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Mädchenliteratur im Wilhelminischen Kaiserreich und ihre pädagogischen Implikationen

Mädchenliteratur im Wilhelminischen Kaiserreich und ihre pädagogischen Implikationen
Über dieses Buch
  • Art: Magisterarbeit
  • Autor: Stefanie Krämer
  • Abgabedatum: September 2004
  • Umfang: 136 Seiten
  • Dateigröße: 462,5 KB
  • Note: 2,0
  • Institution / Hochschule: Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg Deutschland
  • ISBN (eBook): 978-3-8324-8595-5
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Krämer, Stefanie September 2004: Mädchenliteratur im Wilhelminischen Kaiserreich und ihre pädagogischen Implikationen, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Pädagogik, Geschlechter-Erziehung, Backfischliteratur, Mädchenerziehung, Jahrhundertwende

Magisterarbeit von Stefanie Krämer

Zusammenfassung:

Das literarisch gezeichnete Bild der Mädchenerziehung zu Zeiten des Kaisers Wilhelm II., ist den gesellschaftlichen Ambivalenzen angeglichen. Im Rahmen der Geschlechterpolarität bleibt das tradierte Weiblichkeitsideal unangetastet. Es wird nach wie vor an die nächste Mädchengeneration herangetragen, wenn auch mit neuen Perspektiven und innovativen Überlegungen.

Unhinterfragte Einstellungen des Patriarchats, die nun mit den ökonomischen und wirtschaftlichen Veränderungen korrelieren, werden allerdings thematisiert:

Beispielsweise werden die Mädchen ohne standesmäßige Ausnahme zur Erwerbstätigkeit aufgefordert. Die von den jungen Mädchen gefürchteten Vernunftehen können bei eigenem finanziellen Verdienst abgelehnt werden. Für den Fall als Frau alleinstehend zu bleiben, ist die eigene Bestreitung des Lebensunterhalts von enormen Vorteil, da nicht mehr auf die finanzielle Gunst der Verwandten zurückgegriffen werden muss.

Diese beruflichen Vorteile fördern die Eigenständigkeit und heben das Selbstvertrauen der Mädchen. Zudem gewinnen sie neue Perspektiven für ihre Lebensgestaltung. Ihre Identität müssen sie nicht mehr allein von dem Status ihrer Familie oder ihres Mannes ableiten, sondern sie können sich über ihren Beruf definieren. Die Mädchen sollen animiert werden, sich mit ihrer Rolle innerhalb der gesellschaftlichen Wirklichkeit auseinanderzusetzen und sich darin einzufinden. (vgl. Otto 1990, S.72 f.) Die Erziehungswerte, die in der Mädchenliteratur vermittelt werden, bzw. nach denen die verschiedenen Literatursparten konzipiert sind, gründen nach wie vor auf den von Malvine von Steinau eingeführten Begriffs, der „weibliche Takt“. Darunter verbergen sich sämtliche archaisch geprägten weiblichen Tugenden, die in den vorherigen Kapiteln eingehend erörtert worden sind. Von den gedrillten und antrainierten Verhaltensweisen der Bescheidenheit, Reinlichkeit, Folgsamkeit und Selbstverleumdung kann sich die Wilhelminische Generation noch nicht trennen. Dies trifft vor allem auf die höheren gesellschaftlichen Stände zu, die nach wie vor größten Wert auf äußerliche Repräsentanz legen. Die dahin rollenfixierte Mädchenerziehung ist auf die von der Gesellschaft an sie gerichteten Aufgaben und Erwartungen zugeschnitten. Um das Erziehungsziel einer perfekten jungen Dame zu erzwingen, wird auf die beliebten psychologischen Mittel der internalisierten Schuldhaftigkeit und den Liebesentzug zurückgegriffen.

Die Mischung aus tradierten, genuinen Eziehungswerten und der Aufnahme des innovativen Gedankens der Notwendigkeit einer beruflichen Tätigkeit, geht mit den Ansichten der gemäßigten Frauenbewegung konform. Denn die natürliche Rolle der Frau bleibt bestehen, wobei sie gleichzeitig an die neuen gesellschaftlichen Gegebenheiten angepasst wird.

