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Die Gottesreden im Buch Hiob

Die Gottesreden im Buch Hiob
Über dieses Buch
  • Art: MA-Thesis / Master
  • Autor: Susann Koch
  • Abgabedatum: Juni 2009
  • Umfang: 124 Seiten
  • Dateigröße: 902,8 KB
  • Note: 1,5
  • Institution / Hochschule: Universität Hildesheim Deutschland
  • Bibliografie: ca. 94
  • ISBN (eBook): 978-3-8366-4395-5
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Koch, Susann Juni 2009: Die Gottesreden im Buch Hiob, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Gerechtigkeit, Schöpfung, Chaos, Utopie, Exegese

MA-Thesis / Master von Susann Koch

Einleitung:

Warum muss der Gerechte leiden?

Die Erfahrung von Leid und die Frage nach der Ursache und dem Sinn des Leids gehören zu den Grunderfahrungen und -fragen der Menschheit. Große ‘Warum, Gott?’-Plakate werden in Nachrichten und Reportagen gern eingeblendet, wenn Unschuldige Leid oder gar den Tod erfahren müssen. Die Problematik ist freilich zeitlos, überindividuell und übernational. Sie kann von Menschen verschiedener Zeitalter und von Angehörigen unterschiedlicher Völker erlebt und miterlitten werden. Jeder hat sich sicher schon einmal die Frage nach der Gerechtigkeit Gottes angesichts persönlicher oder universaler Missstände gestellt.

Der fromme, untadelige Hiob gerät ebenfalls ohne eigenes Verschulden in eine tiefe Krise, in ein großes Leid, so schreibt es der unbekannte, nachexilische Verfasser des Hiobbuches. Die Frage, ob Hiobs Frömmigkeit nur durch die Tatsache seines Wohlergehens vorhanden war und ob er auch im Unglück an Gott festhalten würde, bildete den Ausgangspunkt einer Art ‘Wette’ zwischen Gott und Satan, welche Hiobs Lebensgeschichte maßgeblich bestimmte.

Hiob klagt Gott auf sein Leid hin schwer an und fragt auch ‘Warum?’, aber er geht weit über die inkonkrete Frage hinaus und äußert explizit und ausführlich. Er kann diesen Zusammenhang seines Tuns mit dem eingetroffenen Leid nicht logisch verbinden. Seine Äußerungen führen durch Monologe, Gespräche mit seinen Freunden, bis hin zur direkten Anrede und Anklage an Gott.

Hiobs Leid ist jedoch kein normales. Es geht nicht um Leid im Krieg oder Leid aus Unterdrückung durch andere Menschen. Das Leid, anfänglich der Verlust seines Reichtums und seiner Kinder, anschließend durch eigene, schwere Krankheit, beschreibt letztendlich eher den Abstand zwischen Hiob und Gott, zwischen Geschöpf und Schöpfer, der jede Einsicht und Deutung verwehrt. Es geht nicht um das Erbeten und Zurückwünschen des vorherigen (besseren) Zustandes, sondern um Begründungen des (ungerechten) Leids.

Hiobs Mut war zu dieser Zeit außerordentlich, denn nach alttestamentlicher Grundanschauung war man davon überzeugt, dass Leid die Strafe für Sünde ist und sein sollte (Tun-Ergehen-Zusammenhang). Doch Hiob zweifelte dies an und scheute sich nicht, dies auszusprechen. Die ‘Krise der Weisheit’ wurde damit im Hiobbuch zum Ausdruck gebracht und zur Diskussion gestellt.

