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Die Unsterblichkeit des künstlichen Menschen in der Literatur

Die Unsterblichkeit des künstlichen Menschen in der Literatur
Über dieses Buch
  • Art: Masterarbeit
  • Autor: Angela Jahn
  • Abgabedatum: Januar 2009
  • Umfang: 86 Seiten
  • Dateigröße: 1,4 MB
  • Note: 2,0
  • Institution / Hochschule: Universität Konstanz Deutschland
  • Bibliografie: ca. 56
  • ISBN (eBook): 978-3-8366-3188-4
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Jahn, Angela Januar 2009: Die Unsterblichkeit des künstlichen Menschen in der Literatur, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Maschinen, Automaten, Golem, Frankenstein, Sandmann

Masterarbeit von Angela Jahn

Einleitung:

‘Und im selben Moment, als ich es aussprach, wurde mir schlagartig klar, dass uns selbst im Sterben keine Antwort auf die Frage zuteil würde, warum wir überhaupt gelebt hatten. Selbst der ausgekochteste Atheist glaubt vermutlich, dass der Tod mit einer Antwort aufwartet. Gott wird ihn erwarten oder aber das Nichts. ‚Darauf läuft es hinaus’, sagte ich, ‚wir werden in dieser Stunde auch nicht das geringste erkennen. Wir hören einfach auf. Wir gleiten in die Nichtexistenz, ohne jemals etwas gewusst zu haben.’ Ich sah das Universum, eine Vision der Sonne, der Sterne und Planeten, der ewigen schwarzen Nacht. Und ich musste lachen. ‚Geht das in deinen Kopf hinein?! Wir werden niemals wissen, warum, zum Teufel, wir das alles durchgemacht haben, nicht einmal, wenn es vorbei ist!’ brüllte ich Nicolas zu, der zurückgelehnt auf dem Bett saß, zustimmend nickte und Wein trank. ‚Wir werden sterben und nichts wissen. Nichts – und all diese Sinnlosigkeit wird weiter- und weiterleben. Und wir werden nicht einmal dabeisein. Wir werden nicht einmal mehr versuchen können, uns einen Reim darauf zu machen. Wir werden einfach verschwunden sein, tot, tot, tot, ohne etwas begriffen zu haben!’’.

Die Tatsache, dass mit dem Leben auch der Tod verbunden ist, ist unumgänglich. Niemand kann sich seinem Schicksal entziehen, wenn es an der Zeit ist. Und obwohl sich der Mensch darüber bewusst ist, dass alles Leben auch einmal ein Ende haben wird, kann er sich nur schwer mit seinem kurzen Dasein abfinden. Dabei nimmt er das Leben als endlich, den Tod jedoch als unendlich war. Solange der Mensch lebt, träumt er den Traum vom ewigen Leben. Durch den Wunsch nach Unsterblichkeit ist er immer wieder versucht das Leben, unter der Prämisse der Jugend, Schönheit und Gesundheit mit allen nur möglichen Mitteln zu verlängern. Ziel ist es, dem Menschen zumindest zu ewiger Jugend zu verhelfen, solange der Tod noch nicht überwunden werden kann. Krankheit und Alter werden durch modernste Forschung und Medizin geheilt beziehungsweise nach hinten verschoben, so dass die natürliche Lebenserwartung stetig zunimmt. Und obwohl der Mensch im 21. Jahrhundert so alt wird wie nie zuvor, scheint diese Gegebenheit kein wirklicher Trost zu sein, denn trotz eines hohen Alters ist die Endlichkeit seines Daseins absehbar. Der Wunsch faltenfrei zu altern ist jedoch kein Phänomen der Gegenwart. Bereits 1890 beschäftigte man sich mit diesem Thema. Oscar Wilde ließ in seiner Titelfigur Dorian Gray den Wunsch, nicht älter zu werden, entstehen. Anstelle des Protagonisten steht ein Bild seiner selbst auf dem Dachboden und altert für ihn. Alle Vergehen und Sünden graben sich tief in die Züge des Abbilds ein, wohingegen Dorian Gray auch nach Jahren immer noch schön und anmutig aussieht. Doch das Äußere seines Abbildes kann nicht über seine Taten hinwegtäuschen, die sich nicht mehr rückgängig machen lasen. Dorian Gray erkennt diese Tatsache und beschließt, das Bild und alle damit verbundenen Sünden mit einem Messer zu zerstören. Als man am nächsten Morgen seine Leiche findet, ist sie kaum zu erkennen, sie war ‘[...] welk, runzlig und ekelhaft von Angesicht’. Das Porträt hingegen erstrahlt ‘[...] in all der Pracht seiner köstlichen Jugend und Schönheit’.

