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Hirnforschung und Klinische Sozialarbeit

Grundlagen zur Wirksamkeit von Betreuungsbeziehungen

Hirnforschung und Klinische Sozialarbeit
Über dieses Buch
  • Art: Masterarbeit
  • Autor: Sven Bahlmann
  • Abgabedatum: Juni 2009
  • Umfang: 90 Seiten
  • Dateigröße: 5,9 MB
  • Note: 1,3
  • Institution / Hochschule: Katholische Fachhochschule Berlin Deutschland
  • Bibliografie: ca. 129
  • ISBN (eBook): 978-3-8366-4498-3
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Bahlmann, Sven Juni 2009: Hirnforschung und Klinische Sozialarbeit, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Hirnforschung, Sozialarbeit, Spiegelneurone, Intersubjektivität, Biographie

Masterarbeit von Sven Bahlmann

Einleitung:

In dieser Masterthesis möchte ich drei Perspektiven verbinden. Die Hirnforschung, deren neuere Forschungsergebnisse in aller Munde und in mancher Köpfe sind, die klinische Sozialarbeit, mit der ich mich im Masterstudium beschäftige und die praktische Beziehungsarbeit mit Bewohnern der ZiKgGmbH. Bereits während des Studiums habe ich bei Arbeiten zur Willensfreiheit, zur Borderline-Persönlichkeitsstörung und zum autobiographischen Gedächtnis diese drei Sichtweisen aufeinander bezogen, ohne sie jedoch theoretisch-konzeptionell in ein grundlegendes Verhältnis gesetzt zu haben.

Bislang sind die Potentiale der neurobiologischen Erkenntnisse in der Fachdiskussion und auch der“operativen Sozialarbeit zu wenig oder gar nicht bekannt, sie werden demzufolge auch nicht genutzt“. Ein Grund mag darin liegen, dass die Hirnforschung oft mit übertriebener Vorsicht und manchmal sogar polemischer Ablehnung rezipiert wird. Lindenberg und Lutz befürchten die „Biologisierung des Sozialen“ mache „soziale Arbeit überflüssig“. Die Kritiker scheuen sich trotz fehlendem Verstehen nicht, eine klare Analyse anzubieten: „Wir gestehen, dass wir diese biologischen Erklärungen nicht wirklich verstehen. Deshalb tun wir das, was wir hoffen, zu können: Wir stellen diese Erklärungen in ihren sozialen Zusammenhang und beurteilen sie“.

Wo die Hirnforschung in der Fachdiskussion der sozialen Arbeit auf Beachtung stößt, werden neurobiologische und geisteswissenschaftliche Sichtweisen oft nur nebeneinander gestellt, anstatt sie inhaltlich in Beziehung zu setzen. Die Hirnforschung bietet so die scheinbar beeindruckende Evidenz einer zweiten Erkenntnisebene für psycho-soziale Prozesse. Ein Beispiel ist „Das soziale Gehirn. Einführung in die Neurobiologie für psychosoziale Berufe“ von Thomas Schmitt, der „aus dem explodierenden Wissen rund ums Gehirn mir wichtig erscheinende Bereiche herauszulösen und darzustellen“ versucht. Für Schmitt fehlt es dabei lediglich an „notwendigen Grundinformationen, um die Befunde in das eigene Welt- und Menschenverständnis einzuordnen“.

Eine theoretisch-konzeptionelle Verknüpfung von Hirnforschung und klinischer Sozialarbeit benötigt eine Verankerung in der anthropologischen Ideengeschichte und kommt daher nicht umhin sich mit dem auf Descartes zurückgehenden Leib-Seele-Problem zu beschäftigen.

Für Nadia Zaboura müssen sich „alle Geistes- und Sozialwissenschaften im neu erstarkten interdisziplinären Diskurs“ mit der „Kompatibilität verschiedener physiologischer und geistiger Prozesse“ und letztlich der „Vereinbarung von nature und nurture“ auseinandersetzen.

Nach Ansicht von Fischer-Rosenthal haben „weder die Naturwissenschaften noch die Geisteswissenschaften (…) in ihren Modellen Wirkungen ihrer Wissensbildung außerhalb ihrer Sicht- und Wirkbereiche konzipieren (…) können“. Für die Sozialwissenschaften bestehe die Gefahr, der „praktischen Zweiteilung der Zunft in eher ´subjektsensible` Forschung und in die anwendungsorientierte Abteilung, die entsprechend den Methoden der Naturwissenschaften ´soziale Tatsachen` messen will“ was als „ Beleg für den wirkenden Cartesianismus in den Sozialwissenschaften“ zu sehen sei.