Für die niederen Stände sind die Mädchenbücher als Richtlinien zu verstehen, an die sie sich in der Öffentlichkeit halten können, um möglichst nicht unangenehm aufzufallen. Aufgrund der dargestellten andersartigen Lebensweise der höheren Töchter, haben die typischen Mädchenbücher weniger direkten Einfluss auf die proletarischen Mädchen. Ihre Erziehung ist darauf ausgerichtet, überhaupt existieren und im Leben bestehen zu können. Dennoch verweisen sämtliche Mädchenlektüren darauf, dass deren Inhalte ebenso für Mädchen der weniger gut situierten Schichten sinnvoll seien, schließlich könne das Wissen um geziemtes Verhalten nie schaden.

Die Mädchenliteratur ist im Wilhelminischen Kaiserreich eine Literatur von Frauen für Frauen bzw. Mädchen. Sie verschreiben sich der pädagogischen Aufgabe der Wegbegleitung und der Wegbereitung. Die Mädchenbücher entstehen mit der Intention, die Mädchen zum Ziel ihrer Entwicklung zu führen. Es kann daher abgeleitet werden, dass in der Wilhelminischen Ära die Erziehung als ein Prozess gesehen wird, der mit einem konkreten Abschluss beendet ist. Die Metamorphose des Mädchens ist mit Beendigung ihrer Pensionszeit, bzw. mit ihrer Heirat, abgeschlossen, indem sie als reife, vollkommene und perfekte Dame auftritt.

Die in der Mädchenliteratur dargestellten Lebensbilder sind allerdings lediglich ein Wunschprodukt der Verfasserinnen. Die geschilderte Idealerziehung ist nicht als Abbild der Realität zu verstehen, sondern sie liefert idealisierte Anschauungen, Werte und Verhaltensweisen. Ohne die Kenntnis der anthropologischen, sozialen und ökonomischen Wirklichkeit ist dies kaum möglich. Jedoch ist der Mensch mit seiner gesamten Kultur und den damit einhergehenden Denkweisen verbunden, so dass eine schriftliche Darstellung von idealisierten Normen, immer gesellschaftlich geprägt ist und somit trotzdem als Zeitzeugnis zu sehen ist.

Diese literarisch verarbeitete Wunschwirklichkeit, zeigt folglich die Zwiespältigkeit zwischen den tradierten Weiblichkeitsidealen und den realen Veränderungen in Wirtschaft und Geschlechterdenken.

Der Umbruch in der Erweiterung des Tätigkeitsfeldes und somit der Entwicklungsmöglichkeiten für Frauen schafft eine enorme Stärkung des Selbstbewusstseins und Eigenständigkeit.

Neben dem beruflich öffentlichen Einstieg ist vor allem die Konzentration auf das Pragmatische maßgebend für die Förderung der Selbständigkeit der jungen Frauen. Diese innovativ zeitgemäße Aufforderung wendet sich von dem Schöngeistigen ab und propagiert die Beschäftigung mit den Wissenschaften und dem Praktischen, was standesübergreifend wirksam ist.

Der Aufbruch zur neuen Wesensdefinition der Frau schafft aber nicht nur Zuversicht auf Gleichberechtigung, sondern auch Unsicherheit. Denn aus der Angst vor unerprobten und vor allem gesellschaftlich vorerst stark negierten und kritisierten Neuem, wird an bewährtem Gedankengut festgehalten. Dieses ist in der Lage den Mädchen eine gewisse Sicherheit im Leben zu garantieren. Von diesen funktionierenden Verhaltensregeln geleitet, ist ein Mädchen in den anbrechenden, unsicheren Zeiten beschützt. Denn die Modernisierung und Industrialisierung der Lebensbereiche bringen, wie in den einleitenden Kapiteln geschildert, nicht nur positive Innovationen mit sich. So muss sich wohl auch erst die emanzipatorische Denkweise weiter entwickeln und bewähren, bevor sie von den Müttern, Erzieherinnen und Schriftstellerinnen an die nächste weibliche Generation weitergegeben wird.

Die durchgängige Kritik der Realitätsferne an der mädchenspezifischen Literatur, muss folglich zurückgeschraubt werden, denn der pädagogische Anspruch, eine Hilfestellung für das Leben bieten zu können, wird auf diese vorsichtige Art und Weise gegeben.