Der Mensch als Produkt Gottes schafft sich jedoch in diesem Fall nicht nur ein Abbild von sich selbst. Bedeutet die Schaffung eines Bildes von sich, nicht auch die Suche nach dem Anderen und somit nach sich, um sich selbst zu finden? Da der Mensch in der Entstehungsgeschichte der jüdischen und somit auch der christlichen Lehre nach dem Ebenbilde Gottes geschaffen wurde, verstößt er mit der Schaffung eines Selbstbildnisses gegen die Gesetze der westlichen Religion. So steht im ersten Buch Mose geschrieben: ‘Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde [...].’ Des Weiteren legt er in den zehn Geboten fest: ‘Du sollst dir kein Bildnis noch irgend ein Gleichnis machen [...].’ Geprägt durch den christlichen Glauben versucht der Mensch der westlichen Hemisphäre sein Leben nach dessen Geboten und Gesetzen auszurichten. Interessanterweise wurden jedoch bereits seit der Antike sämtliche künstlich hergestellten Wesen in der Gestalt des Menschen konzipiert. Auch im Mittelalter, der Renaissance, im Barock und in der Romantik versuchte man, die künstlichen Geschöpfe aus der Hand des Menschen so originalgetreu und perfekt wie möglich nachzubilden. Selbst heute, im 21. Jahrhundert, ist eine Replik dann am authentischsten, wenn sie die größte Ähnlichkeit zum Menschen aufweist. Nach Gassen/Minol sind sämtliche Religionen und Schöpfungsmythen in einem Punkt derselben Ansicht: die Erschaffung eines Menschen ist ein Privileg der Götter oder eines Gottes und muss beschützt und behütet werden. Sobald dieses Vorrecht bedroht, angezweifelt oder gar selbst ausgeübt wird, liegt ein Frevel vor, der bestraft werden muss. Indem sich der Mensch als Schöpfer eines künstlichen Wesens auf dieselbe Stufe mit Gott stellt, macht er sich demnach schuldig, in die göttliche Schöpfung eingegriffen zu haben.

Das Vorhaben, Menschen künstlich zu erzeugen, ist so alt wie der Mensch selbst und in sämtlichen Kulturen und Gruppierungen zu finden. Fast scheint es, dass es sich um den absoluten Wunsch oder Traum des Menschen handelt, seine Mitgeschöpfe zu verbessern oder gar neu zu erschaffen. Doch wieso tut er das? Wo liegen die Gründe für sein Handeln? Und woher kommt dieser Schöpferdrang? Ist er angeboren, wie etwa der Wunsch nach Nachkommen oder ist er als Folge unserer Erziehung zu betrachten? Wie eingangs erwähnt, ist dieser Drang vermutlich darin begründet, dass der größte und älteste Wunsch des Menschen die eigene Unsterblichkeit ist, die sich in zahlreichen Formen veräußert: im Weiterleben in den eigenen Kindern, der Unversehrtheit, Gesundheit, Schönheit und Jugend des eigenen Körpers, der Konstruktion von Menschenautomaten und letztlich in der Darstellung der künstlichen Wesen in der Literatur. Ob und inwieweit sich diese Behauptung bestätigen lässt, wird am Ende überprüft werden.