Diese Masterthesis versucht naturwissenschaftliche mit geistes- und sozialwissenschaftlichen Perspektiven mit ihren jeweils eigenen Erkenntnistheorien und Menschenbildern zu verbinden. Die jeweiligen „Beschreibungssysteme“ (Habermas) und Sprachen sind dabei zunächst unterschiedlich, was die Lesbarkeit manchmal erschweren mag, jedoch durch das Aufzeigen von konzeptionellen und sprachlichen Kohärenzen im Verlauf der Arbeit etwas einfacher wird.

Inhaltsverzeichnis:

1. Einführung 3
2. Kritik des neurobiologischen Reduktionismus 10
3. Die Grundlagen der systemisch-ökologischen Konzeption von Thomas Fuchs und das biopsychosoziale Modell 13
3.1 Leib und Körper 13
3.2 Organismus und Umwelt 15
3.3 Lineare oder integrale Kausalität 17
3.4 Psychische Gesundheit und Krankheit als zirkuläres Geschehen 23
4. Das Gehirn ein Beziehungsorgan 29
4.1 Körper und Gefühle 30
4.2 Bindung und Intersubjektivität 33
4.2.1 Primäre Intersubjektivität 33
4.2.2 Sekundäre Intersubjektivität 36
4.2.3 Sprache, Denken und Perspektivenübernahme 38
4.3 Spiegelneurone 40
4.4 Gedächtnis und Erfahrung 45
4.4.1 Implizites Gedächtnis 45
4.4.2 Autobiographisches Gedächtnis 48
5. Verkörperte Intersubjektivität als biographische Ressource in der klinischen Sozialarbeit – eine Fallvignette 52
5.1 Die soziale und gesundheitliche Situation von Klaus O. 52
5.2 Besuch bei der Familie O. in Ahlerstedt 55
5.2.1 Vorbereitung 55
5.2.2 Die Reise nach Ahlerstedt 58
5.3 Biographische Ressourcen 60
5.3.1 Leibverlust und Zwischenleiblichkeit 60
5.3.2 Subjektivität und Intersubjektivität 63
5.3.3 Sozialität und Anerkennung 65
5.3.4 Biographische Sinnüberschüsse und Ressourcen 66
5.4 Biographieorientierte klinischen Sozialarbeit - eine Skizze 67
6. Folgerungen der neurobiologischen Erkenntnisse für Theorie und Praxis der Klinischen Sozialarbeit 70
6.1 Betreuungsbeziehungen in der Klinischen Sozialarbeit 70
6.2 Anthropologische und ethische Perspektiven 75
Anmerkungen 82
Literaturverzeichnis 84
Abbildungen 91

Textprobe:

Kapitel 4.2, Bindung und Intersubjektivität:

Primäre Intersubjektivität.

Das menschliche Gehirn entwickelt sich von der Pränatalzeit an in Resonanz mit der Mutter, deren körperliches und seelisches Befinden sich auf das ungeborene Kind überträgt. So können sich dauerhaft erhöhte Stressreaktionen der Mutter auf Gehirnreifung und Temperamentsentwicklung des Fötus auswirken. Kinder, die unter derart ungünstigen pränatalen Bedingungen aufwachsen, zeigen in ihrer weiteren Entwicklung nachweislich häufiger Verhaltensauffälligkeiten.

Auch nach der Geburt kommt es zu einem fein abgestimmten Dialog zwischen Mutter und Kind. Vereinfachtes Verhalten wie die Ammensprache der Mutter erleichtert einen affektiven Austausch, der den Neugeborenen beruhigen oder auch stimulieren kann („affekt-attunement“). Säuglinge ihrerseits haben zum Beispiel eine Vorliebe für die mütterliche Stimme, deren Klangmuster ihnen vertraut ist.

Die Ergebnisse der Säuglingsforschung stützen die phänomenologische Konzeption Merleau-Pontys von einer „ursprünglichen Sphäre kommunikativer ´Zwischenleiblichkeit`“. Mutter und Kind spüren sich am eigenen Leib, lange bevor verbales und reflexives Verstehen einsetzt.

