionen der jungen Patienten abgestimmt, ergeben sich dann im Rahmen der Kinderpsychotherapie neben tiefenpsychologischen Ansätzen, verhaltenstherapeutisch, humanistisch oder interpersonell ausgerichtete Modelle, auf deren methodische Möglichkeiten die Märchentherapie zurückgreift.

Allerdings gewinnt das Märchen durch seine spezifisch stilistische und strukturelle Ausformung schon an sich Bedeutung für den kinderpsychotherapeutischen Einsatz. Innerhalb seines thematisch geschlossenen Kommunikationssystems zeigen sich psychodiagnostische und therapeutische Wirkungsprozesse des "Ankerns" und der Selektion, deren therapeutische Qualität durch die kompensierende Kraft der Projektion noch erweitert wird. Behandelt inbesondere das Lieblingsmärchen modellhaft die für das Kind aktuellen psychischen Probleme, so ermöglicht u.a. die "flächenhafte" Charaktere des Helden identifikatorische Prozesse mit fast jedem Märchen.

Um diese heilenden und anregenden Verarbeitungsangebote therapeutisch auszuschöpfen, bedarf es aber adäquater Ausdrucksmöglichkeiten, deren methodischer Katalog vom bloßen Zuhören, über die ‘autobiographische’ Nacherzählung bis hin zur freien Märchenproduktion des Klienten reicht. Eine psychodiagnostische Auswertung dieser Phantasien numinosen Charakters unterliegt dann spezifischen inhaltlichen sowie formalen Kriterien. Innerhalb der Gestalttherapie, deren erlebnisorientierte Ebene die Kinderpsychotherapie den Vorzug gibt, erzielen psychodramaturgische, visuelle oder musikalische Nachgestaltungen ebenso eine tiefendynamische Behandlung.

Inhaltsverzeichnis:

0. Einleitung 1
0.1 Thematische Einführung: Der Verlust der Zauberdinge im heutigen Zeitalter 1
0.2 Thematische Standortbestimmung 3
0.3 Methodische Vorüberlegungen 3
1. Das Märchen als "Instrument" der Kinderpsychotherapie unter literaturwissenschaftlichen Gesichtspunkten 5
1.1 Terminologische und etymologische Begriffsbestimmung 5
1.2 Historische und tiefenpsychologische Erkenntnisse der Märchenforschung 6
1.2.1 Zur Geschichte des Märchens 6
1.2.2 Das Märchen als "Projektion des kollektiv Unbewussten" 8
1.3 Wesenszüge des europäischen Volksmärchens: Vom Handwerkszeug der Struktur- und Stilanalyse 9
1.3.1 Der Personal- und Requisitenbestand 10
1.3.2 Das Handlungsmuster und die Themen 10
1.3.3 Die stilistische Gestaltung 12
1.3.3.1 Die Eindimensionalität 12
1.3.3.2 Die Flächenhaftigkeit 13
1.3.3.3 Der abstrakte Stil 13
1.3.3.4 Die Isolation und Allverbundenheit 14
1.3.3.5 Die Sublimation und Welthaltigkeit 15
2. Pädagogische und entwicklungspsychologische Aspekte 16
2.1 Zur Situation der Märchenpädagogik 16
2.1.1 Das Märchen im "Kreuzfeuer" pädagogischer Diskussionen 17
2.1.1.1 Antiquierte gesellschaftliche Strukturen ohne Identifikationswert 17
2.1.1.2 Drohender Realitätsverlust durch das Märchen 18
2.1.1.3 Grausamkeiten im Märchen 19
2.1.2 Die zeitgenössische Verwendung des Märchens 20
2.2 Das Kind und seine entwicklungspsychologische Korrespondenz zum Märchen 21
2.2.1 Die stilistisch analoge Erkenntnisgestaltung des Kindes 22
2.2.1.1 Die bildhaft-symbolische Sprache der kindlichen Seele 22
2.2.1.2 Die emotionale Sensibilität des Kindes 23
2.2.1.3 Die Phantasie des Kindes 23
2.2.1.4 Das wirklichkeitsfremde Weltbild des Kindes 24
2.2.1.5 Das magisch-mythologische Denken des Kindes 24
2.2.1.6 Der Animismus des Kindes 25
2.2.1.7 Das aktionale Weltverständnis des Kindes und seine Anschauungsgebundenheit 26
2.2.1.8 Der Rhythmus des kindlichen Fassungsvermögens: "Das Wanderbdürfnis der kindlichen Phantasie" 27
2.2.1.9 Das räumliche und zeitliche Fassungsvermögen des Kindes 28
2.2.1.10 Die intellektuelle Leistungsfähigkeit des Kindes 28
2.2.1.11 Der Egozentrismus des Kindes 29
2.2.1.12 Das polaristische Denken des Kindes 29
2.2.1.13 Das finalistische Denken des Kindes 29
2.2.2 Die strukturell analoge Inszenierung von Entwicklungsprozessen der Kindheit im Märchen 30
2.3 Funktionen des Märchens für das seelische Wachstum des Kindes 32
2.3.1 Märchen als "Schlüssel zur Welt" 32
2.3.2 "Die Notwendigkeit des Zauberhaften" 33
2.3.3 Angstbewältigung mit Hilfe von Märchen 34
3. Grundlagen der psychotherapeutischen Behandlung von Kindern 36
3.1 Definition und Gegenstand der Kinderpsychotherapie 36
3.2 Die Entstehung und Entwicklung der Kinderpsychotherapie 39
3.2.1 Die Anfänge der Kinderpsychotherapie 39
3.2.2 Die Entwicklung der Kinderanalyse nach dem Ersten Weltkrieg 40
3.2.3 Die Phase nach dem Zweiten Weltkrieg 41
3.3 Zur praktischen Durchführung und Anwendung der Kinderpsychotherapie 44
3.3.1 Entwicklungspsychologische Konditionen der psychotherapeutischen Grundsituation beim Kind 44
3.3.2 Pathogenese psychischer Störungen im Kindesalter 46
3.3.2.1 Entwicklungspsychopathologische Aspekte: Klassifikation von gestörtem seelischen Verhalten 47
3.3.2.2 Ätiologiekonzepte psychischer Störungen 49
3.3.3 Diagnostik der psychischen Störungen im Kindesalter 50
3.3.3.1 Gegenstand und Aufgaben der Psychotherapiediagnostik 50
3.3.3.2 Phasen der Psychotherapie-Eingangsdiagnostik 51
3.3.3.3 Die testorientierte Pychotherapiediagnostik 52
3.3.3.3.1 Die Gütekriterien eines psychologischen Tests 52
3.3.3.3.2 Der projektive Persönlichkeitstest und seine Anwendungsformen 53
3.3.4 Konzepte und Modelle der Kinderpsychotherapie 55
3.3.4.1 Der medizinisch-naturwissenschaftliche Ansatz 56
3.3.4.2 Die tiefenpsychologischen Ansätze 56
3.3.4.3 Die verhaltenstherapeutischen Ansätze 57
3.3.4.4 Die humanistischen Ansätze 58
3.3.4.5 Die interpersonellen Ansätze 59
3.3.5 Kriterien kinderpsychotherapeutischer Praxis 60
3.3.5.1 Der Grundsatz der alters- und entwicklungsphasenspezifischen Fixierung 61
3.3.5.2 Der Grundsatz der Spezifität 61
3.3.5.3 Der Grundsatz der Integration 61
3.3.6 Strategien und Techniken des Kinderpsychotherapeuten 62
3.3.7 Zum Ablauf eines psychotherapeutischen Settings 65
4. Das Märchen und sein diagnostischer und therapeutischer Einsatz in der Kinderpsychiatrie 67
4.1 Zu den Wurzeln der Märchenpsychotherapie 67
4.1.1 Historische Spuren der Märchentherapie 67
4.1.2 Die Beiträge der Tiefenpsychologie 69
4.2 Therapeutisch analytische Wesens- und Funktionsbestimmung des Märchens 70
4.2.1 Der kommunikative Durchführungsmodus der Märchentherapie 71
4.2.1.1 Das Märchen als ‘Sprachrohr’ des psychisch devianten Kindes 71
4.2.1.2 Das Märchen als Kommunikationsmittel des Therapeuten 72
4.2.1.3 Exkurs: Kommunikationstheoretische Grundlagen der Märchenpsychotherapie 73
4.2.2 Die motivationale Kraft des Märchens zur therapeutischen Betreuung 73
4.2.3 Heilung durch die Fiktionalisierung kindlicher Problematik 74
4.2.4 Archetypische Demonstration universeller Geborgenheit 75
4.2.5 Die archetypischen "patterns of behaviour" 76
4.3 Die intra- und interpsychischen Ebenen des Märchens 76
4.4 Therapeutisch qualitative Prozesse der Märchenpsychotherapie: Wirkung und Wirksamkeit 77
4.4.1 Das Ankern 77
4.4.2 Die Projektion 78
4.4.3 Die Identifikation 79
4.4.4 Die Distanzierung und Objektivierung 81
4.4.5 Die Selektionsmöglichkeiten 81
4.4.6 Die Modellsituation 82
4.5 Das Märchen als literarisches Repräsentationssystem 83
4.6 Das Lieblingsmärchen als diagnostischer Faktor in der Kinderpsychotherapie 84
4.7 Methodische Möglichkeiten märchentherapeutischer Praxis mit Kindern 86
4.7.1 Rezeptive Ansätze der Märchenpsychotherapie 86
4.7.1.1 Lesetherapeutische Konzeptionen 87
4.7.1.2 Erzähltherapeutische Konzeptionen 88
4.7.1.2.1 Die Nacherzählung durch den Therapeuten 88
4.7.1.2.2 Die Nacherzählung des Klienten 90
4.7.1.2.3 Diagnostische Beurteilung einer Märchennacherzählung 90
4.7.2 Der therapeutisch produktive Märcheneinsatz 91
4.7.2.1 Experimente mit der Originalfassung eines Märchens 91
4.7.2.1.1 Fragmentarische Modifikationen eines Märchens 91
4.7.2.1.2 Ausführen von Märchenansätzen 92
4.7.2.1.3 Erfinden einer Vorgeschichte 92
4.7.2.2 Assoziationen zu Märchen: Der "Fairy Tale Test" 93
4.7.2.3 Freie Märchenerfindungen 95
4.7.2.3.1 Personalisierte Märchenerfindungen des Therapeuten 95
4.7.2.3.2 Freie Märchenerfindungen des Klienten: Die "Märchendialoge" 95
4.7.2.4 Kriterien zur Auswertung der Märchenproduktionen 97
4.7.2.4.1 Die formalen Kriterien zur strukturellen und stilistischen Gestaltung 98
4.7.2.4.2 Die inhaltlichen Kriterien 99
4.7.3 Der gestalttherapeutische Märchenansatz 103
4.7.3.1 Konzeptionelle Grundlagen der Gestalttherapie und das Märchen 103
4.7.3.2 Die Märcheninszenierung im Kinderpsychodrama 104
4.7.3.2.1 Therapeutische Wirkung und Ziele des Kinderpsychodramas 104
4.7.3.2.2 Die Entwicklung der märchenpsychodramatischen Methode 105
4.7.3.2.3 Therapeutische und diagnostische Qualitäten des Märchenspiels 106
4.7.3.2.4 Die Organisation und Durchführung eines märchenzentrierten Settings 107
4.7.3.2.5 Fallbeispiel eines märchenpsychodramatischen Settings 110
4.7.3.3 Das Handpuppenspiel und seine Verwendung in der Märchenpsychotherapie 111
4.7.3.4 Visuelle Ausdrucksmöglichkeiten der Märchenpsychotherapie: Das Malen von Märchen 113
4.7.3.5 Der poesietherapeutische Einsatz des Märchens 115
4.7.3.6 Musikalische Ausdrucksformen der Märchenpsychotherapie 117
5. Abschließende Betrachtungen 119
6. Literaturverzeichnis 122