Insbesondere für das Genre der Mädchenzeitschriften kann diese Kritik nicht geltend gemacht werden. Schließlich müssen die zahlreichen Illustrierten für die arbeitende weibliche Bevölkerung mit berücksichtigt werden. Und in ihnen wird auf die Belange der Arbeiterinnen eingegangen, politische und lebenspraxis orientierte Themen aufgearbeitet und progressives Gedankengut verbreitet.

Die generelle Kritik an der Behinderung einer wahren Identitätsstiftung der Mädchenbücher ist berechtigt, dennoch ist die Lektürenanalyse im Hinblick auf diesen Aspekt, eindeutig aus der Perspektive des späten 20. bzw. des 21. Jahrhunderts zu verstehen.Unser heutiges Identitäts-, Individualitäts-, Gleichberechtigungs- und Freiheitsverständnis hat es zu jener Zeit noch nicht gegeben.

Die Begriffsdefinition haben sich erst entwickeln müssen und werden sich auch in Zukunft mit der Gesellschaft weiterhin verändern.

Von daher ist es als wirklicher Fortschritt zu verzeichnen, dass in den Mädchenbüchern ein gedanklicher Schritt in Richtung eines eigenständigen Lebens und der damit verbundenen wahren Identität getätigt wird. Berufe werden für junge Mädchen aufgezeigt, wodurch ihnen ein gewisser Freiraum in ihrer geistigen und lebensgestalterischen Entwicklung zugestanden wird.

Die Erziehung der Mädchen ist nach all dem Gelesenen in der Tat von archaisch patriarchalischen Gedankengut durchwoben und auf die Naivitätserhaltung getrimmt. Dennoch bleibt Spielraum für eine gewisse selbständige Entwicklung auf beruflicher Ebene, als auch im privaten Bereich. Und exakt dieser geringfügige, aber eigene Bewegungsraum ist der immense Sprung in die sich anbahnende, gleichberechtigte Zukunft.

Die Mädchenlektüre des Wilhelminischen Kaiserreichs unterstützt somit die emanzipatorischen Bestrebungen. Sie greift tradierte Erziehungswerte auf und entwickelt sie weiter, wodurch die Mädchenliteratur innovative Denkmuster schafft und die Rezeptivität dafür in der Gesellschaft steigert. Die Autorinnen der mädchenspezifischen Lektüre leisten auf diese Weise ihren Beitrag zur freieren Mädchenerziehung- und Entwicklung.

Inhaltsverzeichnis:

I. Einleitung 1
II. Das politische und gesellschaftliche Leben im Wilhelminischen Kaiserreich 2
1. Die Entwicklung des Wilhelminischen Reichs 2
2. Alltag im Besitz-, Bildungs- und Großbürgertum 7
a. Das Frauenbild zur Jahrhundertwende 8
b. Die Stellung der Frau in Familie und Gesellschaft 12
c. Kindererziehung im Großbürgertum 12
d. Mädchenleben in der Bourgeoisie 17
3. Alltag des Kleinbürgertums, der Arbeiter und Bauern 21
a. Mädchenleben im Proletariat 23
b. Frauenrechtlerinnen 29
III. Mädchenliteratur im Wilhelminischen Kaiserreich und ihre pädagogischen Implikationen 31
1. Ein Überblick über die Sparten der Mädchenliteratur 34
a. Mädchenratgeber 37
b. Backfischliteratur 39
c. Mädchenzeitschriften 41
2. Die Beliebtheit der Mädchenliteratur 41
a. Die Funktion der Mädchenliteratur für höhere Töchter 46
b. Die Funktion der Literatur für Arbeitermädchen 47
3. Die Mädchenratgeber und ihre pädagogischen Inhalte 48
a. Karl Weiß: Unsere Töchter und ihre Zukunft - Mädchen-Erziehungs-Buch. 54
b. Malvine von Steinau: Leitfaden für junge Mädchen beim Eintritt in die Welt. 61
c. Amalie Baisch (Hg.): Aus der Töchterschule ins Leben - Ein allseitiger Berater für Deutschlands Jungfrauen. 79
4. Der Mädchenroman und seine Erziehungswerte, aufgezeigt am Beispiel von Fanny Stöckert‘s „Trudchens Tagebuch“ 107
5. Die Zeitschriften für Mädchen und ihre Diversität 120
IV. Zusammenfassung 124
V. Literaturverzeichnis 129