Die Säuglinge verfügen über ein angeborenes intersubjektives Körperschema, das die Wahrnehmung des eigenen Körpers mit der des anderen verbindet. So imitieren Neugeborene gezielt, also nicht nur reflexhaft, mimische Signale wie das Zungezeigen oder Mundöffnen. Für unbelebte physische Objekte, selbst wenn sie sich bewegen, zeigen Säuglinge dagegen deutlich weniger Interesse als für das Verhalten lebender Personen. In den „dyadischen Bewusstseinszuständen“ der ersten Lebensmonate lernt das Kind nun die mütterlichen Emotionen mit spezifischen Kontexten zu verbinden und seine Bedeutungen zu unterscheiden. Für Martin Dornes entwickelt sich die volle Interaffektivität bis zum Alter von etwa neun Monaten.

John Bowlby legte Mitte des letzten Jahrhunderts mit der Bindungstheorie einen Erklärungsansatz vor, der die Entwicklung einer primären Intersubjektivität beim Säugling psychologisch und neurobiologisch anschaulich macht. Inzwischen sind aktuelle Modelle der Bindungstheorie zu einem wichtigen Forschungsfeld von Entwicklungspsychologie und Neurowissenschaften geworden.

Die Bindungstheorie geht von einem angeborenen Bindungsbedürfnis aus, das zur Regulation von Nähe und Distanz zu wichtigen Bezugspersonen beiträgt. Das Kind hält bedeutsame Beziehungserfahrungen in „inneren Arbeitsmodellen von Bindung“ und in sicheren oder auch unsicheren Bindungsstilen (Anm.8) fest.

Die Bindungsstile haben im limbischen System und in koritikalen Hirnstrukturen neuronale Korrelate und werden durch Neurotransmitter, wie körpereigenen Opiaten und das „Bindungshormon“ Oxytoxin moduliert. Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass die Bindung zu wichtigen „Personen (Partner, eigenes Baby) das neuronale Belohnungssystem in Gang setzen sowie eine Deaktivierung von negativen Gefühlen („Liebe macht blind“) bewirken“. Bauer geht sogar davon aus, dass eine „Mindestdosis von verstehender Resonanz ein elementares biologisches Bedürfnis ist, ohne das wir letztendlich gar nicht leben können“.

Thomas Fuchs beschreibt die frühe Mutter-Kind-Dyade „als ein biologisches System nach dem Schema des Funktionskreises“ (…), „wobei hier der Kreis zwei Subjekte umfasst, von denen eines die Umwelt für das andere darstellt“. Die Bindung zur Mutter ermöglicht eine Reifung der biologischen und psychischen Potentiale oder „Vermögen“ des Säuglings. Die „offenen Schleifen“ seines noch unreifen Gehirns suchen im Bindungsverhalten nach Homöostasen mit dem ausgereiften System der Mutter, bis es durch die Verinnerlichung von „inneren Arbeitsmodellen“ und einer erfolgreichen Erprobung von Selbstwirksamkeit an Autonomie gewinnt.

Bei angemessener Fürsorge wächst Vertrauen und eine „sichere Basis“ für die Erkundung der Umwelt. Die Bindungsperson ist dann für das Kind auch ein Rückzugsort, wenn es auf Schwierigkeiten stößt und Trost oder Schutz braucht. Bei kurzzeitigen Störungen der Bindungsbeziehung, die unvermeidlich sind, wird der Stresskreislauf des Kindes durch beruhigende Aktivitäten der Mutter oder auch des Vaters „interaktiv repariert“.

Anhaltende Vernachlässigung von nahen Bezugspersonen, Verlust und traumatische Erfahrungen können die Entwicklung des Kindes nachhaltig beeinträchtigen. Die Folge ist die Ausbildung von inkonsistenten Bindungsstilen und Störungen der Gehirnreifung.

Die Verminderung des Hippokampusvolumens und eine Übersensibilität der Amygdala kann dann von Beeinträchtigungen der „Aufmerksamkeit, der Impulskontrolle, des Sozialverhaltens oder der Affektregulation, wie etwa bei den Borderline-Persönlichkeitsstörungen“ begleitet sein. Von besonderem klinischen Interesse ist dabei auch die transgenerationale Weitergabe von Störungen des mütterlichen Fürsorgeverhaltens, die bei Untersuchungen an Ratten und auch in der humanen Bindungsforschung belegt ist.

Die klinische Forschung beschäftigt sich verstärkt mit der Veränderbarkeit von Bindungsstilen, die mit dysfunktionalem Verhalten im Zusammenhang stehen.