Gottes Antwort auf Hiobs Problemfall ist in den letzten vier Kapiteln des Buches wiedergegeben. Die Gottesreden sind der Höhepunkt des Werkes, worin die theologische Distanz Gottes zu diskutieren ist. Durch die Form der Theophanie gibt er keine konkreten, direkten Lösungen auf Hiobs Fragen. Stattdessen präsentiert Gott seine Schöpfung auf faszinierende Weise, wodurch der Leidende letztendlich sein Ja zur Geschöpflichkeit findet. Statt von Hiobs Geschick zu reden, wird eine außer- und gegenmenschliche Welt vorgestellt, die nicht auf den Menschen und seine Bedürfnisse ausgerichtet ist. Gott stellt sich nicht als Harmoniegarant vor, sondern beschreibt die chaotischen Elemente der Welt, die er aber immer wieder bekämpft und begrenzt. So ist die Widersprüchlichkeit zwischen Hiobs Tun und seinem Ergehen in der Analogie zur Widersprüchlichkeit der Welt im Ganzen aufgezeigt. Die Analogie indes ist nicht die Begründung für das Leiden Hiobs. Sie zeigt weder den Zweck noch die Notwendigkeit des Leids. Doch sie erzählt vom Ende dieses und bezeichnet damit partiell und utopisch, dass jedes Leiden ein Ende haben kann.

Die Gottesreden des Hiobbuches werden in dieser Arbeit näher untersucht. Nach einer Hinführung zu diesen wird eine Exegese der knapp vier Kapitel erfolgen. Die daraus gewonnenen ‘Erkenntnisse’ werden als Basis für die weiteren Kapitel dieser Arbeit dienen. Zum einen wird daraufhin der Kontext der Hiobdichtung um die leidende Person Hiob betrachtet und der Nutzen für diesen im Leid geklärt. Zum anderen soll eine Gegenüberstellung zum Volk Israel stattfinden. Jenes bekam ebenfalls in seinen schwersten Zeiten im Babylonischen Exil eine Schöpfungs-Geschichte überliefert. Zwischen den beiden Geschichten spielen sich interessante Parallelen auf universaler und ganz persönlicher Ebene ab, die doch auf ein und dasselbe Ziel gerichtet sind. Die Schöpfung in ihrem Zweck und ihrer Intention der Verwendung näher zu verdeutlichen, ist ein wichtiger Aspekt dieser Arbeit. Letztendlich geht es um den Schöpfungsglauben, der Krisen überwinden lässt.

Inhaltsverzeichnis:

Die Gottesreden im Buch Hiob 2
1. Die Hiob-Dichtung 4
1.1 Verfasser und Datierung 4
1.2 Weisheitsliteratur 7
2. Aufbau des Hiobbuches 10
3. Prolog 11
4. Dialog mit den Freunden (Hi 3-37) 18
4.1 Erster Redezyklus 18
4.2 Zweiter und dritter Redezyklus 21
4.3 Elihu-Reden 23
4.4 Resümee: Situation bis zum 38. Kapitel 24
4.4.1 Die Freunde 25
4.4.2 Hiob 27
5. Die Gottesreden 32
5.1 Die erste Gottesrede 34
5.1.1 Einleitung 36
5.1.2 Schöpfung und unbelebter Kosmos 37
5.1.3 Tierwelt 43
5.1.4 JHWHs Herausforderung 51
5.1.5 Hiobs Antwort 51
5.2 Die zweite Gottesrede 52
5.2.1 Gott – ein Frevler? 52
5.2.2 Behemoth 54
5.2.3 Leviathan 56
5.2.4 Hiobs Antwort 61
6. Epilog 65
6.1 Hiobs Rechtfertigung 65
6.2 Hiobs Wiederherstellung 67
7. Stilmittel 70
8. ‘Gerechtigkeit’ in den Gottesreden 75
9. Schöpfung in den Gottesreden 77
9.1 Schöpfungsperspektiven des AT 79
9.1.1 Hiob 38ff. 80
9.1.2 Genesis 1 87
9.1.3 Genesis 2f. 90
9.1.4 Psalm 104 92
9.1.5 Deutero-Jesaja, Jesaja 51 94
9.1.6 Resümee 96
9.2 Schöpfung und Volk Israel 100
9.2.1 Neuansätze neben der Priesterschrift 104
9.2.2 Priesterlicher Schöpfungstext 105
9.3 Hiob und Volk Israel 109
9.3.1 Parallelen 110
9.3.2 Vergleichbarkeit 113
9.3.3 Folgerung 114
10. Fazit 116
Literaturverzeichnis 119