Automatisiert erstellter Textauszug:

1.3.3.5 Die Sublimation und Welthaltigkeit Unter Verzicht auf wesenseigene Motive greift das Märchen auf profane, numinose oder magische Motive zurück. Alle wichtigen Elemente menschlicher Existenz, wie z.B. Geburt, Trennung, Hochzeit und Tod, erscheinen im Märchen. Ist sein Repertoire noch so gewaltig, „die sublimierende Kraft des Märchens schenkt ihm die Möglichkeit“1, das Leben in seiner ganzen Bandbreite umfassend zu repräsentieren. Seine klaren Aussagen und Handlungsfolgen sowie das Fehlen epischer Breite geben dem europäischen Märchen die typische Klarheit und Bestimmtheit. So verschmelzen Form, Rhythmus und Idee des Märchens zu einer einzigen Ganzheit in Aufbau und Wirkung. Auf welche Weise Stil und Struktur des Märchens der wesensmäßigen Eigenart des Kindes gerecht werden, wird nun im folgenden Kapitel analysiert. Denn soll der Frage nach den Möglichkeiten und dem Potential von Märchen in der Kinderpsychotherapie nachgegangen werden, so ist zunächst grundsätzlich der Stellenwert von Märchen in der geistig-seelischen Entwicklung des Kindes zu klären. [...]