Fonagy et al. konnten nachweisen, dass sich die Bindungssicherheit bei vierzig Prozent der Patienten mit unsicherer Bindung nach einer einjährigen Psychotherapie deutlich erhöht hat. Eine ähnliche Wirkung hat die soziale Unterstützung durch einen sicher gebundenen Lebenspartner und, dies ist zu vermuten, in einer stabilen sozialarbeiterischen Betreuungsbeziehung.

Sekundäre Intersubjektivität:

Ab dem neunten Lebensmonat ermöglicht eine „Neunmonatsrevolution“ sprunghafte Entwicklungsschritte für den Säugling. Die Synaptogenese, also die Neubildung von synaptischen Verschaltungen erreicht zu diesem Zeitpunkt seinen Höhepunkt, bevor sie im zweiten Lebensjahr wieder deutlich.

In der „Neunmonatsrevolution“ zeigt der Säugling auf Situationen und Objekte, statt sie anzufassen. Die Mutter soll die unterbrochene Bewegung geistig zu Ende führen.

In umgekehrter Bewegung lenkt der Säugling seine Aufmerksamkeit auf einen visuellen Fokus, auf den die Mutter ihn hinweist (Abb.10: „Joint attention“ von Mutter und Kind).

Das Kind weiß nun, dass das Objekt Teil der eigenen Aufmerksamkeit und der der Mutter ist, und beide wissen, dass dies ihr beider Fokus ist. Die von beiden verstandene „joint attention“ stellt so den intersubjektiven – weil sich bewusst zwischen beiden abspielenden – Kontext dar, innerhalb dessen ein erster Symbolisierungsprozess stattfinden kann. Das Kind, das die Mutter als intentional handelndes Wesen erfasst, gewinnt die Fähigkeit, nicht nur durch sie, sondern auch von ihr zu lernen.

Die Zeigegesten von Mutter und Kind drücken Bedeutung aus und sind damit erste symbolische Handlungen. Mit der Modulation der Stimme und dem Erlernen von Sprachregeln löst sich die Kommunikation des Kleinkindes von ihrem primär physischen Ausdruck zum symbolischen Medium der Sprache. Genauso wie im kommunikativen Funktionskreis des Kleinkindes Zeigen immer auch ein unterbrochenes Greifen ist, bleibt Sprechen immer auch Zeigen. „In Wahrheit ist das Wort immer auch Gebärde und es trägt seinen Sinn in sich wie die Geste den ihren“.

Die „bedeutungsvolle“ sekundäre Intersubjektivität liegt jenseits der primären zwischenleiblichen Intersubjektivität der Mutter/Vater-Kind-Dyade. Die primären Affekte werden in dieser Zeit durch sekundäre Gefühle überformt und „sozialisiert“. Aus der „joint attention“ entwickelt sich die „joint action“, also das gemeinsame Handeln, das „ein Aktionsverstehen des anderen voraussetzt und hohe Effizienz bei kooperativer Zusammenarbeit bei der Bewältigung von Problemen und Aufgaben in der (gemeinsamen) Umwelt bereitstellt“.

Die neuen interaktionellen Erfahrungen sind spezifisch menschlich, denn andere Primaten können, wie im Kapitel 3.2. gezeigt wurde, keine „bedeutungshaltige“ Aufmerksamkeit und Handlung einer „sekundären Intersubjektivität“ entwickeln. Thomas Fuchs sieht hier einen entscheidenden Schritt zur der Entwicklung der „exzentrischen Position“, in der sich die menschliche Personalität ausdrückt. Monate bevor das Kind die Fähigkeit zu mentalen und sprachlichen Symbolisierungen erwirbt, hat es ein implizites Wissen von der Intention der Anderen, denn „sie ist sichtbar in den Sinngestalten ihrer Handlungen und verkörpert in den Gesten ihres Leibes im Kontext der gemeinsamen Situation“. In der vorsprachlichen Kommunikation lernt das Kind Muster und Rhythmen von affektiv-leiblichen Austauschprozessen, die mit der Entwicklung der sekundären „Intersubjektivität, in echte, nämlich zweiseitige Interaktionen übergehen und noch später, mit dem Spracherwerb zur Form der verbalen, symbolischen Interaktion finden“.

Arbeit zitieren:
Bahlmann, Sven Juni 2009: Hirnforschung und Klinische Sozialarbeit, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Hirnforschung, Sozialarbeit, Spiegelneurone, Intersubjektivität, Biographie

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