Textprobe:

Kapitel 5.2.2, Behemoth:

Die Tiere Behemoth und Leviathan, die ab dem 15. Vers thematisiert werden, gehören einer anderen Welt an als die wilden zehn Tiere aus der ersten Gottesrede. Bei den Tieren schwingt neben der realen ebenso eine symbolisch-mythologische Perspektive mit. Beide Tiere können äußerst friedlich wirken und können zugleich äußerst gefährlich sein. In einer Untersuchung erkannte Bochardt 1663 das Nilpferd (eigentlich: Riesenvieh) in Hi 40 als den Behemoth, der in den Gottesreden als Erstes genannt wird und deshalb zuerst betrachtet werden soll. Bochart hatte diese Identifikation mit dem Nilpferd gegen die damals übliche, den Elefanten, aufgestellt und verteidigt. Es scheint jedoch unwahrscheinlich, dass die israelitischen Weisen als Autoren eine genaue Vorstellung von diesem Tier hatten. Wohlmöglich interessierte dabei vielmehr die Jagd auf das Tier, statt das Tier als solches. Gott beschreibt Hiob ein Tier, dass er als unüberwindlich schildert, nicht, weil es ein Nilpferd ist, sondern weil das als Einzelgänger lebende, männliche, rote Nilpferd als Symbol des Bösen galt. Ohne diesen Hintergrund ist der Abschnitt um Behemoth nicht zu verstehen und von daher erklärt sich erst jener Name, der schon früh zu einer rein mythischen Deutung verleitet hat. Das konkrete Nilpferd (nicht als solches sondern) als Symbol des Bösen zu jagen und zu überwinden ist dem Menschen nicht möglich. Es steht in der zweiten Gottesrede als Repräsentant einer nicht nur widrigen, sondern schlechthin feindlichen Welt, als Chaos und die Herrschaft Gottes potentiell bestreitendes Monstrum. Innerhalb der kanonischen Schriften der hebräischen Bibel taucht das Riesentier nur in dieser Szene und an keiner weiteren Stelle auf. In der ägyptischen Geschichte und Kultur sind von Beginn der Zeugnisse Darstellungen einer Nilpferdjagd überliefert. Die Jagd war jedoch weit mehr als ein Sport. Vielmehr ist die Tötung dieses Tieres durch den König ein ritueller Akt der Sicherung der Weltordnung gegen die Chaosmächte, die, würden sie nicht besiegt werden, die Welt ins Chaos stürzen würden. Der welterhaltende Vorgang der Nilpferdjagd bekommt im Laufe der ägyptischen Geschichte eine immer größere Bedeutung. So ist die Bedrohung durch jene real-monströsen Tiere als Chaostiere in der Spätzeit so groß empfunden worden, dass nicht mehr der König, sondern allein der Gott Horus es sein kann, der dieses Tier überhaupt erlegen können sollte. In seiner Rede übernimmt nun Gott die ‘Rolle’ des ägyptischen Horus, der die Ordnung der Welt dadurch erhält. Das Nilpferd, welches als reales Tier galt, das real gejagt und erlegt wurde, ist, und das sei hier nochmals betont, ein mythologisches Tier.