Automatisiert erstellter Textauszug:

Das siebte Kapitel schließt mit den Themen der Religiosität und Sittsamkeit an (S.63–71). Der Glauben an ein höhere Gottheit sollte in jedem Mädchen wohnen und aufrichtig gelebt sein. Die gegenwärtige Zeit des ausgehenden 19. Jahrhunderts propagiert jedoch den Freigeist und gerade in den höheren wissenschaftlich geprägten Kreisen gilt ein gewisser Atheismus als chic, besonders frei und gebildet. Wird die Leserin nach ihrem Standpunkt zur Glaubensfrage befragt, so ist es am geschicktesten, sich nicht auf Diskussionen diesbezüglich einzulassen und ihre Meinung so kurz wie möglich zu fassen und darauf zu verweisen, dass einem jeden seine eigene Sichtweise dazu freisteht. Wenn sie nicht direkt auf dieses [...]

An dieser Stelle vollzieht von Steinau einen inhaltlichen Schnitt und geht von allgemeinen gesellschaftlichen Verhaltensregeln zur Bildung über, genauer gesagt zur Weiterbildung (S.51–63). In diesem Kapitel kristallisiert sich heraus, dass Malvine von Steinau die Begriffe der Erziehung und Bildung gleichsetzt und sie auch gleichwertig verwendet. Beim Austritt aus der Schule ist ein Mädchen höchstens siebzehn Jahre alt, sie wird aber erst mit einundzwanzig Jahren vom Staat mündig gesprochen, weswegen eine Zeit der Erziehung anzuknüpfen hat. Diese Zeit will gut genutzt sein, weswegen eine Weiterbildung in der Freizeit, mittels geeigneter Bücher eingeführt werden sollte. Für ein gebildetes Mädchen gehört es zum guten Ton, über Politik, Zeitgeschehen, Kultur und Wissenschaft informiert zu sein, weswegen sie auf Zeitungen, Familienblätter und Zeitschriften ruhig zurückgreifen kann und sollte. Denn es wäre äußerst peinlich, in einer gesellschaftliche Konversation nicht zu wissen, worum sich das Gespräch dreht. Mädchen deren Eltern sich teure Abonnements oder andere Literatur nicht leisten können, haben die Option sich an einen Lesezirkel zu wenden. Mode- und Handarbeitszeitschriften werden in ihrem Nutzen, in Bezug auf Sparsamkeit des selbst Anfertigen, besonders hervorgehoben. Auch die Frauenzeitschriften mit ihren emanzipatorischen Inhalten werden als lesenswert emp- [...]

tenstücke nicht entfernt sind oder welke Blumen in den Vasen ohne frisches Wasser oder die Vögelchen in ihren Gebanern noch nicht gefüttert sind“ (S.45). Dabei wird gleichzeitig vor Putzsucht und zu großer Eitelkeit bei der morgendlichen Toilette gewarnt. Das Mädchen muss lernen seine Zeit den Aufgaben entsprechend einzuteilen, um keinerlei Lebenszeit unnütz zu verschwenden. Das „ist eine der wichtigsten Aufgaben des Mädchenlebens“ (S.46). Aber auch die Zeit anderer darf nicht vergeudet werden. So muss man sich stets bemühen, bei Gastgebern pünktlich zu erscheinen, bzw. Gäste im Salon nicht warten zu lassen. Die Pünktlichkeit ist für jede andere Tätigkeit nur von Vorteil und gerade im Hauswesen unentbehrlich. Nicht nur in dieser Hinsicht sei das Mädchen ein Vorbild für andere Gleichaltrige oder Jüngere und auch für die Dienerschaft. Sie sollte darauf achten in häuslicher Gesellschaft, wie etwa bei den Kränzchen, der Mutter und im gegebenen Fall auch der Dienerschaft, tüchtig, still und ordentlich Arbeit abzunehmen. [...]

Arbeit zitieren:
Krämer, Stefanie September 2004: Mädchenliteratur im Wilhelminischen Kaiserreich und ihre pädagogischen Implikationen, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Pädagogik, Geschlechter-Erziehung, Backfischliteratur, Mädchenerziehung, Jahrhundertwende

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