wirkt. „Und so wird auch sonst in ausgedehntem Maße die Dreizahl verwendet, um einen pyramidenartigen Aufbau der Handlung in drei sich übereinander erhebenden Stufen zu erzielen.“1 Die dem kindlichen Gemüt nach Konturschärfe entgegenkommende abstrakte Stillisierung der ‘Polarisation’2 entfaltet ihre Wirksamkeit in der komplementären Charakterisierung tragender Märchenfiguren: Schönheit und Häßlichkeit, Güte und Bosheit, Armut und Reichtum sowie Fleiß und Faulheit zeugen von diesem antithetischen Denken im Märchen; sowie auch Pech und Gold sich über die so unterschiedlichen Maries ergießen oder der Dummling sich der Prinzessin gegenübersieht, jedoch wohl eher die von AXEL OLRIK3 als ‘Achtergewicht’ bezeichnete Sympathie der Leserschaft mit den Benachteiligten auf sich ziehen wird. Mit der Vorliebe für das Extreme differenziert das Märchen auch gewöhnlich entschieden in der Stilisierung zwischen der Figur des Helden und der des Unhelden. Auch die dichotomische Klassenstruktur der Märchengesellschaft, die Begebenheiten, die den Figuren widerfahren und die Aufgaben, die sie erfüllen, sind extrem gezeichnet. „Inbegriff alles Extremen, letzte Spitze des abstrakten Stils ist [jedoch dann] das Wunder.“4 1.3.3.4 Die Isolation und Allverbundenheit Neben der familiären und heimatlichen Ungebundenheit der Heldenfiguren sind Tendenzen zur Isolierung ebenso im Handlungsschema spürbar. So suggeriert z.B. das unveränderte Verhalten des Helden in einer wiederholten, anfangs fehlgeschlagenen Prüfungssituation eine Selbständigkeit der Episoden. Doch während dem Leser das Zusammentreffen bestimmter Gegebenheiten als glücklicher Zufall erscheint, sind die äußerlich völlig isolierten Vorgänge trotzdem auf unsichtbare Weise koordiniert, denn sonst würden sie haltlos nebeneinander stehen. Indem die Figuren jederzeit miteinander in Kontakt treten, sich aber auf Grund mangelnder seelischer Verwurzelung leicht wieder voneinander lösen können, zeichnen sich auch die handelnden Figuren durch eine allseitige universale Beziehungsfähigkeit aus. Ein korrelatives Zusammenwirken von Isolation und Allverbundenheit ergibt sich durch die Figuren und die Gestaltungsweise der Handlungsstruktur. [...]

1.3.3.2 Die Flächenhaftigkeit Von einer räumlichen und zeitlichen, seelischen oder geistigen Tiefengliederung wie auch von einer nuancierten Darstellung des Gefühlslebens der Figuren sieht das Märchen gewöhnlich ab. Gefühle erscheinen in Form von Kausalität unabhängigen Ereignissen, als Zielsetzungen und als Handlungen, ohne jegliche psychologische Analyse oder Beifügung adjektivischer Beschreibungen. „Der deus ex machina ist geradezu Grundsatz der Märchenhandlung [...].“1 Erscheint nicht nur das Innenleben der Figuren projiziert in der Darstellung ihres Äußeren bzw. des Geschehens, so werden ebenso die Beziehungen zwischen den einzelnen Wesen durch äußerlich sichtbare Gaben hergestellt. Das Übergewicht der Handlung gegenüber reflektierenden Erzählsequenzen führt zu einer Projektion der Figuren und Vorgänge „auf die Fläche der Handlung: die Gefühle und Eigenschaften als Gebärden und Taten, die Beziehungen als Gaben, die von einer Figur zur anderen gehen.“2 Nur was in die Fläche der Handlung tritt, wird beleuchtet. 1.3.3.3 Der abstrakte Stil Die Tendenz zur Abstraktion als ein kompensatorisches Grundprinzip des Märchenstils ergibt sich derart, daß u.a. infolge des Verzichts auf eine individualisierende Charakteristik von Personen und Dingen nur das Wesentliche in knappen Umrissen ‘flächenhaft’, mit einer Vorliebe für extreme Kontrastierungen bildhaft zur Sprache kommt. Werden die Figuren stationsweise, in rascher Abfolge geführt, ohne daß sich das Märchen in detaillierten Schilderungen der Einzelheiten verliert, besteht dafür die Handlung aus mehreren Episoden, deren Übersicht durch ihre Konzentrierung auf eine ‘schlanke’ Handlungslinie dem Leser erhalten bleibt. „So bilden Einsträngigkeit und Mehrgliedrigkeit Grundlage und Voraussetzung des abstrakten Stils.“3 Resultieren die klaren Konturen und Umrißlinien der Requisiten aus der Vorliebe für eine Mineralisierung, Metallisierung oder eine bestimmte Farbgebung von Dingen, so stechen sie aus der Fläche hervor. Neben dieser isolierenden Wirkung zählen noch die folgenden Wesenszüge zum abstrakten Stil: Die stilisierten Formeln, auf deren Tradition insbesondere die GEBRÜDER GRIMM Wert gelegt haben4, sowie die Verse, die einerseits der rhythmischen Gestaltung dienen, deren Redundanz andererseits formfestigend und gliedernd [...]

Arbeit zitieren:
Verbüchel, geb. Kallen, Daniela Dezember 1999: Märchen in der psychotherapeutischen Behandlung von Kindern, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Kinderpsychotherapie, Märchen, Kinderpsychiatrie, Märchentherapie

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