Auf der Suche nach den entsprechenden Antworten empfiehlt es sich, das Feld von hinten aufzurollen und einen Rückblick in die Mythologie vorzunehmen. Bereits in den Sagen und Legenden war das Erschaffen künstlicher Menschen ein Thema. Im Anschluss daran werden die Automaten der Antike, des Mittelalters bis hin ins 18. Jahrhundert Aufschluss darüber geben, ob sich der Unsterblichkeitsgedanke auch auf die Maschinen der Realität anwenden lässt. Dabei soll erklärt werden, wie und wofür sie eingesetzt wurden, wie der Mensch mit diesem neuen Mysterium umging und welche Bedeutung sie hatten. Mit einem Ausblick über das mechanistische Weltbild und seine Philosophen endet der formale Teil dieser Arbeit. In einem weiteren Schritt, der Interpretation, wird anhand von ausgesuchter Literatur untersucht, ob und wie der künstliche Mensch als literarisches Motiv und Mittel verarbeitet wurde, um die Unsterblichkeit des Menschen in der Phantasie und Phantastik der Werke aufleben zu lassen. Die vorliegende Arbeit machte es sich also zur Aufgabe, die unterschiedlichen Formen künstlichen Lebens darzustellen und unter dem Gesichtspunkt des Unsterblichkeitswunschs der Menschen zu untersuchen. Es soll darauf hingewiesen werden, dass die Idee von einem immerwährenden Leben an die menschenähnliche Gestalt der künstlichen Wesen gekoppelt ist und nur in dieser Verbindung funktionieren kann. Nur was menschlich aussieht, kann auch stellvertretend zur Weiterführung des eigenen Lebens benutzt werden. Dabei sind zwei Gedanken zu berücksichtigen: zum einen kann der künstlich hergestellte Mensch als Werk eines Konstrukteurs betrachtet werden, dessen Geist und Forscheridee in ihm weiterlebt; zum anderen kann der künstliche Mensch aber auch als Prototyp neuester Forschungsergebnisse eingesetzt werden. An ihm kann demonstriert werden, dass der Körper des Menschen künftig dahingehend verändert werden kann, so dass ein ewiges Leben möglich erscheint.

Zu den künstlichen Menschen der Literatur zählen sowohl die magisch erschaffenen Geschöpfe wie Homunculus, Alraune, Golem und Frankenstein, als auch sämtliche Wesen der griechischen Mythologie, des Volksglaubens, der unterschiedlichen Sagen, Märchen und Legenden.

Das Thema des künstlichen Menschen ist eines der ältesten Themen der Literatur. Doch nicht immer treten diese Kreaturen so deutlich in Erscheinung wie die Geschöpfe, die in dieser Arbeit behandelt werden. Häufig tauchen sie auch als Geisterwesen oder Wesen aus einer anderen Welt, oder aber in der Gestalt von Tiermenschen, Vampiren, Feen, Kobolden, Elfen usw. auf. So groß wie das Reich der Phantasie, ist auch das Vorkommen dieser Figuren. Einige von ihnen waren in ihrem ursprünglichen Leben einmal Menschen, die sich in ihre jetzige Gestalt verwandelt haben, andere wiederum wurden als das geboren, was sie sind. So unterschiedlich sie auch in ihrem Aussehen und ihrer Gestalt sein mögen, eins ist allen gleich: obwohl sie künstliche Wesen sind, verfügen sie über eine menschliche Gestalt, menschliches Verhalten und menschliche Gefühle. Ein Beispiel aus der englischen Literatur verdeutlicht, wie groß die Bandbreite an künstlichen Menschen oder künstlich geborenen Menschen tatsächlich ist. In Shakespeares ‘Macbeth’ wird erzählt, dass ‘[...] keiner, den eine Frau geboren[...]‘, das heißt, ein übernatürliches Wesen, Macbeth bezwingen werde. Die Krux daran: Macduff, sein Bezwinger, hat zwar eine leibliche Mutter, ist aber durch einen Kaiserschnitt auf die Welt gekommen, was die prophezeienden Hexen scheinbar nicht als von einer Frau geboren betrachten.