Hi 40, 15 Sieh doch den Behemoth, den ich mit dir gemacht habe; er frisst Gras wie das Rind. 16 Sieh doch, seine Kraft ist in seinen Lenden, und seine Stärke in den Muskeln seines Bauches. 17 Er biegt seinen Schwanz gleich einer Zeder, die Sehnen seiner Schenkel sind verflochten. 18 Seine Knochen sind Röhren von Erz, seine Gebeine gleich Barren von Eisen. 19 Er ist der Erstling der Wege Gottes; der ihn gemacht, hat ihm sein Schwert beschafft. 20 Denn die Berge tragen ihm Futter, und daselbst spielt alles Getier des Feldes. 21 Unter Lotosbüschen legt er sich nieder, im Versteck von Rohr und Sumpf; 22 Lotosbüsche bedecken ihn mit ihrem Schatten, es umgeben ihn die Weiden des Baches. 23 Siehe, der Strom schwillt mächtig an- er flieht nicht ängstlich davon; er bleibt wohlgemut, wenn ein Jordan gegen sein Maul hervorbricht. 24 Fängt man ihn wohl vor seinen Augen, durchbohrt man ihm die Nase mit einem Fangseile?

Dieser Abschnitt umfasst eine größere Schilderung des Aussehens, der Kraft und der Lebensgewohnheiten des mit den Namen Behemoth bezeichneten mythischen-realen Tieres. Behemoth, bewusst als Eigenname übersetzt, drückt den mythischen Charakter aus und hilft dabei, das Tier nicht allein als zoologische Gattung wahrzunehmen. Es steht als Repräsentant für das Chaos, als Götter- und Menschenfeind. Insofern reagiert Gott durch jenes Benennen auf Hiobs Vorwurf, Gott lasse es zu, dass die Frevler Macht und Kraft haben. Hiobs Rolle stellt Gott (V.15) auf besondere Weise dar, indem er sagt, er habe den Behemoth geschaffen (zusammen) mit Hiob. Beide Geschöpfe gehören zu Gottes Welt und damit auch der zwischen ihnen bestehende Gegensatz. Die Mit-Erschaffung betont, dass der Behemoth weder für noch gegen Hiob, der weiterhin als Repräsentant für den Menschen stehen kann, geschaffen ist. Die Diastase zwischen der von Gott bereiteten Welt und dem Chaostier wird durch diese Aussage, dass auch der Behemoth von Gott geschaffen sei, nicht befriedigt, aber trotzdem schöpfungstheologisch einbegriffen. Also sind auch die Elemente, die die Schöpfung (scheinbar) in Frage stellen, Bestandteile der Schöpfung, womit der Widerspruch zwischen ‘Chaos’ und ‘Weltordnung’ in die Schöpfung verlegt wird.

Der Behemoth wirkt stark und ruhig zugleich. Er erscheint zunächst aber als das im Wasser liegende Nilpferd, als Sinnbild gemächlicher Größe und träger Kraft, doch nur solange, bis er seinen Ruheort verlässt und alles zerstört und verwüstet, was auf seinem Weg ist. Diese doppelte Erfahrung spiegelt das bereits erwähnte Dilemma, dass von Feind und Gottes Geschöpf zugleich spricht. Der obige Textausschnitt beschreibt es (V. 15) als Tier, welches ungeheuer stark ist, obwohl es nur Gras frisst wie das Rind. Deutlich wird abermals, dass Behemoth im Mittelpunkt des spielenden Getiers, sozusagen als ‘König der Tiere’ lebt. Auch was andere Tiere erschreckt, wie Dornen (V.21) oder große Wassermassen (V.23), kann dem Riesenvieh nichts anhaben. Weder verletzt, noch vernichtet es ihn. Vers 24 zeigt, dass selbst dann, wenn er gefangen wäre, er nicht leicht zu erledigen wäre. So leitet der Vers durch die Erwähnung des Fanghakens über zu einer Schilderung eines zweiten Gegners, der weder so, noch überhaupt vom Menschen erledigt werden kann.

Arbeit zitieren:
Koch, Susann Juni 2009: Die Gottesreden im Buch Hiob, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Gerechtigkeit, Schöpfung, Chaos, Utopie, Exegese

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