Der Fokus dieser Arbeit soll jedoch auf den künstlichen Wesen liegen, die mit Hilfe bestimmter Mittel eindeutig künstlich erschaffen wurden. Es spielt dabei keine Rolle, ob es sich um technische Konstrukte wie die Automaten der Antike, des Mittelalters oder des 18. Jahrhunderts handelt oder um künstliche Wesen als literarisches Motiv. Wichtig dabei ist der zugrunde liegende Schöpfergedanke. Der Mensch als Schöpfer dieser Wesen schwingt sich zu Gottes Sphären auf, um zu beweisen, dass die Geburt eines Menschen sich nicht allein auf die Natur beschränken muss. Unter Umgehung aller natürlichen Gesetze werden diese Geschöpfe ins Leben gerufen, doch oftmals ohne Berücksichtigung der in der Regel folgenden Konsequenzen.

Inhaltsverzeichnis:

Einleitung 1
I. Theoretischer Teil: Die Darstellung des künstlichen Menschen in Mythologie und Realität 5
I.I Der künstliche Mensch in der Mythologie 5
I.II Die Automaten der Antike, des Mittelalters und des 18. Jahrhunderts 8
I.III Das mechanistische Weltbild 15
I.III.I René Descartes 15
I.III.II Julian Offray de La Mettrie 16
I.III.III Gottfried Wilhelm Leibniz 18
II. Interpretatorischer Teil: Der künstliche Mensch in der Literatur 20
II.I Die Kategorisierung des Schöpfer-Motivs 20
II.II Der Homunculus 22
II.II.I Johann Wolfgang Goethe ‘Faust. Der Tragödie zweiter Teil’ 26
II.III Die Alraune 31
II.III.I Herkunft und Legende 31
II.III.II Die Alraune in der Literatur 34
II.III.III Achim von Arnim ‘Isabella von Ägypten’ 36
II.III.IV Hanns Heinz Ewers ‘Alraune’ 42
II.IV Der Golem 46
II.IV.I Herkunft und Legende 46
II.IV.II Achim von Arnim ‘Isabella von Ägypten’ 50
II.V E.T.A. Hoffmann ‘Der Sandmann’ 53
II.VI Mary Shelley ‘Frankenstein oder Der moderne Prometheus’ 67
Schlussbemerkung 77
Literaturübersicht 81

Textprobe:

Auszug aus Kapitel II.V, E.T.A. Hoffmann ‘Der Sandmann’:

Es scheint geradezu als würde das ‘Leben’ der Puppe durch Nathanaels Blick gespeist. Da das Auge gemeinhin als Spiegel der Seele gilt, lassen sich an ihm sämtliche Gefühlsregungen ablesen. Je intensiver er Olimpia betrachtet, desto lebendiger wird sie. Seine Leidenschaft spiegelt sich in ihren Augen. Durch seine Liebe gewinnt sie an Energie. Die zu Beginn dieses Kapitels angesprochene Verbindung der mechanisch-technischen Elemente mit dem Bereich der Magie tritt hier in Erscheinung. In der gegenseitigen Betrachtung liegt ein böser Zauber, dem Nathanael zusehends verfällt. Wittig betont, dass es sich hierbei um die gezielte Manipulation des Betrachters handelt, der mit einem sich aus der Tiefe seines Gemüts speisenden Sehstrahl, die Verbindung zur Außenwelt herstellt. Das Perspektiv übernimmt dabei die Funktion des ‘Adapter[s] zur technischen Ankoppelung an die opto-psychische Energie’ Nathanaels. Bei dem Perspektiv handelt es sich demnach um ein Gerät zur technischen Manipulation seelischer Vorgänge.

Innerhofer betont, dass die Automate in das Unbewusste eindringt. Sie wird zum Spiegel seiner Sehnsüchte. Bereits Freud hat in ‘Das Unheimliche’ auf Nathanaels Identität hingewiesen und seine Liebe zu der Automate als narzisstische Selbstbespiegelung dargestellt. Demzufolge erkläre sich aus der Identifikation mit dem Spiegelbild seine Abhängigkeit von Olimpia. Für Sauer ist das Perspektiv Auslöser der verzerrten Wahrnehmung per se, denn Nathanael wird erst durch den Blick durch das Perspektiv Sand – vor dem er sich als Kind aufgrund des Ammenmärchens fürchtete – in die Augen gestreut.

Wawrzyn ist der Ansicht, dass der Zauber, der sich von Olimpia auf Nathanael überträgt, durch technische Mittel erfolgt und zwar über einen psychologischen Effekt. Nathanael wird durch den Gebrauch des Taschenperspektivs zu einem Voyeur gemacht. So kann er Olimpia zugleich nah und doch fern sein. Er kann sie aus der Distanz betrachten ohne körperlich anwesend zu sein und ohne bemerkt zu werden. Er ist stiller Teilhaber der Szenerie ohne Verpflichtungen eingehen zu müssen. Die Zuhilfenahme des Taschenperspektivs bewirkt die Umgehung sozialer Zwänge, da Nathanael die gesellschaftlich schickliche Blickdauer übertreten darf und Olimpia nach Lust und Laune betrachten kann.

Nathanael verliert immer mehr den Blick für die tatsächlich realen Dinge im Leben. Von Olimpia, dem mechanischen Menschen, ist er fasziniert, er meint sie zu lieben und möchte sie schließlich sogar heiraten. Geblendet durch das Perspektiv erscheint sie ihm in einem anderen Licht und trübt seine Wahrnehmung. Den Zuschauern von Olimpias Flügelspiel und Gesang hingegen fällt die Szene auf dem Ball ‘unangenehm’ auf. Mit ‘beinahe schneidender Glasglockenstimme’ trägt sie eine Arie vor und ‘mit großer Fertigkeit’ spielt sie Klavier dazu. Erst als er durch das Wetterglas blickt, bemerkt er, wie sehnsuchtsvoll sie ihn anschaut. Auch hier spiegeln sich seine Erwartungen und Gefühle in Olimpia wider. Fasziniert von ihrem Auftreten bemüht er sich den ganzen Abend um sie, während einige andere junge Leute sich über die beiden lustig machen. Nathanael bemerkt jedoch nicht, was hinter seinem Rücken geschieht und sucht das Gespräch mit Olimpia. Beschränkt auf einige Seufzer ‘Ach’ kann sie mit Nathanael keine Konversation betreiben und demzufolge seine Ansichten auch nicht in Frage stellen. In Olimpia findet Nathanael eine ausdauernde Zuhörerin, die seinen Schriften und Ausführungen geduldig folgt und sich von nichts anderem ablenken lässt.

‘Aber auch noch nie hatte er eine solche herrliche Zuhörerin gehabt. Sie stickte und strickte nicht, sie sah nicht durchs Fenster, sie fütterte keinen Vogel, sie spielte mit keinem Schoßhündchen, mit keiner Lieblingskatze, sie drehte kein Papierschnitzchen, oder sonst etwas in der Hand, sie durfte kein Gähnen durch einen leise erzwungenen Husten bezwingen – Kurz! – Stundenlang sah sie mit starrem Blick unverwandt dem Geliebten ins Auge, ohne sich zu rücken und zu bewegen und immer glühender, immer lebendiger wurde dieser Blick’.

Dieses passive Verweilen wertet Nathanael äußerst positiv und glaubt, von ihr verstanden zu werden. Sie drängt ihn nicht dazu, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Nathanaels Verlobte Clara hingegen als real existierender Mensch fordert ihn. Ihr Name steht stellvertretend für ihr Wesen. Sie ist die klar sehende, die Aufgeklärte, die das Helle personifiziert und sich von allem Unheimlichen distanziert. Sie weiß Nathanaels Ausführungen und Ansichten witzig und nicht ohne Zynismus zu kontern. Drux ist der Ansicht, dass Claras eigenständiges Denken nicht schuldlos an Nathanaels Veränderung ist, da sie seine Gedanken und Phantasien in Frage stellt und eigene Ideen dazu entwickelt. Die Autorin dieser Arbeit ist hingegen der Meinung, dass Nathanael diese Eigenschaften zwar nicht besonders schätzt, jedoch nur aus dem Grund, weil sie ihm die Wahrheit vor Augen hält, wodurch sie für ihn unbequem wird. Nathanael will sich nicht mit sich selbst und seinen Kindheitsängsten auseinander setzen. Allerdings findet er in Clara gerade wegen ihrer Intelligenz und Belesenheit eine ihm ebenbürtige Partnerin, die sich die Mühe macht, seine langweiligen Monologe zu kommentieren, auch wenn sie zu ihrer Beschäftigung das Strickzeug zur Hand nehmen muss. Allerdings ist Nathanaels Veränderung ihr gegenüber nicht an einem Fehlverhalten Claras festzumachen, sondern seine Abwendung von ihr liegt ganz allein auf seiner Seite. Er ist auf der Suche danach, verstanden zu werden und das glaubt er bei Olimpia zu finden.

Auch Grob hat sich, was Claras Verstand anbelangt, ein negatives Urteil darüber gebildet. Er verurteilt die Aussage des Erzählers, Clara habe ‘einen gar hellen scharf sichtenden Verstand’, denn seiner Meinung nach könne dieser Satz nicht über die geistige Trägheit dieser Frau hinwegtäuschen. Vielmehr verhielte es sich nämlich so, dass ‘dieser Verstand sich nicht etwa im Kantschen Sinne als Kraft des unabhängigen, selbständigen Denkens manifestiert, sondern vielmehr ein bloßes Sammelbecken gesellschaftlich bedingter Verhaltensweisen ist’. Grob begründet diese Behauptung in der Annahme, dass Clara ihren Verstand nur soweit einsetze, wie es nötig sei, um alle das häusliche Glück störenden Umstände aus dem Weg zu räumen.

Nachdem Nathanael glaubt, in dem Wetterglashändler Coppola den einstigen Kollegen seines Vaters, Coppelius, erkannt zu haben, beschäftigt ihn dieser Verdacht zusehends. Nathanael macht Coppelius für den Unfalltod des Vaters und das Unglück der Familie verantwortlich. Darüber hinaus zieht er eine Verbindung zwischen Coppelius und dem Motiv des abendlich auftretenden Sandmanns seiner Kindheit. Nathanael hält diese Gedanken und Gefühle in einer Dichtung fest und liest sie Clara vor.

‘Clara, etwas Langweiliges wie gewöhnlich vermutend und sich darein ergebend, fing an, ruhig zu stricken. Aber so wie immer schwärzer und schwärzer das düstre Gewölk aufstieg, ließ sie den Strickstrumpf sinken und blickte starr dem Nathanael ins Auge. Den riß seine Dichtung unaufhaltsam fort, hochrot färbte seine Wangen die innere Glut, Tränen quollen ihm aus den Augen – Endlich hatte er geschlossen, er stöhnte in tiefer Ermattung – er fasste Claras Hand und seufzte wie aufgelöst in trostlosem Jammer: ‚Ach! – Clara – Clara’ – Clara drückte ihn sanft an ihren Busen und sagte leise, aber sehr langsam und ernst: ‚Nathanael – mein herzlieber Nathanael! – wirf das tolle – unsinnige – wahnsinnige Märchen ins Feuer.’ Da sprang Nathanael entrüstet auf und rief, Clara von sich stoßend: ‚Du lebloses, verdammtes Automat!’ Er rannte fort, bittre Tränen vergoss die tief verletzte Clara [..]’.

Lothar, Claras Bruder, ist über das Verhalten seines Freundes derart erbost, dass die beiden Männer beschließen, sich am ‘folgenden Morgen hinter dem Garten nach dortiger akademischer Sitte mit scharf geschliffenen Stoßrapieren zu schlagen.’ Clara kann das Schlimmste abwenden, worauf sie sich verzeihen und Liebe und Treue schwören.

Arbeit zitieren:
Jahn, Angela Januar 2009: Die Unsterblichkeit des künstlichen Menschen in der Literatur, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Maschinen, Automaten, Golem, Frankenstein, Sandmann

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